Wenn ich bete, hilft mir Gott dann?

Liebe Gemeinde!

„Wenn ich bete, hilft Gott mir dann?“ Vielleicht kennen sie dieser Frage, haben selbst schon mal so gefragt oder sind gefragt worden. Auch ich habe diese Frage schon ein paar mal gestellt bekommen, und ich gebe zu: Ich weiß oft nicht, wie ich sie beantworten soll. Inger Hermann, eine Religionslehrerin, die viel mit vernachlässigten und misshandelten Kindern zu tun hatte, hat auf diese Frage eine Antwort gefunden. Sie berichtet in einem Buch von ihren Erfahrungen mit diesen Kindern, und ich möchte daraus ein kurzes Stück zitieren: „Wenn Kinder mich voller Hoffnung und Angst fragen: Wenn ich bete, hilft mir Gott dann?, vermittle ich ihnen: Es ist gut zu beten, aber Gott hilft nicht. Was für eine brutale Botschaft! Mit mir müssen sie erlernen und erleiden, dass dieser Gott schlimme Zustände, Schmerzen und Angst nicht einfach aufhebt, aber darin bei uns bleibt.“

Eine harte Antwort – einerseits. Allerdings: Obwohl Inger Hermann behauptet, dass Gott nicht hilft, sagt sie doch im gleichen Atemzug: Gott ist in allem schlimmen da. Und ist das nicht doch auch Hilfe?

Paulus beschäftigt sich in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth auch mit dieser Frage. Er schreibt:

[TEXT]

Dies schreibt Paulus den Korinthern gleich zu Beginn seines Briefes. Es ist ein sehr persönlicher Brief – Paulus hatte ziemlich Streit mit der Gemeinde in Korinth, sie wollten seine Autorität nicht akzeptieren und haben ihn schwer in Frage gestellt. Er versucht, nun etwas von seiner Autorität wieder zu gewinnen – und schreibt dazu den zitierten Abschnitt gleich zu Beginn des Briefes. Mir scheint, er will damit aber auch noch etwas ganz anderes klarstellen als nur seine Autorität und seine Ansprüche. Er will klarstellen, wie Gott eigentlich ist.

Die Korinther hatten sich ein Gottesbild gezimmert, das von einem strahlenden, herrlichen, Siegertyp-Gott ausgeht. Da passt Paulus eigentlich nicht dazu, denn der hatte immer irgendwelche Probleme, mit denen er zu kämpfen hatte. Und das machte ihn für die Korinther unattraktiv. Da passt allerdings auch nicht der Gott dazu, den Paulus verkündete. Paulus war überzeugt: Ich gehöre zu Jesus Christus. Und Jesus Christus war kein strahlender Siegertyp, im Gegenteil – er hat gelitten. Das, sagt Paulus, darf man nicht vergessen. Und gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Gott bei alledem ein Gott des Trostes ist, und das ist eigentlich das wichtigere. Das steht als Leitsatz oben drüber: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und der Gott allen Trostes!“

Trübsal und Trost, Leiden und Hoffnung gehört für Paulus zusammen. Das klingt unangenehm, in gewisser Weise. Man wünscht sich doch eher das strahlende, schöne. Nicht umsonst sind Geschichten aus Königshäusern so interessant, nicht umsonst wollen die meisten kleinen Mädchen eine Prinzessin sein. Aber wir kennen es, dass „Trübsal und Leiden“ da sind. Das wirklich strahlende, absolut problemfreie Leben – das gibt es nicht, das ist eine Erfahrung, die sie vermutlich alle teilen. Es gibt immer irgend etwas, was besser laufen könnte. Ich will keinen Teufel an die Wand malen, ich bin auch kein Pessimist – eigentlich. Trotzdem weiß ich und wissen sie sehr genau, dass einfach immer etwas „schief gehen“ kann. Menschen, die uns nahe stehen, können plötzlich schwer krank werden oder sterben; Partnerschaften können zerbrechen; Lebenspläne können von heute auf morgen umgeworfen werden. Oft wünscht man sich da einen Gott, der einfach vom Himmel herunter kommt und alles wieder richtet; auch ich habe Gott schon angeschrien fast, dass er gefälligst etwas an einem Zustand ändern soll, der mir nicht gepasst hat und der mir auch heute noch nicht passt. Er hat es nicht getan. Oder, jedenfalls nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Diesen Gott, der vom Himmel herunterkommt und alles so richtet wie wir es gern hätten, den kenne ich nicht. Und ich weiß, dass genau daran schon viele Gottesbilder und viele Glaubenskarrieren gescheitert sind. Menschen wenden sich frustriert ab, weil Gott ja nichts tut, wenn es einem schlecht geht.

