Abgeschoben

Es ist immer wieder erstaunlich, welchen Interessengruppen und welchen Firmen es ein ums andere Mal gelingt, sich für Ihre Auftritte an den Hauptknotenpunkten unserer Stadt zu platzieren. Im Ostertor am Ziegenmarkt sorgte vorletzte Woche am sog. internationalen Frauentag eine feministische Gruppe lautstark für Aufmerksamkeit: "Zerschlagt das Patriarchat", stand auf den Transparenten. Auch auf dem Bremer Marktplatz vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine Initiative oder Produktbranche auf sich aufmerksam zu machen versucht und Prospekte oder Werbegeschenke austeilt. Sie alle möchten den zentralen Platz belegen. Und auch jetzt im Vorfeld des Wahlkampfes für die Bundestagswahl bemüht sich die Politprominenz, an den zentralen Orten präsent zu sein, wie dieser Tage in Hannover die Kanzlerkandidaten während der CebitMesse. Das sind beliebte Orte, um ihre Versprechen von der sich gewiss verbessernden Wirtschaftslage anzubringen, für die sie im Fall des Wahlsieges sorgen würden.

Das herausragende Ereignis der Passionszeit, ihr Höhepunkt sozusagen, musste an einem ganz anderen Ort stattfinden. In einem Brief des Neuen Testaments, der sich ausgiebig befasst mit der Bedeutung des Opfers Jesu, geht es um diese Lokalität. Nicht auf dem Marktplatz, sondern gewissermaßen auf dem Hinterhof vollbringt Jesus Christus seine größte Tat. Golgatha heißt dieser Ort, Schädelstätte. Warum eigentlich wurde das Gericht über den Gottessohn nicht mitten in der Stadt vollzogen, wie wir das von anderen Größen kennen, etwa Ludwig XVI oder Robespierre. Offenbar wollte man Jesus diese Ehre in Anführungszeichen nicht antun, ihm keineswegs die Chance geben, einen allerletzten Einfluss auf die Herzen der Menschen auszuüben. Golgatha dagegen war eine Müllkippe außerhalb der Stadtmauern. Ein Ort, an den man sich normalerweise nicht begab. Ein Ort, wo man das hin brachte, was man loswerden wollte, wofür man keine Verwendung mehr hat. Dort stirbt Jesus. Damit zeigt er seine tiefste Solidarität, nicht etwa in Worten, sondern in seinen selbst erlittenen Schmerzen mit allen, die einsam sind, sich abgeschoben erleben, für die sich niemand zu interessieren scheint. Jesus weiß, was es bedeutet, ausgegrenzt sein, geschnitten werden, sich am Rand vorfinden, sich unverstanden fühlen. Jesus weiß, was es heißt, wenn man früher an Orten war, die von Bedeutung sind, wenn man einmal eine Tätigkeit hatte, die von Bedeutung war, einen Namen hatte, auf den die anderen gehört haben. Und dann wird man genötigt an einen anderen Ort. Abgeschoben. Wie viele haben das nie verwunden, die aus ihrem Arbeitsplatz gedrängt wurden, jüngeren Platz machen mussten. Andere mussten ihre Wohnung aufgeben, umziehen dahin, wo sie nur einer unter vielen sind. Wo ihr Name, ihre frühere Stellung, ihre persönlichen Fähigkeiten ohne Belang scheinen. Es kann so schnell gehen, dass man sich ausgegrenzt erlebt. Da ist jemand in die Vorstadt gezogen, um endlich in den eigenen vier Wänden zu leben, mit mehr Grün und weniger Lärm. Aber er wird als Zugereister nicht hinein genommen in das Miteinander der Ansässigen. Oder in der Schulklasse, ja in der Konfirmandengruppe wird einer, der nicht in die Clique gehört, ausgegrenzt. Alle, die je abgeschoben wurden, zurück gewiesen, dürfen gewiss sein: Gott ist gerade da, in unserer Einsamkeit.

