Wenn ich einmal reich wär…

Liebe Gemeinde!

Wenn ich einmal reich wär… daidle, deedle, daidle, diguh, diguh, deedle, daidle dum … Tevje, der arme Milchmann aus dem Musical Anatevka, träumt von Reichtum. Und wie es so seine Art ist, denkt er sich dazu ein Lied aus. Er, der eigentlich nie Geld hat, malt sich aus, wie das sein könnte mit so einem richtigen Batzen Reichtum. Das heißt für ihn: Er bräuchte nicht zur Arbeit. Ein Haus würde er bauen, direkt vor die Nase der anderen Leute, also inmitten der Stadt, mit festem Dach und einem Sims aus geschnitzem Holz. Eine breite Treppe würde hinaufführen und eine noch breitere hinab. Hühner, Enten, Gänse alles was quakt und schmatzt würde das Haus umschwirren. Und seine Frau, die würde sich mit Geschmeide behängen und aufgedonnert wie ein Pfau umherlaufen. Als Reicher hätte Tevje natürlich auch Ansehen im Ort. Der Stadtrat würde auf seinen Rat hören, ganz egal ob dieser richtig oder falsch ist. Wenn ich einmal reich wäre …

Liebe Brüder und Schwestern, ganz fremd sind solche Träume uns sicher allen nicht. So ein schönes Häuschen mit intaktem Dach – davon darf man schließlich auch träumen.

Doch im Gegensatz zum Milchmann verbinden wir heute mit Reichtum noch ganz andere Dimensionen. Vielleicht den Besitz eines Hubschraubers, mit dem wir die Kinder in Bayern besuchen, oder das Schwimmbad auf dem Dachgarten des Sommerhauses in Mallorca. Sie haben da sicher noch ganz andere Vorstellungen.

Der Predigttext für den Erntedanksonntag erzählt von zwei Menschen, die zwar nicht von Reichtum träumen, sich aber um ihren Besitz sorgen. Wir haben die Geschichten vorhin als Evangelienlesung gehört.

Lukas berichtet zuerst von einem Mann aus dem Volk, der sich scheinbar mit seinem Bruder um das Erbe streitet. Genaueres wird nicht berichtet. Der Mann bittet Jesus mit seiner Autorität bei dem Bruder für ihn einzutreten.

Ich denke, solche Situationen sind uns ja auch nicht unbekannt. Sobald es ans Erben geht, fangen die Streiterein in der Verwandtschaft leider allzu oft ganz gewaltig an. Und manchmal ist es da ganz gut, sich Beistand zu holen. Eigentlich kann ich den Mann aus der Geschichte von daher verstehen. Aber Jesus geht überhaupt nicht auf diese Sorge ein. Zum Mann gewandt sagt er: Ich bin doch kein Richter oder Erbschlichter. Nein, dafür fühlte sich Jesus nicht zuständig. Und knallhart wendet er sich an seine Jünger und sagt: Hütet euch vor Habgier. Denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.

Die Bitte des Mannes nimmt Jesus zum Anlass, um die Jünger auf die Gefahren hinzuweisen, die Besitzdenken mit sich bringt. Im Fall des Erbstreites liegen sie auf der Hand: Familien brechen auseinander.

Das Gleichnis vom Kornbauern zeigt weitere Klippen auf, die Besitzdenken mit sich führen kann. Der Bauer ist reich, weil sein Feld gut getragen hat. Eine fette Ernte als Reichtum wahrzunehmen – allein das ist heute gar nicht mehr selbstverständlich. Für Sie hier im Oderbruch spielt der Rhythmus von Saat und Ernte noch eine Rolle. Jeder der einen Garten bearbeitet, weiß es zu schätzen, wenn genug Regen gefallen ist, die Tomaten rot werden, die Apfelbäume tragen. Doch viele Menschen entwickeln gar kein Empfinden mehr dafür, dass eine gute Ernte auch Reichtum bedeutet. Ich denke, ohne dieses Wissen geht uns ein großer Schatz verloren.

Aber zurück zu unserer Geschichte. Der tüchtige Bauer weiß, dass er mit der guten Ernte einen regelrechten Schatz gefunden hat. Kaum erkennt er die Situation, schon grübelt er darüber nach, wie er den Überschuss gut für sich nutzen kann. Ein ganz menschlicher Vorgang. Das kennen wir schließlich auch alle. Nur wer vorsorgt, kommt weiter. Wer etwas besitzt, kümmert sich selbstverständlich darum, das sich der Besitz vermehrt. Auch ich besitze ein Sparbuch und habe lange eine Bank gesucht, die wenigstens ein bisschen Zinsen zahlt.

Der Kornbauer scheint ein ziemlich geschickter Geschäftsmann zu sein. Er sorgt vor, um dann später die Beine baumeln zu lassen: Im Bibeltext heißt das so schön: Ich will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Dieser Wunsch klingt eigentlich gar nicht so viel anders als der des armen Milchmanns Tevje. Das kann man ihm doch nicht verübeln!

Und trotzdem stellt Jesus ihn als mahnendes Beispiel vor Augen. Welche Gefahren sieht er, die dem Mann nicht bewusst sind? Ein paar Feinheiten sind mir aufgefallen.

