Von neuem geboren

iebe Gemeinde!

Wiedergeburt. – Das ist ein Stichwort, das man in religiösen Zusammenhängen immer wieder hört. Vor allem durch die wachsende Beliebtheit asiatischer Religionen in Europa, taucht dieser Begriff immer wieder auf. Weit weniger bekannt ist aber, dass auch die Bibel sehr deutlich von einer Wiedergeburt spricht, wenn auch das Wort Wiedergeburt nur selten vorkommt. Dabei gibt es aber große Unterschiede zwischen dem, was Wiedergeburt etwa im Hinduismus bedeutet und der biblischen Vorstellung.

Im Hinduismus ist heute noch eine Vorstellung verbreitet, wie sie bereits bei dem griechischen Philosophen Pythagoras, der vor etwa 2500 Jahren lebte, vorhanden war. Es ist die Vorstellung, dass der Mensch geteilt ist in Leib und in das Selbst, des Menschen. Je nachdem, wie gut oder schlecht ein Mensch gelebt hat, wird er nach dem Tod in eine andere Existenz oder Kaste übergehen. Dies kann nach dem Vergeltungsgesetz eine höhere oder niederere Existenz sein. So kann ein Mensch im Idealfall zu einer Gottheit werden, im schlechtesten Fall zu einem niederen Tier oder einer niederen Pflanze. Dieser Kreislauf ist ein ewiger Wechsel von Geburt, Leben und Tod. Ausschlaggebend ist aber immer die Frage: Wie gut hat der Mensch gelebt?
Aus diesem Kreislauf kann ein Hindu nur durch strenge Askese und das Wissen des Brahman, einer erlösenden Kraft ausbrechen. Diese Vorstellung lebt bei uns vor allem in der sogenannten New Age-Bewegung fort, die sehr stark von asiatischen Religionen beeinflusst ist.

Eine andere Vorstellung von Wiedergeburt habe ich schon oft in Gesprächsrunden im Fernsehen erlebt. Dann, wenn es zum Beispiel um Hypnose geht. Einmal hörte ich, wie eine Frau erzählte, dass sie in ihrem Trancezustand gesehen hätte, wie sie vor 10.000 Jahren als Steinzeitfrau gelebt hätte. Alles sei so harmonisch gewesen. Und seit dieser Trance fühlt sie sich eigentlich ganz unwohl in ihrem Leben. Eigentlich wollte sie viel lieber in ihr altes Leben als Steinzeitfrau zurück.

Das sind alles spannende Geschichten. Aber sie haben nichts damit zu tun, was in der Bibel über Wiedergeburt gesagt ist.

Dem möchte ich mit Ihnen heute etwas nachgehen. In unserem heutigen Predigttext aus dem 1. Brief des Johannes fällt eine Formulierung besonders auf. Ich meine die Worte „von Gott geboren“. Hier wird bereits eine wichtige Unterscheidung getroffen. Bei der Wiedergeburt eines Christen geht es nicht darum, nach dem Tod erneut in ein irdisches Leben einzutreten. Es dreht sich nicht darum, dass ich dieses Mal von einer Frau geboren wurde, das nächste Mal aber von einer Kuh, aus dem Ei eines Vogels oder durch den Samen einer Pflanze. Vielmehr dreht es sich darum, von Gott geboren zu werden.

Damit will Johannes eines deutlich machen: Als Christ wirst Du nicht als neues Lebewesen wiedergeboren. Es ist keine Wiedergeburt von fleischlicher Natur. Vielmehr ist es ein geistlicher Vorgang. Etwas, das von Gott her geschieht und nicht von Menschen oder anderen Lebewesen her.

