Was habe ich vom Glauben? Ich darf mich festmachen an Gott!

Liebe Jubilare! Liebe Gemeinde!

Ein Fest wird heute in unserer Gemeinde gefeiert. Eingeladen wurden alle, die vor 25, 50, 60, 65, 70, 75 Jahren konfirmiert wurden. Viele haben sich darauf gefreut. Manche wollten gern dabei sein, aber sind aus vielerlei Gründen verhindert.
Ein Fest wird gefeiert. Was heißt das? Das Wort sagt es schon. Ein Fest ist ein Ort und eine Zeit zum „fest“ machen. Das brauchen wir hin und wieder in unserem Leben. Nicht bloß die großen kalendarischen Feste wie Weihnachten und Ostern, auch die kleinen persönlichen Feste wie Geburtstage, und Jubiläen. Sie sind wie kleine Oasen inmitten des Alltagsrhythmus. Ein Fest schenkt mir die Gelegenheit zur Reflexion, woher ich komme, wo ich stehe, wohin ich gehe. Ein Fest ist zugleich eine Zeit mit anderen; denn ich brauche Gemeinschaft und Anerkennung.
Das heutige Fest der Jubliäumskonfirmation lädt ein, sich wieder „fest“ zu machen im Glauben. Es schenkt Raum und Zeit, Gott zu danken für das, was ich bin und habe. Es schenkt Raum und Zeit für Zuspruch und Ermutigung auf meinem Lebensweg. Es bietet die Gelegenheit über den Alltagshorizont hinaus zu schauen. Ich möchte heute das Fest eröffnen mit einem Hymnus. Der Apostel Paulus bringt darin seine Freude und Staunen über Gott festlich zum Ausdruck.

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Paulus staunt also über die Wunderwege Gottes! Und wir über ihn! Denn unser Glaube ist ins Stottern gekommen. Er tastet sich lieber vorsichtig und von unten heran. Zwar kann uns im Rahmen eines Kirchenkonzertes der Lobpreis begeistern, kann ein musikalisch schön umrahmter Gottesdienst zu Herzen anrühren, doch selbst bevorzugen wir die Kammertöne, zaghaft, leise, im Ringen mit eigenen Zweifeln. Denn so unbefangen wie frühere Generationen können wir „den Herrn, der alles so herrlich regieret“ nicht mehr loben. Dazu wissen wir zuviel! Und wenn wir persönlich vielleicht noch in einer relativ heilen Nische dieser Welt leben, so erfahren wir doch Tag für Tag durch die Medien, wie es draußen zu geht: Terroranschläge im Irak, der Bürgerkrieg im Sudan, die Unwetterkatastrophe in Amerika, der sexuelle Missbrauch von Kindern.

Da bleibt uns das Gotteslob allzu oft im Halse stecken. Anderseits erschreckt uns der Gedanke an eine gottlose Welt, eine Welt ganz und gar in der Hand des Menschen. Jörg Zink hat die Überschätzung des Menschen, der für Gott keinen Platz in der Welt vorsieht und deren Kehrseite eine ungeheure Menschenverachtung ist, bildlich so beschrieben.

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Aber nach vielen Jahrmillionen war der Mensch endlich klug genug. Er sprach: ‚Wer redet hier von Gott? Ich nehme meine Zukunft selbst in die Hand.’ Er nahm sie und es begannen die letzten sieben Tage der Erde.“

Gott loben – ja andere dazu ermuntern – das kann und wird leicht missverstanden. als ob wir flüchten wollten in eine andere, bessere Welt, als ob wir resignieren wollten vor der Verantwortung in dieser Welt. In einem Sprichwort heißt es: „Danken schützt vor Wanken und Loben zieht nach oben.“ So verweist dieses Wort darauf, wo wir uns festmachen können, nämlich im Danken und Loben Gottes. Entscheidend dabei ist die Frage: Welchen Gott loben wir?
Der Lobpreis des Apostels Paulus steht am Ende langer und schwieriger Überlegungen: Was ist das für ein Gott, der sein eigenes Volk Israel in die Irre laufen lässt? Wie verhält sich die Kirche zu Israel?

Doch inmitten dieser Fragen bricht – wie die Sonne den dichten Nebel – ein Gedanke durch: Gottes Treue bleibt bestehen: „Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“ Da kann der Apostel gar nicht mehr anders, als Gott zu loben, seine Wege und Gedanken zu rühmen und mit „Amen“ das Thema zu beschließen.

Liebe Jubilare, ich kenne Ihre Wege nicht. Ich weiß nichts von Ihren Gedanken und Plänen, Ihren Worten und Taten. Doch ich denke, dass Sie genau wissen, wo
Ihr Leben Höhen erklommen, Ziele erreicht, Ihre Seele und ihr Herz voller Glück waren und noch sind. Ist das kein Grund gewesen und bleibt es weiterhin, Gott zu loben?

Und genauso wissen Sie, wo Sie Zusammenbrüche erlebten, Abbrüche sich auftaten – ob verschuldet oder unverschuldet. Ich darf wohl vermuten, dass Sie an Ihren Lebenskrisen gereift sind und erfahren haben, dass sich neue Türen auftaten.
Ist das kein Grund gewesen und bleibt es weiterhin, Gott zu loben?

Vor vielen Jahren wurde ich von einem Jubilar gefragt, warum ich zum Sonntag nach Pfingsten einlade und nicht zum Palmsonntag, dem Tag der Konfirmation. Ich habe auf die besondere Bedeutung dieses Sonntages hingewiesen. Es ist der Sonntag Trinitatis. Er beendet den großen Festkreis der ersten Kirchenjahrhälfte. Auf die Frage: Was habe ich vom Glauben? antwortet dieser Tag: Ich darf mich festmachen
an Gott, den Schöpfer, der mir mein Leben geschenkt hat und noch erhält,
an Gott, den Erlöser, der von lähmender Angst und aus Schuld befreit und
an Gott, den Tröster, der immer wieder den Lebensmut stärkt und in uns das Wollen und Vollbringen wirkt.

Der Sonntag Trinitatis ist also ein sehr geeigneter Anlass, sich im Glauben neu festzumachen, ja wieder die Sprache des Lobens und Dankens einzuüben. Es muss nicht die Sprache des Apostels, die Weise der Liederdichter sein. Das Lob Gottes ist nicht in Form und Sprache festgelegt. Eine befreiende und zugleich heitere Geschichte möge das illustrieren:

Ein Jahrmarktsjongleur ist über dem Winter in einem Kloster beherbergt und verpflegt worden. Weil er Gott nicht anders zu danken weiß, spielt er ihm in der Kirche außerhalb der Gottesdienstzeiten heimlich sein Repertoire vor. Die Mönche bemerken es und sind entsetzt über die „Entweihung“ ihrer Kirche. Mit einem Fluch will der Abt den undankbaren und ungläubigen Mann – wie er sagt – fortjagen. Doch da geschieht das Wunder: Der Gekreuzigte steigt von seinem Kreuz und segnet den Gaukler. Die Erzählung endet wörtlich: „Alle Gebete und Lobgesänge hatten ein solches Wunder nicht bewirken können.“ (Die Blumen des blinden, Kaiser Verlag 1983, S.75f)

Liebe Jubilare, möge dieser Tag Sie ermutigen, sich im Glauben an den Gott, der seine Treue hält, wieder festzumachen, voll Vertrauen auf seine Zusage Ihren Weg weiterzugehen und mit den Ihnen geschenkten Gaben und Möglichkeiten Gott zu danken und zu loben.

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