Vortrupp des Lebens

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder –

bei diesem Abschnitt aus dem ersten Korintherbrief fällt es mir schwer, ruhig zu bleiben: Wann immer ich ihn lese, werde ich kribbelig. Das hat Gründe – Gründe, die ganz unmittelbar mit meinem eigenen Christsein zu tun haben, heute, 2000 Jahre nach dem Ostern damals, und vermutlich auch mit Ihrem Christsein. – Denn das ist ja so eine Sache: Zwischen dem Ostern damals und uns liegt ein so grausig weiter Graben an Zeit, dass der Verstand fragt „Kann denn das wahr sein?“ und, wenn’s denn wahr ist „Was hat denn das mit mir zu tun?“ oder wie bei Yannick in der Geschichte aus der Predigt vom vergangenen Sonntag „Ist doch schon sooo lange her …“

Wirklich? – Denn nicht nur, dass Sie und ich eben den ältesten Abschnitt der christlichen Bibel, des Neuen Testaments gehört haben – ich habe auch gleich einen unerwartet wunderbaren Grund zum Vertrauen in Jesus Christus gefunden.

Der Reihe nach: Der älteste Abschnitt des Neuen Testaments, das sind die Sätze: „Ich habe euch weitergegeben, was ich selbst empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben. Das ist das Wichtigste, und so steht es schon in der Heiligen Schrift. 4 Er wurde begraben und am dritten Tag vom Tod auferweckt, wie es die Propheten angekündigt hatten. 5 Als der Auferstandene hat er sich zuerst Petrus gezeigt und später den zwölf Aposteln. 6 Dann haben ihn mehr als fünfhundert Brüder zur gleichen Zeit gesehen, von denen die meisten noch heute leben; einige sind inzwischen gestorben.“ Und jetzt stellen Sie sich das mal vor: Fünfhundert Menschen – fünfhundert. Also keine Geheimbotschaft, ganz verschwiegen an die Frauen am Grab, dann an die Jünger, die, ein dringendes Interesse daran haben zu zeigen, dass ihre Zeit mit Jesus nicht mit einem grandiosen Scheitern endete, dass sie aufs falsche Pferd gesetzt haben, sondern dass dieser Jesus auferstanden ist. Vielmehr fünfhundert. Fünfhundert Osterzeugen!

Und damit komme ich zum Zweiten und beginne mit einem Geständnis in eigener Sache: Müsste ich – wie Juden – allein an Gott glauben; ich glaube, das würde mir unsäglich schwer fallen: Der ist so fern, unsichtbar, so … wie soll ich’s sagen: ungreifbar. Dass Gott Mensch wird, Weihnachten, das wäre mir auch zu wenig. Da könnten sich ja alle möglichen Leute Wahnwitziges aus den Fingern gesogen haben. Dass einer auferstanden ist –auch nicht viel besser.

Aber – nun ein ganz dickes Aber: Paulus, der das hier aufgeschrieben hat, der schreibt diese Sätze in eine Gemeinde, mit der er auf Kriegsfuß steht. Das gab’s damals schon, ist nichts Neues. Denn da waren in Korinth Wanderapostel aufgetreten – ähnlich dem Paulus -, die einen tiefen Eindruck hinterließen: Und Paulus? Der kleine Zeltmacher, der nicht mal richtig zusammenhängend sprechen kann, der kaum richtig sieht – beides aus Briefen des Paulus belegt –, also den könnt Ihr getrost vergessen. Und Paulus kämpft nun aus der Entfernung mit der Gemeinde, um die Gemeinde. Und in der wiederum starke Strömungen, diesen Paulus als einen unsäglichen Menschen darzustellen: „Der mit seiner Auferstehung – da muss er früher aufstehen, wenn er uns Korinthern einen Bären aufbinden will. – Wir sind schließlich nicht irgendeine morgenländische Provinz – wir sind eine Weltstadt. Mit solchen Märchen braucht er uns nicht kommen.“

Und nun stellen Sie sich vor, sie lebten in Korinth – was würden Sie machen, um Paulus sozusagen auf Eis zu legen; ihn und seine Botschaft? Ich würde bei der Blöße anfangen, die er sich da mit der Osterbotschaft gibt, würde, Korinth liegt ja ganz praktisch an der Schifffahrtsroute nach Ägypten, die Gemeinde in Korinth im Hafenviertel, jemanden losschicken, der, ohnehin Matrose oder was auch immer auf einem Schiff einmal nach diesen fünfhundert Auferstehungszeugen fahnden soll. – Und wenn sie niemand finden, dann landet dieser blödsinnige Brief des Paulus im Papierkorb der Weltgeschichte: „Alles erstunken und erlogen, mein lieber Paulus – Du bist ertappt! Lass Dich hier bloß nicht wieder blicken!“ Wäre das auch Ihr Gedanke?

