Welchs ist Christi Kilch? – Die sin Wort hört

Liebe Gemeinde,

Wenn sie den Anzeiger für den heutigen Sonntag gelesen haben, dann haben sie eine Frage und eine Antwort gelesen, die ihnen vielleicht irgendwie bekannt vorkam: „Welchs ist Christi Kilch? – Die sin Wort hört.“ Dieser Ausspruch stammt von Huldrych Zwingli, in Moosseedorf ist er deshalb bekannt, weil er oben an der Kanzel eingeschrieben ist. Wir sind – nach Zwingli – also dann Christi Kirche, wenn wir sein Wort hören.

Manchen heute, in der Zeit der Macher, Manager und Workaholics,
erscheint uns diese Konzentration auf das Hören befremdlich. Angesichts dieses Satzes wird bei uns allen sofort die Frage auftauchen: Hören? Nur hören? Nicht vielleicht tun? Bei uns gilt
nämlich der Tatbeweis, Worte allein sind nicht viel wert. So haben wir uns daran gewöhnt, nicht viel Worte zu machen sondern lieber rasch zur Tat zu schreiten. Auch auf die Gefahr hin, nachher festzustellen, dass wir besser hätten absprechen, nachdenken, eben hören sollen.

Andererseits erstaunt es uns wohl gar nicht: Unsere Kirche ist
eben nicht eine Kirche der aktiven Täter, sondern eine Kirche der passiven Zuhörer, nicht eine Kirche der machtvollen Tat, sondern eine Kirche des machtlosen Wortes, des leeren
Geredes.

<b>Rauschen.</b>
Natürlich, wir leben nicht nur in einer Zeit der Macher, sondern auch in der Zeit der allgegenwärtigen Berieselung. Wenn wir
etwas hören, dann passiert bei uns lieber erst einmal gar nichts. Denn wir hören so viel, zu viel, mehr als wir aufnehmen könnten. Von allen Seiten und jederzeit strömen die Worte nur so auf uns ein: Die Leute auf der Straße, im Zug, im Bus, im Laden, bei der Arbeit. Das Gerede aus den Radios, im Fernsehen, die zahllosen Telefongespräche, die Faxe, Briefe, E-Mails, SMS’, die vielen Zeitungen, Bücher, das Internet. Wir begegnen permanent Worten, wir hören überall Wörter. Und auch noch als ein weiteres: Gottes Wort am Sonntag in der Kirche.

Worte sind immer inflationärer geworden. Worte gelten nicht mehr viel. Ein Rauschen, das wir gar nicht mehr wahrnehmen. Und falls doch, dann hören wir oft nur dummes Gerede. Die Sendezeit muss zu Boden geredet werden, die Gratiszeitung mit Zeilen gefüllt, die Werbe-Emails kosten ja nichts. Da hören wir lieber gleich weg, schalten unser Gehör auf Durchzug,
verfeinern unseren Spamfilter ein weiteres Mal.

Lauschen des wirkmächtigen Wortes Zwingli meint natürlich ein anderes Hören, nicht besinnungslosen Geräuschkonsum, sondern Hinhören, Zuhören, Lauschen. Und Zwingli meint natürlich andere Wörter, nicht inflationäres Gerede, sondern wirkmächtiges Wort.

Das wirkmächtige Wort nämlich wirkt aus sich selbst die Tat. Wort und Tat sind kaum zu trennen, Worte sind Taten und
Taten sind an das Wort gebunden. Und der Mensch, der das wirkmächtige Wort erlauscht, der Ohren hat, zu hören, und „sin Wort hört“, aus Gottes oder des
Menschen Mund, der ist wie gutes Land, auf dem der Samen aufgeht und hundertfach Frucht bringt.

Und diese Frucht, die Tat des wirkmächtigen Wortes, ist schlechterdings gar nicht denkbar ohne Mensch, ohne Kirche,
„die sin Wort hört“. (Hebräerbrief 4,12f)
Was ist es nun für ein besonderes Wort, „sin Wort“, das so wirkmächtig ist, dass es die Tat gleich mit sich trägt?

Der heutige Predigttext aus dem Hebräerbrief redet auch von Gottes Wort. Hören wir einmal: [TEXT]

Liebe Gemeinde, wie geht es ihnen, wenn sie das hören? Mir tut fast jedes Wort weh, jede Zeile schmerzt, jeder Satz ist wie eine kalte Klinge in den Knochen. Mir wird ungemütlich bei diesem Text.

Wie ein zweischneidiges Schwert dringt es durch mit seiner Schärfe und Kraft, wie mit einem Seziermesser werden Seele und Geist, Mark und Bein getrennt, alles entblösst und aufgedeckt, nichts bleibt dem Gericht verborgen.

Der „liebe Gott“ sieht alles, nicht nur unser Tun und Lassen, nicht nur unser Reden und Verstummen. Es kommt noch schlimmer. Wie ein Schlächter mit dem Schwert seziert er uns zum Gericht. Schrecklich.