Im Lebensweg Jesu kam das öfter vor, abgeschoben werden. Da ist die Geburt in Bethlehem. Im Ort selbst gibt es keinen Platz. In einem Stall, oder war es eine Höhle, fand sich ein schäbiges Quartier. Bald darauf muss die junge Familie wegen der Verfolgung durch Herodes die Flucht nach Ägypten antreten. Draußen vor den Toren des Heiligen Landes muss das Jesukind eine Zeitlang als Asylant zubringen. Die Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlege, wird er später den Jüngern sagen, als sie vorbereiten will auf den Verzicht vieler Bequemlichkeiten, womit sie auf dem Weg der Nachfolge rechnen müssen.

Dieses Schicksal Jesu ist von Bedeutung für uns. Wer mit Jesus verbunden ist, wer den Christennamen trägt, der muss bereit sein, auf Geltung und auf Bequemlichkeit zu verzichten. Denn Jesus hat bewusst darauf verzichtet. Ganz markant verdichtet sich das für mich in einer Szene, wo die Familie Jesu Notiz bekommt, wie der jüngste Sohn langsam berühmt wird. Und seine Brüder sagen zu ihm, nicht ohne einen spöttischen Unterton: "Mach dich auf von hier und geh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Werke sehen, die du tust. Niermand tut etwas im Verborgenen und will doch öffentlich etwas gelten. Willst du das, so offenbarte dich vor der Welt. Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn."

Das ist so das normale Denken: Wer groß rauskommen will, der musst sich inszenieren, vermarkten, der muss die Stunde nutzen. Und wie oft ist Kirche dieser Versuchung erlegen!

Jede alte Stadtsilhouette, also ohne die modernen Bank und Wohntürme, belegt das: In der Regel steht da die Kirche am Markt, und sie ist das höchste und mächtigste und aufwendigst gestaltete Gebäude. Nichts gegen schöne Architektur. Nichts gegen großzügige Investition in einen Kirchbau. Viele der jetzt auszubesserndern Schäden bei der Renovierung nebenan gründen auf die falsche Sparsamkeit der Erbauer. Es ist schon gut, in Gottes Werk investieren und dabei nicht kleinlich sein. Aber man muss auch ehrlich sein und zugeben, es geschieht nicht alles aus selbstloser Bescheidenheit. Wir wollen ja auch etwas gelten. Und deshalb wurden die Kirchen vorzugsweise in die Ortsmitte gesetzt, groß und imposant gebaut, damit sie von weitem Eindruck machten. Die praktische Frage, ob die Gemeinde vor Ort diesen Platz auch benötigte, wurde nicht gestellt, es ging ums Renommee. Der Hebräerbrief wurde geschrieben in einer Zeit, in der einer sein Renomee aufs Spiel setzte, der mit den Christen in Verbindung gebracht wurde. In jener Zeit gab es für jemanden, der im Beruf oder im öffentlichen. Leben eine anerkannte Position hatte, wenn er nun Christ wurde oder dabei war, sich das zu überlegen, nur diese Alternative: Entweder ich will weiterhin etwas gelten. Oder ich bekenne mich öffentlich zum Glauben an Jesus und verliere meine bisherige Anerkennung. Denn mit vielen Staatsämtern war die Zugehörigkeit zur Kirche nicht vereinbar. Im Osten Deutschlands war das zur DDR Zeit Jahrzehnte lang so. Und auch hier bläst der Wind wieder heftiger. Man darf sich davon nicht täuschen lassen, wenn nach aufsehenerweckenden Unglücken wie seinerzeit die Gasexplosion in der Neustadt oder der 11. September die Staatsakte und ökumenischen Gottesdienste folgen mit großem Presseecho. Dann kann man der Täuschung erliegen, Kirche sei wohl gelitten. Aber das sind Einzelfälle, die rühren daher, dass es eben keinen staatlichen Kultus gibt. Da ist im Notfall die Kirche noch recht, weil ihre Zeremonien etwas ausdrücken, Symbole darreichen, für die der Staat nichts vergleichbares aufbieten kann. Das sind aber die Ausnahmen. In der Regel soll die Kirche schön außen vor bleiben. Das wurde vor einigen Tagen wieder deutlich, als beim AllianzGebetsabend in der Neustadt der Pastor einer dortigen Gemeinde berichtete, wie man sich in der Stadtteilarbeit um mehr innere Sicherheit bemüht hat für die Kinder, für die Senioren, wenn sie allein unterwegs sind. Die Gemeinde hat ein Landheim außerhalb Bremens, dortin ist ein Gemeindeglied gezogen, der ist Polizeibeamter. Der hat dann Begegnungstage angeregt, wo die Jugendlichen und Vertreter der relevanten Institutionen des Stadtteils in das Landheim fahren und ein buntes Programm haben mit Information und gemeinsamer Aktion. Dieses Miteinander von Schule, Kirche und Polizei mit dem Ziel von Integration und Praevention lief so vielversprechend, dass auch andere Stadtteile mehr darüber wissen wollten. Es gab eine große Veranstaltung in einer Bremer Schulaula mit Behördenvertretern und Vertretern der Stadtteile. Da meldete sich ein maßgeblicher Referent einer Senatsstelle zu Wort und stellte klar: Ich möchte das Wort Kirche in diesen Zusammenhängen nicht hören. Er musste das dann später zurück nehmen, weil die Betroffenen vor Ort kein Verständnis hatten für solche Ausgrenzung.

