Worüber wir uns freuen

Liebe Gemeinde,

Trinitatis, das Fest, das wir heute feiern, ist wohl das wichtigste Fest, das wir kennen. Jedenfalls dem Kalender nach. Trinitatis bestimmt fast die Hälfte unseres Lebens als Christen. Egal, wann wir im nächsten halben Jahr zum Gottesdienst kommen, von jetzt an bis zum Ende des Kirchenjahres im Spätherbst, ein halbes Jahr lang feiern wir im Zeichen von Trinitatis Gottesdienst, am ersten Sonntag nach Trinitatis, am zweiten Sonntag nach Trinitatis, und so weiter bis zum Reformationsfest am 31. Oktober. So wichtig ist dieses Fest für den christlichen Kalender.

Aber: Wo ist Trinitatis wichtig für uns? Was feiern wir an diesem Fest? Worüber freuen wir uns an diesem Fest?

Der Predigttext für das heutige Fest gibt uns die Antwort. Er steht im Römerbrief des Apostels Paulus, es ist der Schluss der Kapitel 1 bis 11, in denen Paulus intensiv darüber nachgedacht hat, was Gott alles für uns getan hat. Und nun, zum Schluss dieses langen Gedankengangs heißt es in Kapitel 11, Vers 33 bis 36:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, in Schwaben gibt es eine Lebenseinstellung, die kann man auf den kurzen Nenner bringen: Ned gschompfe isch g’lobt gnuag. Da gibt es diese Szene, wie Vater und Mutter still am Mittagstisch sitzen, und irgendwann sagt sie: Isch’s ned recht? Und er bruddelt: Han i was gsait?

Jemand anderes wirklich zu loben, sich aus der Tiefe seines Herzens über das zu freuen, was der andere hingebracht hat, das fällt manchem hier ein bisschen schwer. Manchmal, wenn es gar nicht anders geht, sagt man dann schweren Herzens: Ned schlecht. Oder: Also, dafür muss ich dich jetzt loben.

Der Apostel ist da anders gestrickt. Sicher, auch Paulus bruddelt, er schimpft und streitet, er hadert und er tobt, aber: er lobt auch gerne. Vor allem Gott. Paulus freut sich gerne über Gott, auch hier in Römer 11. So viel ist klar, wenn man den Text zum ersten Mal hört. Paulus freut sich über Gott, und das ist auch schon der erste Teil der Antwort. An Trinitatis freuen wir uns über Gott.

Aber ist das denn etwas Besonderes an Trinitatis? Freuen wir uns denn sonst, an anderen Festen, nicht an Gott? Doch, natürlich. Die Freude an Gott verbindet Trinitatis mit allen anderen christlichen Festen. An jedem Fest ist es ja etwas Bestimmtes an Gott, über das wir uns besonders freuen: Wir freuen uns an Weihnachten, dass Gott Mensch geworden ist. Wir freuen uns an Ostern, dass Jesus Christus aus dem Tod auferstanden ist. Und an Pfingsten, da freuen wir uns über die Macht des Heiligen Geistes. Worüber freuen wir uns dann aber an Trinitatis?

An Trinitatis freuen wir uns über die Trinität. So könnte man sagen. Trinitatis ist das Fest der Dreifaltigkeit, Gott der Vater, Gott der Sohn, Gott der Heilige Geist. Es ist das Fest des dreieinigen Gottes. Auf einen Nenner gebracht: An Trinitatis freuen wir uns, dass Gott ist, wie er ist. Nur: Was bedeutet das? Worüber freuen wir uns denn da?

Schauen wir genau hin. Was schreibt Paulus über Gott? Wofür muss er ihn loben?

»Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!«

Ja, wie? Wir freuen uns an Trinitatis, dass Gottes Gerichte unbegreiflich sind, dass seine Wege unerforschlich sind? Ja, genau. Das ist das besondere an Trinitatis, mit einem Satz: An Trinitatis freuen wir uns, dass Gott ist wie er ist, und das heißt: An Trinitatis freuen wir uns, dass wir Gott nicht verstehen.