Was damit gemeint ist, wird im Johannesevangelium sehr deutlich. Aus den Worten, die ich Ihnen vorher in der Schriftlesung vorgelesen habe. Es wurde erzählt, dass ein Mann zu Jesus kam, der Nikodemus hieß. Er war ein Gelehrter in der heiligen Schrift und wollte Jesus prüfen. Aber dann wurde er selbst zu dem Geprüften. Jesus sagte zu ihm: „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“
Das brachte Nikodemus völlig durcheinander und er stellt die Frage, die wir uns vermutlich alle stellen würden: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“

Klar, das geht doch nicht. Wir können doch nicht wieder in den Leib der Mutter zurückkehren und wieder neu geboren werden. Und dann sagt Jesus wichtige Worte. Nur leider sind sie auch nicht sofort, ohne Nachdenken zu verstehen. Er sagt: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“

Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist. Was bedeutet das: Aus Wasser und Geist geboren werden? Es macht deutlich, wie ich eben schon sagte, dass es sich um einen geistlichen Vorgang handelt. Also nicht um eine fleischliche Wiedergeburt. Zwei Dinge werden genannt: Wasser und Geist. Damit weist Jesus auf die Taufe und den Glauben hin. Beides ist Voraussetzung dafür, das wir geistlich wiedergeboren werden.

Die Taufe es das Wasserbad zur Vergebung der Sünden. Das bedeutet: In der Taufe legt Gott seine Verheißung auf uns und sagt uns: Deine Sünden sind dir vergeben. Und der Glaube ist die Antwort des Menschen auf die Taufe. Der Mensch nimmt im Glauben Gottes Verheißung an. Das heißt: Er erkennt seine Schuld vor Gott, bekennt sie und empfängt die Vergebung der Sünde, die in der Taufe zugesprochen wurde. Beide, Taufe und Glauben, gehören zusammen. Und beide werden durch das Wasser der Taufe und durch den Geist Gottes an uns bewirkt.

Wer also getauft ist und glaubt, der ist von Gott geboren. Das heißt: Durch die Taufe und den Glauben erleben wir eine geistliche Wiedergeburt.

Nur müssen wir ein Missverständnis ausräumen. Und zwar das Missverständnis, das mit dem Glauben verbunden ist. Es gibt so viele Menschen, die sagen von sich, sie glauben. Doch wenn man genauer nachfragt bekommt man eigentümliche Antworten. Mir wurde etwa schon oft gesagt: „Ich glaube ja auch ein irgendein höheres Wesen oder an irgendeine höhere Macht.“ Andere sagen: „Klar, ich glaube an Gott. Irgendeinen Gott muss es ja geben.“ Wieder andere sagen: „Naja, an Gott glaube ich schon, aber dass Jesus Christus Gottes Sohn war, kann ich mir nicht vorstellen.“ Und wiederum andere sagen: „An Gott glaube ich, aber an den ganzen Humbug, der in
der Bibel steht glaube ich nicht. Das sind ja eh alles Märchen.“

Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich möchte niemandem zu Nahe treten. Aber das alles ist noch kein Glaube in dem Sinn, wie es Johannes meint. Es sind zwar interessante Glaubensvorstellungen, aber noch kein Glaube.

Johannes schreibt aber: „Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren.“ Dabei kommt es mir auf diesen kleinen Nebensatz an: dass Jesus der Christus ist. Hier wird also nicht willkürlich von irgendeinem Glauben gesprochen. Es wird vielmehr deutlich gemacht. Es dreht sich um den Glauben an Jesus Christus. Und darum, dass Jesus der Christus ist, also der im Alten Testament verheißene Messias, der Retter und Sohn Gottes. Es dreht sich um den Jesus, wie er uns im Alten Testament verheißen und im Neuen Testament bezeugt ist. Und nur wer an Jesus, den Christus, glaubt, der ist von Gott geboren.

Unser Glaube ist also gebunden an die Person Jesu, wie sie in der Bibel bezeugt ist. Ein anderer Glaube ist kein biblischer Glaube. Und darum führt ein andere Glaube, auch wenn er noch so vernünftig klingen mag, nicht zu einer geistlichen Wiedergeburt.
Das kann auch gar nicht sein. Denn nur, wer an Jesus glaubt, das heißt: ihm vertraut, der empfängt das Heil Gottes in Jesus Christus.

Geistliche Wiedergeburt von Gott her geschieht also durch die Taufe und durch den Glauben an Jesus Christus.

