Zeuge sein

Liebe Gemeinde!

Sie haben bestimmt alle schon mal mit den Zeugen Jehovas Erfahrungen gesammelt. Ich habe den Eindruck, dass die hier in Erding ziemlich aktiv sind – und habe neulich auch die Überraschung schlechthin erlebt, denn ich dachte immer, in die Pfarrämter würden sie dann doch nicht kommen. Nun, ich habe mich getäuscht – es stand tatsächlich auch jemand vor meiner Wohnungstür. Ich gebe zu – ich war nicht sonderlich begeistert, als die da standen. Ich habe zunächst höflich versucht, ein Gespräch abzublocken, denn ich hatte eigentlich keine Lust auf lange Debatten. Leider hat das nicht geklappt, und so musste ich denn, um dem ein Ende zu setzen, ziemlich energisch werden – und war nicht mehr sonderlich freundlich. Ich war, ehrlich gesagt, ziemlich genervt.
Aber – ich war auch beeindruckt. Wie gesagt: Sie standen sozusagen mitten in der Höhle des Löwen, in der Pfarrwohnung. Sie wussten auch genau, dass das die evangelische Gemeinde ist – ich habe sie vorher gesehen, wie sie den Schaukasten studiert haben. Sie wussten, dass ich Pfarrerin bin. Und haben es trotzdem versucht, mich zu überzeugen von ihrer Glaubenswahrheit. Die beiden hatten Mut – es hat ja schon fast was verwegenes, denn eigentlich konnten sie sich die Reaktion ja ausrechnen.

Ich will gleich mal betonen – ich kann mit der Lehre der Zeugen Jehovas nichts anfangen. Sie werden es nicht schaffen, mich zu bekehren. Aber den Mut und die Hartnäckigkeit, die viele Zeugen zeigen – das bewundere ich.

Sie fragen sich vielleicht, wie ich darauf komme, ausgerechnet damit anzufangen? Der Predigttext für heute spricht natürlich nicht von Zeugen Jehovas. Aber er spricht wohl von Zeugen: Er ermuntert alle Christen, zeugen zu sein. Hören wir, was der zweite Brief an Timotheus zu sagen hat:

[TEXT]

„Fürchtet euch nicht!“ lässt Gott in der Bibel ganz oft zu den Menschen sagen. Fürchtet euch nicht, wenn euch etwas ungewöhnliches begegnet. Wenn z.B. plötzlich Engelsheere auf der Schafsweide stehen, oder wenn ein Grab nach drei Tagen plötzlich leer ist. 366 mal soll es in der Bibel stehen, hat mal jemand behauptet – für jeden Tag einmal, sogar im Schaltjahr. Obs stimmt, weiß ich nicht genau, ich habe es nicht nachgezählt – aber wenn nicht, dann ist es gut erfunden…. auf jeden Fall steht es oft drin – oft genug, dass man es ernst nehmen kann. Gott will nicht, dass wir uns fürchten, er hat uns nicht mit einem Geist der Furcht ausgestattet.

Nun hilft es natürlich wenig, einfach so zu sagen „Fürchtet euch nicht!“. Denn Angst und Furcht existiert. Ich denke und hoffe zwar, dass in unserer Kirche heute keiner mehr vor Gott Angst haben muss. Aber es gibt jede Menge anderer Dinge, vor denen man Angst haben kann. Vor Krankheiten, vor Arbeitslosigkeit, vor dem Tod oder auch dem Leben. Mir ist vor einiger Zeit jemand begegnet, der hatte eigentlich vor allem Angst – vor dem Leben, das dieser Person eigentlich überhaupt nicht lebenswert erschien und nur Schrecken in sich hatte, vor dem Tod aber genau so, weil man da ja nicht wusste, was einen erwartet. Wenn ich hier sage „fürchte dich nicht“, hilft das dieser Person gar nichts. Aber wir haben etwas bekommen, was ganz praktisch gegen die Angst und die Furcht wirkt.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht – sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit! Diese drei – die können die Furcht ausbalancieren.

Kraft haben wir bekommen. Mancher hat viel körperliche Kraft, mancher eher eine seelische Kraft. Wir haben Begabungen, die wir einsetzen können, in ganz unterschiedlichen Bereichen. Der eine ist ein guter Handwerker – der andere hat’s eher mit dem organisieren – der dritte hat Ideen und Visionen. Wir brauchen starke Menschen, die in Krisen bereit sind, sich einzusetzen, die vorangehen und die anderen mit ihrer Stärke Mut machen. Aber Kraft allein wird leicht zur Prahlerei und Angeberei.

