Vor Petrus

Liebe Gemeinde,

Sie alle kennen dieses Bild von Petrus, der – als der himmlische Schlüsselträger – vor den Toren des Paradieses wartet, und die auferweckten Gestorbenen empfängt. Nun stehen Sie also da oben – sind gerade "frisch" angekommen und freuen sich, den Weg ins Paradies antreten zu dürfen. Gleich sind Sie an der Reihe, Petrus nickt Ihnen schon freundlich zu – aber halt – da kommt doch glatt einer aus den hinteren Reihen nach vorne und wird vor Ihnen von Petrus begrüßt und freundlich ins Paradies eingelassen. Und Sie? Sie kennen diesen Drängler auch noch: es war der Nachbar aus Ihrer Zeit in xy-Stadt. Dieser rohe Mensch, der a) überhaupt nie in den Gottesdienst gegangen ist; b) schon gar nichts – soweit Sie das sehen konnten – mit Gott überhaupt zu tun hatte; c) sich auch nirgendwo richtig engagiert hatte: Sie würden schätzen im Verhältnis zu ihm haben Sie sich bestimmt zwölfmal soviel für andere eingesetzt; und schließlich d) hatte der nicht sogar ab und an seine Frau geschlagen? Trotz himmlischer Vorfreude werden Sie nun ein wenig sauer, dass ausgerechnet so einer vor Ihnen dran gekommen ist und man sieht es an dem Heiligenschein über Ihrem Kopf: er ist ein wenig dunkler geworden. Petrus, ein erfahrener Himmelwächter sieht das natürlich sofort und fragt Sie, als Sie endlich an der Reihe sind: "Was hast du, mein Sohn?" Sie erzählen ihm alles, aber anstatt auf Sie einzugehen, lacht Petrus nur ganz herzlich und tief und fragt Sie abermals: "Aber wusstest du nicht, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden?"

Das scheint für uns Heutige nicht verstehbar, hat doch jeder von uns ein besonders gut ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, gerade wenn es um einen selber geht. Die Konfirmanden und die SchülerInnen wissen es, z.B. wenn es um Zurechtweisung oder um Benotung geht: "Ich – warum ich? Er war es doch!" oder: "Wenn der aber ne zwei bekommt, müsste ich auch eine bekommen!" Noch viel existentieller geht es zu, wenn wir unsere Arbeitsmarktsituation ansehen: 4,6 Millionen Arbeitslose. Was ist mit denen, die jahrzehntelang ihre Arbeit getan haben, jetzt aber plötzlich wegrationalisiert werden müssen und noch froh sein können, wenn sie vielleicht über eine Zeitarbeitsfirma wieder an die gleiche Arbeitsstelle kommen, für die gleiche Arbeit aber nur noch einen Bruchteil ihres damaligen Gehaltes bekommen? Jeder Fachmann, der in solch schwierigen wirtschaftlichen Zeiten ein Unternehmen beraten muss, damit dieses seine Zukunft sicher kann, würde – wenn man ihm dieses Gleichnis Jesu vorlegte – nur den Kopf schütteln: immer mehr Leute einstellen, anstatt zu entlassen? Allen den gleichen Lohn zahlen? Unmöglich – wirtschaftlich nicht vertretbar! Reine Utopie!

Es ist ein großes Wagnis auch schon damals gewesen, wenn Jesus das Himmelreich mit einem Marktplatzgeschehen beginnt. Hat nicht Marktplatz von jeher etwas mit Leistung und Geld und Gewinn zu tun und Himmelreich dagegen mit Gnade, Vergebung und Gleichbehandlung? Außerdem: träumt nicht jeder (zumindest im Geheimen davon), mal an der Spitze zu stehen – herausgehoben zu sein aus der Masse. Ist das nicht der Antriebsfaktor schlechthin für unsere ganze Gesellschaft? Wie kommt es sonst, das eine solche Sendung wie DSDS (Deutschland sucht den Superstar) so hohe Einschaltquoten hat? Vielleicht, weil jeder mitfiebern kann, wer es denn nun schaffen wird, der/die Beste zu sein – und nicht nur mitfiebern: per Anruf kann man sogar ein bisschen mit beeinflussen, wer ganz an die Spitze kommt. Schließlich, liebe Gemeinde, hätte das Gleichnis von Jesus ja auch anders aussehen können: "Am Ende des Tages aber bekam jeder, was er verdient hatte: die, die zwölf Stunden geschuftet hatten, bekamen ihren Silbergroschen und diejenigen, die nur noch eine Stunde in der beginnenden Abendkühle gewerkelt hatten, bekamen eben nur ein Zwölftel von dem, was die Ersten hatten. Da seuftzten diese Letzten auf und sprachen zu sich selbst: Ach, sieh: dieses wenige reicht nicht mal aus, dass ich meiner Frau und meinen Kindern einen Kanten Brot mit nach Hause bringe. Wie soll ich Ihnen nur unter die Augen treten? Das aber hörte einer von den Ersten, die mit herumstanden und rief alle Arbeiter zu sich. Er sprach: seht, diese Letzten hier haben nicht genug, dass sie überleben können. Lasst uns daher unseren gesamten Verdienst zusammenwerfen und durch unsere Anzahl an Leuten teilen. Und siehe: ein jeder ging nach Hause mit dem, was er zum Leben brauchte. Und es herrschte eitel Freude über die Wundertaten Gottes zu jener Zeit."

