Zur Unsterblichkeit berufen

"Wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr", an keinem Tag im Kirchenjahr sind wir uns dessen so bewusst wie am Karfreitag. An diesem Tag finde ich das Predigen schwer, am liebsten würde ich schweigen und mit Ihnen nur beten. Es fällt mir auch, offengestanden, nicht leicht, Abendmahl zu feiern angesichts dessen, der aus der Mitte seiner Jünger, mit denen er noch gestern zusammen das Brot gebrochen hat, gerissen ist und der da schreit: "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Der Kelch ist nicht an ihm
vorübergegangen. "Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben",
der Anfang der Epistel, die heute den Predigttext bilden, vermittelt das Gefühl,
als wären wir heute alle tot. Er klingt so schrecklich wie eine Kreuzigungsschilderung.

Mir fällt der Karfreitag schwer. Kindheitserinnerungen kommen hoch. Meine Großtante pflegte an diesem Tag schwarz zu tragen. Ich durfte zu Hause möglichst nicht lachen, unser strenger alter Pfarrer predigte Dinge, die ich kaum verstand, wir sangen Kirchenlieder, die ich nicht begriff, die mir aber das Gefühl vermittelten, ich sei gerade selbst dabei, Jesus ans Kreuz zu nageln.

Das, was in unserem Predigttext steht, das ist lange Zeit nie bei mir "angekommen" – und ich fürchte fast, vielen typischen Karfreitagschristen geht es ähnlich.

Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Das klingt ja nun gar nicht so, dass man verzweifeln müsste, sondern es sind Worte der Hoffnung.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht: In keiner Zeit des Kirchenjahres ist mir Jesus Christus so nah und gleichzeitig doch so fern wie in diesen Tagen zwischen dem letzten Abendmahl und der Auferstehung.

Kürzlich haben wir in der Schule, wo ich gerade ein halbjährliches Praktikum im Fach Religion absolviert habe, in unterschiedlichen Klassen und Fächern über das Symbol Kreuz gesprochen. Unter Schülern ist es wieder modern geworden, Anhänger mit Kreuz zu tragen. "Die verbinden Kreuz bestimmt mit Tod", meinte meine Dozentin vorher. "Die kennen das doch in unserem Umfeld hierzulande nur aus
Todesanzeigen oder vom Friedhof“. Ich wurde überrascht. "Kreuz, das ist ein
Zeichen der Erinnerung", meinten die einen. Die anderen fühlten sich beschützt, wenn sie ein Kreuz tragen. Die Schüler einer neunten Klasse in Eisleben haben mich total verblüfft: Sie haben das Kreuz als Symbol für die Erlösung durch Christus identifiziert. Für 15-Jährige, so finde ich, eine reife Leistung.

Sie sollte die Ausnahme bleiben: in einer anderen Klasse, Oberstufe, wurde im Religionsunterricht über Karfreitag gesprochen: „Da ist bei uns immer Osterfeuer“, erzählten die einen, die anderen wussten gar nichts mit dem Begriff „Karwoche“ anzufangen. In einer säkularisierten Umwelt konnten sie die Passion Jesu, deren Verlauf ihnen wohl noch bekannt war, nicht mehr in den ihnen unvertrauten Verlauf des Kirchenjahres einordnen.

Die Passion Christi war dennoch dieser Tage in aller Munde. Fertiggebracht hat das ein Film, den ich mir noch nicht zugemutet habe, der aber nach Ostern auf mich zukommt: Ich werde mir das Spektakel von Mel Gibson anschauen müssen, um Schülerfragen beantworten zu können. Ich habe mir viel von dem Film erzählen lassen und einiges darüber gelesen. Wenn dieser Film überhaupt einen positiven Aspekt hat, dann diesen: Es fragen plötzlich Leute nach Jesu Kreuzigung und ihrem Sinn, an denen das vorher total vorbeigegangen ist. Und dann kann es passieren, dass wir Christen selbst in Argumentationsnot geraten. „Was ist das für ein Gott, der seinen eigenen Sohn diesen Weg gehen lässt?“, das höre ich manchmal von Leuten, die meinen, eigentlich würden sie ja ganz gerne glauben, aber dieses und jenes störe sie denn doch.

