Woarauf ihr euch einlassen könnt

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Weihnachten hat seine Geschichte, die beginnt mit den Worten „Es begab sich aber zu der Zeit“ – und wenn wir sie hören, dann wissen wir: jetzt ist Weihnachten. Aber Pfingsten?

Auch Pfingsten hat seine Geschichte, aber ihre Worte lösen in uns nichts vergleichbares aus. Da ist keine Krippen-, Hirten- oder Engelromantik, da sind nur unaussprechliche Ländernamen, die jedem Lektor das Herz in die Hose rutschen lassen, eine ungeheure Bewegung in der Geschichte und eine fremd anmutende Predigt des Apostels Petrus, die länger ist als der gelesene Abschnitt.

Manche sagen, Pfingsten sei die Geburtsstunde der Kirche und mit ihr beginne eine lange, wechselvolle Geschichte dieser Kirche, die bis heute noch nicht zu Ende ist, die jetzt mit deiner Taufe, Wanda, und mit deiner Konfirmation, Johannes, für alle sichtbar weitergeht.

Aber was passiert da, wo Menschen getauft werden oder zu dem Ja Gottes in der Taufe nun ihr eigenes Ja in der Konfirmation setzen? Worauf lassen sie sich/ihr euch ein mit eurem Ja? Was ist Kirche eigentlich, mit der sich manche so schwer tun, ohne die es aber traurig um unsere Städte und Dörfer aussähe.

Vielleicht kann uns bei diesen Fragen die alte Pfingstgeschichte helfen, Antworten zu finden und zu verstehen, was wir heute feiern.

„Wir hören sie in unseren Sprachen von den großen Taten Gottes reden“ Das ist für mich einer der Schlüsselsätze in dieser Geschichte, weil er genau beschreibt, was Kirche denn nun wirklich ist. Hier ist der Ort und die Zeit Gott ins Gespräch zu bringen, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Die Gemeinde, zu der du jetzt ganz und gar dazugehörst, soll eigentlich eine große Erzählgemeinschaft sein, in der wir uns gegenseitig erzählen, was wir mit Gott erlebt haben und Tag für Tag neu erleben. Große Taten oder große Wunder Gottes sind in jedem Leben zu entdecken. Allein schon das Geschenk des Lebens und das Wissen einen Weg vor mir zu haben, ist ein Wunder. Bis hierher bewahrt geblieben zu sein, Grund zum Lachen gehabt zu haben, in eine Familie hineinzuwachsen, um das tägliche Brot nicht bangen zu müssen – alles Wunder und alles andere als selbstverständlich. Wir sollten uns viel häufiger erzählen, was wir mit dem Glauben so alles erleben, wo wir Hilfe, Orientierung, innere Stärkung, Heilung an Leib und Seele erlebt haben. Schön wäre es, wenn auch andere ins Staunen kommen und über uns sagen würden: wir hören sie in unseren Sprachen, also so, dass wir es verstehen, von den großen Taten Gottes reden. Ist es letztlich doch unser aller Auftrag Gott weiterzuerzählen, damit es alle erfahren können, was für einen Gott wir haben, egal wer sie sind und woher sie kommen, was sie in der Vergangenheit waren oder in der Gegenwart sind. Die Gemeinde darf ein Ort sein, wo wir uns an diesen Gott wenden, ihm unser Leben, unsere Familie, unsere Freunde, manchmal auch unsere Gegner, unsere Stadt oder unser Dorf aufs Herz legen. Freude und Sorge, Ängste und Traurigkeiten, das Gefühl vor Glück fast platzen zu können oder in ein tiefes Loch zufallen dürfen hier ausgesprochen werden. Ein Ort, ein Haus, eine Gemeinschaft für alle Fälle und das ein Leben lang für einen jeden und eine jede von uns. Eine Gemeinschaft, die alle bekannten Grenzen sprengt.

Auch das ist eines der großen Wunder, dass hier heute zwar nur ein Mädchen getauft/ ein Jugendlicher konfirmiert wird, dass dieses Haus Kirche, diese Gemeinschaft aller, die in ihrem Leben auf Jesus Christus vertrauen und in der Taufe seine Nähe zugesagt bekommen haben, aber die ganze Welt umspannt und wächst. Wir sind nicht allein, sondern sind eine weltumfassende Familie. Am Anfang in Jerusalem waren es Menschen aus Phrygien, Pamphylien, Ägypten, Mesopotamien, heute sind es Christen aus allen Erdteilen und wir gehören dazu. Das kann, wenn wir es richtig begreifen und ernst nehmen die größte Völker verbindende Friedensbewegung sein. In den vielen kleinen und großen Partnerschaften zwischen Kirchengemeinden und Kirchenkreisen ist mir das deutlich geworden, wie groß die Chancen sind, Brücken zu bauen. Und das fängt schon bei den verschiedenen Generationen an, die hier in der Gemeinde zu Hause sind – von den Kindern bis zu den Senioren. Es wird so viel übereinander geredet, über die Kinder, die anders als Kinder in vergangenen Zeiten sind, über die Jugend, die keiner versteht, über die Alten, die immer alles so belassen wollen, wie es war, aber es wird viel zu wenig miteinander geredet und von den Lebenserfahrungen oder Lebensträumen erzählt. Dabei brauchen wir einander in
der Gemeinde, jung und alt, Männer und Frauen.

Und ein drittes und letztes entdecke ich mit der alten Pfingstgeschichte für uns. Begeisterung, brennende Leidenschaft und Bewegung, die in die Menschen kommt ist der Ausgangspunkt für das Werden und Wachsen von Kirche. Bei Kindern in der Christenlehre entdecke ich oft so eine Begeisterung und ein Feuer, mit dem sie dabei sind. Ich gebe zu unter Jugendlichen ist das dann mit der Begeisterung für die Sache des Glaubens so eine Sache. Auch uns ist diese Begeisterung oft nicht so abzuspüren, wie das am Anfang war, als man schon den Verdacht hegte, hier wäre wohl zuviel Wein mit im Spiel, oder wie es andere Kirchen an anderen Orten auch heute leben. Es kommt ja nicht von irgendwoher, dass viele denken und sagen: Kirche sei langweilig. Dabei bin ich mir sicher, dass sie gerade dies nicht ist. Es ist Begeisterung und Leidenschaft vorhanden und ich hoffe, dass jeder die Chance bekommt, davon etwas zu spüren und das wir aber auch den Mut finden, noch mehr Raum für Begeisterung zu lassen. Die sucht sich ihre eigenen Formen und ihre eigenen Menschen und ihre eigene Sprache, manchmal auch ihre eigenen Lieder, die sich dann zu den alten Liedern gesellen.

Letzten Endes ist es auch nicht unsere Sache „zu begeistern“, sondern Gottes Sache. Wenn wir uns allein auf unsere Kraft konzentrieren, wenn wir allein mit den Mitteln unserer Vernunft und Fantasie versuchen „Kirche“ attraktiv zu machen, werden wir scheitern. Gottes Geist weht, wo er will, aber er weht und pustet manchmal alles ganz schön durcheinander. Diesen Geist, den die Bibel auch den Beistand, den Tröster, Gottes Kraft nennt, den können wir gut gebrauchen. Und der ist uns auch versprochen.

Pfingsten ist also überall da, wo Menschen von den großen Taten Gottes erzählen, wo sie darüber trotz aller Unterschiede zusammenkommen und Brücken bauen, weil Gott sie selbst mit seinem guten Geist in Bewegung setzt. Einen besseren Tag für deine Taufe Wanda,/ für deine Konfirmation Johannes, hätten wir also gar nicht aussuchen können.

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