Ich glaube, Jesus hat die Geschichte nicht auf diese Weise erzählen können, weil er um unsere Schwachheit wusste. Weil er wusste, dass die Kräfte der Menschen nicht ausreichen würden, um solches Teilen hier auf Erden durchzuhalten. Freilich bleibt es weiterhin Aufgabe, gerade für uns Christen, nach mehr Gerechtigkeit und sozialer Gleichstellung zu streben, aber es wäre in der Tat eine Utopie, wollte man glauben, sie ließe sich hier auf Erden endgültig verwirklichen. Zuletzt nämlich wird das Maß immer bei den "Letzten" und ihrem Überlebenswillen sein müssen. Damit uns aber ob unserer schweren Aufgabe der Mut nicht verlässt und nicht auch noch wir anfangen zu sagen: "Es hat ja eh alles keinen Sinn mehr, also bloß schnell durch und gucken, dass v.a. ich selber genügend zusammenraffen kann!" Damit das nicht passiert, gibt uns Jesus einen Ausblick auf das Reich, dass uns alle erwartet und dass uns ein wenig in dieser Welt versöhnt mit denen, um deretwillen wir ja unseren Auftrag erfüllen. Denn dieses Gleichnis vom Himmelsreich, liebe Gemeinde, erzählt viel von demjenigen, der der Eigentümer und Besitzer des Himmelsreiches ist: von Gott selber. Zunächst ist Gott also jemand, der sich um seine Leute kümmert. Nicht wie bei uns oft ein abgehobener Chef, den man nie zu Gesicht bekommt und meist seine Administratoren nach unten schickt. Nein, Gott selbst sucht seine Leute und zwar nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder: fünfmal allein in diesem Gleichnis kommt er und sieht nach, ob nicht noch irgendwo Menschen sind, denen es nicht gut geht, die unter ihrem nicht erfüllten Leben leiden. Hier ist ihr nicht erfülltes Leben beschrieben durch die Unmöglichkeit Arbeit zu finden. Und dieser Gott kommt und sucht und stellt unentwegt Leute ein: was für ein Arbeitgeber! Die zweite Beschreibung findet sich in der Lohnauszahlung: es geht ja schließlich um das himmlische Reich – dass der Lohn für alle gleich ist, liegt daran, dass das Himmelreich eine vollkommene Größe darstellt – und Vollkommenheit drückt sich darin aus, dass diejenigen Unterschiede, die zu Neid und Zweitracht führen, gelöscht worden sind. Es ist schwer zu sagen, in welcher Form wir uns wiedersehen werden in diesem Himmelreich, aber es ist die Hoffnung, dass wir zwar als Individuen dort sein werden, aber eben als solche, denen das Trennende verloren gegangen ist. Der gleiche Lohn ist das, was für alle zum Leben brauchen.

Ein drittes zeichnet schließlich noch diesen Gott aus: er schickt uns zum Arbeiten nicht in den Steinbruch, eine Fronarbeit, auch nicht aufs Feld, um den Bedarf für das täglich Leben zu decken. Er schickt uns in einen Weinberg – ein Weinberg, auf nicht etwas absolut Notwendiges hergestellt wird, sondern eine Art Zusatz: Wein, der im Alten Testament im rechten Maße genossen mit Freude verbunden wird. Es geht um ein glückliches und freudiges Dasein, auf der Herr dieses Weinberges hinweist. Liebe Gemeinde, ich habe kürzlich die Erzählungen eines römischen Priesters gelesen, in denen er u.a. beschreibt, wie schwer es ihm gefallen ist, denen das letzte Sterbesakrament zu geben, von denen er wusste, sie hielten doch ihr Leben lang nichts von der Kirche und jetzt, quasi im letzten Atemzug, "bekennen" sie sich und wollen umkehren. Sein Auftrag hielt ihn dennoch dabei, dieses Sakrament zu spenden. Erst am Ende seines Lebens, erkannte er, was für ein glücklicher Mensch er doch gewesen ist, gehörte er doch, wie wenige andere zu den Arbeitern der ersten Stunde und er hat sein Leben lang sehen dürfen, wie Gott sich auch um die Letzten kümmert. Wenn Sie also oben bei Petrus stehen, wird wohl einiges anders sein, als bei unserem Anfangsbild: wahrscheinlich werden Sie – wie unser römischer Priester – Gott loben, dass er auch diesen Nachbarn zu sich holen konnte, dieser Gott, der unentwegt seine Leute sucht, der jedem das Anrecht auf Vollkommenheit zugesprochen hat und uns seine große Freude in Aussicht stellt.

Schließlich, liebe Gemeinde, haben Sie sich ja ihr Leben lang – als Arbeiter im Weinberg Gottes – gerade auch um diesen Nachbarn bemüht.

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