Zum Leben befreit

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Welt ist schlecht! Egal, ob ich den Fernseher aufdrehe, die Nachrichten im Radio höre oder die Zeitung aufschlage. Es sind großteils Horrormeldungen, die mir entgegenschlagen. Denken sie nur an die vergangenen Tage und Wochen:

Ein Hurrikan nach dem anderen rast über das Meer und verwüstet, sobald er auf Land trifft, ganze Regionen binnen Sekunden. Der letzte Sturm, Jeanne, hat gar eine ganze Insel von Haiti unter dem Meer begraben, 1500 Tote und über 20.000 Vermisste – die ganze Bevölkerung von Mödling vom Erdboden verschwunden.

Im Sudan spielt sich derweil eine humanitäre Katastrophe allerersten Ranges ab. Hunderttausende Menschen sind dort auf der Flucht vor raubenden und mordenden Banden. Die Lager längst überfüllt, Menschen verhungern, gehen zu Grunde, und die Mächtigen schweigen.

Die nicht enden wollende Gewalt in Israel, Irak und Afghanistan haben mich schon so stumpf gemacht, dass ich die Berichte über neue Terrorakte gar nicht mehr lesen mag. Und erschüttert hören wir immer wieder von ermordeten, enthaupteten Geiseln, deren Hinrichtung im Internet zu sehen ist.

Angesichts der Nachrichten drängt sich meine Eingangsbemerkung fast auf: Die Welt ist schlecht! Es scheint, als ginge alles den Bach runter, als würde die Welt aus den Fugen geraten.

Ähnliches werden sich wohl auch viele Christen am Beginn des 2. Jhd. nach Christus gedacht haben. Es waren keine ermutigenden Zeiten. Es hatten sich zwar bereits einige größere Gemeinden gebildet. Die rasche Verbreitung der Botschaft Jesu hatte aber auch dazu geführt, dass unterschiedliche Glaubensansichten im Umlauf waren, dass Irrlehrer und Häretiker ihre Sicht der christlichen Lehre verbreiteten. Und neben dieser inneren Bedrohung kam natürlich noch immer die Angst vor dem Staat dazu. Prinzipiell wurden die Christen zwar in Ruhe gelassen. Aber wehe, wenn es jemanden in den Sinn kam und er Leute anzeigte: dann wurden Verhaftungen vorgenommen, Menschen verhört. Und wer nicht wiederrufen und dem Kaiser geopfert hat, der wurde mit dem Tod bestraft. Wem also durfte man sich anvertrauen, wo war es besser, sein innerstes nicht nach außen zu lassen?

Einem hat der Schuh in jenen Tagen wohl ganz besonders gedrückt. Timotheus hat Angst. Um sich und um seine Gemeinde. In dieser Situation bekommt er einen Brief von seinem Lehrer, der ihn auch in die Position des Gemeindeleiters eingesetzt hatte. Er nennt sich Paulus, wohl um zu zeigen, dass er die Lehre dessen vertritt, dem Jesus als letzten erschienen ist. Und dieser Brief kommt wohl gerade zur rechten Zeit. Denn er eröffnet Timotheus ganz neue Perspektiven!

Er erinnert in wenigen Worten an alles, was die Frohe Botschaft ausmacht. „Sei nicht verzagt!“, schreibt er. „Denk daran, dass wir Gottes Geist bekommen haben. er gibt uns Kraft, schwierige Situationen durchzustehen. Er gibt uns die Liebe, die uns zu einer so unglaublichen Gemeinschaft zusammen wachsen hat lassen. Er gibt uns die Besonnenheit, die in solchen Zeiten notwendig ist, um einen klaren Kopf zu bewahren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich sitze auch im Gefängnis. Keine Grund, sich deshalb zu schämen. Ich bin ja wegen meines Glaubens hier. Gott gibt mir die Kraft auch hier, an diesem trostlosen Ort, für ihn und seine rettende Botschaft einzustehen. Und er hat auch dir diese Kraft gegeben. Du musst dich nur immer wieder daran erinnern:

ER hat uns gerettet und uns dazu berufen, ihm ganz als sein Eigentum zu gehören – nicht wegen unserer guten Taten, sondern aus seinem eigenen freien Entschluss. Ihm gehören wir aus reiner Gnade, wie er sie uns durch Jesus Christus geschenkt hat schon vor aller Zeit. Jetzt aber ist die Gnade offenbar geworden, als Jesus Christus, unser Retter, auf der erde erschien. Er hat dem Tod die Macht genommen und das unvergängliche Leben ans Licht gebracht. Darum geht es in der Guten Nachricht.“

Gott zu vertrauen, auch wenn die Situation noch so hoffnungslos erscheint. Dazu will der Verfasser dieser Zeilen ermutigen. Das ewige Leben, das uns Jesus durch seinen Tod für alle Zeit erworben hat und das dem Tod schlussendlich immer ein Schnippchen schlägt und mich zum Leben führt – das gilt es im Blick zu behalten. Das Evangelium von der Erweckung des Lazarus hat uns heute schon ein eindrucksvolles Zeugnis von dieser unzerstörbaren Hoffnung gegeben. Obwohl ihr Bruder schon ein paar Tage tot war vertraut sie darauf, dass Jesus helfen kann: „Ich weiß, dass Gott dir auch jetzt keine Bitte abschlägt.“, sagt sie zu Jesus.

Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer sind zwei weitere Namen, die uns ein Beispiel sein können. Beide waren in Situationen gefangen, in denen die Welt schlecht und kalt erschienen ist. Und beide haben in ihrem Glauben an Jesus Christus Kraft gefunden. Der eine zum Kampf gegen die ungerechte Behandlung von Afroamerikanern in den USA, der andere im Widerstand gegen das Naziregime. Beide haben ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt. Aber beide haben – bis zum bitteren Ende – anderen Mut zugesprochen und von ihrer Hoffnung in Jesus Christus erzählt. Weil er den Tod besiegt hat. Weil er das Ewige Leben ans Licht gebracht hat.

Vielleicht gelingt es uns auch manchmal, uns von dieser Botschaft, vom Evangelium anstecken zu lassen. Und so, trotz aller Horrormeldungen und schlechten Nachrichten nicht den Tod, sondern das Leben vor Augen zu haben. Nicht in der Angst vor Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Terror zu erstarren, sondern – getragen von der Liebe Gottes – mit Mut die Angst überwinden und auf den zu vertrauen, der uns versprochen hat, immer bei uns zu sein, bis zum Ende der Welt – Jesus Christus, unseren Herr und Heiland.

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