Waschtag

<i>[Zur Vorbereitung können drei Kartons mit den in der Predigt verwendeten Produktbezeichnungen angefertigt werden. Der erste Teil der Predigt wurde von mir hinter einem Verkaufstisch (Tapeziertisch o.a.) gehalten.

Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung!]</i>

Treten Sie näher, meine Damen und Herren, treten Sie näher! Hier lohnt es sich, besonders gut hinzuhören. Denn ich darf Ihnen heute unsere neueste Produktpalette „Fleck-Weg“ aus dem Hause „Weiße Weste“ präsentieren. Es wurden keine Kosten und erst recht keine Mühen gescheut, Ihnen die aktuellsten Innovationen unseres pfiffigen Erfindungsreichtums bieten zu können, aus denen Sie Ihr „Fleck-Weg“-Produkt ganz nach Ihren Bedürfnissen und Ihrem persönlichen Profil auswählen können.

Sie haben sich die Finger schmutzig gemacht? Mit „Fleck-Weg“ wäscht eine Hand die andere und Sie Ihre Hände in Unschuld! Sie haben etwas angestellt? „Fleck-Weg“ sorgt dafür, dass niemand es bemerkt – wenn Sie wünschen, noch nicht einmal Sie selbst! Sie haben Dreck am Stecken? „Fleck-Weg“ dringt selbst in die tiefsten Schichten Ihrer Vergangenheit und macht Fehler beinahe ungeschehen!

Da hätten wir zum Beispiel unseren Top-Seller „Vergiss-Es“ mit dem einmaligen, von uns patentierten Verdrängungseffekt! Ein Universalreiniger, den Sie beinahe in jeder Situation anwenden können: Verdrängen Sie einfach Ihre unangenehmen Seiten, tun Sie so, als gäbe es nichts zu bereuen, als seien Sie schon immer der Heilige gewesen, für den Sie die anderen halten sollen! Sie werden merken, dass die Anwendung denkbar einfach ist und eine mehrjährige Dauerwirkung entfalten kann, manchmal sogar ein Leben lang! Das haben Tests in einer von unabhängigen Wissenschaftlern durchgeführten Langzeitstudie bewiesen.

Oder hier, „Pronto Bianco“, unser Produkt für zwischendurch, wenn es mal schnell gehen muss. Wirkt garantiert in Sekunden! Ist für kleinere Notfälle gedacht, wenn Ihnen mal wieder irgendeine Peinlichkeit unterlaufen ist und es auch noch prompt jemand bemerkt hat. Vielleicht unsere innovativste Entwicklung, da es seine Wirkungsweise der Situation automatisch anpasst und mehrere alternative Vorgehensweisen parat hält. Einer wachsenden Beliebtheit erfreut sich dabei ein auf neuester Satellitentechnologie basierendes Ortungssystem, das immer jemanden in Ihrer Nähe ausfindig macht, auf den Sie mit Ihrem Zeigefinger zeigen können – ein höchst erfolgreiches Verfahren!

Und dann haben wir hier noch etwas für ganz hartnäckige Fälle, „Dementi“. Regelmäßig angewendet, verspricht es eine fast 100%ige Erfolgschance. Außerdem bietet es noch einen äußerst wünschenswerten Nebeneffekt, der von unseren Kunden besonders geschätzt wird: nach einer gewissen Zeit glauben Sie selbst an Ihre Unschuld, was dazu führt, dass Ihr Widerspruch noch überzeugender wirkt. Fantastisch, nicht wahr!

Alles in allem, verehrte Damen und Herren, bieten wir Ihnen mit unserer „Fleck-Weg“-Produkt-Reihe für jede unangenehme Situation die richtige Lösung, damit Sie auf jeden Fall Ihre weiße Weste behalten können …

