Was ist der Mensch wert?

Liebe Gemeinde!

Was ist der Mensch wert? Mit dieser Frage werden wir tagtäglich, oft ohne es zu merken, konfrontiert. Schlagworte, die uns durch die Medien präsent gemacht werden, drängen sich auf: Ich-AG, Klonbaby, Kriegsgefahr, Patientengut …

Was ist der Mensch wert? Eine brisante Frage, denn in ihr schwingt mit, dass der Wert des Menschen messbar sei und dass man vielleicht bei dem einen oder anderen Menschen mehr oder weniger Wert feststellen könnte. – Und doch ist es gut, wenn diese Frage einmal direkt gestellt und darüber bewusst nachgedacht wird. Denn latent ist diese Frage stets vorhanden und wird täglich vieltausendfach bewusst oder unbewusst beantwortet.

Was ist der Mensch wert? Was ist ein Farbiger für einen Rechtsradikalen wert? – und was ein Rechtsradikaler für unsere Gesellschaft? Was sind die Mitglieder der europäischen Königshäuser für die Blättchenleserinnen wert? Und was war Prinzessin Diana für uns alle wert?

Was ist der Versicherung ein Arm, ein Bein, ein Menschenleben wert? Was bezahlen Eltern für ein Retortenbaby? Was zahlt der Staat für ein schwererziehbares Kind im Heim?

Was ist der Mensch wert? – die alte ewig nörgelnde Mutter? – der gut verdienende Familienvater? – der arbeitslose Alkoholiker? – die Mutter, ohne die nichts läuft? – das Kind mit dem Down-Syndrom? – der Spitzenfußballer? – die Depressive? …

Was ist der Mensch wert?

Hören wir als Predigttext eine Geschichte, die vom Wert des Menschen spricht – von seiner Selbsteinschätzung und von der Zuwendung Gottes. Sie steht bei Matthäus im 8. Kapitel:

[TEXT]

Auf die Frage: Was ist der Mensch wert? antwortet der Hauptmann: „Ich bin nicht wert, … aber…“ „Ich bin nicht wert, aber sprich du nur ein Wort …“

Diese Selbsteinschätzung und die vertrauensvolle Gewissheit in der er sich dennoch an Jesus wendet, nötigen Jesus Respekt ab. Er staunt über den starken Glauben des Hauptmanns. Nicht, dass dieser es nötig gehabt hätte, solchen Glauben zu demonstrieren. Er brauchte Jesus nicht davon zu überzeugen, dass sein Knecht Hilfe brauchte und er musste ihn nicht überreden, zu helfen. Die Hilfe war ja schon gewährt. Jesus war ja schon auf dem Weg dorthin. „Nein, bemühe dich nicht! Das ist zuviel und ich bin es nicht wert, das du unter mein Dach kommst, – aber sprich nur ein Wort! Ein Wort von dir genügt – ein Wort der Heilung, ein Wort der Zuwendung und alles kommt in Ordnung.

Einigen von uns werden die Worte des Hauptmanns vertraut klingen. Sie haben ihren Platz in der Abendmahlsliturgie als Gebet vor der Kommunion: „Herr, ich bin nicht wert, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

Schon am Anfang der Predigt ist es ihnen vielleicht aufgefallen. Da war immer die Rede davon, was jemand für jemanden wert ist – für die Gesellschaft, für die Blättchenleserinnen, für die Versicherung. Vom Wert des Menschen an sich wird nicht gesprochen – auch nicht in unserem Predigttext.

Wert wird uns von außen beigemessen – und wir als Christen glauben, dass der Wert uns und jedem Geschöpf von Gott beigemessen wird: sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.

Die Zuwendung Gottes macht den Menschen so unendlich wertvoll; Gottes Zuwendung zu jedem einzelnen von Mutterleibe an. Wir erhalten unseren Wert durch Gottes Ja zu uns, mit dem er uns geschaffen hat und durch seine lebenslange Begleitung auf den wegen unseres Lebens und Glaubens. Seine Gemeinschaft mit uns, sein Aushalten und auch sein Leiden mit und an uns, lassen jeden von uns zu einer Kostbarkeit werden. Dieses Geschehen zwischen Gott und dem einzelnen Menschen wird von außen gesehen immer ein Geheimnis bleiben, nicht greifbar, nicht fassbar, nur zu glauben.

