Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen

<i>[Predigt von Andreas Klein 1997 umgeschrieben von Elke Burkholz: ergänzt durch eine Einbindung in die Passionsgeschichte und Betonung des letzten Satzes des Predigttextes.]</i>

Liebe Gemeinde,

die Predigt heute geht über ein Bergerlebnis. Die Freundinnen und Freunde des Bergsteigens können sich also freuen, und ich hoffe, dass auch diejenigen die im Urlaub lieber hier zu hause bleiben oder ans Meer fahren etwas davon haben werden. Im Matthäusevangelium sind wir an einer entscheidenden Stelle angekommen. Jesus hat zum ersten Mal bekannt gegeben, dass er wird leiden müssen. Auf dem Weg nach Jerusalem ist der Tod nahe gekommen. Die Jünger sind verwirrt. Das war es nicht, was sie sich erhofft haben als sie Jesus gefolgt sind. Und Jesus hat Angst. Jetzt wird es ernst, er muss auf das finstere Tal zugehen. Und deshalb geht er erst einmal auf einen Berg, um zu beten und sich selbst zu vergewissern, dass er die vor ihm liegende Aufgabe schaffen kann. Den Predigttext haben Sie schon als Lesung gehört. Hier noch einmal:

[TEXT]

Liebe Gemeinde,
Lassen sie uns Jesu Weg einfach mitgehen. Der Aufstieg beginnt.

Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen …
Als Kinder haben wir dieses Lied gesungen, in der Schule haben wir es lauthals und glücklich gegrölt. Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, steigen dem Gipfelkreuz zu, ja zu. In unseren Herzen brennt eine Sehnsucht, die lässt uns nimmermehr in Ruh. Herrliche Berge, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir. Einige kennen das Lied sicher noch. Das haben wir als Kinder so gerne gesungen, weil wir als Kinder den Herzschlag dieser Sehnsucht in uns lauthals haben schlagen hören. Und wenn wir in uns hinein hören, dann wissen wir das heute noch. Wir möchten auf den Gipfel, auf den Berg: Klare Luft und weiter Blick, Sonne und weite Sicht. In unseren Herzen brennt eine Sehnsucht. Man muss ja Luis Trenker nicht mögen, aber das ist doch wahr: Der Berg ruft. Wenn wir uns mit Talerlebnissen zufrieden geben, verrinnt unser Leben und die Sehnsucht bleibt ungestillt.

Jesus führt die drei Jünger auf einen hohen Berg hinauf. Jesus will den dreien und so auch uns etwas zeigen, er hat einen weiten Blick für uns bereit. Aber ein weiter Blick ist nicht immer einfach. Manchmal möchten wir uns lieber in unserem jetzigen Leben vergraben und nicht weiter ausblicken. Wir sind ja so auch ganz zufrieden. Und wer hoch hinaus will, wird tief fallen, sagt das Sprichwort. Aber mit so einer Einstellung kommen wir nicht weit. Da kommen wir den Berg nicht hoch. Da können wir uns vielleicht Ansichtskarten vom Gipfelblick kaufen, aber auf dem Gipfel landen wir nicht. Jesus nimmt die drei und uns mit auf den Berg, raus aus dem Alltag, zu einem besonderen Erlebnis. Hinauf auf den Gipfel. Hinauf in die Begegnung mit Gott.
Wer auf dem Gipfel angekommen ist, der ist meist außer Atem. Die letzten Meter waren doch noch einmal weiter, als es von unten aussah, es weht ein frischer Wind, aus dem Rucksack holt man sich die Windjacke, denn man ist ins Schwitzen gekommen. Dann aber begreift: Ich bin ja jetzt oben! Und Blick für Blick sieht man die weite Sicht, genießt das gute Gefühl, oben zu sein. Man gerät ins Staunen: Diese Weite, dieser wundervolle Blick, der Erde enthoben, dem Himmel ganz nah. Anders als staunend werden wir den Bibeltext von der Verwandlung des Jesus von Nazareth in die Lichtgestalt nicht verstehen. Isaac Newton hat einmal gesagt. Wir müssen die Bibel nicht lesen wie ein Notar ein Testament liest, nämlich korrekt aber unbeteiligt, sondern wie es der rechtmäßige Erbe liest, nämlich staunend und gespannt für das, was Gott bereit hält.

Die Jünger sehen Jesus und die Augen sind geöffnet, sie sehen ihn als das Licht, das hell ist wie die Sonne. Es ist ihr Jesus, aber er ist ganz Licht der Welt. Sie sehen die Kleider weiß und glänzend. Jesus Christus ist das Licht, das hell für uns leuchtet.

