Was bedeutet Pfingsten?

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung.]</i>

Liebe Gemeinde!

Pfingsten? Wissen Sie, was dieser Name bedeutet? Nach einer neueren Umfrage wissen nur noch etwa dreißig Prozent der Deutschen, warum wir Pfingsten feiern. Wird das Fest also nicht mehr gebraucht? Immer wieder berichten die Medien von Überlegungen, den Pfingstmontag zugunsten wirtschaftlicher Vorteile abzuschaffen. Die Rechnung lautet: Längere Arbeitszeiten gleich mehr Wachstum. Doch mittlerweile setzt sich bei Wirtschaftsexperten allerdings die Einsicht durch: Der Mechanismus funktioniere nur in Boomzeiten, wenn die Nachfrage nach Arbeit hoch sei. Die Abschaffung des Buß- und Bettag als Feiertag hat keine wirtschaftliche Wirkung gezeigt. Ja es ist festzuhalten, dass es Bundesländer mit 14 Feiertagen gibt, in denen die Arbeitslosigkeit geringer ist als in anderen Regionen mit weniger Feiertagen.

Pfingsten? – Wissen Sie, was der Name bedeutet? Der Name leitet sich vom griechischen „pentekoste“, der Fünfzigste“ ab. Er weist auf den zeitlichen Abstand zu Ostern. Pfingsten ist das Fest, das fünfzig Tage nach Ostern gefeiert wird. Es erinnert an das Ereignis, von dem das zweite Kapitel der Apostelgeschichte erzählt.

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Pfingsten? Wissen Sie, was damit inhaltlich verbunden ist? Und ich antworte darauf:

1. Pfingsten ist zu allererst ein Sprachwunder.
Das ist für die Jerusalemer Massenversammlung die Überraschung: „Wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.“ Menschen reden zu Menschen und werden verstanden. Es gibt keine erstaunlichere Erfahrung, als wirklich gehört und verstanden zu werden. Verstehen heißt ja, dass einem nicht nur ein Licht, sondern auch das Herz aufgeht. Den Menschen damals ging das Herz auf. Sie ließen sich von dem Geist Gottes bewegen und taufen.
Pfingsten lehrt uns, dass Völkerverständigung möglich ist. Es bedeutet, von einem neuen Geist beseelt zu sein, der Menschen einander begegnen lässt, ohne die eigene und die Identität des anderen in Frage zu stellen. Das birgt Risiken. Aber es kann auch wahre Wunder bewirken.

Am vergangenen Freitag ist eine Delegation unseres Kirchenkreises unter der Leitung des Superintendenten Pfarrer Eigemann nach Ruanda geflogen. Zehn Jahre nach dem großen Völkermord in diesem Land ist der Weg der Versöhnung immer noch steinig und schwierig. Da kann eine Begegnung mit Christen aus einer anderen Kultur hilfreich sein, Brücken des Friedens auch nach innen zu schlagen. Die Gemeinden unseres Kirchenkreises werden diese Reise mit einer Gebetskette begleiten. So wollen wir Anteil nehmen an dem Leben unserer fernen Partner. So wollen wir um den Geist Jesu bitten, der im Hören auf sein Wort, im Gebet und im Austausch von Glaubenserfahrungen seine heilsame Kraft des Friedens spüren lassen möge.

2. Pfingsten ist darum der Geburtstag der Kirche.
Die Menschen, die sich damals taufen ließen, wurden zur Keimzelle einer weltweiten Bewegung für die Sache Jesu. Von Anfang an ist darum die Kirche eine grenzüberschreitende Bewegung. Ihr gehören nicht nur Menschen einer Nation, einer Klasse oder Gesellschaftsschicht an. Ihr gehören nicht nur Menschen an, die sich sympathisch finden, die gleiche Denk- und Sprechweise haben. Ihr gehören alle an, ob groß und klein, ob jung und alt. Begabte und Unbegabte, Arbeitslose und Arbeitbesitzende, Fromme und Suchende. In der Kirche sind sie zuhause. Sie sind gekennzeichnet durch die Begeisterung für Jesus. In der frühen Kirche genügte noch ein einziger Glaubenssatz als Bekenntnis: „Jesus der Herr“. (Römer 10,9)

