Worte haben Macht

I. WORTE HABEN MACHT

Liebe Gemeinde,

das sind kurze und klare Worte über das Wesen des Wortes Gottes. Und wahrlich nicht nur bequem. Aber in einer Kirche, deren Mitte dieses Wort Gottes sein soll, ist es sicherlich angebracht, von Zeit zu Zeit, darüber nachzudenken, was dieses Wort denn sei und was es bewirken will.

Und doch drängt sich mir da die unsichere Frage auf: erscheinen wir nicht gerade mit der Betonung des Wortes als eine Kirche von gestern? Hat das Wort nicht schon längst ausgespielt, wenn wir beobachten müssen, dass die Zuhörbereitschaft und -fähigkeit nicht nur bei Kindern und Jugendlichen auf ein Maximum von 5 min am Stück geschrumpft ist? Tagtäglich werden wir doch geradezu überflutet von Worten: ferngesteuerte Worte auf Anzeigetafeln, angeforderte Worte über Datenautobahnen und auf Bildschirmen, Worte in unzähligen Zeilen von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Worte, die auf uns eindringen: "Probier mich!" "Riech mich!" "Iss mich!" "Trink mich!", vor allem aber: "Kauf mich!" Bei dieser Flut von Worten, stumpfen wir ab. Das Wort hat an Kraft verloren.

Wie ein Protestruf klingen da unsere drei Verse: das Wort Gottes zumindest ist nicht kraftlos! Es verpufft, verhallt nicht einfach im leeren Raum. Nein, es ist voller Leben und bewirkt Veränderung. Und, ich denke, wenn wir genau hinsehen und wirklich wahrnehmen, was immer wieder mit uns geschieht, dann merken wir, dass auch unsere Worte eine regelrecht ungeheure Kraft haben. Ich denke nur an eine Szene, die wohl Freitag vor einer Woche sich in der einen oder anderen Familie so ähnlich abgespielt haben mag: der Sohn kommt von der Schule nach Hause. Seinem Geischt ist es schon anzusehen. Das Zeugnis ist nicht wie gewünscht ausgefallen. Die ehrgeizigen Eltern sind enttäuscht. "Versager! So bringst Du’s nie zu was!…" rutscht es ihnen ‚raus. Ohne ein Wort verlässt der Sohn das Zimmer. Solche Worte treffen, fressen sich tief in die Seele. Und da gibt es noch viele andere Worte "Du bist noch mein Sargnagel!" "Mit Dir haben wir doch nur Last und Ärger!" "Ohne Dich wär das Leben viel leichter!" Wer von uns mag solche oder ähnliche Worte nicht schon selbst gehört und tief in sich vergraben haben. Die kriegen wir nicht so einfach los. Ja, Worte haben Macht, Worte können verletzen, Vertrauen und Gemeinschaft zerstören.

Worte können aber zum Glück auch das genaue Gegenteil bewirken. Erfahrung in USA: Lob und Bestätigung, "it was great having you – es war toll, dass du da warst" Das tut einfach gut. Ja, es gibt Worte, die regelrecht beflügeln, lebendig machen. Worte können Lebens-Träger sein (lebendig und wirksam, kräftigend, ermutigend) Und manchmal ist ein ausgesprochenes Lob: das hast Du ganz prima gemacht mehr wert als ein Honorar, einfach in die Hand gedrückt.

Wir brauchen Worte, die uns aufrichten, Mut machen, Hoffnung wecken. Wir brauchen Worte, die uns spüren lassen: Ich bin wichtig; ich werde geliebt; ich werde gebraucht. Worte der Bestätigung, der Zuneigung und der Liebe sind wie Brot. Sie halten uns innerlich am Leben.

Gott sei Dank: unser Predigttext beginnt genau damit: lebendig und kräftig ist das Wort Gottes. Gott also hält Worte für uns bereit, die uns helfen wollen, dass wir Leben und Kraft finden.
Das ist die Überschrift, alles andere kommt danach.

