… wenn mir niemand hilft!

Ich glaube, liebe Gemeinde, uns allen gehen wohl noch die beiden schlimmen Ereignisse der vergangenen Woche nach. Zunächst der Absturz der Concorde in Paris: 114 Menschen wurden in den Tod gerissen. Wahrscheinlich sind es Materialfehler, die diese Katastrophe verursacht haben. Und dann der Bombenanschlag in Düsseldorf: hier wurden neun Personen z.T. lebensgefährlich verletzt und ein Mensch getötet, der diese Welt mit eigenen Augen noch gar nicht hat sehen dürfen. Nach den Tätern wird noch gesucht, ein fremdenfeindlicher Hintergrund wird immer wahrscheinlicher.

Solche Ereignisse machen uns wohl auch deshalb so betroffen, weil es jeden und jede unter uns hätte treffen können. Solche Unglücke konfrontieren uns immer wieder mit unserer eigenen Verletzbarkeit und erinnern uns wohl auch an die Wunden, die uns das Leben schon zugefügt hat. Ich denke, es gibt niemanden hier unter uns, der nicht auch seine persönliche Leidensgeschichte erzählen könnte – egal, wie gut es ihm gerade gehen mag. Insofern beschreiben die großen schwarzen Buchstaben auf den Titelseiten der Tageszeitungen immer auch einen Teil unseres ganz persönlichen Schicksals, wenn solche Katastrophen passieren.

So stehen diese 124 Menschen und ihre Angehörigen – leider – stellvertretend für viele unschuldige Opfer von Unglücksfällen und krimineller Gewalt. Und gerade solche tragischen Ereignisse – ganz gleich ob sie nun irgendwo da draußen in der weiten Welt passieren oder aber hier vor Ort, in Windesheim/Guldental – lassen uns nach unserem Gott fragen, stellen unseren Glauben in Frage und lassen dabei nicht wenige an ihrem Glauben verzweifeln. Es gibt zwar – im Großen wie im Kleinen – immer auch Erklärungsversuche, Untersuchungskommissionen, die nach den Ursachen und Tätern forschen. Aber die Frage nach dem ‚Warum?‘, die letztlich hinter jedem Schicksalsschlag steht, können auch sie nicht beantworten.

In der Geschichte des heutigen Predigttextes gibt es auch jemanden, der über das Leiden nachdenkt und dabei nicht weiterkommt. Da brütet ein hochgebildeter Mensch über eine schwierige Passage der Bibel, die er beim Propheten Jesaja gefunden hat. Sie gehört zu einer Reihe von Texten, die Gottesknechtlieder genannt werden. Viele Christinnen und Christen sehen darin häufig eine Anspielung auf das Leben und Sterben Jesu. Auf jeden Fall spiegelt sich in ihnen die Frage nach dem unschuldigen Leiden wider. Kein Wunder also, dass jemand, der darüber nachdenkt, ins Grübeln gerät und ratlos wird.

[TEXT]

Beim ersten Hören, liebe Gemeinde, hat diese episodenhafte Geschichte etwas Leichtes, ja Unbeschwertes. Da ist ein hoher Staatsbeamter eines – damals – reichen Landes auf der Rückreise in seine Heimat. Er liest in einer Schriftrolle, einen Prophetentext aus dem Buch, das wir heute das Alte Testament nennen. Doch er versteht nicht, was da steht. Da taucht aus heiterem Himmel und scheinbar wie gerufen jemand am Straßenrand auf und fragt ihn danach. Ohne zu zögern nimmt der Staatsbeamte den Fremden ein Stück mit. Sie reden miteinander und im Verlaufe des Gesprächs entscheidet er sich schließlich, sich taufen zu lassen. Gesagt – getan, der Fremde entschwindet, der Äthiopier zieht fröhlich von dannen; das Grübeln hat er aufgegeben. Eine nette Geschichte …

Beim näheren Hingucken entdeckt man dann aber, dass diese Geschichte mehr zu bieten hat. Schauen wir uns z.B. einmal den Staatsbeamten näher an. Er ist – wie schon gesagt – ein hochgebildeter, einflussreicher Mann, der als Kämmerer, also Finanzfachmann, in den Diensten der Kandake steht, einer äthiopischen Königin. Sicherlich ein angesehener Posten. Diese Position hat allerdings auch seinen Preis: er ist Eunuch. Ob er sich dazu frei entschieden hat oder ihm dieses Schicksal aufgezwungen wurde, das lässt sich nicht sagen. Unüblich war es jedenfalls nicht. Auf jeden Fall bedeutet es zunächst einmal, dass er keine Familie gründen und keine Nachkommenschaft zeugen kann.

Dann erfahren wir, dass er nicht dienstlich in Jerusalem gewesen ist, sondern eine Pilgerfahrt dorthin unternommen hat. Er fühlte sich also dem jüdischen Glauben zugehörig, obwohl ihm als Eunuchen weder die Aufnahme in die jüdische Gemeinde möglich war noch die Anerkennung als Gottesfürchtiger, heute würde man sagen: Sympathisanten. Er bleibt außen vor. Das wird er während seiner Reise nach Jerusalem wohl schmerzlich erfahren haben – vielleicht sogar zum wiederholten Male -, denn der Zugang zum Tempel, das eigentliche Ziel einer Pilgerfahrt in diese Stadt, bleibt ihm verwehrt.

