Worauf du dich verlassen kannst!

Liebe Gemeinde,

am kommenden / heutigen Sonntag finden in allen Gemeinden unserer Kirche die Wahlen zum Presbyterium statt. Die Gemeinden wählen sich sozusagen ihre Regierung. Und ich weiß noch aus eigener Erfahrung: Es ist nicht immer leicht, Frauen und Männer zu finden, die bereit sind, für dieses Amt zu kandidieren. Gut, wenn genügend Kandidatinnen und Kandidaten zusammen kommen – und eine echte Wahl stattfinden kann.

Aber bei einer echten Wahl – da müssen sich die Kandidatinnen und Kandidaten natürlich auch entsprechend "verkaufen" – wie man heute sagt. Das ist in der Kirche nicht anders als anderswo. Oder würden Sie jemand wählen, der oder die von sich behauptet: "Eigentlich kann ich das gar nicht. Ich bringe wenig Erfahrung mit. Habe bisher mit der Kirche auch wenig zu tun gehabt. Und außerdem bin ich auch nicht gerade der Hellste. Aber mit Gottes Hilfe wird das schon irgendwie gehen."

So jemand hätte wohl kaum eine Chance gewählt zu werden. Ich denke: Zu Recht nicht. Und noch einmal verstärkt und verschärft gilt das für Wahlen in politische Ämter. Wer da gewählt werden will, muss schon etwas darstellen. Sonst kann er die Wahl vergessen.

Oder denken Sie etwa an Bewerbungssituationen. In einem "Praxisbuch Bewerbung für Abiturienten" heißt es u. a.: "Im betrieblichen Alltag kommt es vor allem darauf an, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten angemessen zu präsentieren; es zählt die Art, wie Sie sich verkaufen…. Es kommt bei einer Bewerbung darauf an, die eigenen Qualitäten mit Überzeugung darzustellen …"

Vermutlich, liebe Gemeinde, kommt Ihnen das alles bekannt und selbstverständlich vor. Und es ist ja auch in unserem Alltag völlig selbstverständlich: Wer etwas werden will, muss auch etwas darstellen. Und wer sich bewirbt, muss sich gut verkaufen können. Das ist so klar wie irgend ‚was!

Der für den kommenden / heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext stellt diese Selbstverständlichkeit allerdings in Frage. Und zwar gründlich. Der Prophet Jeremia kommt uns da quer. Und was er zu sagen hat, das sagt er im Namen Gottes.

[TEXT]

Vielleicht, liebe Gemeinde, kann man beim ersten Hören dieser Verse sogar noch innerlich zustimmen. Kann nicken und denken: "Ja, irgendwie ist das ja richtig: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit; ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke; ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums." Das klingt irgendwie angemessen nach christlicher Bescheidenheit. Die Worte kann man sich einrahmen und im Wohnzimmer aufhängen. Irgendwie richtig.

Aber, liebe Gemeinde: Bei Lichte besehen stehen diese Worte doch quer zu den Spielregeln, die unseren Alltag bestimmen und beherrschen. Denn nicht nur, wer etwas werden will, muss sich gut verkaufen können; sondern auch diejenigen, die schon etwas sind und darstellen. Wer heute im Beruf steht – und vielleicht sogar in verantwortlicher Stellung – wenn die oder der nicht ab und zu die eigenen Qualitäten und Fähigkeiten ins rechte Licht stellt, ist sie oder er ganz schnell weg vom Fenster. Und auch im Privatleben gilt doch nach wie vor – und mehr denn je: "Haste was, dann biste was!" Wer etwas hat, zeigt es in der Regel auch. Da schau her! Ich bin wer! Ich kann mich sehen lassen!

"Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit und ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke und ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums." Das geht zunächst einmal gegen den Strich. Das geht gegen den Strich unserer alltäglichen Erfahrungen und Selbstverständlichkeiten.

