Wer ist Trinitatis?

Liebe Gemeinde,

bei einem Lehrgang im Kloster Drübeck erzählte die Dozentin folgende Geschichte. Sie ist auch in der Lehrerfortbildung tätig – Lehrer, die Religion als weiteres Fach hinzunehmen wollen, können die nötigen
theologischen Kenntnisse am Pädagogisch-theologischen Institut erwerben. “Irgendwann haben wir uns auch mit den Evangelien und Briefen befasst”, so die Dozentin. Und da kam die Frage: “Wer Matthäus war und Johannes, Markus und Lukas, das wissen wir ja inzwischen, und sogar Paulus und Timotheus – aber wer war eigentlich dieser Trinitatis, nach dem so viele Sonntage heißen?”

Wir Theologen haben gelacht – aber in der Schule wurde ich dann erstaunt gefragt: “Und? Wer war das? Hat er irgendeine Kalenderreform gemacht?” Und so erkläre ich es inzwischen doch auch in der Gemeinde gerne: Trinitatis ist das Fest, das den dreieinigen Gott feiert, Vater, Sohn und Heiligen Geist.
“Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes” feiern wir zwar jeden Gottesdienst. Wir hören das schon gar nicht mehr bewusst, Und dennoch: “Komm mir nur nicht mit der Dreieinigkeit”, sagt eine Altenpflegerin aus meinem Bekanntenkreis öfter mal. “Du weißt, mir fällt es schon schwer genug, das mit dem Vater und dem Sohn zu begreifen – und dann noch der Geist dazu.”

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes, schreibt Paulus und fährt fort wer hat des Herrn Sinn erkannt? Er schreibt vom “Herrn”, nicht etwa vom “dreieinigen Gott”. Der nämlich kommt so in der ganzen Bibel nicht vor. Und so hat eben das Trinitatisfest keine biblische Begründung. Es ist, salopp gesagt, der Auftakt zum “Sommerloch” im Kirchenjahr. Trinitatis (auch Goldener Sonntag oder Frommtag) ist das Dreifaltigkeitsfest am ersten Sonntag nach Pfingsten. Das Fest wurde erst 1334 durch Papst Johannes XXII. in den Römischen Kalender eingeführt und ist der Verehrung der Heiligen Dreifaltigkeit gewidmet: Gottvater, Gottsohn und Gott Heiliger Geist. Und um keine theologische Vorstellung wurde und wird im Christentum so sehr gerungen wie um die von der Dreinigigkeit von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Die Muslime werfen uns vor, keine monotheistische, also an einen einzigen Gott glaubende Religion zu sein, weil wir ja angeblich an drei Götter glauben. Wie also kam es überhaupt zum Begriff “Trinität” oder “Dreifaltigkeit”?

Erst im vierten nachchristlichen Jahrhundert wurde in zwei Konzilien, in Nicäa und in Konstantinopel, über die Dreieinigkeit Gottes heiß gestritten. Vorher hatten die oft verfolgten Christen andere Sorgen. Der Vater Jesu Christi – da gab es für die übergroße Mehrzahl der Christen kein Vertun – war der Gott, der das Volk Israel durch die Geschichte
begleitet hatte und dessen erstes Gebot hieß: "Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben!" Auf der anderen Seite aber verehrten die ersten Christen den gekreuzigten Jesus von Nazareth schon wenige Jahre nach dessen Tod als auferstandenen Sohn Gottes. Nun hatte man auf das Verhältnis zwischen Gott Vater und Sohn Jesus in Nicäa im Jahr 325 zwar viel Scharfsinn angewandt, aber darüber den Heiligen Geist vergessen. Schließlich stand im Taufbefehl des Matthäusevangeliums: "Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" (28,19). War der hier erwähnte "Heilige Geist" auch Gott? Jahrhundertelang wurde über das Wesen der Dreifaltigkeit, über den Unterschied zwischen Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit debattiert, ich möchte Ihnen das hier ersparen. Seit dem 4. Jahrhundert jedenfalls sprechen wir mit Christen in aller Welt das Glaubensbekenntnis zu Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Abgespalten haben sich immer wieder wegen dieser Frage ganze Gruppen, die Antitrinitarier zum Beispiel im 15./16. Jahrhundert.

Kluge Denker und fromme Männer waren dabei – und verfolgt wurden sie von der römischen Kirche ebenso wie von den Kirchen der Reformation. Von dem scharfsinnigen humanistischen Denker Philipp Melanchthon, einemMitstreiter Martin Luthers, ist der Satz überliefert: "Wir sollen die Geheimnisse der Gottheit nicht ausforschen, sondern anbeten."
Womit wir nach einem längeren Weg wieder bei unserem Predigttext wären, in dem es um Gott in seiner allumfassenden und uns immer wieder rätselhaften Liebe, Güte und Barmherzigkeit geht. Obwohl der erste Eindruck ja ein bisschen anders ist: Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. Das hört sich ja eher so an, als treibe Gott willkürliche Spiele mit seinen Geschöpfen: Er bestimmt, dass sie ungehorsam sind, damit nachher alle ihm dankbar sein müssen für sein Erbarmen. “Erst schlagen, dann streicheln” – ist Gott so einer? Da denken wir schon wieder so, wie wir zu denken gewöhnt sind und wahrscheinlich nicht anders können: wir legen menschliche Kategorien an. Was Paulus sagen wollte: Es gibt vor Gott keinen Unterschied, ob jemand arm, reich, ob jemand (damals) Jude oder Römer war. Ob er heute aus einem Umfeld kommt, das ihn sagen und denken gelehrt hat: “Es rettet uns kein höhres Wesen” oder ob er aus einer Familie kommt, die am Christentum festgehalten hat, auch, als das unbequem war. Gemessen an Gott haben wir alle nichts zu bringen, stehen mit leeren Händen da und haben daher nach menschlichem Ermessen nichts zu erwarten. Alles, was wir sind, sind wir durch ihn. Und sein Erbarmen, seine Liebe ist so groß, dass er uns alle auffängt, auch, wenn wir seine Wege nicht immer verstehen.

