Wieviel Nähe braucht der Mensch?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

„was für eine Zumutung“, las ich in einer Randglosse zu unserem Predigtext, „ von einem richtenden Gott zu reden“.

Heute sei es nicht mehr der Mensch, der sich für sein Tun und Lassen vor Gott zu verantworten habe , es sei Gott, der im Zeitalter der Patchworkreligiosität zwischen Esoterik und asiatischen Religionen seine Existenzberechtigung und seinen Nutzen für den Verbraucher –damit sind wir gemeint – unter Beweis stellen muss.
Was für eine Zumutung sagen also manche zu diesen Paulusworten. Und ich kann ihnen eigentlich nicht ganz folgen.

Denn das es jemanden geben muss, der am Ende alles ins rechte Lot bringt, alles richtet, was krumm, verbogen, unvollkommen auch in mir und an mir ist, einer, den Opfern über die Jahrhunderte hinweg endlich ihr Recht gibt, war für mich nie wirklich zweifelhaft. Sünde, und davon war ja am letzten Sonntag die Rede, ist eine nicht zu leugnende Wirklichkeit unter uns Menschen. Und dass ich, dass wir am Ende dann gut wegkommen, das können wir dann doch zumindest hoffen.

Nein , die eigentliche Zumutung , in dem was Paulus den Römern dringend zu sagen hat, liegt für mich ganz wo anders: In der Selbstverständlichkeit, in der er uns nicht nur hinterfragt: was richtest du deinen Bruder – oder was verachtest du deinen Bruder. In der Selbstverständlichkeit, mit der er mein Gegenüber – und er schreibt ja im Kontext einer Gemeinde – zu meinem Bruder, zu meiner Schwester erklärt.
Die eigentliche Zumutung scheint doch die Nähe zu sein, die er uns abverlangt. Wer in einer Familie mit mehreren Kindern aufgewachsen ist, weiß wie schön es sein kann, zu einer großen Familie zu gehören und denkt vielleicht gerne an die bunten und fröhlichen Familienfeste zurück, erinnert sich, wie gut es tut, wenn jemand da ist, der hilft und zur Seite steht, wenn die Probleme einem über den Kopf wachsen. Aber wer in einer Familie mit mehreren Kindern aufgewachsen ist, erinnert sich vielleicht auch an die schmerzhaften Konflikte unter Geschwistern oder den verschiedenen Generationen.

Ich weiß nicht, ob ihnen es noch auffällt, wenn eine Predigt mit den Worten „liebe Schwestern und Brüder“ beginnt, ob es sie anspricht oder abstößt, ob sie dann Nähe oder Distanz spüren. Ich habe mich zu Beginn meines Studium immer unwohl gefühlt, wenn dieser Titel Bruder oder Schwester nur dem Amtsbruder oder der Amtsschwester galt und nicht mehr unser aller Verhältnis untereinander meinte.

Im Laufe der Zeit habe ich mich dann aber immer wieder einmal gefragt, ob wir denn eigentlich soviel Nähe wollen, wie diese Anrede ausdrückt. Wie ist es denn unter uns zum Beispiel heute morgen? Wir haben uns zum Gottesdienst in dieser wunderschönen Kirche versammelt, 70 oder 80 oder ein paar mehr von 3.000 Gemeindegliedern, wir haben ein paar Gäste unter uns, wir sind gut verteilt auf diesen Raum, gleichmäßig, nirgends zu viel. Einige kennen sich gut und sitzen zusammen. Andere haben einen Lieblingsplatz, von dem aus sie gut sehen und hören können. Manche sind auch in dem einen oder anderen Gemeindekreis zu Hause, aber da bleibt man meist unter sich in vertrauter Runde.

Wenn wir nachher Abendmahl miteinander feiern, stehen wir in einem großen Kreis , aber sind wir dann nicht doch auch für uns, ein jeder für sich vor Gott ? Möchte ich so viel Nähe, dass ich meinem Nachbarn nach dem Abendmahl die Hand reiche, ihm einen Friedensgruß mit auf den Weg gebe oder fühle ich mich genötigt? Darin , dass unser Miteinander als eines von Geschwistern beschreiben wird, liegt in der Tat eine Zumutung und Herausforderung, die, so glaube ich, uns allerdings nur dann überfordert, wenn wir sie moralisierend interpretieren. Wenn Geschwisterlichkeit allein mit Harmonie und Konfliktfreiheit, mit herzlicher Zuneigung und Sympathie verstanden wird, in der es keine Unterschiede, auch keine unterschiedlichen Lebens- und Glaubensweisen geben darf, in der einer weiß, was für alle gültig und richtig ist.
Das kann uns die Situation in Rom lehren, die Paulus vorgefunden hat und auf die er reagiert.

