Wir sind Bettler; das ist wahr!

Liebe Gemeinde!

Der Staufenkaiser Friedrich II. ordnete – so wird erzählt – folgendes Experiment an: Er ließ neugeborene Kinder aus verschiedenen Ländern seines Reiches in einem Raum aufziehen, ohne dass mit ihnen gesprochen werden durfte. Den Ammen, die diesen Kinder Milch und Nahrung gaben, mit dem Wechsel der Windeln und Kleider beauftragt waren, wurde der Mund geknebelt, so dass sie nicht mit den Kindern sprechen konnten. Der Kaiser wollte auf diese Weise erfahren, welche Sprache diese Kinder von sich aus sprechen würden. Doch sie lernten überhaupt nicht sprechen, sondern sie starben. Sie starben deshalb, weil man kein Wort an sie gerichtet hatte. Wir brauchen gute Worte. Wir leben davon und sie müssen uns erst einmal von außen zugesprochen werden, ehe sie im Inneren wurzeln können. Nur so kann sich in unserer Seele Vertrauen bilden, Hoffnung, Zuversicht wachsen. In einem afrikanischen Sprichwort klingt das so: "Das Land in deinem Herzen/ kannst du nicht selbst bestellen./ Den Weg zu dir selbst/ kannst du nicht selbst finden./ Das Wort, das dir hilft,/ kannst du dir nicht selbst sagen." Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist ein solches Wort von außen. Er spricht "in Worten von bisher noch nie gehörter Großartigkeit und zugleich betörender Lockung" (Gerhard von Rad Theologie des AT II, S.251) Mut zu. Hören wir nun den Text!

[TEXT]

Die ersten Hörer und Hörerinnen waren die jüdischen Exulanten in Babylon, die den Worten wohl kaum rechten Glauben mehr schenken konnten oder wollten. Zuviel Zeit war vergangen. Aus den damals jungen Exulanten waren Alte geworden. Die nachfolgende Generation kannte die Heimat der Vorfahren nur aus den Erzählungen. Der Glaube an den in der Geschichte wirkende Gott war ihnen fremd geworden. Und die Alten, die davon erzählten, resignierten und klagten, dass Gott sie verlassen habe. Den Jüngeren war der babylonische Kult allgegenwärtig und seine Mythen beeinflussten auch ihr Denken und Tun. In diese Lage hinein spricht der uns unbekannte Prophet das Wort: "Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist." Heute am 18. Februar jährt sich zum 455. Mal der Todestag Martin Luthers. In seinem jungen Jahren war er ein Suchender, ein Rufender nach Gott. Trotz aller seiner Anstrengungen um ein frommes Leben und um gute Werke konnte er nichts anderesfeststellen: "Die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Höllen muss ich sinken." Als er dann durch ein Wort des Paulus den "gnädigen Gott" entdeckte, da bricht der Jubel über diesen ganz anderen Gott aus ihm heraus: "Er wandt zu mir sein Vaterherz, es war für ihn fürwahr kein Scherz, er ließ’s sein Bestes kosten." Gott heißt für ihn nunmehr- wie er sagt- "Leben, Licht, Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, Macht, Freude, Ehre, Friede, Seligkeit und alles Gute." Und im Vertrauen auf Gottes wirksames Wort konnte er gar nicht anders als weitersagen, was er als Evangelium erkannt hat: Allein aus Glauben bin ich gerettet.

"… soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken." (V.9) Die ersten Hörer und Hörerinnen sollte dieser Hinweis helfen, aus ihrem engen Horizont der Erfahrung herauszukommen, wieder Gottvertrauen zu lernen. Und das nicht aus dem Grund heraus, weil Gottes Gedanken und Wege den irdischen Gedanken und Wegen so himmelhoch überlegen sind. Nein, himmelhoch überlegen sind Gottes Gedanken und Wege, weil sie unser Gottesbild sozusagen auf den Kopf stellen. Ja, himmelhoch überlegen sind Gottes Gedanken und Wege, weil sie ihn aus seinem Himmel in unser Elend führen. Ihn rührt die Not seiner Menschen an. Wie schwer das zu glauben fällt, mach die schöne Erzählung von Jona anschaulich, der mit Ninive abgerechnet hatte und am Rande der Stadt nur noch genüßlich auf Gottes Strafgericht über diese gottlose Stadt wartete. Als es dann ganz anders kam, verdross es Jona, so dass er sich im Gespräch mit Gott bitter darüber beklagte und noch einmal zum Ausdruck brachte, wovor er in Wahrheit nach Tarsis flüchten wollte: "Ich wusste ja, dass du gnädig , barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und dich des Übels gereuen läßt." (Jona 4,2) Gott als einen Gott der Vergebung und des Erbarmens zu erkennen und darauf zu trauen, darum kann man immer nur werben, so wie Gott es tut mit dem zornigen Jona. Die ihm Schatten spendende Rhizinusstaude läßt er über Nacht eingehen, was erneut den Unmut und Zorn Jonas wegen der sengenden Sonne, der er nun ausgesetzt ist, erregt. Und Gott fragt ihn zurück: "und mich sollte nicht jammern Ninive, eine solch große Stadt …?" (Jona 4,11)

Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein …(V.10f) Martin Luther sagt es in seiner Auslegung von diesem Vers so: "Dass die Erde Frucht bringt, dafür ist nicht der Erde, sondern dem Regen und Schnee der Ruhm zuzuschreiben. So wirkt auch das Wort in uns, das wir fruchtbar werden und gute Werke tun, nachdem wir durch das Vertrauen auf die Barmherzigkeit, welches uns das Wort vorträgt, gerecht geworden sind." Gerechtigkeit ist ja für Luther dasjenige, was Gottes Wort am Menschen schaftt, um ihn wieder recht zu machen in der Beziehung zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zu Gott. So ein Zurechtbringen muss nicht so spektakulär zugehen wie bei Saulus vor Damaskus. Es kann auch viel leiser und verborgener vor sich gehen, wie Regen und Schnee in den Boden eindringt und ihn fruchtbar macht, oder wie ein Weizenkorn, das in die Erde fällt und sterben muss, um Frucht zu bringen. Dieses Bilder haben es an sich, dass sie unseren Blick über die Gerechtmachung des Menschen in die ganze Natur weiten, deren Berge und Hügel zu frohlocken beginnen und deren Bäume auf dem Felde sogar in die Hände klatschen, wenn der Himmel sein Werk an der Erde tut und Gott sich mit dem Menschen in der Kraft des fleischgewordenen Wortes vereint. Allein das Wort – mehr haben wir nicht – und mehr brauchen wir nicht. Es ist uns anvertraut,damit wir es hinaustragen in unsere Zeit. Wir haben keine Katastrophenreligion zu verbreiten, wir brauchen nicht zu schweigen in einer scheinbar gottvergessenen Welt, wir haben das Lebenswort zu sagen : "Es sollen Zypressen statt Dornen wachsen und Myrten statt Nesseln." (V.13) Woher kommt solche Vision?

Aus der Gelassenheit des Glaubens. Martin Niemöller, dessen Lebensweg vom Uboot zur Kanzel führte, erinnert daran, wenn er sagt: "Wir haben uns nicht zu fragen, wieviel wir uns zutrauen, sondern wir werden gefragt, ob wir Gottes Wort zutrauen, das es Gottes Wort ist und tut, was es sagt." Aus der Demut vor dem Wort. Auf dem Sterbebett Martin Luthers fand man einen Zettel mit seinen zuletzt niedergeschriebenen Gedanken über die Größe und Wahrheit der heiligen Schrift. Am Ende steht der kleine Satz: "Wir sind Bettler; das ist wahr!"

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