Wir können uns zwar Gedanken darüber machen, wie Gott ist. Ein Musterbeispiel dafür ist der Streit über die Trinitätslehre, den ich gerade stark zusammengefasst erläutert habe. Aber wie Gott wirklich ist, das ist uns – noch jedenfalls – verborgen. Die Lehre vom dreieinigen Gott ist ein menschlicher Versuch, Gott zu begreifen, ihn konkret zu machen. Einen ebensolchen Versuch haben wir auch aus dem Buch Jeremia gehört, wo Gott auf seinem Thron in einer solchen Größe beschrieben wird, dass Jeremia zuerst glaubt, es nicht auszuhalten. Solche Denkmodelle brauchen wir, denn es fällt uns schwer, uns mit der Unzulänglichkeit, der Enge dessen, was wir uns jetzt hier, in diesem Leben, vorstellen können, abzufinden. Immer wieder komme wir an solche Grenzen, die uns fragen lassen: “Wenn Gott doch so allmächtig, aber auch so voller Erbarmen und Liebe ist, wieso lässt er das zu?” Persönliches Leiden zum Beispiel, Behinderung, Krankheit, Tod von Kindern – das sind Situationen, die unseren Glauben ins Wanken bringen. „Wenn es wirklich einen Gott gibt, dann kann das doch nicht sein Wille sein, dann müsste er doch eingreifen“, das ist ein typischer Menschensatz. Wir können oft nicht glauben, was wir nicht greifen und begreifen können. Paulus sagt so: “Gott erkennen, das heißt, akzeptieren, dass für uns seine Wege unerforschlich und seine Entscheidung unbegreiflich sind. Ja noch mehr: es erfordert unseren
Respekt, dass seine Größe unsere Dimensionen sprengt. Luther hat gesagt, dass Gott mehr ist, als ein Zimmermann, der das Haus baut – er wird das Haus, er wird seine Kirche, auch erhalten.

„Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!, dieser Ausruf ist für Paulus keine Klage, sondern ein Lobgesang, er ist sich gewiss, dass die Geschichte ihren Ausgangs- und Endpunkt in Gott hat, also Heilsgeschichte ist – die wir allerdings jetzt nur stückweise erkennen können Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit, das ist das rückhaltlose Staunen über den Weltenlenker und seinen Plan. „Der Geist weht, wo er will – und du hörst sein Sausen wohl, aber du
weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt“, so hat Jesus zu Nikodemus gesprochen, um ihm klarzumachen, dass unser Wissen eben Stückwerk ist.

Heißt dies alles aber nun, dass wir uns abfinden sollen mit dem Lauf der Dinge, uns resigniert in unsere vier Wände zurückziehen angesichts von Not und Krieg und als einzige Antwort dazu sagen: „Das ist eben Gottes Wille“?

Das wäre billig – dann hätte uns Jesus nicht in seine Nachfolge gerufen, dann hätte Gott uns nicht seinen Geist gegeben. Nein, wir dürfen durchaus um etwas bitten, wir dürfen auch aktiv unseren Beitrag dazu leisten, dass die Geschichte nicht ihren schlimmsten Lauf nimmt. Wir sind sogar dazu aufgerufen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass nicht Menschen, wer auch immer sie sind, letztendlich das Sagen haben. So sind wir niemandem ohnmächtig ausgeliefert, weder solchen, die wirtschaftlich, noch politisch noch vielleicht kirchenpolitisch das Sagen haben. Das ist die Freiheit, die uns Gott gegeben hat. Wir müssen nicht, wir dürfen – mit dieser Erkenntnis tun wir uns immer wieder schwer. Aber es ist genau das, was Martin Luther meint, wenn er von der „Freiheit eines Christenmenschen“ spricht. Wir dürfen mit unseren Bitten immer wieder zu Gott kommen, aber wir sollten auch wissen, dass er sich keine Vorschriften machen lässt. Und wie gut ist das im Nachhinein gesehen oft. Es ist Ihnen sicher auch schon so ergangen, dass Sie inständig um etwas gebetet haben, was nicht in Erfüllung gegangen ist – und nachher waren Sie wirklich heilfroh darüber. „Ich habe so oft gebetet, dass Gott mich zu sich nehmen soll“, hat mir kürzlich jemand erzählt, der eine persönlich sehr schwere Zeit durchstehen musste, jetzt aber diese Krise überwunden hat und neu beginnen konnte. „Und nun bin ich so froh, dass ich lebe“. „Er wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst“, heißt es in dem Lied „Befiehl du deine Wege“. Dieses große Vertrauen können wir ruhig wagen, in dem Wissen, dass niemand von der Güte und Liebe Gottes ausgeschlossen ist.

Nichts haben wir Gott zu biete oder zu bringen, das seine Liebe irgendwie begründen, das uns einen Anrechtsschein auf seine Zuwendung geben würde. Aber er öffnet dennoch seine Arme immer wieder ganz weit – und wenn wir das einmal gespürt habe, können wir unsere Freude und Dankbarkeit über dieses Wunderbare weitertragen. Nicht darum, Punkte bei Gott zu sammeln, sondern etwas von der erfahrenen Güte und Freundlichkeit auszustrahlen, darum geht es.

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