Warnung vor verfehltem Glauben!

Liebe Gemeinde,

vielleicht ist es ihnen ja auch beim Lesen dieses Textes aufgefallen: In jedem Satz kommt das Wort Liebe mindestens einmal vor.
Das Thema der Predigt wäre damit gestellt. Trotzdem möchte ich eine Behauptung wagen und im folgenden auch darlegen: Es geht um ein anderes Thema. Das ist sicher erstaunlich, wo doch Liebe so oft vorkommt. Das Thema, um das es geht lässt sich am Beispiel dieses Begriffs erklären, hat damit zu tun und verschmilzt ja geradezu damit. Aber damit ist Liebe eben gerade nicht das Thema, sondern ein Beispiel. Es ist klar, dass die Predigt diesem Beispiel aber ebenso viel Gewicht zu geben hat, wie dem Thema selbst. Aber ich möchte doch den Text trotzdem so predigen, wie er auch selbst verstanden sein will.

Das Thema des Textes ist der Glaube. Doch damit beginnt für Johannes schon die Klammer: Man kann über den Glauben nicht reden, ohne über die Liebe zu reden. Heute würde man sagen: Johannes ist ein unverbesserlicher Idealist. Dass man über den Glauben reden kann, ohne über die Liebe zu reden, hat die Geschichte der Kirche zu genüge gezeigt und auch die Wirklichkeit heutiger Kirche ist von Beispielen dafür durchaus voll. Natürlich kann man sich fragen: Was macht die Kirche denn, wenn sie über den Glauben redet, ohne damit zugleich Liebe zu meinen? Die Meinung des Apostels dazu ist einfach: Diese Kirche verfehlt den Glauben.

Das Thema des Textes ist also: Warnung vor verfehltem Glauben!

In wenigen Minuten werde ich aus dem gehörten Text Aussagen herausgreifen und sie in der Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erklären. Doch zuerst möchte ich noch einmal vor einer Gefahr warnen, nämlich im Blick auf die Kirche über die Liebe zu reden, ohne an den Glauben zu denken. Hier scheint sich bei aller Berechtigung ein Abweg aufzutun, der gerade von den Worten des Evangelisten Johannes her möglich ist. Wenn man das Wort Bruderliebe im Sinn der Verbindung von Gleichgesinnten versteht, dann ist das bezogen auf die Kirche sektiererisch. Diese Kirche wäre eine Kirche der Liebe ohne den Glauben und damit würde sie den Sinn der Liebe ebenfalls verfehlen. Ich bin der Meinung, dass diese Gefahr gerade auf unsere Volkskirche heute zutrifft. Weil in unserer Zeit der Glaube in eine ziemliche Krise gekommen ist, finden wir es besser und angemessener, auf die Beziehungen zu achten. Ich bin der Überzeugung, dass Kirche heute immer als Gemeinde auftritt, als eine Gruppe von Menschen, die sich kennen und etwas miteinander zu tun haben. Achten sie mal selbst darauf, ob sie in einer Gruppe, zu der sie nicht gehören als Fremder akzeptiert werden. Der Versuch ist ganz einfach: Sie gehen einmal in einen Verein und nehmen zur Probe an einem Gruppenabend teil, ganz egal, ob das ein Kegelklub, ein Handballverein, eine Walkinggruppe oder der Schützenverein ist. Und nach den zwei Stunden der Zusammenkunft versuchen sie selbst zu beurteilen, ob sich etwas verändert hat, oder ob sie dieser Gruppe gegenüber fremd geblieben sind. Ich persönlich habe das schon in mehreren Gruppen ausprobiert und muss sagen: 1. Es geht. Und 2. Das Ergebnis ist verschieden. Es gibt offene Gruppen, die gern auf Neue zugehen und es gibt geschlossene Gruppen, die andere im Grund erst einmal ausschließen. Man führt das dann auf die Mentalität zurück und sagt, ja mit den Westfalen muss man zuerst einen Sack Salz zusammen essen. Das Zusammenleben der Menschen ist immer auch eine Frage der Zeit. Aber im Zusammenleben und in der Frage der Beziehungen gibt es das spontane Erfassen des Gefühls: „Der ist einer von uns!“ Oder „Den mag ich nicht!“ Die Gemeinschaft der Kirchengemeinden ist von Vertrauen geprägt. Wo sich Menschen sehr persönlich einander anvertrauen, können sie nicht gut mit Fremden umgehen. Sie sind misstrauisch und wissen nicht, wie sie mit vertraulichen Dingen umgehen. Ich glaube, dass daher die Kirchengemeinden oft eine Ansammlung von Menschen ist, die auf Fremde reserviert oder sogar abwehrend wirkt. Ich möchte sogar behaupten, dass die vielen Kirchenaustritte zwar auch mit der Glaubenskrise zu tun haben, aber auch damit, dass viele Menschen einfach zu recht sagen: „Ich habe keine Beziehung zur Kirche gefunden.“ Ich habe diesen Satz in der Seelsorge schon oft gehört.