Da ist in der Hauptstadt des römischen Reiches eine Gemeinde gewachsen, die aus Christen jüdischer Abstammung und Christen aus den vielen Völkern des römischen Reiches bestand. Da gab es ganz unterschiedlichen Traditionen und Gewohnheiten. Die einen hielten an den jüdischen SpeisevorschrifteSpeisevorschriften und Feiertagen fest, die anderen fühlten sich frei davon. Nur das einfache Nebeneinander unterschiedlicher Gewohnheiten in einer Gemeinde war für manche unerträglich. Da ist es ganz egal, wer der vermeintlich Stärkere oder Schwächere sei.

Toleranz mahnt Paulus an, eine Lebensweise, die den anderen nicht bedrängt, sondern ihm seinen Raum lässt, den doch im Kern gemeinsamen Glauben zu leben, den einem mit Speisevorschriften, den anderen ohne.

Zehn Tage waren Gäste aus Rumänien hier im Kirchenkreis und sie haben uns in den Begegnungen und im Erzählen einen tiefen Einblick gegeben in die Art, wie sie in der Vergangenheit und in der Gegenwart als evangelische Kirche deutschstämmiger Rumänen leben. Lange Zeit war das evangelische Bekenntnis mitten unter orthodoxen Christen, wenn ich es richtig begriffen habe, der Weg auch die eigene Identität als Nachkommen der deutschen Einwanderer zu bewahren. Die eigene Kultur, die eigene Sprache, die eigene Tradition war identisch mit dieser evangelischen Kirche. Heute leben viele Gemeindeglieder in der Bundesrepublik, aber sie sind verbunden mit ihrem alten Ort und ihrer alten Gemeinde. Organisiert in Nachbarschaften hält man Kontakt zueinander und entdeckt in Zeiden heute neu andere Nachbarschaften, nämlich die zu den Rumänen, die ihre Stadt nicht Zeiden, sondern Codlea nennen.

Mir ist dieser Begriff Nachbarschaft sympathisch. Er hilft auch uns zu begreifen, was wir Christen füreinander sein können: Nachbarn. Und er hilft uns nach unsren Nachbarschaften hier in Templin zu fragen, in den wir leben.
Wer sind denn unsere Nachbarn, vor denen wir unsre Türen nicht abschotten müssen.

Nicht orthodoxe Christen, aber konfessionslose Menschen, die nie die Chance hatten in eine christliche Familie hineinzuwachsen, Bewohner des Waldhofes, die selbstverständlich Sonntag für Sonntag mit uns zusammen hier Gottesdienst feiern. Gerade im Sommer die Menschen, die die Uckermark besuchen , um hier Ruhe und Erholung zu finden.
Die Jugendlichen, die den Jugendkeller besuchen, auch wenn sie gar nicht genau wissen, was denn Kirche eigentlich ist.

Die Bewohner der Engelsburg, mit denen ich am Freitag Gottesdienst gefeiert habe und die durch Alkoholmissbrauch schwerst geschädigt und auf Hilfe anderer angewiesen sind.
Wir leben in Nachbarschaft, wissen voneinander, können einander begegnen und trotz allem muss es keine bedingungslose , unbegrenzte Nähe sein.
Nachbarschaft ist Nähe und Distanz zugleich, so wie wir in der Gemeinde leben und zu Hause sind und dennoch auch noch unsere Familien haben. So haben Stärken und Schwächen, Freiheit und Toleranz ihren Raum, so sind wir nicht Anstoß, sondern Anregung.

Solche Zumutung ertrage ich dann gerne, sie macht mir Mut zu neuen Begegnungen und Erfahrungen unter Glaubensgeschwistern und -nachbarn und schenkt mir dann auch wieder die Freiheit des Rückzugs, die ich brauche. Wenn ich so mein Verhältnis zu den Menschen, mit denen ich zusammenlebe neu bestimmt habe, dann leuchtet mir unmittelbar ein, was Paulus als Verhaltensregeln beschreibt: gute Nachbarschaft braucht Toleranz, braucht gegenseitige Rücksichtnahme, braucht Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang miteinander.

Das Gericht von dem Paulus spricht, ist dann nicht so sehr eine Drohkulisse, die aufgebaut wird, so als könnte man Nachbarschaft und Geschwisterlichkeit, Offenheit und Ehrlichkeit erzwingen, sondern erinnert daran, dass diese Offenheit und Ehrlichkeit vor Gott längst besteht. Denn er kennt uns, er erkennt uns, er liest in uns. Und was vor Gott offen ist, muss ich nicht mehr verbergen.

Also lassen wir uns einladen zu guter und offener, zu ehrlicher und geschwisterlicher Nachbarschaft, in der jeder lebensnotwendige Nähe und ihm liebe Distanz findet und freuen wir uns an Gottes Nähe und seiner Vertrautheit.

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