Wir verstehen Gott nicht. Wie soll das ein Grund zur Freude sein?

Wenn einer sagt oder merkt, dass er Gott nicht versteht oder nicht mehr versteht, dann ist das ja sicher nicht automatisch ein Grund zur Freude. Es gibt Situationen, in denen ist das alles andere, aber bestimmt kein Grund zur Freude:

Da ist einem der Freund gestorben. Von einer Minute auf die andere. Herzinfarkt. Noch keine 60 ist der gewesen, ist gerne zur Arbeit gegangen, hat eine glückliche Ehe geführt. Und nun ist er tot. Urplötzlich. Wenn in so einem Fall einer sagt: »Also, ich begreife nicht, wie das sein kann. Ich versteh’ Gott nicht.«, dann ist das sicher kein Grund zur Freude. Wer die grausame Seite des Lebens unmittelbar und ungeschminkt erfährt und nicht versteht, wie Gott das zulassen kann, und keine Perspektive hat, wie aus diesem Bösen Gutes entstehen kann, der kann sich kaum darüber freuen, dass er Gott nicht versteht.

Oder auch wenn einer überhaupt nichts von Gott wissen will, zwar irgendwann einmal von ihm gehört hat, aber ihm das irgendwie alles zu schwierig und zu kompliziert war, zu konfus und zu verwirrend, wenn so einer sagt: »Gott? Bleib mir bloß weg mit dem. Versteh’ ich nicht.«, der hat sicher auch keinen Grund zur Freude. Wer Gott in diesem Sinne nicht versteht, nicht versteht, wer Gott ist, und es auch gar nicht verstehen will, hat wenig Spass mit Gott.

Aber es gibt auch Situationen, da überrascht uns Gott mit dem, was er tut.

Erinnern Sie sich noch an die Schriftlesung? Da hieß es über Jesus, er »freute sich im heiligen Geist und sprach: ›Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen.‹«

Jesus freute sich im Heiligen Geist: Im Original steht: Er jubelte laut. Das einzige Mal, dass das von Jesus gesagt wird. Er jubelte laut. Die Freude an Gott stand ihm ins Gesicht geschrieben. Jesus war begeistert. Warum jubelte Jesus, dieses eine Mal, was freut ihn so? Ihn freut, dass Gott so handelt, wie es ihm gefällt. Dass Gott anders handelt, als wir Menschen es erwarten. Darüber freut sich Jesus. Dass Gott nicht den Schlauen und Gelehrten das Geheimnis des Glaubens geschenkt hat, sondern den unmündigen, den Kindern und einfachen Leuten. Ihnen hat Gott das Geheimnis des Glaubens offenbart, durch das ihnen keine Macht des Bösen mehr schaden kann. Die, die nach unseren menschlichen Maßstäben nicht die Klügsten sind, die haben’s begriffen. Die Schlauen begreifen es nicht. Das verstehen wir nicht. Warum verstehen es die Unmündigen, die Kinder, und die Schlauen verstehen es nicht? Weil es Gott so gefallen hat. Und das gefällt Jesus, dass Gott so gehandelt hat, nicht nach menschlicher Weisheit fragt, sondern so handelt, wie er es will. Das gefällt Jesus so, dass ihm die Freude darüber ins Gesicht geschrieben steht. Gott macht, was er will. Wie schön. Wie wunderbar. »›Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen.‹«
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden, so hat uns Jesus zu beten gelehrt. Und das bedeutet genau dasselbe: Dieser Wille Gottes, wir verstehen ihn nicht, aber wir freuen uns über ihn, wir freuen uns so über ihn, dass wir nur darauf warten, dass Gottes Wille auch hier, auch unter uns geschieht. Deshalb bitten wir Gott in jedem Vaterunser: Dein Wille geschehe!
Gott offenbart sich und seinen Willen, wem er will, wann er will und wie er will. Nicht den Klugen und Weisen, sondern den Unmündigen. Auch Paulus hat er sich offenbart. Aber Paulus weiß nicht, wie ihm geschieht, er versteht nicht, warum Gott sich gerade ihm offenbart hat.