Wir sehen also: hier ist ein Mensch unterwegs, der seine ganz persönliche Leidensgeschichte hat und die er mit sich trägt, auch wenn man ihm das aufgrund seiner äußeren Erscheinung vielleicht gar nicht ansehen mag. Und jetzt stellen sie sich vor, liebe Gemeinde, wie eben dieser Mann, der keine Kinder haben wird und trotz seiner gehobenen Stellung ein Außenseiter bleibt, nun etwas von Leid und Erniedrigung und Nachkommenschaft liest – von Dingen also, die ihn persönlich zutiefst berühren, eben weil sie auch etwas von seinen eigenen Verwundungen erzählen. Klar, dass er darüber ins Grübeln gerät. Und vielleicht verraten ja gerade auch seine Fragen, die er dem Fremden stellt, in welchem Maße er sich betroffen fühlt: "Um wen geht es hier eigentlich? Meint der Prophet sich selbst oder einen anderen?" Man hört förmlich, welche Befürchtung noch dahinter stecken mag: Meint er am Ende vielleicht sogar mich?

Wer in der Bibel liest – was heutzutage ja nicht gerade "in" ist – wird ähnliche Erfahrungen machen, wie sie der äthiopische Staatsbeamte gemacht hat: er wird seine eigene Geschichte darin wiederfinden. Denn die Bibel erzählt vom Leben, wie es nun einmal ist: von Gutem und Schlechtem, von Glück und Unglück, von Freud und Leid. Und sie beschreibt, wie Menschen damit umgegangen sind; wie sie, oft erst im Nachhinein und durch schwierige Lernprozesse hindurch, ihre eigene Lebens und Leidenserfahrungen trotz allem von Gott getragen wussten.

Das wird nun nicht in großen schwarzen Buchstaben berichtet, sondern im Kleingedruckten, in Nebensätzen, oft auch zwischen den Zeilen. In der Bibel zu lesen ist eine mühsame Angelegenheit, aber sie lässt denjenigen, die es versuchen, auch die nötige Zeit dazu; die Geschichten laufen einem nicht weg, so, wie sie es bei Tageszeitungen tun, in denen ja jeden Tag etwas anderes steht. Biblische Geschichten geben den Raum, über sie auch nachzudenken, um nicht nur die Schicksalsschläge wiederzuentdecken, die man aus seinem eigenen Leben kennt, sondern vielleicht auch die Möglichkeiten zu finden, mit ihnen umzugehen.

Sehr oft wird es dabei vorkommen, dass man bei der Suche nach Antworten alleine scheitert, so, wie der Staatsbeamte in unserer Geschichte, der nicht mehr weiter weiß und aus dem Grübeln nicht mehr herauskommt. Wie oft bleiben Menschen in dem Loch stecken, in dem sie sich gerade befinden, drehen sich nur noch im Kreis und schaffen es nicht, auszubrechen. Dann braucht es jemanden, der, wie in unserem Predigttext, von außen in unser Leben tritt und zum richtigen Zeitpunkt die richtige Frage stellt.

Ja, liebe Gemeinde, eine Frage stellen! Denn bevor Antworten gegeben werden können, muss zunächst einmal zugehört werden – auch etwas, was uns in der heutigen Zeit immer schwerer fällt, das Zuhören. Gerade wenn es um Leid geht, ist man mit Erklärungen und Antworten sehr schnell. Sich bloß nicht zu lange daran aufhalten, so schnell wie möglich die Sache aufklären, denn was aufgeklärt ist, das kann man getrost beiseite legen – in der Hoffnung, dass der Schmerz bald nachlässt. Die Concorde ist noch am Brennen, da fachsimpeln schon die Experten, woran es denn gelegen haben könnte. Und bereits am Tag nach der Katastrophe von Paris hält man einen Trauergottesdienst für die Opfer auf der Expo in Hannover – warum eigentlich dort??? – obwohl noch gar nicht alle Verunglückten geborgen sind. Bei allem Respekt vor vielleicht auch ehrlichem Mitgefühl: mir geht das zu schnell … Alles seine Zeit, auch der Schock, auch die Trauer und auch der Trost.

Ich hoffe, diejenigen, denen – in welcher Form auch immer – Wunden zugefügt werden und die damit nicht zurecht kommen, finden auch den Mut, Hilfe zuzulassen. Der Kämmerer, obwohl er es sicher nicht gewohnt ist, gibt seine Hilfsbedürftigkeit offen zu. "Ja, du hast Recht, ich komme hier nicht klar, ich brauche jemanden, der mir weiterhilft." Auch das fällt uns heutzutage nicht leicht: zuzugeben, dass man jemand anderen braucht, dass man es allein nicht schafft. Unserer Gesellschaft, in der immer mehr Self-Made-Typen mit Ellenbogenmentalität gefragt sind, wird solches Verhalten immer fremder, weil es als Schwäche ausgelegt wird.

Dabei täte es unserem sozialen Miteinander ganz gut, wenn wir mehr von der Offenheit des hochgestellten Kämmerers zulassen würden. Ob er auf all seine Fragen eine befriedigende Antwort erhält, darüber wird nichts erzählt. Aber seine Ehrlichkeit gegenüber dem Mann am Straßenrand ermöglicht es ihm, seine Fröhlichkeit wiederzufinden. Auch das ist eine Antwort … und nicht die Schlechteste!

Sie merken, liebe Gemeinde, auch diese Geschichte ist – bei all ihrer Fremdheit – mitten aus dem Leben gegriffen. Und vielleicht haben Sie ja auch entdeckt, wo sie ein Stück aus Ihrem eigenen Leben erzählt.

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