Und nicht anders verhält es sich mit dem 2.Teil des Predigttextes. "…wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden…" Ist denn damit heute noch Staat zu machen, liebe Gemeinde? Was macht das denn noch her, wenn jemand behauptet, dass er Gott kennt – und dieser Gott übt Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit auf Erden?! Jemand, der das behauptet, muss sich doch gefallen lassen, dass er belächelt wird; – oder muss auch mit bitteren, ablehnenden Fragen rechnen.

Da sagt zum Beispiel ein Konfirmand: "Ich glaube ja noch an Gott, mich aber deswegen zu rühmen, das würde mir nie in den Sinn kommen…. Die meisten anderen machen sich eh nur lustig. Die sagen: Du bist doch blöd, zum Konfirmandenunterricht zu gehen, das ist total uncool …"

Oder, eine ältere Frau, in einem Gesprächskreis, meint: "Es ist schwer, auf der Strasse, unter Nichtchristen zu sagen, was man denkt und glaubt. Sich zu rühmen, dass man an Gott glaubt, das fällt schon schwer, weil man überall Krieg und Ungerechtigkeit sieht …"

Oder ich denke an das, was ich hier im Krankenhaus höre und erlebe. Da ist ein Ehepaar. 62 und 64 Jahre alt. Beide haben hart gearbeitet. Seit einem dreiviertel Jahr sind beide im Ruhestand. Haben sich viel vorgenommen. Freuen sich auf ein paar ruhige, schöne gemeinsame Jahre. Aber dann bekommt der Mann Krebs. Vorher, im Berufsleben nie ernsthaft krank gewesen – und jetzt das! Kann ich mich da rühmen, dass ich an Gott glaube, der Barmherzigkeit und Recht und Gerechtigkeit auf Erden übt?

In unsren Augen, gemessen mit unseren menschlichen Massstäben hat das mit Barmherzigkeit und Gerechtigkeit herzlich wenig zu tun. Im Gegenteil. Und das kann ich auch nicht einfach schön reden. Es ist schon so – auch wenn’s manchmal weht tut: Gottes Barmherzigkeit, sein Recht und seine Gerechtigkeit liegen nicht immer so offen zu Tage. Weder im Leben von uns Menschen, noch im Leben unserer Welt.

Gewiss – manchmal möchte ich mich gerne hinstellen und sagen: Da schaut her! Das ist unser Gott. Und seht, wie er Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt: Krankheiten heilen ohne Komplikationen. Wer betet, kennt keine Schmerzen mehr. Der Hunger in der Welt wird besiegt – und Kriege hören auf. Das wäre ein Gott! Mit dem wäre doch Staat zu machen! Und wie!

Aber, liebe Gemeinde – das wäre nicht der Gott der Bibel. Das wäre nicht der Gott, in dessen Namen Jeremia redet. Und das wäre schon gar nicht der Gott Jesu Christi. Denn der will ja gerade eben keinen Staat machen. Der will nichts her machen. Der nimmt den Weg des Leidens auf sich und geht ihn bis zum bitteren Ende. Der Gott der Bibel, der Gott Jeremias und der Vater Jesu Christi ist mit dem menschlichen Verstand nicht so einfach zu fassen; er ist größer und geht über unseren Verstand. Und er entzieht sich auch unserer Verfügbarkeit. Er ist nicht immer so, wie wir in gerade haben wollen.

Aber "so spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr."

Wie gesagt, liebe Gemeinde: Diese Sätze stehen quer zu den Selbstverständlichkeiten unseres Alltags. Und dennoch stellen sie mich vor eine ganz entscheidende Frage. Nämlich: "Worauf gründest Du letztlich Dein Leben?" Denn das hebräische Wort, das Martin Luther an dieser Stelle mit dem deutschen Wort "rühmen" übersetzt hat, das bedeutet ursprünglich nicht so sehr rühmen im Sinne von angeben oder prahlen; sondern dieses Wort fragt vielmehr danach, worauf ich für mein Leben baue – und worauf ich im Letzten vertrauen kann und will.