Das Ganze zeigt, wie das Klima ist. Und man muss sich nicht wundern, wenn Kirche bzw. die Inhalte, für die das Christentum steht, immer mehr an den Rand gedrängt werden. Abgeschoben werden. Ob das im Radio ist, wo kirchliche Sendungen auf die Kulturkanäle abgeschoben werden oder auf immer frühere und immer kürzere Sendezeiten. Die Morgenandacht heißt inzwischen kurz und gut. Und auch im Fernsehen ist der Tag absehbar, wo das Wort zum Sonntag entfällt oder aufs dritte Programm verlegt wird. Oder die Kirche kommt nur noch 1 mal im Monat dran, an den anderen Samstagen läuft ein Beitrag von islamischer Seite und die Wochen drauf von Greenpeace oder Unicef.

Auf der einen Seite ist es richtig, um einmal besetzte Positionen zu kämpfen. Aber es darf nicht erkauft werden um den Preis von Geradlinigkeit. Wenn am Ende der Osterbeitrag nur Aussicht auf Übertragung hat, wenn für einen fröhlichen Osterspaziergang mit der ganzen Familie geworben wird. Und gleichzeitig die klare Botschaft vom Sieg Jesu, der aus Hölle und Verdammnis rettet, schamhaft verschwiegen wird. Denn diese Botschaft, dass muss man einfach zugeben, ist kein Quotenbringer. Sie steht quer. Darauf deuten schon diese antiquiert anmutenden Worte, mit denen der Hebräerbrief den Ausgang des Weges Jesu bescheibt: "Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor." Also nicht auf dem Markt, nicht auf dem besten Sendeplatz spielt sich das ab, woran unser aller Heil hängt. Wer sich auf das einlässt ,was da geschehen ist, und wer das entschlossen tut, der riskiert vielleicht, dass er hier in der Welt an Bedeutung verliert. Ich sehe es aber so, dass wir auf diesem Weg an das heran kommen, was wahrhaft von Bedeutung ist und die Zeiten überdauert. Und es fragt sich, was uns wichtiger ist. Wonach wir in Wahrheit trachten. Der Schreiber des Hebräaerbriefes kann von sich sagen, ach könnte ich es doch auch, könntest du es auch sagen: "Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir!" Hier wird nebeneinander gestellt, genauer, gegeneinander gestellt das haben und das suchen. Die Welt sagt: Hast du was, dann bist du was! Ein Christ muss sich von diesem Denken verabschieden. Das ist schon schwer. Denn wir haben uns hier ja eingerichtet. Das, was uns gehört. Die Beziehungen, in denen wir uns bewegen, die Freunde, die in der Nähe sind. Es gibt vieles, auf das wir nicht verzichten möchten. Das vermittelt auch eine gewisse Sicherheit. Und es ist immer schmerzlich, so gewachsene Dinge hinter sich zu lassen. Darum tut es etwa denen unter uns leid, die unsern heutigen letzmaligen Lektor Peter Dannenmann kennen und heute verabschieden. Peter verlässt in diesem Monat Bremen in Richtung Süden aus beruflichen Gründen. Wir lassen dich ungern ziehen und du selbst gehst wohl auch mit ein bischen Wehmut. Aber wenn wir das vorliegende Bibelwort ernst nehmen, haben wir eigentlich keinen Anlass zum Jammern. Denn in Bewegung bleiben ist eine Grundform des Glaubens. Die Tätigkeiten, zu denen hier aufgefordert wird, sind Bewegungsabläufe: Lasst uns hinausgehen, lasst uns suchen. Auf ein Bleiben und sich Festsetzen haben wir, so wird gesagt, keinen Anspruch und danach sollten wir nicht trachten.