Und das Ganze geschieht nicht irgendwann in der Zukunft, also in einem zukünftigen neuen Leben, wie es dem hinduistischen Glauben entspricht. Es geschieht nach der Bibel schon jetzt. In diesem Leben. Das heißt: Wenn ich getauft bin und an Jesus glaube, dann wird mein Leben schon jetzt erneuert.

Auf dem Gottesdienstfaltblatt, das Sie heute erhalten haben, steht der Wochenspruch für die neue Woche. Erlautet: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das alte ist vergangen, und siehe, neues ist geworden.“ Wer in Christus ist, also an Jesus glaubt und im Vertrauen auf ihn lebt, der ist eine neue Kreatur. Und zwar schon jetzt. Er ist eine neue Schöpfung. Er hat schon jetzt in diesem Leben ein neues Leben. Dabei verlieren wir aber nicht unsere Identität und werden etwas ganz anderes. Eine Pflanze oder ein Tier. Nein, Gott erneuert uns selbst. Das, was wir sind, das, was unser Leben und Sein ausmacht, wird erneuert, von innen heraus. Ich bleibe ich, werde aber von Gott erneuert und kann neu anfangen. Das bedeutet es, wenn man von Gott neu geboren wird.

Das ganze hat aber eine Konsequenz für unser Leben. Und die lautet: Lebe ein Leben in Liebe aus der Liebe Gottes.

Und genau darin wird ein weiterer gravierender Unterschied zu asiatischen Wiedergeburtsvorstellungen deutlich. Im Hinduismus muss ich als Gläubiger ein gutes und korrektes Leben führen, um im nächsten Leben eine höherwertige Existenz zu bekommen. Je besser ich lebe, um so besser geht es mir im nächsten Leben. Es liegt also ein Verdienst und Belohnungsgedanke zugrunde. Beziehungsweise – negativ gesehen – die Furcht vor Bestrafung. Denn, wenn ich nicht gut gelebt habe,
dann steige ich in meinem nächsten Leben ab und führe ein minderwertigeres Dasein.

So aber ist es nach biblischen Vorstellungen nicht. Vielmehr ist hier die geistliche Wiedergeburt die Voraussetzung und Ursache für ein Leben in Liebe.

Der Gedanke ist gerade andersherum: Nicht: Ich lebe gut und werde belohnt. Sondern: Durch meinen Glauben bin ich von Gott geboren und darum lebe ich in Liebe. Ich kann mir damit nichts verdienen, sondern ich tue es, weil Gott mein Leben neu gemacht hat.

Und darum habe ich gesagt: Ein wiedergeborener Christ lebt ein Leben in Liebe aus der Liebe Gottes. Denn bevor wir lieben können, hat Gott uns geliebt. Wir sind mit Liebe beschenkt und darum können wir Liebe weitergeben. Und das ganz ohne die Hoffnung auf Verdienst oder Angst vor Bestrafung.

Liebe Gemeinde! Ich kenne so viele Christinnen und Christen, die unter den Geboten Gottes leiden. Sie sehen die Gebote immer als Mahnung, Drohung und Einschränkung. Und sie leiden darunter, weil sie immer wieder merken. Ich kann den Geboten Gottes nicht entsprechen. Noch nicht einmal die zehn Gebote kann ich einhalten, geschweige denn die das Liebesgebot. Wie soll ich mich da Christ nennen können?

Wenn es Ihnen auch so geht, dann sage ich Ihnen heute eines: Schauen Sie nicht so sehr auf Ihre Werke! Es ist ganz klar, dass wir immer wieder vor Gott versagen und Schuld auf uns laden. Wir Menschen sind Sünder und werden immer wieder Fehler machen. Aber darin hängt unser Christsein nicht! Sie sind Christ oder Christin, weil Sie durch Taufe und Glaube von neuem geboren sind.
Und das ist unumstößlich. Wer geboren ist, der ist Kind. So ist auch der, der von Gott geboren ist, ein Kind Gottes.