Vielleicht haben Sie es ja auch schon bemerkt, liebe Gemeinde: Waschmittelwerbung hat sich in den letzten 50 Jahren im Grunde nicht verändert. Immer noch geht es darum, die Kleidung zu Hause "porentief" rein zu waschen: hier mit Megaperls, dort mit Dosierkugel, als Tabs oder flüssig. Viel Neues müssen sich die Herren und Damen von Henkel & Co. nicht einfallen lassen, um ihre Ware an den Mann – besser: an die Hausfrau – zu bringen. Und das, obwohl erwiesen, dass die Wäsche seit zwei Jahrzehnten nicht mehr sauberer wird. Der Reinigungseffekt ist ausgereizt. Und dennoch boomt dieser Wirtschaftszweig unverdrossen vor sich hin, was kein Wunder ist! Denn wir alle machen schließlich Dreck, werden schmutzig, riechen nach Alltag und nehmen den Staub der Straße auf. Ein schier ewiger Kreislauf, der immerwährende sprudelnde Einnahmequellen verspricht. Nichts ist so langlebig wie Persil – denn da weiß man schließlich, was man hat!

Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich hinter dem Wunsch, mit blitzblanken Westen durch die Straßen zu laufen, ein tieferes Bedürfnis nach innerer Reinheit verbirgt. "Porentief" reine Hemden und Blusen zu tragen färbt ja vielleicht auch auf mein Innerstes ab. Kleider machen schließlich Leute und Schmutz bleibt nicht nur in meinen Klamotten hängen. Er setzt sich oft auch in meiner Seele fest, macht mich anfällig, krank, oder – was viel schlimmer ist – belastet mich mit einem schlechten Gewissen, lässt unangenehme Schuldgefühle aufkommen.

Doch damit können wir Menschen unglaublich schlecht umgehen – auf beiden Seiten. Wer einen Fehler gemacht hat, wer Schuld auf sich geladen hat, scheut oft die direkte Konfrontation mit denen, die davon betroffen sind. Ein Phänomen, das seltsamerweise völlig unabhängig ist von der Größe oder Art des Vergehens. Vielleicht weil man sich vor der Reaktion der anderen fürchtet? Weil es peinlich ist, eigene Schwächen zuzugeben? Oder weil wir nicht sicher sind, ob uns verziehen wird?

Schuld und Vergebung, Sünde und Gnade, das sind Worte für ein Phänomen, das so alt ist wie die Menschheit selbst. Auch die Bibel erzählt davon, ja man könnte sagen, dass das ihr eigentliches Thema ist, der rote Faden, der sich von Genesis, vom Ersten Buch Mose bis zur Offenbarung durchzieht.

Schon Adam und Eva haben sich nicht am Riemen reißen können, obwohl ihr Vergehen im Vergleich zu dem, was folgte, uns heute wie eine Lappalie vorkommen mag. Bei Kain und Abel, da fing das Töten an, Lamech hat die Gewaltspirale zu seinem eigenen Gesetz erhoben: „Merkt auf, was ich euch sage:“, heißt es bei ihm, „einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für eine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“ Selbst die Tallionsformel „Auge um Auge – Zahn um Zahn“ lässt noch die Blutrache zu. David war ein Haudegen, der nicht davor zurückschreckte, Nebenbuhler in den sicheren Tod zu schicken. Und später lernen wir Judas kennen, der Jesus verriet, oder – wie in unserem Fall – Paulus, den Apostel der Völker.

In ihm scheint sich die Frage nach Schuld und Vergebung, nach Sünde und Gnade wie in einem Brennglas zu fokussieren, seine Geschichte ist die Geschichte der Bibel, die Geschichte Gottes mit den Menschen. Paulus war ein eifriger Mensch, der aus Überzeugung handelte und energisch sein Ziel verfolgte. Menschen wie ihm ist es zu verdanken, dass das Christentum sich über die Grenzen Israels zur Staatsreligion Roms entwickelte. Das wissen wir, das kennen wir.

Was uns nicht so geläufig ist, was wir vielleicht auch gerne vergessen oder doch zumindest nicht so oft in den Blick nehmen, ist, dass er ein skrupelloser Christenverfolger war, der nicht nur die sektiererischen Gemeinden aufspüren sollte, sondern auch an Tötungen beteiligt gewesen ist und sogar gefallen an einer so grässlichen Sache wie der Steinigung hatte, wie es in der Apostelgeschichte heißt (Apg 8,1).

