Wenn viele gemeinsam träumen

Große Gräben tun sich auf, wenn man das Leben unserer Gemeinde mit dem Leben der ersten Gemeinden nach Christi Himmelfahrt und Pfingsten vergleicht. Ich kann das reichhaltige Leben unserer Gemeinden, finanziell abgesichert in einem Mix aus geistlichen und geselligen Veranstaltungen vergleichen mit dem einfachen Leben damals. Ich kann auch an die Begeisterung der einfachen Menschen denken, der Fischer Handwerker und Frauen, der Sklaven und der wenigen Begüterten, die unbefangen miteinander beteten und sprachen über Gott und die Welt und Jesus Christus. Unsere Gemeinde erscheint da vielleicht ein wenig blass und hilflos gegenüber der Gemeinde damals. Allerlei Volk kam regelmäßig zusammen in Privatwohnungen, die die Einzelnen zur Verfügung stellten, die eine Wohnung hatten, in der man zusammensitzen konnte. Hier konnte man frei über Gottes Wirt – und über die Worte und Taten Jesu reden. Hier war man frei, auch wenn die Welt draußen bedrohlich blieb. Der Umgang miteinander war von einer neuen Freiheit geprägt:

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Was hier geschildert wird, wurde schon als christlicher Liebeskommunismus bezeichnet. Manches spricht auch dafür, aber ein entscheidender Unterschied zu politischen Kommunismus-Entwürfen ist, dass jeder Einzelne für sich selbst entscheidet, ob und in welchem Maße er da mitmacht. Ein anderer ist wohl die Motivation: Liebe zu Jesus und den Schwestern und Brüdern, die er den Menschen ans Herz gelegt hat. Eine solche Lebensform kann nur als Gnadengabe des Heiligen Geistes gesehen werden. Er hat es geschenkt.
Es würde wahrscheinlich wenig helfen, dieses Verhalten haargenau nachahmen zu wollen. Es braucht schon einen Heldenmut, sich so auf Gemeinschaft mit Christus und mit den Brüdern und Schwestern einzulassen. Auf den Text zu hören, heißt immer wieder neu zu überlegen, wie wir miteinander Beten können, Gemeinschaft halten können, Evangelium leben können. In seinem Mahl ist Jesus mitten unter uns, teilt er sich uns mit. Das kann uns nicht unberührt lassen. Das kann uns zeigen, wo der Platz ist, an den er uns heute stellt.

Viele ForscherInnen sind heute der Meinung, dass das, was uns Lukas erzählt nicht genau so gewesen ist. Er hat wohl idealisiert. Darstellungen von Paulus zeigen uns sehr deutlich, dass es da schon früh Schwierigkeiten gegeben hat. Diese ideale Darstellung von Lukas soll Ansporn für die Gemeinden sein, es genauso zu machen. Wesentlich ist das ‚beständig bleiben’, dass Werben für den langen Atem, für die Treue im Leben der Gemeinde. Den langen Atem für ein Leben in Gemeinde – nicht spektakulär, aber geschwisterlich fürsorgend unter Verzicht auf Egoismus. Es geht um wahrhaft geistliche Gemeinschaft – Gemeinschaft für Leib und Seele.
Heute noch gehört zur christlichen Lehre das Festhalten an der Tradition der Lehre, am Überlieferten, das Weitergeben dieser Lehre, die Gemeinschaft im Mahl und das gemeinsame Gebet. Glaube kann nur dort sein, wo Gemeinschaft herrscht. Gemeinde kann nur dort Gemeinde sein, wo sie einladende Gemeinde ist. Sie bleibt Gemeinde, wenn sie zusammenlebt als Lerngemeinschaft, als Beistandsgemeinschaft, als Mahlgemeinschaft, als Gebetsgemeinschaft.

‚Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, dann ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.’ Vielleicht ist das das Geheinminus des christlichen Glaubens: Menschen denen der Auferstandene begegnet war und die er beauftragt hat, träumten eine Traum und begann ihn zu leben. Das waren keine großen Gemeinden, kleine Hausgemeinden. Aber der Traum war der Begin einer neuen Wirklichkeit. Er war gesegnet vom Herrn.

Zur christlichen Lehre gehören von Anfang an nicht steife Dogmen, sondern dass, was Christus gelehrt hat. Zum gemeinsamen Mahl gehörte auch das gleiche Tun im Geiste Christi. Das Christus mitten unter ihnen war, war im Mahl erfahrbar und im Alltag erlebbar. Daher rührte auch die missionarische Faszination der jungen Gemeinde.
Das Abendmahl passt so einfach so einfach nicht in diese Zeit, in der Leistung sich lohnen soll, in dem Leben nur auf dem Rücken Schwächerer denkbar bleibt. Die Gemeinschaft der Hausgenossen Christi kommt nicht nur nicht in der Verfassung der EU vor, sondern spielt auch scheinbar keine Rolle in ihrem Leben. Dass wir es trotzdem feiern ist ein Protest gegen eine Gesellschaft, der Gemeinschaft und christlicher Glaube immer unwichtiger werden. Es ist ein Rückbesinnen auf alte Stärke des christlichen Glaubens. Es ist eins ich wehren gegen Tendenzen de sozialen Ungemütlichkeit. In alledem wissen wir: Christus ist mitten unter uns und mit uns.

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