Ziel und Inhalt des Glaubens

Gemeinsame familiäre Mahlzeiten werden seltener und langsam – so habe ich den Eindruck – spüren Menschen, was ihnen da verloren geht. Klar ist das praktisch. Jeder isst, wenn er Hunger hat, wie es ihm gerade in den Plan passt zwischen Beruf und Fitness-Studio, Sonntags morgens wird ausgeschlafen. Wer wach ist, will sofort frühstücken – ausgiebig, das Mittagessen entfällt. Alles versteh ich so gut, auch weil ich weiß, wie man manchmal darunter leidet, welch organisatorischer Aufwand nötig ist, um mehrere Menschen an einem Tisch zu versammeln, egal ob es um Familie oder um Freundeskreis geht. Aber wenn es mal wieder gelingt, dann weiß ich auch, wofür sich dieser Aufwand lohnt. Man sitzt miteinander genießt, spricht, erzählt, redet von Gelungenem und von Misslungenem, von schönen Erlebnissen und Niederlagen. Eine gelungene gemeinsame Mahlzeit ist fast schon ein therapeutisches Ereignis. Das kann sogar für gemeinsame Runden bei MacDonalds gelten, wenn man sich nur Zeit nimmt, auch beim fast food.

Sakramentale Feier und Sättigungsmahl standen in Korinth in gefährlicher Konkurrenz. Die Einen kamen früh, die anderen mussten länger arbeiten und als sie kamen waren die ersten schon satt und angetrunken. Zu essen gab es nicht mehr, gemeinsame Sprechen oder Beten war nicht mehr wirklich realistisch. Prioritäten mussten gesetzt werden. Für Paulus ist die Gemeinschaft in Christus im Zweifelsfall wichtiger. Am Sakrament Christi kann nicht teilhaben, wer vorher seine Geschwisterpflichten verletzt hat. Darum folgt die Notordnung sich zu Hause zu satt zu essen, um anschließend das gemeinsame Mahl mit Christus zu feiern.

Dafür gibt Paulus eine Ordnung weiter, die er selber übernommen hat:

[TEXT]

Erinnerung an Mahlfeiern auf Konfi-Wochenenden oder im Rahmen gemeinsamer Freizeiten machen mir deutlich, was wir da wirklich feiern. Wir teilen Brot und Wein und haben Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten. Wir spüren, dass das was da geschehen ist vor knapp 2000 Jahren auf Golgatha nicht nur ein brutales Geschehen ist, sondern in gleichem Maße ein Geschehen der Liebe. Wir denken an diesen Herrn, der im Angesicht von Folter und Verrat, von Verleugnung und Verlassenheit, Gemeinschaft hält. Er weiß, dass diese Mahlfeier bald zu Ende ist und dass er dann ganz alleine seine Peinigern ausgeliefert ist, aber er feiert mit den Seinen ein Mahl, das Vorbild für gelungenes Essen sein kann. Essen, das wichtiger ist, als die reine Nahrungsaufnahme. Essen, das Gemeinschaft bildet, die trägt auch über den Tod hinaus, bis heute zu uns.

‚Das ist mein Leib’ verkünden wir in diesem gemeinsamen Mahl und denken heute vielleicht an Leiden und Kreuz, aber wir dürfen genauso denken an Liebe und Auferstehung, auf die ganzheitliche Hingabe Jesu für die Seinen – ‚für euch’ deutet auf die Stellvertretung Christi hin, der für uns Mensch geworden ist und für uns Menschsein erlitten hat bis zur bittersten Konsequenz, dem Tod des Gerechten unter den Menschen.

In diesem Mahl hat Jesus selbst seinen Bund gestiftet zwischen ihm und den Seinen, die neue Heilsordnung hat er hergestellt. Gott wird Mensch und stellt sich mit mir auf eine Stufe, schenkt mir einen neuen Zugang zu ihm. Das kann ich schmecken in Brot und Wein. Darauf verweist das Brotwort und das Becherwort. Das Blut ist in der alten Sprache und Vorstellung nicht nur die Materie, mit der moderne Horrorfilme herumspritzen, sondern der Sitz der Seele, des Innersten, des Unfassbaren an jedem Menschen.

Im Sakrament ist Gemeinde gestiftet und Christus mitten unter ihr. Im Gedächtnis an dieses Geschehen feiert die Gemeinde preisend und bekennend. Die Verkündigung des Todes Christi ist Inhalt des Mahles, aber nicht nur sie. Im gemeinsamen Mahl geschieht lebt Gemeinde. Dieses Mahl ist Ziel und Inhalt christlichen Glaubens. Ziel ist eine Gemeinschaft, in der Menschen – AußenseiterInnen – sich geborgen fühlen können. Wo das passiert lebt Kirche. Dort lässt sich der Herr nicht nur spüren, sondern schmecken.

Der Unterschied zwischen jenem Mahl damals und unserem Mahl, ist dass der Herr des Geschehens nicht leiblich anwesend ist. Stattdessen spricht einer der Gäste die Worte des Gastgebers. Er wird dadurch allerdings nicht zum Gastgeber. Der bleibt der Gekreuzigte Herr. In der Begegnung mit ihm in seinem Mahl erkenne die Gäste ihre Nacht als die Nacht, in der der Herr verraten wurde von den Seinen.

drucken