Kirche ist bei uns eigentlich immer eine Form von Gemeinschaft, so ähnlich meint das Johannes sogar mit dem Wort Bruderliebe. Wer von sich sagt, keine Beziehung gefunden zu haben sagt zugleich: Ich bin fremd geblieben, ich habe keine Liebe gefunden.

Wer also in diesem Text das Thema Liebe sieht, landet bei der Bruderliebe und merkt nicht, dass er eine sehr einseitige Form der Liebe meint. Wenn ich den Text so lesen würde, dann würde mich der Satz der Bergpredigt Jesu treffen: (Mt 5,44-47)44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. … 46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?

Wir sehen also, obwohl in jedem Satz das Wort Liebe vorkommt, und der Text beginnt mit: „Gott ist die Liebe“ kann er doch nicht so verstanden werden, dass er bei der Bruderliebe landet. Diese Liebe unter Freunden ist nur etwas wert, wenn sie die Offenheit und Wertschätzung der Fremden einschließt, ja wenn sie zur Feindesliebe und zur Liebe jedes Nächsten in der Lage ist. Denn es ist nicht mein Nächster, der mein Freund ist, sondern der, der mir in seiner Not so nah kommt, dass ich mit meinen Fähigkeiten nicht anders kann als zu helfen.

Und doch sind die Texte, in denen in der Bibel das Thema Liebe vorkommt, die schönsten überhaupt und dazu zähle ich diesen Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief. Er ist ein Text, den ich mir kulinarisch auf der Zunge zergehen lassen. Ich möchte ihn lesen wie ein Gedicht.

Gott ist Liebe.
Gefühl, Verbindung, Zuneigung, Miteinander leben, sich küssen und umarmen, an der Hand halten, sich etwas versprechen, nah sein, Wärme geben und nehmen, teilen, …
Gott ist Liebe.
Und wer in der Liebe lebt, lebt in Gott.
Gott ist überall.
Und Wenn Gott Liebe ist, dann ist Gott nah, wenn Menschen einander nah kommen.
„Dass ich die Liebe von der ich leb, liebend an andere weitergeb´.“
Gott ist nicht Universum, Gott ist nicht Metaphysik, Gott ist nicht Theologie.
Gott ist Liebe, und wer in der Liebe lebt, lebt in Gott.
Gott ist einfach menschlich und menschlich einfach.
Und Gott lebt in den Liebenden.
Gott spricht über uns das Wort des Gerichts.
In der Zukunft wird das Urteil über unser Leben fallen.
Dieses Gericht ist kein Strafgericht mehr, sondern ein Liebesurteil.
Wir sind mit Gott verbunden in Christus.
Jesus Christus ist unser Bürge.
Jesus ist Gott nah. In Jesus ist Gott uns nahe und liebt uns.
„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gesandt hat.“
Selbst wenn wir mit verbundenen Augen gehen würden, in der Welt, wüssten wir, dass Gott uns an seiner Hand hält.
Wir haben keine Angst.
Gottes Liebe vertreibt unsere Angst vor der Zukunft.
Die Liebe, die uns nahe ist, vertreibt unsere Angst in der Gegenwart,
Tag und Nacht.
Gott ist uns nahe in der Liebe.
Lass dich in Gottes Arme fallen.
Lässt du dich nicht fallen,
dann hast du noch Angst.
Aber Gott kommt mit ausgebreiteten Armen auf dich zu.
In Jesus Christus zeigt er dir seine Liebe.
Lerne zu vertrauen.
Vertrau auf dich, vertrau auf Menschen, vertraue auf Gott.
Misstrauen ist ein Zeichen von Angst und nicht von Liebe.
Niemand kann von sich sagen: »Ich liebe Gott«,
und dabei anderen Menschen, die im Glauben nahe sind, hassen.
Misstrauen ist eine Form von Hass.
Wer einen Menschen, den er sieht, nicht liebt,
der kann Gott, den er nicht sieht, erst recht nicht lieben.
Gott in seiner Höhe und Majestät zu lieben, ist unmöglich.
Aber Gott in seinen Geschöpfen zu lieben, ist möglich.
Trotzdem heißt es:
Liebe Gott, den Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele mit ganzem Gemüt.
Die Liebe zu Gott ist eine Leistung des Glaubens.
Der Glaube ist ein Ergebnis der Liebe Gottes zu uns.
Wer Gott liebt, liebt auch seine Mitmenschen.
Denn: Gott ist die Liebe.