Paulus ist alles andere als ein Heiliger gewesen – und er würde sich selbst wohl nie so nennen – auch heute nicht! Er kehrt seine Vergangenheit nicht unter den Teppich (V.13) – ganz im Gegenteil: es scheint fast so, als wäre sie der Grund für die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft: "dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen" (V.15). Dass sich ein "Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler" (V.14) als von Gott angenommen und geliebt fühlen kann, trotz seiner Vergehen und seiner Schuld, ist sein bester Beweis für die Lebens- und Erneuerungskraft des Evangeliums!

Doch wie geht es uns damit? Kleine Sünden vergibt der liebe Gott sofort, das können wir noch akzeptieren und glauben. Aber wir werden sehr schnell an eine Grenze stoßen, an der sich die Geister scheiden werden. Wie viel Schuld ist noch vergebbar? Wie viel Gnade ist noch gerecht? Wie mag Gott mit einem Marc Dutroux umgehen, der vergangene Woche zu lebenslanger Haft verurteilt wurde? Er ist und bleibt schließlich ein Geschöpf Gottes! Aber gibt Gott ihm noch eine Chance? Und wenn ja, was hätte dies für Konsequenzen für unseren Umgang mit ihm? Bleibt er dann die Bestie, für die ihn die meisten halten? Hat nicht auch er Eltern, Verwandte, Freunde, die mit ihm gelebt, gefeiert, gelacht haben, die ihn geliebt haben – und vielleicht noch immer lieben? „Wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?“, fragt Jesus während seiner Bergpredigt. „Tun nicht dasselbe auch diejenige, die Gott nicht kennen?“

Darum: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Das ist eine dermaßen radikale Aufgabe, dass Sie und ich immer wieder daran scheitern werden. Darum wird uns auch die Frage nach Schuld und Vergebung, nach Sünde und Gnade immer wieder beschäftigen – ja, sie muss uns beschäftigen, auch wenn wir darauf keine befriedigende Antwort erhalten werden. Denn sie hält uns wach und bewahrt uns davor, all zu schnell kurzen Prozess zu machen. Es ist leicht zu behaupten, dass Gott alle Menschen liebt, solange nicht der oder die damit gemeint ist. Aber genau das zu entscheiden steht nicht in unserer Macht! Wir Menschen werden untereinander immer wieder einen Weg finden müssen, mit Schuld, Strafe und Vergebung so umzugehen. Unsere Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten, auch die Feinde zu lieben, darf dabei dem Evangelium Gottes aber niemals im Wege sein. "Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin." „Unter denen ich der erste bin" – dieser kleine Zusatz, den Paulus noch anfügt, muss in unseren Köpfen und Herzen seinen Platz behalten, gerade wenn es darum geht, über Menschen zu urteilen. Sie mögen – zurecht – hinter Gitter wandern. Aber Gottes Liebe gilt ihnen trotzdem.

Gott sei Dank aber auch uns. Wir sind Menschen, die Fehler machen, verzeihliche, wohl auch schwerwiegende. Und was uns gegenüber anderen vielleicht stören mag und eine Herausforderung ist für unseren Glauben und unseren Gerechtigkeitssinn: dass Gott auch diejenigen liebt, die sich etwas haben zu Schulden kommen lassen, genau das soll uns davon frei machen, alles vertuschen zu wollen und so zu tun, als sei nie etwas geschehen. Denn, wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass so kein Neuanfang möglich ist. Paulus macht es uns vor: Gott bietet jedem und jeder an, mit sich ins Reine zu kommen. Das heißt nicht, die dunklen Flecken zu verdrängen, zu leugnen oder wegzureden. Es heißt, sie in die eigene Lebensgeschichte so hineinzunehmen, dass daraus Neues und Gutes wachsen kann.

Darum: all die Mittelchen, die uns unser Erfindungsreichtum zur Verfügung stellt, um uns seelentief rein zu waschen, haben wir nicht nötig. Bei Gott zählt keine weiße Weste, sondern ein reines Herz. Und das heißt, ehrlich mit sich und den anderen zu sein im Wissen, dass mich nichts von der Liebe Gottes trennen kann.

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