Wenn es nach Gott gegangen wäre in dieser Welt, dann hätte es niemals einen Karfreitag gebraucht, ist darauf nur zu antworten. Er hat den Menschen seine Liebe immer wieder angeboten, und immer wieder haben sie es nicht geschafft, darauf zu antworten. Wir haben einen gebraucht, der alles erlebt, was Menschen
einander antun können: Demütigung, Gewalt, Spott, Verleugnung, Folter,
Ungerechtigkeit, die Masse, die eine brutale Eigendynamik entwickelt („Kreuzige ihn!“), Todesstrafe, Hinrichtung, Alleingelassenwerden. Und wir haben diesen Einen gebraucht, der sich in der Spannung zwischen Himmel und Erde bewegt, der sich nicht in einer Opferrolle verliert, sondern bei aller Erniedrigung noch er selbst bleibt, eins mit seinem Gott und dadurch mit allen Menschen.

Selbstbewusst aufgerichtet zwischen Himmel und Erde hat er gewaltfrei Widerstand geleistet. Er hat uns den Himmel geöffnet, der eigentlich in jedem Menschen vorhanden ist, der nur allzu oft zugeschüttet ist durch Hass und Gewalt. Sich nicht ducken und auch nicht zurückschlagen, das ist der Versöhnungsweg, den Jesus
uns zeigt. Das meint auch Paulus, wenn er schreibt: 18 Aber das alles von Gott,
der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt.

Mit uns selbst versöhnen, wie geht denn das? Ich kenne viele Christen, die sich selbst ihre Schwächen nicht vergeben können, die sehr unbarmherzig mit sich selbst umgehen, an sich überzogene Ansprüche stellen, denen sie nie gerecht werden können. Wer unbarmherzig mit sich selbst ist, büßt Herzenwärme ein, auch gegenüber anderen. Wer sich selbst für einen verlorenen Sünder hält, auf seine eigenen Bedürfnisse gar nicht erst hört, der mißachtet eigentlich den gekreuzigten Christus. Er tut so, als sei das Liebesopfer Jesu für ihn nicht
genug, als müsse er noch eins draufsetzen mit Selbstkasteiung und Verzicht auf Freude. Und wie kann er dann überzeugend Gottes Liebe predigen? Wahrscheinlich war es so etwas, was ich als Kind gespürt habe an diesen grauschwarzen Karfreitagen, die mich bedrückt haben.

Solange wir unsere Träume töten, unsere Gefühle unterdrücken, bleibt der Karfreitag unser aller Schicksal. Es ist nicht leicht, gegen den Strom zu schwimmen. Aber der Apostel schreibt: So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Und das bedeutet: Auch von uns ist ein klares Nein gefordert zum kalten Sadismus der Berechnung, zu pragmatischem Zynismus, diesen
großen Versuchern und Versuchungen unserer Zeit.

Gegen all das steht Jesus Christus, Gottes personifizierte Liebe, "auf dass wir Frieden hätten", Frieden mit uns selbst, Frieden untereinander und Frieden mit Gott.

Sich vor dem Kreuz zu verbeugen, hieße, sich verbeugen vor Unrecht und Grausamkeit, denn nichts anderes war diese römische Art, Nichtrömer hinzurichten.

So viel zur Torheit des Kreuzes. Wir können und wollen uns verbeugen nicht vor dem Kreuz, sondern vor dem Gekreuzigten auf Golgatha, denn er hat unter uns
aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Christus hat sich durch sein Schreien, sein „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ für immer mit allen Leidenden, Verzweifelten und Sinnsuchenden verbunden. In jedem Schrei nach Frieden, Liebe und Freiheit schreit er bis heute mit. Kein Mensch muss das Dunkel der Nacht und der Verzweiflung alleine durchstehen. Indem wir die Verletzlichkeit und die
Brüchigkeit unseres eigenen Lebens annehmen, eröffnet sich für uns eine neue Weltsicht. Die frohe Botschaft heißt, dass nach jedem Karfreitag ein Ostern kommt. Jesu Passion zeigt uns: Leiden kann man nicht nur ertragen, sondern auch überwinden. Nichts, was wir wirklich lieben, wird zerstörbar sein. Gott zeigt uns in Christi Tod und Auferstehung: Es gibt die Kraft einer unzerstörbare Liebe. Es gibt den Mut einer ewigen Wahrheit. Es gibt einen Gott, der will, dass wir leben und der uns beruft zur Unsterblichkeit.

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