Vielleicht ist mit dieser Meditation im Sinn der Sprache schon alles gesagt. Es geht um die Liebe aus der Sicht des Glaubens, es geht um den Glauben, der die Liebe braucht.
Die Verbindung ist wichtig um der Tiefe und der Weite der Liebe willen. Die Lehre der Kirche und die Meinung der Gläubigen kann zur Weltanschauung verflachen. Dann wird die Kirche ein Glaubenszirkel, sie wird sektiererisch und ist nicht mehr offen.

Eine Kirche, die nicht wirklich offen, kann auch durch das Öffnen der Türen nichts bewirken. Aber eine Kirche, die den Glauben als Liebe versteht, ist immer offen.

Drei Stichworte zum Glauben: Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft.

Vergangenheit: interessant ist, dass hier von Christi Gebot und Gottes Liebe die Rede ist. Eigentlich müsste es ja Christi Liebe und Gottes Gebot heißen. Diese Umkehrung ist wichtig, denn daraus wird die Grundlage unseres Christentums. Das Gottes Gebot ist in seiner Liebe zu verstehen. Gott gibt keine Gebote mehr um Menschen zu richten, verurteilen, zu schädigen, zu verletzen. Gott sendet seinen Sohn. Gott schenkt Versöhnung. Gott ist nun die Liebe. Die Liebe Gottes ist also die Liebe Jesu Christi. Viele Menschen verstehen Jesus als den Boten der Liebe. Sein Leben, seine Passion ist das höchste Symbol der Liebe, das es gibt. Aber seine Liebe wird für uns nun durch den Glauben auch zum Gebot, zur Bruderliebe, zur Nächstenliebe, zur Feindesliebe zur Liebe der Menschen und der Schöpfung.

In der Gegenwart: Christen leben als Menschen in der Welt. Christus, der auch als Mensch in der Welt war, ist nun bei Gott. Christus hat seine Verbindung zu Gott, auf die Menschen im Glauben übertragen, hat seine Liebe zu Christus auf die ausgeweitet, die mit Christus in Verbindung stehen. Das heißt: Christen leben als Menschen in der Welt, aber als Glaubende leben sie in Gott, sind weltlich und religiös zugleich. Religiös zu sein bedeutet, mit der Zukunft von Gott her rechnen.

Die Zukunft: Der Glaube zeigt jedem Leben eine Richtung. Es gibt keinen Glauben, ohne von der Zukunft zu reden. In der ursprünglichen Verkündigung der Bibel hatte die Rede von der Zukunft die Gestalt des Gerichts. Diese Gerichtsverkündigung hat sich im Glauben bis zum heutigen Tag erhalten und schreckt viele Menschen davon ab, zu glauben. Richtig ist: Das Symbol des Gerichts zeigt uns eine Zukunftsperspektive auf. Die Gegenwart steht unter dem Gewicht der Verantwortung, weil wir unser Leben zu verantworten haben. Diese Antwort auf Gottesliebe haben wir schon zu geben. Wer seinen Bruder nicht liebt, liebt Gott auch nicht. Aber die Zukunft an sich ist keine Bedrohung, kein Grund zur Angst vor Gott. Gott verurteilt nicht, weil er die Sprache der Liebe spricht, allein durch Christus.

Der Glaube an Christus ist der Raum im Menschen, der durch die Liebe Gottes gefüllt wird. Die Angst verschwindet in der Liebe.

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