2. Versuch

Liebe Gemeinde,

die Predigt, die Sie jetzt hören, ist in meinem Computer abgespeichert. Die Datei trägt den Titel: "Gottesdienst, 13. Sonntag nach Trinitatis 01, 2. Versuch". Den 1. Versuch über das Almosengeben hatte ich am Freitag geschrieben. 2/3 waren fertig, bis ich einfach nicht mehr weiterkam. Ich hatte über die großen und kleinen Firmen geschrieben. Über riesige, fernsehgerechte Schecks. Über Mäntel der Barmherzigkeit, die über Waffengeschäfte und Ausbeutung, Kinderarbeit und Umweltverschmutzung gebreitet werden. Über Heuchelei und Imagepflege, social sponsoring und Almosen, Spendenaffären und die demütigende Art, in der wir manchmal andere beschenken. Diese angenagte Predigt verstaubt jetzt bis auf weiteres auf meiner Festplatte. Denn ich kam einfach nicht mehr weiter. Denn unser Text führte mich in einen Widerspruch. Natürlich kann man mit diesem Text wunderbar auf die Großen dieser Welt einschlagen, die – auch noch steuerlich absetzbar – mit einem Bruchteil ihres Vermögens ihre Wirtschaftswesten wieder reinwaschen wollen. Es scheint mir unbestreitbar, dass Firmen, die sich mit der sogenannten 3. Welt eine goldene Nase verdienen, kaum eine blütenreine Weste haben können, selbst wenn sie 5000.- für Greenpeace spenden.

Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Es scheint so wundervoll klar und zugleich erschreckend einfach, die Heuchler unserer Tage zu bestimmen. Man schaue nur auf die Laufschrift der Benefizgalas, wenn im Fernsehen die edlen Spender inklusive Geldsumme eingeblendet werden. Man schaue auf die geschmackvollen Messingschildchen, die protzigen Bandenwerbungen, auf die dezenten Hinweise auf den Plakaten, den Parkbänken und Fahrstuhlkabinen: unterstützt, gestiftet, gesponsert von ihrem freundlichen Wirtschaftskoloss. Nun ist es aber ebenso unbestreitbar, dass unser gesamtes soziales System zusammenbräche, wenn die böse, böse Wirtschaft auf ihre Imagepflege verzichtete und nichts mehr stiftet, unterstützt und sponsert. Auch in Jerusalem vor 2000 Jahren wäre die Gesellschaft zusammengebrochen, hätten die Reichen das Gebot der Mildtätigkeit nicht befolgt. Jeder Jude, reicher Sklavenhalter oder armer Bettler, hatte ein Zehntel seines Jahresnettoverdienstes an Bedürftige abzugeben. Nun kann man natürlich so oder so spenden. Im Verborgenen oder vor Publikum. Wir Christen und Christinnen sollen im Verborgenen, im Stillen Kämmerlein unsere guten Werke verrichten, nicht dass jemand auf die Idee käme, wir machten’s der Publicity wegen. Ein schönes Bild: ein geheimes Netzwerk der Nächstenliebe durchzieht unsere Stadt, nicht anbiedernd, nicht marktschreierisch, sondern still und unerkannt bis jemand da ist, der uns braucht. Eine Kirche ohne Amt für Öffentlichkeit, ohne Pressesprecher, sondern ein in Liebe verbundener Leib, in dem die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Lassen wir es bei dieser Botschaft bewenden und die Predigt ist zu Ende.

Widersprüchlich wird es erst, wenn wir weiterdenken, bzw. auch wenn wir weiterlesen: Denn in derselben Bergpredigt, die in unserem Abschnitt noch für das geheimes Spendenwesen wirbt, sagt Jesus noch einen anderen Satz: Man zündet nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. Auf der einen Seite sollen wir unsere guten Werke nicht ausposaunen, auf der anderen Seite sollen wir sie nicht unter den Scheffel stellen. Wie bringen wir das zusammen? Dass unser Tun niemals zur eigenen Ehre, sondern zur Ehre Gottes gereichen soll, ist zunächst einmal verständlich. Doch was heißt das? Wo ist konkret der Unterschied? Wann sind wir laute Heuchler, wann strahlendes Licht der Welt?