Sicher sind Weisheit, Stärke und Reichtum menschliche Eigenschaften, die hilfreich sein können im Leben. Gar keine Frage. Und es geht auch gar nicht darum, das alles zu verteufeln. Aber Weisheit, Stärke und Reichtum – das ist es nicht, was mein Leben im Letzten zusammenhält; worauf ich für mein Leben bauen und mich unbedingt verlassen kann. Und wo wäre das deutlicher zu erleben, als gerade hier im Krankenhaus.

Natürlich erlebe ich hier – und erlebe es oft staunend -, was ärztliche Kunst und Weisheit alles vermögen. Und ich begegne hier starken Menschen und Persönlichkeiten. Und ich bekomme auch mit, wieviel Geld hinter so einem Krankenhausbetrieb steckt und stecken muss. Aber immer wieder gibt es auch Grenzen, wo all das nicht mehr weiterhilft. Wo Weisheit, Stärke und Reichtum nichts, aber gar nicht mehr zählen; sondern wo nur noch zählt: Worauf kann ich mich jetzt noch verlassen? Was hilft und was trägt mich jetzt noch hier durch?

"Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er mich kennt… spricht der Herr." Und wie das zugehen kann, liebe Gemeinde, das habe ich einmal in einem Gespräch erlebt, das mir eindrücklich in Erinnerung geblieben ist. Es war ein Gespräch mit einem älteren Herrn – am Vorabend vor einer sehr schweren Operation. Als ich zu ihm kam, war er ganz ruhig. Er erzählte von all den Voruntersuchungen, die gemacht worden waren – und sagte dann: "Die Ärzte machen das hier sehr gründlich. Sie geben sich viel Mühe und haben bisher getan, was sie tun konnten. Und mehr kann ich jetzt auch nicht mehr tun. Alles andere liegt jetzt in Gottes Hand."

Mich hat das tief beeindruckt. Diese ruhige Gelassenheit, das Vertrauen, dass für sein Leben im Letzten gesorgt ist; und dass er – was auch immer geschieht – in Gottes Hand ist und bleibt. Ich weiss nicht, ob ich selbst in einer ähnlichen Situation das ähnlich ruhig und gelassen sagen könnte. Aber ich will darauf vertrauen, dass uns Gott auch dann die nötige Kraft geben kann. Dann, wenn wir sie brauchen.

So, wie das Dietrich Bonhoeffer einmal sinngemäss formuliert hat: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Lage soviel Kraft gibt, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht Voraus; damit wir uns nicht auf uns selbst verlassen, sondern auf allein ihn.

Und darauf kommt in der Tat alles an: Gott als den tragenden Grund meines Lebens zu erkennen – und an ihm festzuhalten. Auch wenn seine Barmherzigkeit nicht immer mit Händen zu greifen ist; auch wenn sein Recht und seine Gerechtigkeit unseren menschlichen Augen oftmals verborgen sind. – Dennoch auf ihn zu vertrauen als den, der mein Leben hält und trägt, der es über alle Höhen und Tiefen hinweg an ein gutes Ziel bríngt.

"Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er mich kenne, spricht der Herr." Und wer sich so für sein Leben auf Gott verlässt, kann dann auch in Gottes Namen weise oder stark oder reich sein. Wird aber Weisheit, Stärke oder Reichtum nie und nimmer als seinen Besitz betrachten, sondern als gute Gaben Gottes. Ihm gegeben zum Leben. Und gegeben, um anderen Menschen beim Leben zu helfen.

Und so gesehen, liebe Gemeinde, müssten wir uns eigentlich wünschen, dass bei den Presbyteriumswahlen am kommenden / heutigen Sonntag eine ganze Reihe von weisen und starken Menschen gewählt würden – und genauso auch Menschen, die etwas vom Geld verstehen. Die braucht unsere Kirche auch. Die aber bei aller Weisheit und aller Stärke und allem Reichtum dennoch wissen, worauf es im Leben letztlich und entscheidend ankommt: Auf den, dessen Güte und Barmherzigkeit unser Leben trägt – und der es in alle Ewigkeit erhält.

drucken