Wenn wir also heute an Trinitatis feiern, dass wir Gott nicht verstehen, dann ist damit nicht gemeint, dass uns Gottes Wille unklar oder verdeckt ist, dunkel, wie er für jemanden dunkel ist, der mit seinem Schicksal hadert. Uns geht es nicht, wie dem, der die grausame Seite des Lebens unmittelbar und ungeschminkt erfährt und nicht versteht, wie Gott das zulassen kann. Nein, wir erfahren die wunderbare, die schöne Seite des Lebens, wir erfahren, dass Gott mit uns leben will, uns das Leben neu geschenkt hat, und dieses Wunderbare, das verstehen wir nicht. Denn wir können nichts dafür.

Wir verstehen Gott nicht, das heißt also als Erstes: Wir verstehen nicht, wie Gott dazu kommt, dass er sich ausgerechnet uns offenbart hat. An uns liegt es jedenfalls ganz bestimmt nicht. Es liegt allein an Gott.

Daneben tritt das zweite, an das uns Paulus erinnert: Gott hat uns in Jesus Christus offenbart, auf welche Weise er bei uns sein will, wie er uns das Leben in seiner Gegenwart neu schenken möchte: Gott rettet uns Menschen, und hier in Römer 11 heißt das: er rettet Juden und Christen allein aus seiner väterlichen, göttlichen Liebe, ohn all unser Verdienst und Würdigkeit. Das Heil in Christus gilt allen.

Das ist das zweite: Gott, und zwar Gott allein, rettet uns, er rettet uns alle. Aber die Wege, auf denen er es tut, sind andere Wege als unsere. Paulus schreibt: »Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.« Wir sind alle vor Gott ungehorsam, und deshalb werden wir – nicht etwa von Gott verworfen, so wie es nach menschlichem Ermessen würdig und recht wäre, sondern weil wir alle vor Gott ungehorsam sind – werden wir von Gott gerettet, so wie es nach Gottes Ermessen würdig und recht ist. Ein wahrlich seltsamer Weg, um uns zu retten. Ein komplizierter Weg. Kein Weg, den man gleich auf Anhieb versteht. Aber es ist der Weg Gottes.
Gott will uns alle retten. Und darum ruft Paulus, der das erkannt hat, darum ruft Paulus, der deshalb vom Verfolger zum Verfechter Jesu Christi und seiner Anhänger wurde, voller Freude und Erstaunen: »O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!«

Das ist das zweite: Wir verstehen nicht, dass Gott allein uns rettet. Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt«? fragt Paulus. Niemand. Niemand hat verstanden, was Gott hier tut. Und doch tut er es. Auf wie verschlungenen Pfaden auch immer. Er, er allein schafft Heil für alle. Für alle Menschen, für alle Kreatur, für alles, was existiert. »Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.«

Und schließlich ist da das dritte: Die Freude an Gott, die sein Heiliger Geist versprüht und die auch Paulus hier mit fortreißt, auch sie kommt nicht aus uns selbst. Auch sie ist ein Geschenk Gottes. Diese drei Dinge sind es, die wir nicht verstehen:

Das erste: Gott allein ist es, der mit uns zusammen sein will, der uns das Geheimnis des Glaubens offenbart hat. Ausgerechnet mit uns. Warum? Das ist mir zu hoch. Gott lässt nicht von uns. Warum? Ich verstehe es nicht. Und doch ist es so.

Das zweite: Gott allein ist es, der uns rettet. Der Weg, auf dem er es tut, ist mir unbegreiflich. Aber das ändert nichts daran, das Gott so handelt, wie er es tut.
Und das dritte: Gott allein ist es, der uns die Freude an seiner Gegenwart ins Herz gesenkt hat. Und die Freude an dem, was jemand anderes für uns tut, was wir selbst nicht können, diese Freude gehört doch mit zum Schönsten, was es im Leben gibt. Gott hat uns diese Freude gemacht.

So freuen wir uns an Trinitatis, dass Gott ist, wie er ist.
»Ihm sei Ehre in Ewigkeit!"

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