Wie weit gehen wir, wenn wir Menschen gewinnen wollen?

Liebe Gemeinde,

Kirche, wohin gehst Du, diese Frage stellen wir uns immer wieder. Wie sieht unser Weg aus und was ist unsere Aufgabe in dieser Welt. Und diese Frage bricht vor allem dann auf, wenn es an irgendeiner Stelle nicht mehr so weiter geht, wie bisher. Wenn z.B. Mitarbeiter weniger werden und die vertrauten Formen nicht mehr zu halten sind. Oder wenn sich Gottesdienst-Zeiten ändern müssen. Wenn der Konfirmandenunterricht nicht mehr wöchentlich sein kann, weil man die Jugendlichen gar nicht alle zugleich zusammenbekommt. Wenn der Gemeindegesang nachlässt, weil immer weniger Menschen die alten Lieder kennen und singen wollen. Was soll dann nur werden? Wie wird z.B. in zwanzig Jahren unser Gottesdienst aussehen, werden wir dann noch das Geld zum Heizen haben, wird unser Kirchendach fertig sein oder werden wir es hineinregnen lassen? Gibt’s dann noch einen Jugendchor oder findet sich niemand mehr, der der Gemeinde diese Freude macht.

Kirche, wohin gehst du? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, weil wir immer von dem aus denken, was wir gewohnt sind und von dem wir denken, es muss so sein. Dabei ist es in jeder Gemeinde sowieso anders. Aber was ist denn nun wirklich gut für uns, was ist unsere Aufgabe. Sind wir dazu da, uns selber zu erhalten, und wie machen wir das?

Als Jesus lebte, gab es noch gar keine Kirche. Und erst nach seiner Auferstehung entstanden ganz langsam christliche Gemeinden. Und die haben dann gefragt, wie sollen wir leben, wie hat Jesus gelebt, was ist unser Auftrag, wenn er sagt: geht hin in alle Welt. Und Stück um Stück haben sich dann Formen herausgebildet, in denen sie sich versammelt haben, es sind Strukturen entstanden, in denen es Dienste gab, es sind Ämter entstanden, die bestimmte Aufgaben wahrzunehmen hatten. Bei Jesus war das noch nicht so. Er hat einfach geredet und gehandelt, wie er Gott verstanden hat. Das wird aus dieser Geschichte, aus dem Text für heute sehr deutlich. Und vielleicht sind das auch Impulse für die Kirche von morgen und übermorgen.

Das erste, was passiert, ist, dass Jesus einen Menschen anspricht, der nun nicht gerade zu den Frommen gehörte. Zöllner waren alles andere als beliebte Leute. Dazu kommt, dass Jesus den Menschen wohl nur flüchtig kannte. Jesus war unterwegs, hatte zuvor einen Menschen geheilt, und kommt auf seinem Weg am Zoll vorbei. Und er spricht den Zöllner an: komm mit mir mit. Und der tut das auch. Komm mit, das heißt, begleite mich, lass dich auf mich ein, schau, wie ich es mache, sei mein Schüler. Denn das gab es oft – Lehrer hatten eine Anzahl von Schülern um sich, die sich sozusagen abguckten, was der Meister tat und sagte. Jesus geht also nicht zu jenen, die sowieso jeden Tag im Tempel waren und sagt zu denen: Hier könnt ihr noch was lernen. Sondern er nimmt einen mit, der gar nicht viele Voraussetzungen hatte. Der nicht drinsteckte in Traditionen und Ordnungen, ja der als Sünder verschrien war und gar kein Recht hatte, mit diesem Sohn Gottes mitzugehn. Und mit so einem baut Jesus seine erste kleine Gruppe auf.