<b>Offenbarung.</b>
Aber nun, wenn wir anerkennen, dass der Hebräerbrief offenbar eine Vorliebe für drastische Bilder hat, und wenn wir
berücksichtigen, dass das Schwert eben doch nur ein Bild ist für das Wort Gottes – ein höchst ambivalentes, zugegeben –, dann können wir dieses Bild vielleicht etwas in den Hintergrund stellen und das anschauen, was denn eigentlich über das Wort gesagt wird.

Gottes Wort ist offenbar keines, das in dem Rauschen der Wörter einfach untergeht, das Wort ist nicht inflationär, es ist nicht billig. Das Wort ist durchdringend, schneidend, beissend, es vermag zu unterscheiden, zu trennen, zu differenzieren, es kann aufdecken, entblössen, klären.

Ich denke, radikales Erkanntsein ist hier gemeint, Offenbarung des Menschen, und die Radikalität der Offenbarung wird mit dem drastischen Bild des schmerzhaften Schwertes ausgedrückt. Denn das Wort offenbart den Menschen nicht nur vor Gott, sondern auch vor sich selbst. Und solch eine vollständige Selbsterkenntnis des Menschen mag tatsächlich äußerst
schmerzvoll sein. Und vielleicht ist das „Gericht der Gedanken und Sinne des Herzens“ gar nichts anderes als diese Offenbarung des Menschen vor Gott und sich selbst.

Die Offenbarung durch das schneidende und aufdeckende Wort macht wohl auch nicht Halt vor dieser Welt, in der wir leben. Das Wort deckt die Zusammenhänge, Strukturen, Ordnungen und Gewohnheiten der Welt auf. Und damit werden Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Diskriminierung, Ausbeutung mit einem Mal sichtbar. Das Wort nennt alles beim Namen und eröffnet uns eine schmerzhafte Offenbarung der Welt.

<b>Leben.</b>
Liebe Gemeinde, wir alle kennen wohl solche Erfahrungen, wo das Erkennen von
Zusammenhängen dieser Welt uns schmerzhaft das eigene Verstricksein in Schuld offenbart, wo ein Schritt unserer eigenen Selbsterkenntnis uns in die Seele fährt wie ein Schwert, wie eine Vertreibung aus dem Paradies der seligen Unwissenheit und Naivität.

Doch obwohl es uns schmerzt und obwohl wir leiden an der
neuen Erkenntnis, der Offenbarung, die uns unser bisheriges Leben oder unsere bisherige Sicht auf die Welt als falsch und naiv offenbart, sind wir doch froh und dankbar, nun den Schritt gehen und neue Taten wagen zu können in die uns neu offenbarte Wirklichkeit des Lebens.

Das ist wohl zentral: Die radikale Erkenntnis, die Offenbarung,
führt zu Veränderung, zu Taten, und zu neuem Leben. Auch der Predigttext spricht nicht von einer Offenbarung um
einer abstrakten Klarheit willen. Auch der Predigttext weiss von dem Schmerz und dem Leiden durch Offenbarung. Und auch der Predigttext orientiert sich ganz klar am Leben. Was nämlich neben dem so starken Bild des Schwertes fast verloren geht, ist die Charakterisierung des Wortes, die beinahe wie eine
Überschrift an allererster Stelle steht: Denn das Wort ist lebendig.

Dem Wort Gottes geht es vor allem um das Leben, denn es ist lebendig und es fördert das Leben. Nur um des Lebens willen deckt es Zerstörung, Verachtung und Ungerechtigkeit auf. Sie werden vor das Gericht der Offenbarung gezogen. Und wenn Unmenschlichkeit, Unrecht und Lebensfeindlichkeit beim Namen
genannt sind, dann können sie gewendet und verwandelt werden in Menschlichkeit, Recht und Lebensfreundlichkeit. Durch Taten des wirkmächtigen Wortes.

<b>Erneuerung.</b>
Liebe Gemeinde, das wirkmächtige Wort, das offenbart und erneuert, schmerzhaft zwar und lebensspendend doch, kann das Knäuel des Wortrauschens, die Schräglage unserer Welt und die Falschheit unseres Leben mit Schärfe durchdringen wie mit einem
Schwert, blosslegen wie mit einem Seziermesser.

Und „Christi Kilch – die sin Wort hört“, kann hundertfache
Frucht bringen wie gutes Land, auf das Same fällt. Wenn sie hört und sich zu Tätern des wirkmächtigen Wortes
machen lässt. Wenn sie hört und Gottes wirkmächtiges Wort redet zur Entblössung von Unmenschlichkeit, zur Aufdeckung von Unrecht, zur Offenbarung von Lebensfeindlichkeit. Wenn sie hört und das wirkmächtige Wort zu Taten entlässt, die Tod wenden zum Leben. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!

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