Und als zweites sage ich Ihnen: Leben Sie nicht so sehr aus sich selbst heraus, sondern aus Gottes Kraft. Jesus hat einmal zu Paulus gesagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Und an anderer Stelle schreibt Paulus: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Das kann Paulus schreiben, weil er eine tiefe geistliche Erfahrung gemacht hat. Umso schwächer er selbst ist, umso stärker kann Christus in ihm wirken.

Und darum: Verlassen Sie sich nicht auf Ihre eigene Kraft. Dann werden Sie eins ums andere Mal straucheln. Sondern verlassen Sie sich auf Jesus, der Ihnen Kraft gibt.

Wenn wir Jesus ans Werk lassen, dann beginnt er in uns zu wirken. Er erneuert uns und gibt uns Liebe, von der wir vorher nichts geahnt hätten. Geistliche Wiedergeburt heißt: Ich werde von innen heraus erneuert, um ein neues Leben in Liebe zu führen.

Das finde ich einen enorm wichtigen und befreienden Gedanken. Denn dadurch ist so viel Druck von uns genommen. Wir müssen uns nichts im Glauben verdienen. Wir müssen auch nichts aus uns selbst heraus bringen. Vielmehr dürfen wir uns von Gott erneuern lassen. Er hat uns in Christus schon alles geschenkt. Wir können also aus dem vollen schöpfen.Und da fällt mir an den Worten des Johannes noch etwas auf. Und ich merke, wie ich immer wieder verblüfft bin von den Worten der Bibel. Im zweiten Vers den Predigttextes schreibt er: „Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.“ An diesem Satz überliest man so leicht das eigentliche. Würden wir es nicht gerade andersherum sagen: „Daran erkennen wir unsere Liebe zu Gott, dass wir Gottes Kinder lieben.“ Oder, wie Johannes es auch an anderer Stelle schreibt: „Daran erkennen wir unsere Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten.“

Hier dreht Johannes die Aussage aber um: Unsere Liebe zu unseren Mitmenschen zeichnet sich dadurch aus, dass wir Gott lieben und seine Gebote halten. Wer also dem Nächsten Liebe zeigen will, der kann nichts besseres tun als sich an Gottes Gebote zu halten. Gerade dann achten, tolerieren, schützen und lieben wir den Nächsten. Denn Gottes Gebot ist ein Gebot der Liebe.

Ich habe Ihnen nun viel zugemutet und viel versucht zu erklären. Ich möchte es aber zum Schluss noch einmal mit dem Bild der Geburt zusammenfassen. Denn nicht umsonst wird ja in der Bibel eben dieses Bild der Geburt auch für die geistliche Wiedergeburt verwendet.

Wenn ich als kleines Kind geboren werde, dann bin ich durch die Geburt Kind meiner Eltern. Ich bin das ohne Vorleistung, ohne, dass ich auch nur eine einzige Leistung erbracht habe. Ebenso bin ich auch ein Kind Gottes, wenn ich von Gott neu geboren werde. Wenn ich getauft bin und an Jesus Christus glaube, dann bin ich ein Kind Gottes, ganz ohne Vorleistung. Ich bin es einfach.

Aber als kleines Kind muss ich auch beim Heranwachsen lernen, nach den üblichen Regeln und Geboten zu leben. Wenn es gut läuft, dann merke ich: Wenn ich so lebe, dann achte und respektiere ich den Mitmenschen und zeige ihm meine Liebe. Ebenso ist es auch im geistlichen Leben. Als von Gott wiedergeborenes Kind lerne ich, mich nach den Geboten Gottes zu richten. Das tue ich aber, weil ich weiß, dass Gottes Gebote für mich und meine Mitmenschen gut sind. Das ist ein Ausdruck meiner Liebe zu Gott, weil er mich zu seinem Kind gemacht hat.

Wiedergeburt hat also nichts mit Belohnung und Bestrafung zu tun. Stattdessen werden wir als Christen durch Taufe und Glaube von neuem geboren. Wer aber geistlich wiedergeboren ist, der ist eine neue Schöpfung, ein erneuerter Mensch. Und als solcher lebt er die Liebe, die er von Jesus empfangen hat.

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