Vielleicht haben wir diese Leute aus dem Blick verloren, nicht wir heute allein, sondern als Kirche. Und sie haben uns aus dem Blick verloren. Natürlich, wenn wir sie mitnehmen, sie reden eine andere Sprache, sie bringen Ungewohntes. Ich merke das in der Schule im Religionsunterricht. Die da kommen, sind ja angemeldet und sie sind ganz bestimmt auch offen für Kirche, aber sie kommen da nicht mehr hin. Kirche, und sie meinen: diese jetzige Kirche, ist out. Und niemand holt sie rein. Der Konfirmandenunterricht hat immer das gleiche Schema und der reicht nicht sehr weit, allenfalls bis 14. Oder die Menschen, die auf dem Fußballplatz stehen, begeistert für den Sport, oder die Jugendlichen vor der Disco, wer nimmt sie mit?

Jesus treibt es noch weiter. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber wenn ich mir jemanden zum Essen einlade, dann ist das ein Angebot zur Gemeinschaft. Miteinander essen ist eine fast intime Sache. Auch heute noch. Nicht umsonst ist es ein Höhepunkt, wenn man mit wichtigem Besuch in eine Gaststätte gut essen geht. Und Politiker verhandeln oftmals beim Essen. Beim Essen kommt man sich näher, wird vertraut. Jesus macht das Ungewohnte. Er lädt sich zum Essen Leute ein, die man nicht einlud. Zöllner, Sünder, was immer das alles gewesen sein mag. Und die Empörung ist groß. Solche haben doch in der Gemeinschaft nichts zu suchen. Solche verderben die Sitten. Solche sollen sich erst mal anpassen und ändern. Nun würden wir das von uns weisen, dass wir etwa auch so sind oder als Kirche gar andere nicht hereinlassen. Wir sagen: die kommen doch gar nicht. Jeden Sonntag läuten die Glocken und sie kommen nicht. Stimmt, aber vielleicht kommt gar keiner mehr an unseren Tisch, weil der Tisch schon lange abgeschlossen ist. Wie kann Kirche aussehen, dass sie einladend ist. Wie decken wir den Tisch, um im Bilde zu bleiben, dass er auch die einlädt, die sonst keinen Platz daran haben.

Ich nehme ja auch nur dort Platz, wo ich mich wohl fühle. Ich nehme ja auch nur dort Platz, wo ich ein Stück sein kann, wie ich bin. Wir sagen da sehr schnell: wer kommen will, der wird schon kommen. Aber so ist es nicht. Es gibt genügend andere Tische, wo Menschen ihren Platz finden und sich zudem wohl fühlen. Sind wir bereit, als Kirche für die etwas zu ändern, die eben sonst draußen bleiben. Für Jesus haben sie Vorrang. Und sicherlich geht es dann bei seinem Essen anders zu, als wenn er es mit den Frommen Leuten macht. Wie weit gehen wir, wenn wir Menschen gewinnen wollen. Wie weit stecken wir zurück, von dem, was wir gewohnt sind oder was uns entgegen kommt. In einer Gemeinde, wo es schwer ist, wegen des Pfarrermangels Sonntags einen Gottesdienst zu halten, machte jemand einen Vorschlag: wie wärs denn mal mit Sonnabend abend. Kirchenrechtlich ist das sogar erlaubt. Aber, man ahnt es schon, es ging kein Weg rein. Und das noch nicht einmal für andere, sondern als Selbstzweck.

Wie aber gestalten wir unsere Kirche, mal unabhängig von dem Denken, wie wir es für richtig halten und wie es eben auch für uns bequem ist, wie gestalten wir unsere Kirche, dass wir die reinholen, an die wir gar nicht denken. Da gibt es viele einzelne Themen, über die wir jetzt diskutieren könnten, die Frage ist aber eben: von wo aus diskutieren wir, aus welcher Sicht. Jesus macht es vor und die Frage heißt: machen wir es nach oder dann lieber doch nicht, weil es vielleicht auch an unserer eigenen Bequemlichkeit scheitert? Die Kranken brauchen den Arzt, sagt Jesus, und die, die es nötig haben, haben es nötig. Die Gesunden, die, die hier zu Hause sind, die alles kennen, die müssen zurückstehen. Sind wir dazu bereit?

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