Wie bekomme ich ein friedevolles Leben?

Liebe Gemeinde,

wie bekomme ich ein friedevolles Leben?

Wenn jemand mich ungerecht behandelt, meine Grenzen überschreitet, mit mir missachtend umgeht, dann gibt es mehrere Möglichkeiten:

1. Ich kann wütend werden. Das Gute daran ist, dass ich meinen Ärger nicht in mich reinfressen muss. Die Gefahr dabei ist, dass ich in einen langen und belastenden Streit hineingezogen werde. Die Gefahr dabei ist also, dass ich selbst zu sehr Schaden dabei nehme.

2. Möglichkeit: Ich lasse den Angriff an mir abprallen. Der Vorteil ist, dass kein langer Streit entsteht. Vielleicht war mein Gegenüber nur unvorsichtig und unachtsam und es ist langfristig das Geschickteste, dieses Verhalten nicht auf die Goldwaage zu legen. Der Nachteil dabei ist, dass ich andere Wege finden muss, mit meinem Ärger umzugehen. Und die Frage ist ja auch, wie bekomme ich mein Gegenüber dazu, mit dem schlechten Verhalten mir gegenüber aufzuhören.

Die dritte Möglichkeit, und das ist die, die wohl am häufigsten angewandt wird, ist eine Mischung aus der ersten und der zweiten Möglichkeit. Idealerweise dosiere ich also meine Verteidigung geschickt. Dabei spielt eine große Rolle, wie mächtig mein Gegenüber ist. Gegenüber dem Chef handelt man automatisch anders als gegenüber jemandem, der keine Macht über einen hat. Nicht umsonst sieht man so viele im Berufsverkehr am Nachmittag ihren Ärger beim Autofahren ausdrücken.
Was sagt nun der christliche Glaube dazu?

Hören wir darauf, was unser Predigttext uns zu sagen hat. Ich lese Röm 5,1-11 (Luther):

[TEXT]

Dieser Predigttext wird eingerahmt von den Worten „Frieden“ und „Versöhnung“. Friede und Versöhnung: das hat Gott mit uns vor. Dazu sollen wir gelangen. Das soll von Christus her auf unser Leben ausstrahlen. Am Anfang heißt es: Da wir nun (a) gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir (b) Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. Am Ende heißt es: Durch Jesus Christus haben wir jetzt die Versöhnung empfangen.

Frieden und Versöhnung sind also das Ziel. Wie kommen wir aber dahin. Wie bekommen wir ein friedevolles Leben?

Die Bibel ist nicht naiv. Immer wieder kommt die Erfahrung vor, dass Feinde übel mit mir umspringen. Die Psalmen sind voller Zorn über die Menschen, die mich schlecht, ungerecht und unachtsam behandeln. Wie aber kommen wir raus aus dem Kreislauf des Zorns, der wechselseitigen Verletzungen und Kränkungen? Wie kommen wir raus aus dem Teufelskreis, der so leicht eine Abwärtsspirale wird, bei der es am Ende allen schlechter geht?

Hierzu zeigt uns der Predigttext einen anderen Kreislauf auf, der uns nach oben führt: Trübsal bringt Geduld. Geduld bringt Bewährung. Bewährung bringt Hoffnung. Hoffnung aber öffnet uns für die Liebe Gottes, die doch schon längst ausgegossen ist in unser Herz.

Ich will an einem Beispiel zeigen, was das heißen könnte. Da hat mich jemand übers Ohr gehauen. Statt der vereinbarten 300 Euro verlangt er das Doppelte. Bei einer Firma könnte ich jetzt einfach nicht zahlen. Das Problem ist: mit dieser Person habe ich dauerhaft zu tun. Wir können den Kontakt nicht vollständig einstellen. Deshalb ist es wirklich fahrlässig, dass der sich so benimmt. Die ganze Gemeinschaft nimmt Schaden bei einem solch egoistischen Verhalten. Nun ist aber das Kind in den Brunnen gefallen und es kommt jetzt auf Schadenbegrenzung an. Was ist jetzt nun das Beste für mich und für die ganze Gemeinschaft (sei es Familie oder Firma)? Ich kann die Trübsal, die mir zugefügt wurde, in Geduld zu tragen versuchen. Das ist überhaupt nicht einfach. Mein Ärger muss ja irgendwo hin. Und vermutlich reicht es nicht aus, wenn ich mein Sofakissen bearbeite und mir dabei vorstelle, das wäre mein Gegner. Ich brauche jemanden, mit dem ich reden kann. Und eine große Hilfe dabei ist das Gebet. Eine große Hilfe sind die Psalmen, die Gott um Hilfe gegen ungerechte Feinde bitten und den Zorn und die Bitterkeit ausdrücken. Wenn es mir gelingt, meine Wut in den Griff zu bekommen, dann kann ich stolz auf mich sein, denn das bringt mir eine große Freiheit. Ich bin dann souverän. Ich bin Herr über mich selbst. Und mein Gegner hat keine Macht über mich. So bringt die Geduld Bewährung. Bewährung aber bringt Hoffnung: ich kann nun wissen, dass ich mit Anfeindungen, Kränkungen, Missachtungen so umgehen kann, dass nicht meine Lebensqualität beeinträchtigt wird und die Gemeinschaft möglichst wenig beschädigt wird. Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist. Nicht immer wird gelingen, was ich mir vorgenommen habe, nämlich mich einfangen zu lassen vom Zorn, mir nicht von meinen Gegnern meine Lebensgestaltung und meine Gefühle vorschreiben zu lassen. Aber die Liebe Gottes, die ich geschmeckt habe, der ich Raum gegeben habe, die Liebe Gottes ist da und sie ist stark und sie wird mir helfen, den Weg der Liebe Gottes zu gehen. Ich kann dabei nur gewinnen. Die Trübsal wird sich nicht vermeiden lassen. Aber ich muss nicht mehr in die Abwärtsspirale des Zorns, denn ich habe die Aufwärtsspiele hin zur Liebe Gottes am eigenen Leib erlebt.
Was heißt das für unser Beispiel?