Nun stelle ich – ebenso wie Sie – fest, dass dieser Brief an die Korinther noch immer in meiner Bibel steht, dass sogar noch ein weiterer Brief gefolgt ist: Theologen sagen: Vermutlich sogar noch mehr als einer. Und von den jungen Wanderaposteln, Apollon und Co. Spricht heute kein Mensch mehr – wohl aber von Paulus. Wenn auch manchmal mit einem Aufseufzen, weil seine Gedanken oft so schwer nachzuvollziehen sind.

Und nun komme ich ins Spiel mit meinem inneren Thomas, der gerne glauben möchte, der sich aber immer wieder mit seinem eigenen Verstand und eigenen Misstrauen im Weg steht. Der nicht nur glauben möchte, der auch etwas Handfestes als Argument für den Glauben finden möchte. Und ich stelle fest: Die Geschichte von der Auferstehung Jesu ist so offensichtlich gut überliefert, dass selbst die Gegner von Paulus es nicht geschafft haben, die Geschichte und damit Paulus zu widerlegen. Dass sie Paulus nicht wiederlegen wollen, das soll Sie und mich im Augenblick nicht interessieren – aber dass die Auferstehung unwiderlegt ist: Das macht mich mehr als nur ein bisschen aufmerksam. Dann erscheint vieles in einem neuen Licht. Dieser Jesus aus Nazaret ist dann nicht nur ein vorbildlicher Mensch, so schön allein das wäre. Und er ist nicht nur ein Wundertäter, wie sie damals offenbar zu duzenden vorhanden waren. Und er ist nicht nur ein Mensch mit sehr hohen ethischen Ansprüchen wie Sie und ich sie aus den Seligpreisungen der Bergpredigt kennen – der ist mehr. „Ich bin es“ sagt er auf die Frage des Hohepriesters, ob er der Messias sei – und was, bitteschön, spricht nun noch dagegen? Und Gott nennt er „Abba“, lieber Vater und lädt die, die zu ihm gehören ein, mit ihm „Vater unser im Himmel“ zu beten. Das Allertollste aber ist – und da muss ich wirklich an mich halten, dass meine Begeisterung nicht Überhand nimmt -, dass der von den Toten auferstanden ist. Damit nicht genug: Er sagt: „Ich lebe und Ihr sollt auch leben“ Und selbst wenn wir sterben – wir sterben, Sie, ich, jede und jeder zu seiner Zeit -, gehen wir vom Leben ins Leben und am Ende der Auferstehung entgegen. Das ist so: Seit Ostern liegt für Sie und mich Leben in der Luft. Helmut Gollwitzer, auf den ich große Stücke gebe, hat das mal so gesagt: „Ihr seid der Vortrupp des Lebens im Todesmief dieser Welt.“ Das ist nicht nur Wortgetrommel – das bedeutet etwas und hat Folgen. Christen, Sie und ich, wenn wir diesen Jesus, die Auferstehung, uns selbst ernst nehmen, bleiben nun auf der Spur des Lebens – Nachfolge sagt man dazu – hier in unserer Gegenwart. Die ACAT-Briefe sind nicht nur ein Akt von Mitmenschlichkeit, sondern Rebellion gegen den Tod. Und wo wir uns einmischen – gegen das Tote und für das Leben – da ist das nur folgerichtig und ein Stück Ostern mitten im Jahr. An welchem Ort wir uns einmischen spielt keine Rolle – das ist vom eigenen Glauben und von den eigenen Gaben abhängig. Nur: Dass wir uns einmischen, das ist völlig normal. Wenn wirs nicht tun – dann stimmt was nicht.

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ fragen die Engel die Frauen am Grab. „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“ ist das Zeugnis der Jünger. „Ich lebe und Ihr sollt auch leben“ ist Satz Jesu. – Ostern. Entsinnen Sie sich noch an den einen Satz aus dem Psalm am Anfang? „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat, lasst uns freuen und fröhlich darin sein.“ Ja. Ja und Amen. Und gesegnete Ostern Ihnen allen.

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