Pfingsten lehrt uns, dass es ein ökumenisches Fest ist. Auf dem ökumenischen Kirchentag in Berlin im letzten Jahr merkte man oft nicht, wer katholisch oder evangelisch war oder aus einer Freikirche kam. Viele tausend Menschen hörten die Bibelarbeiten, diskutierten, beteten und sangen miteinander. Sie erlebten und feierten schon ein Stück Einheit der Kirche. Eine bunte, lebendige und vielfältige Einheit. Viele sagten – und ich gehöre auch dazu – sie hätten Gottes belebenden Geist gespürt, der aus vielen eine Kirche werden und den großen Reichtum des Glaubens ahnen lässt. So hat sich bestätigt, was der Papst einmal gesagt hat: „Uns
verbindet mehr, als was uns trennt.“ Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat folgerichtig nach diesem großen Treffen in Berlin den Vorschlag gemacht, den Pfingstmontag als „Fest der Einheit der Christen“ zu begehen. Während die evangelischen Kirchen dafür sind, hat die katholische Deutsche Bischofskonferenz diesem Gedanken eine Absage erteilt. Denn sie befürchtet, die Eucharistiefeier könnte dadurch ihren besonderen Stellenwert einbüßen. Denn ein evangelischer Gottesdienst gilt nach offiziellem katholischen Verständnis nicht als gültiger Gottesdienst. Doch soll uns solch eine Absage nicht verängstigen. Vielmehr können wir im Blick auf Pfingsten uns gegenseitig an das biblische Wort erinnern: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“(2.Tim 1,7)

3. Pfingsten ist das Fest des Geistes.
Horst Köhler, seit vergangenen Sonntag neu gewählter Bundespräsident in spe, hat einen Traum: "Deutschland soll ein Land der Ideen werden. Im 21. Jahrhundert bedeutet das mehr als das Land der Dichter und Denker, mehr als Made in Germany, mehr als typisch deutsche Tugenden. Das ist ganz sicher etwas anderes als Großmannssucht und Selbstüberschätzung. Deutschland, ein Land der Ideen, das ist nach meiner Vorstellung Neugier und Experimentieren, das ist in allen Lebensbereichen Mut, Kreativität und Lust auf Neues, ohne Altes und Alte auszugrenzen. Das sind neue Gründerjahre, das ist auch die Kraft, mit Rückschlägen umzugehen und wieder neu anzufangen." Er sieht die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und die Lösungen der damit verbundenen Probleme mit den Augen des Ökonomen und das ist sein gutes Recht. Doch ob das reicht, eine neue Zukunft zu gewinnen, in der es gerechter und friedlicher zugeht? Immerhin erinnern mich seine Worte an die beiden Verse unseres Predigttextes, die ein Zitat aus dem Buch des Propheten Joel sind: "Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen."
Pfingsten hat tatsächlich etwas mit dem zu tun, was Horst Köhler in seiner Ansprache gefordert hat: "Neugier und Experimentieren, … in allen Lebensbereichen Mut, Kreativität und Lust auf Neues, ohne Altes und Alte auszugrenzen". Das sollte nicht nur für den wirtschaftlichen Aufbruch unseres Landes gelten, das kann sich auch unsere Kirche ruhig hinter die Ohren schreiben. Denn auch wir brauchen neue Ideen, damit aus der Krise des Christentums in Westeuropa eine Chance zum Neubeginn erwachsen kann. Und dabei dürfen wir niemanden außen vor lassen, nicht unsere Kinder und Jugendlichen, nicht die Frauen und Männer, nicht die Senioren – sie alle haben ihre Träume, sie alle haben ihre Lebensweisheiten. Sie alle sind TrägerInnen einer Vision für eine zukunftsfähige Kirche, die den Mut hat und die Kreativität besitzt, über wirtschaftliches Denken hinaus zu gehen und den Menschen eine neue Perspektive anzubieten. Das Presbyterium unserer Gemeinde ist zurzeit in einem Beratungsprozess über die Ergebnisse des von ihm eingesetzten Perspektivausschusses. Viele Ideen sind da zusammengetragen worden, um Kirche zu erneuern und Wege aufzuzeigen, die unter dem Diktat des Sparzwanges trotz alledem möglich sein könnten. Mich bewegt immer noch, was einmal Kinder und Jugendliche unserer Gemeinde vor einigen Jahren auf die Frage, wie Kirche sein soll, geantwortet haben:

Wie ein Platz, wo sich Gott selbst wohl fühlt
Wie ein Klassenraum, in dem Rechtschreibung unwichtig ist
Wie ein Clown, der Ernstes heiter sagt
Wie eine Sonne, die den Nebel durchlöchert
Wie die Westkurve beim FCK.

Gerade diese letzt genannte Vorstellung gefällt mir, weil in ihr daran erinnert wird, dass unter uns zu wenig Begeisterung ist. Eine Begeisterung für den Glauben, die bejubelt und besungen sein will.

Vielleicht mag es manchen abstoßen, aber könnte nicht eine La – ola Welle eine spontaner Ausdruck unserer Glaubensfreude werden????

Noch einmal: Pfingsten lehrt uns wie es in einem neuerem Lied so treffend heißt:

„Die Sache Jesus braucht Begeisterte.
Sein Geist sucht sie unter uns,
Er macht uns frei, damit wir einander befrein.“ (P. Jansen)

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