II. ES IST EBEN CHRISTUS, DER DIESES WORT VERKÖRPERT

Seine Worte richten auf, ermutigen zum Leben. Sie machen niemals einen Menschen fertig und klein, selbst nicht seine Gegner. Dazu ließen sich eine ganze Reihe von Begegnungen erzählen. Ich möchte nur zwei uns nocheinmal vor Augen stellen:

[Johannes 8 (Die Ehebrecherin)]

Da ist zunächst diese Frau, von der wir in der Schriftlesung hörten. Die Männer zerrten sie in die Mitte der Öffentlichkeit. Sie wollten sie fertig machen. Hure, Ehebrecherin – so jemand hat kein Recht auf Leben! Ihre scharfen, verächtlichen Worte klingen schrill in ihrer ach so männlichen Rechtschaffenheit, doch nur für die gottgewollte Ordnung einzutreten. Und dabei schnitten sie tief in die sicher schon lange verwundete Seele dieser Frau. In welcher Zartheit geht da Jesus mit dieser Frau um! Zunächst sagt er ja gar nichts. Schaut vielleicht nur von einem zum anderen. Und langsam wird’s still. Nun geht er in die Knie und schreibt irgendetwas in den Sand. Totenstill ist es geworden, jeder schaut gebannt auf ihn – und ich höre geratedzu wie die Frau aufatmet. Ohne große Anstrengung hat Jesus ihr Erleichterung in ihrer Not geschaffen. Sie steht nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit! Ihr war es sicher gleich, was da im Sand geschrieben stand, wenn nur nicht mehr alle auf sie starrten – diese verurteilenden und gehässigen Blicke, sie nahmen ihr jeden Atem. Und dann kam dieser kleine kurze Satz: "dann verurteile ich dich auch nicht". Diese sechs kleinen Worte eröffnen ihr ein ganz neues Leben! Sie kann sich wieder aufrichten, sie kann wieder frei atmen, neu anfangen. Nein, das sind keine scharfen, richtenden Worte, das ist wirklich lebendig, regelrecht Leben schaffend.

Dabei bleibt’s jedoch nicht: er wendet sich ja auch an die anderen. Schaut die ganzen selbstgerechten Männer an. Wenn ich daran denke, wieviel Wut und Ärger über diese Heuchler steigt da in mir auf – ganz schnell wäre ich in Fahrt, sie fertig zu machen. Doch selbst hier bleibt Jesus sich treu. Mit einem ruhigen Satz löst er die Versammlung auf: "wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein".
Das fasziniert mich! Selbst hier: keine verurteilenden Worte. Selbst diese Heuchler macht er nicht fertig.

[Johannes 21 (Petrus, hast du mich lieb?)]

Schauen wir auch kurz noch bei Petrus vorbei. Allen Grund hätte Jesus gehabt, ihn in aller Schärfe ihn nieder zu machen. Großartige Worte "Ich verlass dich nie!" Und dann: "Ich kenne ihn nicht!" Nur vier Worte sind von ihm zu hören "Hast du mich lieb?" Welch eine Kraft liegt darin verborgen! Nach all der Enttäuschung, nach all dem Versagen, fragt er nur nach eins – unserer Liebe.

Was ist das Geheimnis dieser Worte? – Es ist die bedingungslose Liebe, die Jesus antreibt und erfüllt. Sie ist es, die seine Worte lebendig und kräftig macht.

Doch eins dürfen wir dabei nicht übersehen: Genau hier wird es dann auch schmerzhaft. Genau hier kommt dann auch das andere mit in’s Spiel. Diese Liebe ist nicht nur einfach schön und wohltuend – so wie echte Liebe nie einfach nur ein schönes Gefühl ist. Liebe ist etwas, das mich ganz ergreift. Das nicht nur meine Oberfläche berührt, sondern durchdringt – auch in die Bereiche gelangt, die ich so lange und so gut vor anderen, ja selbst vor mir verschlossen hielt.

Ich denke, das ist auch der Grund, warum wir Menschen uns oft so schwer tun, wenn wir solcher wahrhaftiger Liebe begegnen. Sie macht auch Angst.

Denn ich merke: vor solch einer Liebe bleibt nicht viel verborgen. Sie ist eben nicht blind.

III. WAHRE LIEBE DECKT AUF

Was kann mich auch verletzlicher machen als solch ein liebevoller Blick. Da begegne ich jemandem, der mich anschaut, liebevoll und warm, aber ich merke: ich kann ihm nichts mehr vormachen. Es ist als wenn die Schutzmauer meiner Fröhlichkeit, die Stützen meiner Kompetenz, selbst das Netz meiner Selbstlügen nicht wären. Plötzlich steht da einer mitten drin in meinem Innersten und kann sehr wohl unterscheiden, was echt und was gespielt oder einfach nur gut gelernt ist. Liebe Gemeinde, und das tut weh. Das ist nicht angenehm. Wie lange habe ich doch damit zugebracht, mir die Fähigkeit anzueignen, dass andere mich nicht durchschauen, nicht wirklich wissen, was in mir los ist. Ja, wenn wirklich aufgedeckt wird, dann tut’s weh, dann geht es an die schmerzhaften Stellen meines Lebens. Ich kann dann nicht mehr davonlaufen vor den Lügen meines Lebens, vor den Verletzungen, den Enttäuschungen, die Tür zu den "Leichen im Keller" wird aufgestossen. – Und natürlich macht das Angst!