Den Unterschied können wir kaum mit gesundem Menschenverstand erklären, genauso wenig wie das Bild, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Das passt einfach nicht zusammen. Es ist nicht nur eine Frage von öffentlichen oder geheimen Spenden. Auch geheime Spenden können mit soviel Selbstgerechtigkeit geleistet werden, dass Gott kaum Wohlgefallen an ihnen hat. Die Widersprüchlichkeit durchzieht unser ganzes Leben, unser ganzes Tun. Wann tun wir etwas aus Eigennutz, wann zur Ehre Gottes? Können Sie das für sich immer ganz genau unterscheiden? Wo handeln wir aus der Liebe Gottes heraus und wo sind wir bestrebt unsere eigenen kleinen Messingschilder und Bandenwerbungen anzubringen, die uns und der Welt beweisen, was für großartige Menschen wir doch sind? Es geht nicht allein um Almosen. Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Und da ist plötzlich das böse L-Wort, bei dem sich aufrechte Lutheraner und Lutheranerinnen krümmen, das sie in Widerspruch mit ihrer eigenen Bibel führt: L wie Lohn. Lohn wie Leistung, wie Werkegerechtigkeit, wie Ablasshandel. Die ganze Maschinerie läuft ab, mindestens 95 Thesen werden heruntergespult, dass man sich seine Gerechtigkeit nicht verdienen könne, dass kein Wort, keine Tat, kein Gedanke uns zu etwas anderem macht als das, was wir sind: gerechtfertigte Sünder, allein aus Gnade, allein aus Glaube. Vergelt’s Gott, das mögen die katholischen Brüder und Schwestern in Bayern sagen, wir bringen das nur schwer über die Lippen. Doch nun stützen wir unseren Glauben in unserer Kirche allein auf die Schrift. Und in dieser Schrift steht nun der scheinbar unlutherische Satz: Dein Vater wird’s dir vergelten. Wir werden also doch belohnt für unsere Taten.

Wir werden belohnt, doch nicht nach altväterlicher Manier mit einem Markstück für "ein sehr" gut im Lebenszeugnis. Denn Gott belohnt anders. Er lässt uns in unseren Handlungen und in unserem Leben einen Sinn finden. Und diesen Sinn finden wir nur in unseren Taten selbst, nicht im Seitenblick auf ein applaudierendes Publikum. Wer seinem Nächsten ein gutes Werk tut, wer ihm Zeit, Aufmerksamkeit oder Geld schenkt, der findet den Sinn in seinem Leben. Wenn wir bedenken, wie oft wir auch Kosten anderer Leben, macht es Sinn, zumindest einen Bruchteil wider zurück zu erstatten. Wenn wir bedenken, wie oft wir ums uns selbst kreisen, macht es Sinn aus dem engen Kreis des eigenen Ichs auszubrechen. Wenn wir bedenken, dass wir Gottes Liebe erst im Angesicht unserer Nächsten sehen können, macht es Sinn den Blick für unseren Nächsten offen zu halten.Wer allein auf Außenwirkung schielt, und eine glänzende Fassade aufbaut, der lebt an sich vorbei und verstrickt sich immer tiefer in eine Lebenslüge, die jeglichen Sinn erstickt. Sinn finden wir erst, wenn wir auf uns schauen und merken, dass wir mit unserem mühsam aufgebautes Image nicht immer Schritt halten können. Wir selbst sind manchmal bedürftig, manchmal erbarmungswürdig, manchmal schuldig. Wer anderen etwas anderes vormachen will, betrügt sich nur selbst und hat seinen Lohn schon empfangen. Sinn wird er so nicht finden. Auch wenn wir es nicht immer spüren: Gott will mit unseren Taten den Sinn der Welt aufdecken. Wir müssen uns nicht schämen, dabei erwischt zu werden. So heimelig auch der Gedanke an einer stillen Teilhabe am Reich Gottes ist, wir müssen uns des Evangeliums nicht schämen. Auch in unserer Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit will Gott durch unsere Taten den Sinn der Welt aufdecken. Stellen wir also unser kleines Licht nicht auch noch unter einen Scheffel, sondern stecken wir andere damit an. Wir laufen dabei Gefahr, als gute Menschen zu gelten. Wen kümmert’s? Wir werden wahrscheinlich nie klarkriegen, was wir aus reinem Eigennutz und was wir allein zur Ehre Gottes tun. Vielleicht ist es auch gar nicht so eindeutig zu trennen. Vielleicht ehrt es auch Gott, wenn wir aufrichtig zu unserem Werken stehen. Er wird’s unseren Mitmenschen schon nicht übel nehmen, wenn sie sagen: "Das war anständig von dir." Im Gegenteil – es ist Gott eine Ehre. Habt acht auf eure Frömmigkeit! warnt Jesus. Unsere Frömmigkeit und unsere Gerechtigkeit ist in unserem Leben ein zerbrechliches Gut. Es ist eine lebenslange Gratwanderung zwischen der Selbstsucht und der Gottesehre, zwischen der Nächstenliebe und der Gier nach Selbstbestätigung, zwischen dem Sinn und dem Unsinn. Und jede und jeder von uns fällt auf diesem Weg. Gott richtet uns wieder auf. So sollten wir klug genug sein, uns nicht über andere zu erheben, die alles angeblich nur der Publicity wegen machen. Gute Werke haben einen Wert an sich. Den Lohn für sie empfangen wir jedoch nur, wenn wir sie als strahlende Sinnes-Zeichen unseres Gottes sehen, nicht Lichtkegel für unsere eigene Person. Die eigenen Motive für unsere Handlungen zu klären, ist uns nicht immer möglich, seien wir nur aufrichtig bemüht, dass das, was wir tun, in unserer Welt Sinn macht. Überlassen wir alles andere unserem Gott, der auch ins Verborgene sieht.

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