Zwei Gestalten des Ersten Testaments kommen nun hinzu: Mose, der weise Gesetzeslehrer und Elia, der engagierte Prophet, die beide selbst entscheidende Bergerlebnisse hatten sind plötzlich auch für die Jünger zu sehen und zu erkennen. Die beiden reden mit Jesus, sie reihen ihn ein in die Geschichte, die Gott mit seinem Volk Israel gegangen ist. Auch Mose hat diesen Gott erlebt auf dem Berg, seine Liebe und seinen Eifer für ein Volk. Auch Elia der Prophet hat in einer Stunde, in der er völlig hoffnungslos und verzweifelt war, erlebt, wie Gott ihm wieder aufhilft, wie Gott ihm wieder Kraft gibt wie Gott ihm auf dem Berg begegnet. Und beide werden erwartet, ihr Volk wieder zu befreien.

Petrus, der Jünger, der nun in den Vordergrund tritt, ist völlig fasziniert. Er möchte das, was er sieht, festhalten, er möchte, was ihm vor Augen ist zementieren. Lass uns Hütten bauen. Eine für dich, Herr. Eine für Mose, eine für Elia. Er möchte es sich einrichten auf dem Berg. Möchte alles für sich festhalten. Petrus möchte das alles nicht loslassen, er möchte immer nur Gipfel, er möchte selbst wahrscheinlich auch einen Platz in der Hütte, er möchte nie mehr zurück. Wie gut können wir das verstehen. Aber immer nur Gipfel geht eben nicht. Nach dem Gipfelerlebnis müssen wir zurück auf die Erde. Auf Jesus wartet unten dann Leiden und Tod. Und beides lässt sich eben nicht überspringen. Es gehört auch zu Leben und muss gelebt werden. Doch noch während Petrus redet, kommt die leuchtende Wolke, Zeichen der Gegenwart Gottes und das Wort macht allen Träumen und Illusionen ein Ende. Die Stimme sagt den drei Jüngern und meint dabei Jesus: Das ist mein geliebter Sohn, hört auf ihn.

Die drei Jünger hatten sich vor Angst auf den Boden geworfen. Plötzlich war ihnen all das Helle zu heiß geworden, all das Schöne zu blendend geworden. Sie bekamen es mit der Angst zu tun. Doch dann war auf einmal die Wolke verschwunden, Mose und Elia waren nicht mehr da.

Die Jünger liegen da verängstigt. Und Jesus tritt zu ihnen. Jesus rührt sie an. Er der die Lichtgestalt ist, heiß, dass man vergehen müsste, ist da, berührt die Jünger, damit sie aufstehen. Und Jesus sagt, was er oft zu uns sagt. Fürchtet euch nicht! Das steht wohl so oft in der Bibel, weil wir es nicht oft genug hören können. Und Jesus sagt. Steht auf! In mir, ist Gott dir nah. Steh auf, fürchte dich nicht. Die Jünger sehen niemand als Jesus allein. Das ist das Bleibende, das Zentrale an ihrem Gipfelerlebnis. Jesus allein. Jesus tritt zu dir hin, rührt dich an, lässt dich aufstehen, stärkt dir den Rücken und nimmt dir die Angst.

Jesus muss jetzt zurück. Und die Jünger mit ihm. Zurück ins Tal zu seinen Aufgaben. Und die Aufgabe, die auf ihn wartet ist hart und beängstigend. Das Gipfelerlebnis ist vorbei. Es beginnt nun der Abstieg. Aber die Erinnerung bleibt. Gott hat Jesus noch einmal gestärkt. Er hat Jesus gezeigt, wer er ist. Und damit hat dieser die Kraft bekommen, seinen Weg zu Ende zu gehen. Das Tal wartet. Aber das Tal ist nicht allein die Wahrheit. Was auf diesem Berg geschehen ist, wird die Zukunft sein. Der Tod das Leid ist nicht das Ende. Das Ende ist die Auferstehung. Und von der haben Jesus und die Jünger schon einmal einen kleinen Vorgeschmack bekommen. Jesus leuchtend im weißen Gewand in der Nähe Gottes, das ist die wahre Zukunft. Und mit diesem Wissen im Hintergrund werden Jesus und die Jünger es schaffen, was vor ihnen an Leid und Tod liegt zu bewältigen. Fürchtet euch nicht! sagt Jesus zu uns. Auch vor uns liegen Wege durchs finstere Tal. Auch vor uns liegt Abschied, Tod und sterben. Aber unsere Zukunft, unsere Heimat liegt nicht in diesem finsteren Tal. Unsere Zukunft ist der Berg. Unsere Heimat ist bei Gott. Und Jesus Christus ist unser Licht, dass uns den Weg durch das finstere Tal zeigt. Wenn wir ihm folgen, dann brauchen wir uns keine Sorgen um unsere Zukunft zu machen.

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