Nun gibt es in der Kirche manche liberalen Geister die deuten dieses Wort so: Alle Traditionen sind verdächtig, alle vorgegebenen Antworten sind verdächtig, wir sollen immer offen sein für neue Dinge und müssen immer wieder neu fragen, was richtig ist. Gerade im evangelischen Raum gibt es dieses fragwürdige Ideal, oder genauer diese Ideologie des Suchens, des immerwährenden Fragens. Selbst die letzte Woche begonnene gesamtdeutsche Werbeaktion der Kirche bewegt sich in diesen Gleisen. Versteht mich recht: Ich finde das ist eine sehr gute Aktion, zentrale Aspekte des Glaubens zum Thema machen. Das ist ganz wichtig, dass Kirche in die Öffentlichkeit geht, ihre Themen auf die Tagesordnung bringt. Leute auffordert, sich dazu Gedanken zu machen. Das ist eine sehr gute Sache und das gehört natürlich auch in unseren Schaukasten. Und doch: Diese an sich gute Aktion ist infiltriert von einer falschen Auffassung des Suchens. Im Hebräerbrief geht es darum, nach der Ewigkeit zu suchen, nach der Heimat, die Gott für uns hat, nach dem, was wir nur in Christus finden. Bei dieser Plakataktion wird das Suchen ganz anders verstanden. Wir sehen das an der Innenseite des Gottesdienstblattes, da ist die erste Staffel der Plakataktion in Kleinformat mit dem Osterthema. Überschrift: Woran denken Sie bei Ostern. Dann kommen ganz zeitgemäß dem Quiztrend entsprechend 4 mögliche Antworten. Ich würde sagen, eine davon ist richtig. Aber der Schlusssatz lautet verräterisch: Lassen Sie uns gemeinsam eine Antwort suchen. Also da schimmert ein Denken durch, wonach es nicht die richtigen Anworten schon gibt, auf die man stoßen muss. Die man dann auch anderen mitteilt aus Freude, dass man sie gefunden hat. Sondern da steht im Hintergrund ein Denken, wonach sich die Wahrheit erst erschließt aus der Diskussion unterschiedlich Denkender. Wir müssen gemeinsam die Antwort suchen und uns dann einigen auf etwas, wozu wir alle stehen können.

Wie weit entfernt von einer solchen Vorstellung ist doch die Aufforderung des Hebräerbriefs: So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen! Ich wünschte uns, dass wir in die Bewegung kommen, in die Gott uns bringen will. Dass wir uns nicht zurückhalten lassen von der Sorge, an Bedeutung zu verlieren, wenn wir uns auf Jesus einlassen, uns klar zu ihm erklären. Und das Schöne ist: Er hat versprochen, wenn wir so die zukünftige Stadt suchen, bleibt es nicht bei dem Suchen. Wir werden finden. Und wir dürfen uns freuen, dass wir nicht verlieren können, was wir in ihm gefunden haben.

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