Zunächst: Der Bauer findet eigentlich keinen Moment Ruhe, um sich über die gute Ernte zu freuen. Ganz selbstverständlich scheint es für ihn zu sein, dass das Feld so gut getragen hat. Da ist keine Rede von Dankbarkeit oder Freude. Mehr zu besitzen bringt scheinbar nur neue Sorgen mit sich. Der Bauer überlegt: Was soll ich tun?

Ich denke das ist eine Gefahr, der auch wir heute ausgesetzt sind. Ich kenne das von mir. Kaum ist eine Sache angeschafft, oder es tut sich eine unerwartete Geldquelle auf, schon mache ich mir Gedanken darüber, was als nächstes zu kaufen ist, oder wo ich das Geld am besten anlege. Oft bleibt wenig Raum, um mir erst einmal bewusst zu machen, das es gar nicht selbstverständlich ist, dieses oder jenes zu besitzen. Ich fange an, mich wie ein Hamster im Rad zu drehen und ertappe mich dabei, nur noch an Sonderangebote zu denken und das was vorhanden ist überhaupt nicht mehr richtig schätzen zu können.

Der Bauer kommt zu unerwartetem Reichtum. In seinem Grübeln, was er mit der guten Ernte anfängt , verschwendet er überhaupt keinen Gedanken daran, andere an seinem Glück zu beteiligen. Er erntet nur für sich. Seine Vorratwirtschaft betrifft nur ihn ganz alleine.

Auch das ist eine Gefahr, auf die Jesus seine Jünger aufmerksam macht. Besitzdenken kann einsam machen. Kopf und Herz können manchmal derart am Besitz hängen, dass für den Nachbarn, das Dorf, die Verwandtschaft überhaupt kein Blick mehr übrig bleibt.

Wer keinen Gedanken an andere Menschen verschwendet, der wird auch bald niemanden mehr haben, der Freude und Sorgen mit einem teilt. Jesus warnt vor einem falschen Sicherheitsdenken, das Reichtum mit sich bringen kann.

Ich kann mir das so richtig vorstellen: Der Bauer inmitten prall gefüllter Kornsäcke. Die haben Gewicht. Die sind was wert. Sie vermitteln das Gefühl: jetzt kann mir nichts mehr passieren. Das ist ungefähr so als hätte er eine Million Euro auf dem Konto. Der Bauer verlässt sich ganz und gar auf seinen Besitz und natürlich auf seine Geschicklichkeit. Er selbst sorgt dafür, dass es ihm gut geht.
Wie leichtfertig derartiges Sicherheitsdenken ist, macht Jesus mit einer einfachen Frage deutlich: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? Erst der Tod offenbart die Blindheit des Bauern. Der Mann kann einfach nicht sehen, dass Besitz nicht der einzige Wert ist, auf den es im Leben ankommt. Er hat vergessen, das Besitz mehren nicht der einzige Lebenssinn ist, den wir Menschen verfolgen sollen.

Jesus macht mit seiner Geschichte deutlich: Gott hat uns nicht in seine wunderbare Welt gesetzt, um nur für uns zu sorgen. Gott will mit uns die Erde verwandeln – wie es in einem bekannten Lied heißt.

Wenn wir die Erde verwandeln sollen – dann müssen wir lernen, über unseren eigenen Tellerrand hinauszublicken. Wir müssen fragen, ob unser Nachbar genug zum leben hat. Wir sind gefordert darüber nachzudenken, ob das Leben, wie wir es führen, auch anderen Menschen genug Luft zum atmen lässt. Und und und … Ich denke die Kette an
Aufgaben wird nicht abreißen. Es ist uns allen klar, dass unsere Lebensweise auf Kosten der Länder der Zweidrittel Welt und unserer Kinder und Enkelkinder geführt wird. Immer wieder müssen wir das bedenken.

Doch noch ein anderer Gedanke ist Jesus wichtig. Ihm geht es nicht nur um soziale Gerechtigkeit unter den Menschen. Jesus erinnert die Jünger daran, dass zu einem wirklich erfüllten reichen Leben die Begegnung mit Gott gehört. Sie ist genauso wichtig, wie die Sorge um unsere Erde.

Tevje, der alte Milchmann, der hat diesen Schatz für sich entdeckt. Zu seinemTraum vom reich sein gehört: Zeit haben zum beten und in die Synagoge gehen. Tevje will mit den Gelehrten die Bibel solange studieren, bis er sie versteht … Da hat er sich ganz schön was vorgenommen! Aber er weiß, dass die Suche nach der Begegnung mit Gott, sein Fragen und diskutieren ihn reich beschenkt. Denn wer lernt auf Gottes Wirken in unserem Leben zu lauschen, der wird erst erkennen, wie reich wir Menschen beschenk sind.

An so einem Tag wie heute, dem Erntedanksonntag, sind auch wir eingeladen zu spüren, wie reich Gott uns bedacht hat. Denn er gab uns Atem, Augen, Ohren und Worte. Gott gab uns Hände, die zufassen und Füße, mit denen wir unserer Wege gehen können.

Wenn das kein Grund zum Danken ist!

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