Deshalb gehören die beiden anderen unbedingt dazu, die Liebe und die Besonnenheit.

Liebe haben wir bekommen. Liebe, im griechischen Agape – damit ist hier gemeint: das Zusammenhalten in einer Gemeinschaft, die Uneigennützigkeit, die das Wohl des anderen im Auge hat. Diese Art von Liebe ist nicht zu verwechseln mit „lieb sein“ – Liebe heißt auch: jemanden zurückhalten, wenn er im Begriff ist, eine Dummheit zu machen. Aber so, dass er nicht bloßgestellt wird. Liebe will nicht über andere triumphieren, sondern will, dass es dem anderen gut geht.

Und Besonnenheit haben wir bekommen. Ursprünglich hieß es in Luthers Übersetzung „Zucht“, in einer anderen Übersetzung habe ich auch schon „Selbstdisziplin“ gelesen. Es geht also – auch – darum, sich selbst zurückhalten zu können. Zunächst mal zu schauen: Was ist denn eigentlich nötig? Was brauche ich, was brauchen die anderen in dieser Situation.

Diese drei zusammen: Kraft, Liebe und Besonnenheit – die bilden das Gegengewicht zur Furcht. Ich weiß wohl, dass das etwas weltfremd klingt, ich weiß gut, dass jede Menge Ängste existieren. Trotzdem: Kraft, Liebe und Besonnenheit – die haben wir von Gott bekommen. Davon bin ich überzeugt, allen Ängsten, die so existieren zum Trotz. Diese drei sagen uns: Laßt euch nicht irre machen, bei allem, was passiert. Glaubt an Gott, glaubt an seine gute Botschaft – und gebt sie weiter an andere! Seid Zeugen des Evangeliums! Dazu hat Gott euch ausgesucht!

Wir sollen – oder vielleicht sollte ich besser sagen: Wir dürfen an das erinnern, was Gott gesagt hat. Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Gott will, dass alle Menschen leben, und dass sie gut leben. Gott hat uns seinen Sohn Jesus Christus geschickt, damit wir erkennen: Gott will uns in seiner Nähe. Es gibt nichts, was uns von Gott trennen kann – nicht mal der Tod kann das. Auch das hat uns Jesus gezeigt: Kein Mensch mehr muss vor Leben oder Tod Angst haben, denn beides ist in Gottes Hand. „Wie im Himmel, so auch auf Erden“ will Gott ein gutes Leben für die Menschen. Und dazu hat Gott uns ausgesucht: dass wir das anderen weitersagen, ohne falsche Schüchternheit. Kraft, Liebe und Besonnenheit hat er uns gegeben, damit wir für ihn Zeugen sein können.

Vielleicht fragen sie sich, wie denn dieses Zeuge-sein aussehen soll. Meiner Meinung nach: Nicht so, dass jetzt jeder zum Redner werden muss. Auch nicht so, dass man keine anderen Meinungen mehr gelten lassen muss. Es gibt viele Wege, wie wir bezeugen können, dass wir glauben, dass Gott für alle Menschen ein gutes Leben will. Mancher tut es vielleicht durch reden. Mancher eher durch zuhören. Andere sind mehr für die praktische Arbeit geschaffen, helfen mit bei einem Mittagstisch für alleinstehende Senioren oder bei der Hausaufgabenbetreuung für Kinder, um die sich sonst keiner kümmern kann. Wenn wir Freude und Leid miteinander teilen, wenn wir aufeinander zugehen statt jeder für sich allein zu kämpfen – das sind alles Wege, wie wir Gottes Botschaft bezeugen können. Ich bin überzeugt, dass jeder eine Gabe bekommen hat, die er einsetzen kann. Ich wünsche mir und bete, dass jeder auch seine Gabe mit Kraft, Liebe und Besonnenheit einsetzen kann, um dem Leben zu dienen. Und ich wünsche mir, dass die Furcht keinen Platz mehr hat bei uns. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben – sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Er hat uns das geschenkt durch Jesus Christus, der dem Tod die Macht genommen hat und das Leben gebracht hat.

Schließen möchte ich mit einem Text von D. Sölle – „Gegen den Tod“ schreibt sie:

Ich muss sterben,
aber das ist auch alles
was ich für den tod tun werde
alle anderen ansinnen
seine beamten zu respektieren
seine banken als menschenfreundlich
seine erfindungen als fortschritte der wissenschaft
zu feiern
werde ich ablehnen

All den anderen verführungen
zur milden depression
zur geölten beziehungslosigkeit
zum sicheren wissen
dass er ja sowieso siegt
will ich widerstehe

Sterben muss ich
Aber das ist auch alles

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