Ich kann mit dem reden, der mich übers Ohr hauen will. Ich kann fragen: „Wieso willst du das Doppelte von dem, was wir vereinbart hatten? Gibt es dafür Gründe, die ich nachvollziehen kann?“ Und dann kann ich ihm verhandeln, ihm z.B. die Hälfte zwischen 300 und 600, 450 nämlich, anbieten.
Oder ich kann mir sagen: 300 Euro mehr sind eine Menge Geld. Aber meine Nerven sind mir auch sehr viel wert. Und dass mein Umfeld, in dem ich leben muss, nicht so belastet ist und ich befreit atmen kann und mir nicht die Kehle zugeschnürt wird, das ist mir 300 Euro wert. Wenn ich damit vermeiden kann, krank zu werden, dann habe ich das allemal eingespart. Und die ganze Gemeinschaft gewinnt auch dabei. Ich kann mich wie ein Held fühlen – das ist doch auch etwas wert. Und vielleicht kann ich den, der mich übers Ohr hauen wollte, sogar noch beschämen. Ich kann ihm noch 50 Euro drauflegen und sagen: Das ist für die besonders gute Arbeit. Moralisch habe ich jedenfalls dabei gewonnen. Und mein Selbstwertgefühl und mein Gewissen sind auf Dauer viel wichtiger für mich als dieser Mensch, der mich da übers Ohr hauen will. Ich will dem gar nicht die Macht über mich einräumen, dass er mich so ärgern kann. Ich will den Ärger loslassen und lieber für das leben, was wirklich wichtig ist. Sie merken: am Ende ist das Nachgeben oft die geschicktere und bessere Methode. Feindesliebe ist intelligent und hilft mir, besser zu leben.

Wieso können wir Christinnen und Christen das? Wieso können wir den Weg des Friedens und der Liebe gehen?

Auch bei uns gibt es ja erst einmal die Lust, dem anderen kräftig die Meinung zu sagen. Aber dann hilft es uns, an Jesus zu denken. Wie ist Jesus mit den Menschen umgegangen, mit deren Verhalten er nicht einverstanden war?

Er ist zu dem Zöllner ins Haus gegangen. Viele haben sich darüber aufgeregt: Sollte der Zöllner sich nicht erst ändern und bessern, bevor Jesus ihn ehrt?

Jesus ist den umgekehrten Weg gegangen. Er geht zu dem Zöllner hin, und dann erst ändert der sich. Dass Jesus ihn annimmt, bevor er das Gute tut, das hat ihn gründlich verändert. Wir Christinnen und Christen sind überhaupt nicht besser als andere Menschen. Aber wir haben gemerkt, wie das ist, wenn Gott uns gnädig und liebevoll ansieht, obwohl wir seinen Zorn verdient hätten. Und deshalb lassen wir uns immer wieder einladen auf den Weg Gottes. Der Weg Gottes ist der einzige, der nachhaltig aus dem Unfrieden heraus führt. Der Weg Gottes sieht das Gute im Gegner, obwohl der selbst diesem Guten noch gar keinen Raum gibt. Der Weg Gottes zum Frieden, das ist Christus, der für uns gestorben ist als wir noch Sünder waren. Der Weg Gottes, das ist die Güte Gottes, die uns zur Umkehr treibt. Der Weg Gottes, das ist Jesus, der den Zöllner besucht und dann erst von ihm ein anderes Verhalten erwartet. Die Liebe Gottes, die in unseren Herzen schon längst wirkt, ist fähig, das Böse mit Gutem zu überwinden.

Dazu helfe uns der Gott, der durch seine Liebe Feindschaft überwindet und Versöhnung schenkt.

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