Wie Jesus kann ich nicht sein

Liebe Gemeinde,

kann man Liebe gebieten? So schön die Worte aus dem Johannesbrief klingen, so unwahrscheinlich mutet an, dass sie umzusetzen sind. Vielleicht kennen Sie
das doch auch: Da ist Ihnen ein Mensch aus tiefster Seele unsympathisch. Nicht einfach so, sondern anscheinend aus gutem Grund. Der Versicherungsvertreter zum Beispiel, der mich damals so über den Tisch gezogen hat. Und der in schleimiger Freundlichkeit dennoch immer wieder Anläufe nimmt, die Sache im Guten zu regeln. Oder, noch schwieriger, die Kusine, die bei der Beerdigung von Tante Erna laut sagen musste, Vetter Paul habe bei der Trauerfeier nichts zu suchen, schließlich habe er sich auch am Krankenbett der Tante niemals blicken lassen. Diese Kusine würde ich doch bei meinem Geburtstag am liebsten gar nicht erst reinlassen. Aber dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. Es ist wenig tröstlich, wenn wir feststellen, dass auch
erklärtermaßen christliche Politiker sich mit der Bruderliebe schwer tun und in Hass-Tiraden ausbrechen können, die Kriege legitim erscheinen lassen. Liebe, so scheint es, kommt aus dem Bauch, ebenso wie Hass, und da lässt sich wenig gebieten. “Liebe ist Christenpflicht”, habe ich schon oft gehört – und das Ergebnis war zuweilen eine Liebe, die nicht so ganz überzeugend rüberkam. Das, was unter dem Etikett “christliche Nächstenliebe”, auch in unseren Gemeinden, so praktiziert wird, hat oft etwas ziemlich Gekünsteltes und Gezwungenes. Woran liegt das? Manchmal ist es ja so, dass wir Angst haben, auf andere zuzugehen, eine gewisse Scheu davor, wie der andere reagieren wird. Wenn ich ihm Zuneigung zeige, gebe ich mir eine Blöße, mache mich verwundbar, denn der kann die Liebe ja zurückweisen. 18 Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; Ich finde, dieses Wort “Furcht ist nicht in der Liebe” ist ein sehr guter Gradmesser dafür, dass wir merken können, wo wir wirklich lieben und auch, wo wir geliebt werden. Das gilt sogar für die Liebe, an die wir zuallerst denken, wenn das Wort genannt wird, für die Liebe zwischen zwei Menschen. Ist es wirklich eine freiwillige Sache, dass man auf die Frage: “Liebst du mich?” mit “Ja” antwortet? Wie oft steckt doch auch ein Stück Angst dahinter. Wer kennt nicht aus dem näheren Umfeld Beziehungen, die durch Angst zusammengehalten werden. Da ist entweder der Ehemann oder die Frau von sehr besitzergreifendem Wesen. “Ich liebe dich, doch dann musst du auch tun, was ich will.” So wird Macht über den anderen ausgeübt – und dabei ist es doch so, dass der Satz: “Ich liebe dich – du gehörst mir” ein großes Maß an Gewalt enthält. “Wenn du mich wirklicht liebst, dann tust du, was ich will”, so wird die Würde des Partners missachtet und seine Empfindungen werden missbraucht. Ich glaube, wir sollten uns einmal selbst hinterfragen, ob wir unseren Geschwistern nicht vielleicht Anlass dazu bieten, dass ihre Liebe in Hass umschlagen kann. Vollkommen sein in der Liebe, dazu gehören immer zwei Teile.

Auch mit der Liebe der Eltern zum Kind und umgekehrt ist es so eine Sache. Es heißt zwar, dass wir Vater und Mutter ehren sollen, nicht aber, dass wir Angst vor ihnen haben sollen. Aber wie oft sieht das ganz anders aus: Eltern drohen ihren Kindern mit Liebesentzug: Wenn du deinen Teller nicht leer isst, hat Mama dich nicht mehr lieb, das ist der Anfang. Es kann weiter gehen bis dahin, dass ein ganzes Erwchsenenleben misslingt, weil Eltern ihr Kind nicht loslassen und mit Ketten fesseln, die sie Liebe nennen: “Mit dem Mann brauchts Du nicht mehr nach Hause zu kommen”. Schlimm ist eine Form, die gerade in frommen Familien nicht selten vorkommt. Eltern drohen ihren Kindern damit, dass Gott seine Liebe von ihnen wegnimmt: “Wenn Du ein so schlechtes Zeugnis hast, hat Gott Dich nicht mehr lieb.” Das geht manchmal viel weiter, als es auf den ersten Blick auffällt. Dann fürchtet ein Mensch bis ins Erwachsenenalter gleich doppelten Liebesentzug, den der Eltern und den Gottes, wenn er einmal daneben gegriffen hat. “Das kann ich meinen Eltern nicht antun”, sagt jemand dann auch mal, wenn es um eine Entscheidung geht, die für ihn selbst lebens- oder überlebenswichtig wäre.
Wie leicht sind wir oft auch dabei, wenn es darum geht, ein wenig liebenswertes Gottesbild zu zeichnen: “Gott sieht alles”, dies als Drohung, das pervertiert den Satz “Gott ist die Liebe”. Welches Kind soll einen Gott lieben, der mit strafendem Blick in sein Tagebuch schaut, in dem es seinen Träumen und Ängsten Luft macht, einen Gott, der drohend den Finger hebt, wenn heimlich genascht wird oder wenn das Händchenhalten mit dem ersten Freund begonnen hat, ohne dass die Eltern davon wissen sollen” denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.” Daran denken auch heute christliche Erzieher eher selten. Und wer Angst vor Gott hat, kann ihn kaum vorbehaltlos lieben. Das hat auch Auswirkungen auf die Liebe zu anderen Menschen. Natürlich sieht Gott alles, aber er sieht es mit den Augen der Liebe. Er kennt doch alle unsere Schwächen und hat uns trotzdem, ja vielleicht auch gerade deshalb so unendlich gerne. Er ist bei uns auch in ganz peinlichen und fürchterlichen Situationen und macht sich über niemanden lustig. Das ist doch Liebe, jemanden so anzunehmen, wie er ist. Mir fällt dazu immer ein Gedicht von Erich Fried ein: Es heißt “Dich”:

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer und nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir Sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist

Merkwürdigerweise kann ich es sehr gut auf Gott beziehen, genauso leicht, wie auf Menschen, die mir besonders am Herzen liegen. “Gott ist die Liebe”, ist das nicht der Spitzensatz der Bibel: „Gott ist die Liebe.“ Dieser Satz soll heute, er sollte viel öfter, immer wieder, gepredigt werden – trotz allem, was ansonsten noch berechtigterweise zu Gott zu sagen wäre und was darüber hinaus noch über ihn in der Bibel zu finden ist (die Bibel redet auch vom zornigen oder schweigenden und unbegreiflichen Gott!). Gerade in diesem Jahr, in dem die Briefe des neuen Testaments Predigttexte sind, geht es meist Ermahnungen, Zurechtweisungen und Erinnerungen. Die sind zwar manchmal nötig. Aber viel nötiger haben wir alle die Sprache des froh- und freimachenden Evangeliums, aus dem wir Trost, Kraft, Mut und Freude empfangen und das wir für unser Leben brauchen. Nur dann, wenn wir froh und ohne Angst sind, sind wir offen dafür, auf andere zuzugehen und sie so zu lieben, wie wir uns geliebt fühlen. Sie kennen das doch sicher auch: An einem Tag, an dem Sie selbst viel Zuwendung erfahren haben, vielleicht mal ganz unverhofft, da drängt es, auch etwas davon weiterzugeben. Wenn Sie an Ihrem Geburtstag morgens schon umarmt worden sind, vielleicht ja nur mit Worten, dann werden Sie an diesem Tag ganz anders zur Arbeit gehen und vielleicht auch für den nervigen Kollegen, der Ihnen die ganze Zeit schon stinkt, ein paar heitere Worte übrig haben. Sie sehen an diesem Tag nicht so sehr seine unangenehmen Seiten wie erst am Vortag, als Sie selbst gerade schon früh von einem Polizisten angeblafft worden sind. Zu wissen, dass wir einen Gott haben, der die Liebe selbst ist, das ist doch wie jeden Tag Geburtstag. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt, das wird damit viel, viel leichter, ja irgendwie selbstverständlich. Dazu brauchen wir uns nicht zu überwinden und zu zwingen. Schwieriger ist es schon, die Liebe Gottes an sich heranzulassen und wirklich zu glauben, dass sie einfach da ist, immer, dass sie nichts fordert, nichts erwartet, aber alles schenkt. Dazu brauchen wir etwas Konkretes, und das Konkrete ist die Geschichte mit Jesus Christus, der auf der einen Seite war wie wir: Manchmal traurig, manchmal zornig, sogar auf Menschen, die mit ihm verwandt waren. Gerade, wenn wir den traurigen oder den wütenden Jesus erleben, dann können wir uns ja meistens ganz gut identifzieren. Wir sehen aber auf der anderen Seite auch den, der ganz selbstverständlich an der Seite derer war, die dringend Liebe brauchten: bei Kranken an Körper und Seele, bei verbitterten, verschlossenen und ausgeschlossenen Menschen. “Nein, wie Jesus kann ich nicht sein”, werden Sie sagen. Das kann, das muss ja auch niemand von uns. Das, was wir selbst nicht schaffen, hat er uns ja darum schon abgenommen. Aber ein bisschen ähnlich sind wir ihm schon, denn schließlich war er unser Bruder. Wir haben diese Fähigkeit zur Liebe mitbekommen, sie ist es, die unserem Leben die Richtung gibt: hinauf zum Himmel und verwandelt zurück in diese Welt. Einen schönen Satz hat dafür Eugen Drewermann gefunden: Die Ewigkeit des Lebens kann nur glauben, wer die Liebe selbst für ewig hält. Jesus ist der, dem wir glauben können, dass die Liebe, die Gott ist, niemals vergeht.

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