Aber das ist nun eben das andere Geheimnis des lebendigen Wortes, des Lebens überhaupt: wenn unser Leben heil werden soll, dann kommen wir an dieser Konfrontation mit uns selbst nicht vorbei.

So ist das auch bei dieser Frau. Jesus übersieht ganz und gar nicht das Chaos ihres Lebens. Es beschönigt nicht, was die Männer an’s Tageslicht zerren. Aber er macht eben keine grossen Worte darüber, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Sein Blick trifft auf die wunden Stellen ihres Lebens, aber er stellt sie nicht bloß. "Ich verurteile dich auch nicht." Erst dann geht er ein Schritt weiter "Geh und sündige von nun an nicht mehr." Jetzt, wo du es erlebt hast, dass bei allem Chaos, bei allem Versagen die Liebe auch dir gilt, lass sie auch dein Handeln prägen. Nein, Jesus beschönigt nicht, er lässt Schuld Schuld sein, aber es ist seine Liebe , der wir begegnen, wenn wir unserer Schuld begegnen. Und bei Petrus sehen wir nichts anderes. Tief getroffen vom liebevollen Blick Jesu muss er sich nun auch mit seinem Versagen auseinandersetzen. Und das macht ihn tief traurig. Aber – das ist das andere – diese Selbsterkenntnis "ich bin auch nicht besser als alle anderen – ist letztlich die Vorraussetzung für den grossen Auftrag: "Weide meine Schafe.!"

Wir erkennen hier eine Grundwahrheit des Lebens: HEILUNG GEHT DURCH DEN SCHMERZ.

Und so gehören beide Dimensionen des Wortes Gottes zusammen: die heilschaffende: lebendig, wirksam, aufdeckend und die richtende: scharf, schneidend, entblössend, hindurchdringend. Die Mitte der Nacht ist der Anfang des neuen Tages; die Krisis in der Krankheit ist oft der Wendepunkt zur Heilung. Es gibt die Lebendigkeit und Heilkraft des Wortes Gottes nicht anders als in Form der Aufdeckung und der zweischneidigen Schäfe des richtenden Worte. Und als solches dringt es ein in uns, geht durch Mark und Bein, bis hinein in die tiefsten Tiefen der Gesinnung des Herzens als Richter der Gedanken (dort aber treffen wir auf Christus und seine bedingungslose Liebe)

Es ist eine Grundregel und Grunderfahrung, dass die Konfrontation mit mir selbst – wenn es denn in akzeptierender Liebe geschieht und nicht im zerstörerischen Geist der Verletzung – mit meinen innersten Gefühlen und Regungen, eine befreiende, reinigende, zu inneren Klarheit und Gewissheit führende Kraft, in allem eine spirituell-therapeutische Kraft hat. Es gibt vor Gott kein Heil, wenn ich nicht bereit bin, mich vor Gott ohne jede Beschönigung zu zeigen, wie ich wirklich bin, ohne die vielen Selbstrechtfertigungen, die wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben. Wenn ich endlich all die vielen Versteckspielchen aufgebe und vor Gott nackt und bloss, bis zum äussersten entblösst, stehe, wenn ich ihm dabei zutraue: Er kennt mich bis auf Mark und Seele, meine geheimsten Regungen, Empfindungen, Entscheidungen des Gewissens, v.a. auch meine unreinen, oft schmuddeligen Gedanken, die mich immer wieder in eine verschwommene Grauzone führen. Nur durch die Preisgabe an Gott, nur durch die innere Bereitschaft, mich ganz auszuliefern, bis an die Grenze meiner Selbst zu gelangen, kann die Ruhe, die innere und äußere Ruhe entstehen, kann die große Sabbatruhe entstehen, so dass Ps. 139 nicht zum Drohwort ("nirgends bin ich sicher vor Gott"), sondern zu einem Wort des Heils und der Heilung ("die Liebe Gottes umgibt mich von allen Seiten") Es ist eben keine "billige", sondern eine "teure" Gnade – aber es ist ganz und gar Gnade – eben die Liebe Jesu.

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