Eine der beiden Grundübungen des christlichen Glaubens ist es nun, aufzuhören, eigenen Wert in sich selbst und der eigenen Leistung zu suchen, sondern ihn statt dessen immer wieder neu von Gott her zu empfangen und sich der Gemeinschaft mit ihm zu vergewissern. Das gilt im Alter wie in der Jugend; bei Fehlschlägen und Versagen wie auf den Höhen des Erfolgs, in Krankheit und in Gesundheit, in Zeiten des Glücks und in Zeiten der Verzweiflung, das gilt in Angst und Schuld ebenso wie in heiler Geborgenheit: Ich bin nicht wert, dass du eingehst unter mein Dach, aber du, sprich du nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund.

Entsprechend ist es die andere Grundübung christlichen Glaubens, aufzuhören, den Wert seiner Mitmenschen in ihrer Leistung zu suchen, sonder statt dessen sie immer wieder neu von Gott her zu verstehen, immer wieder durch die äußere Fassade hindurch Gottes Gemeinschaft und sein Geheimnis mit ihnen zu glauben. Das gilt für Alte wie für Junge, für Versager wie für Erfolgreiche, für Kranke wie für Gesunde, für Glückliche wie für Verzweifelte, für verfehltes Leben ebenso wie für rechtschaffenes. Dadurch, dass Gott meinen Nächsten geschaffen hat, dass er seinen Weg mit ihm geht und sein Geheimnis mit ihm hat, kommt ihm unendlicher Wert zu. Schau durch die Fassade und glaube das Geheimnis! Das ist die zweite Grundübung.

Beide Übungen sind jedoch nicht möglich ohne Glaube, Liebe und Vertrauen auf Gott. Wo Gott nicht mit ins Kalkül gezogen wird, stehen der menschlichen Willkür mit allen schlimmen Folgen Tor und Tür offen. Umso wichtiger ist es, dass Christen sich Gedanken machen und zu Wort melden, wo es um den Wert des Menschen geht: in Schule und Gesellschaft, in der Politik und in der Medizin, im täglichen Umgang miteinander. Es ist die Kultivierung der zweiten Grundübung, die von uns Christen im öffentlichen Leben am meisten gefragt ist.

Welche Herausforderung, Gottes Geheimnis selbst mit einem rechtsradikalen Straftäter, mit einem Kinderschänder oder einem Diktator glauben zu sollen – und dennoch: wie könnten wir es ihm absprechen? Strafe muss dringend sein, Schutz der Gesellschaft muss sein, aber es bleibt allein Gottes Sache, über den Wert dieser Menschen zu entscheiden.

Wie unabdingbar, immer wieder auf Gottes Gemeinschaft mit Opfern von Gewalttaten hinzuweisen und ihnen zu helfen, ihre Interessen in der Gesellschaft wahrzunehmen. Wie unabdingbar auch, immer wieder auf Gottes Gemeinschaft mit Kranken und Sterbenden, mit Komatösen, mit Alten und Behinderten, mit ungeborenen Menschen hinzuweisen – wie könnten wir es verantworten, nicht für sie einzutreten?

Wie anstrengend, im täglichen Leben Gottes Geheimnis auch mit unangenehmen Zeitgenossen im Auge zu haben. Ich denke an zänkische Nachbarn, an freche Schüler, an ungerechte Lehrer, an rücksichtslose Autofahrer, an aggressive Kunden, an gerissene Verkäufer, an mobbende Kollegen, an willkürliche Chefs – wie schwierig und wie nötig, da immer wieder zwischen Mensch und Verhalten zu unterscheiden – und wie wichtig ist es, das auch zu zeigen.

Wir glauben an das Leiden Gottes mit uns und unseren Nächsten in Schwäche, Angst und Leid. Wir glauben an das Leiden Gottes an uns und unseren Mitmenschen in Sünde Schuld und verfehltem Leben. Wir glauben an das unergründliche Geheimnis Gottes mit jedem Menschen und die ganz allein nur ihm zustehende Entscheidung über den Wert seiner Geschöpfe.

Wer in der Gesellschaft sollte davon sprechen, wenn nicht wir Christen. Durch unseren Glauben und die Gemeinschaft Gottes mit uns kommt uns eine Ahnung vom Wert des Menschen zu, eine Ahnung, die außerhalb des Glaubens nicht zu haben ist.

Wir alle leben davon, dass Gott uns unseren Wert zumisst. „Herr, ich bin nicht wert, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

drucken