Nun behauptet aber Paulus steif und fest, dass wir einen barmherzigen Gott, einen Gott des Trostes haben. Und ich stimme ihm zu, obwohl ich sonst Paulus durchaus nicht immer zustimme. Wie kommt Paulus dazu, das zu behaupten? Er kann es behaupten, weil er eben nicht nur die eine oder die andere Seite sieht. Leiden und Trost sind bei ihm miteinander verknüpft, und zwar sind sie durch Jesus Christus miteinander verknüpft. Jesus Christus ist kein strahlender Superheld, sondern er hat sehr gelitten und ist gestorben. In seinem Leiden ist Christus solidarisch mit uns, denn er weiß, wie es sich anfühlt wenn ein Mensch leidet. Mir ist das viel lieber als ein Superheld, gegen den ich ohnehin nicht bestehen kann. Nun ist Jesus Christus aber nicht an seinem Leiden zugrunde gegangen, sondern er hat es durchgehalten. Er ist nicht im Tod geblieben, sondern auferstanden. Paulus folgert nun daraus: wenn ich leide, bin ich mit Jesus Christus verbunden, denn ich nehme das auf mich, was er auch ausgehalten hat. Wenn ich so mit Christus verbunden bin, heißt das aber auch, dass ich in seiner Auferstehung mit ihm verbunden bin. Das heißt, alles, was ich erleide, hat auch irgendwann ein Ende und ich werde irgendwann das Gute erleben, das Christus erlebt hat. Das gleiche gilt auch für die Korinther: Wenn sie Leiden aushalten – und sei es nur, dass sie Mitleid mit Paulus haben – dann ist Christus an ihrer Seite, im Leiden genau so wie in der Auferstehung.

Ich weiß: Ich begebe mich auf gefährliches Terrain. Ich weiß, dass es so klingen kann, als sollte man das Leiden suchen. Und je mehr Leiden, desto mehr Nähe zu Christus. Das glaube ich aber nicht. Denn es gibt Leid, das vermieden werden kann. Genau genommen, könnte man wahrscheinlich weit mehr als die Hälfte an allem Leiden auf unsere Welt vermeiden oder leicht beheben. Und ich bin sehr der Meinung, dass wir das auch nach Kräften tun sollen. Nur gibt es aber eben auch Leid, das wir nicht ändern können. Es gibt Krankheiten, gegen die wir nichts tun können und die auch von niemandem vermeidbar waren. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als solches Leiden einfach auszuhalten. Wir können es nicht „überwinden“, denn es wird nicht verschwinden. Aber wir können es wahrnehmen, wir können es an uns herankommen lassen und durchstehen und wir können es so bestehen. Leid braucht einen Raum: Es muss sich zeigen dürfen. Andere müssen es sehen können. Das soll nicht voyeuristisch sein. Aber nur wenn andere es sehen können, können sie darauf reagieren. Wenn wir Leid bei anderen sehen, dann können wir Mit-Leid empfinden. Wir können da sein, können manches mit tragen, können in irgend einer Weise unterstützen – und sei es nur dadurch, dass wir uns anhören, was den anderen belastet.

Nun weiß ich natürlich, dass das oft schwierig ist. Es ist nicht angenehm, Leid zu sehen, und noch weniger, es am eigenen Leib zu erfahren. Wir alle haben gute Ausweichmechanismen entwickelt, und wenn wir einmal nicht mehr aus können, dann regiert oft genug die Verlegenheit: Was red ich mit dem Kranken, wie geh ich mit der Frau um, die gerade ihren Mann verloren hat? Das ist dann für einen selbst oft auch schmerzlich: Wir wissen ja durchaus, was wir dem anderen, dem Leid tragenden, schuldig bleiben. Merkwürdig oft dreht sich dann das Verhältnis um: Der, der eigentlich Betroffen ist, tröstet den anderen. Der Sterbende beruhigt seine Angehörigen, die Trauernde tröstet andere. Das klingt nicht nur paradox, das ist es auch – denn auch daraus kann Trost für alle erwachsen. Niemand von uns „besitzt“ eine bestimmte Menge an Trost, die er dann weiter verteilen kann. Trost wächst in der Begegnung, da wo Menschen nicht mehr einzeln stehen, sondern zusammen halten und sich auch nicht abwenden, wenn es einem schlacht geht. Der Gott des Trostes ist da, wo wir nicht auf den Superhelden warten, sondern sehen: Was bedroht und zerstört ist gehört zu Gottes Schöpfung genau so wie alles andere auch. Wo Menschen leiden, da ist der Gott des Trostes da; und wo Menschen im Leiden zusammen halten, da wird der Gott des Trostes spürbar. Ich wünsche uns allen, dass wir das selbst erfahren können.

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