Von dir zu dir …

Liebe Gemeinde!

Den Sonntag Lätare haben wir heute, den vierten Passionssonntag. Heute in 2 Wochen leitet der Palmsonntag die Karwoche ein. Im Evangelium und im Wochenspruch wurden wir auf den Tod Jesu hingewiesen, verglichen mit dem Weizenkorn, das in die Erde fällt und erstirbt, um Frucht zu bringen. Und die Epistellesung hat uns darauf verwiesen, dass Leiden für Christen mehr ist als nur das Leiden, weil in der Verbindung mit Gott uns großer Trost zuteil wird. Auch unser Predigttext aus dem Buch Jesaja zeigt diese wichtige Verbindung zwischen dem Leiden und dem göttlichen Trost. Also: das Schlimme was passiert, hat einen Hintergrund. Das Dunkle, das passiert, ist im Vordergrund, aber zu dem ganzen Bild gehört der Hintergrund des göttlichen Trostes. Das Problem ist, das zu sehen, während wir im Leiden stecken, während wir von Finsternis umgeben sind, während uns das Wasser bis zum Hals steckt.

Damit wir das sehen können, wenn es darauf ankommt, müssen wir es vorher trainieren, vorher sensibel werden dafür, dass unsere Welt nicht nur aus ihrer unmittelbaren Oberfläche besteht. Deshalb feiern wir jedes Jahr die Passionszeit, um das Leiden wahrzunehmen und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Wir nehmen das Leiden Jesu wahr und zugleich, dass alles Leiden dieser Welt im Leiden Jesu repräsentiert ist. Und so, wie das Leiden Jesu in der Auferweckung Jesu überwunden ist, so ist auch alles Leiden dieser Welt eigentlich schon überwunden. Denn die neue Welt Gottes ist schon ausgesät und wächst. Das Weizenkorn ist in die Erde gesät worden. Und Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün. Die ganze Welt wächst auf diese neue Welt Gottes zu – und deshalb können wir das Leid wahrnehmen und annehmen, denn es hat einen Sinn. Die Sinnlosigkeit aller Opfer und aller Toten – sie wird überwunden werden. Ein Sinn wächst uns zu, aus einer anderen Dimension. Wir gehen auf eine Welt zu, in der es kein Leid mehr geben wird und in der Gott abwischen wird alle Tränen und das große Trösten Gottes die Herzen erfasst, die schon längst verhärtet und verschlossen und verbittert waren. Eine neue Welt – und wir können sie schon immer dann ein wenig wahrnehmen, wenn wir dafür offen sind. Mir z.B. ist diese Welt viel näher, wenn ich aus Händels Messias die mittleren Stücke höre, in denen vom Leiden des Messias und zugleich von der Überwindung dieses Leidens die Rede ist. Ja und eigentlich nicht die Rede ist, sondern das Gefühl ist. Mein Herz kann sich dann leichter öffnen für den, der die Herzen kennt und uns näher kommen kann, als wir uns selbst nahe zu sein vermögen. Wir alle kennen solche Situationen: dann wenn uns eine Gänsehaut über den Rücken läuft, wenn uns jemand sagt, wie gerne sie oder er uns hat, wenn ein Film oder ein Buch zum Höhepunkt der Gefühle kommt, wenn ich mich in der Sonne entspanne und glücklich bin, an den Höhepunkten meines Lebens, z.B. wenn ein neugeborenes Kind in meinen Armen liegt, aber auch, wenn ich Abschied nehmen muss, weil ein Elternteil oder ein Ehepartner stirbt, kann ich mitten im Leiden göttlichen Trost erleben, mitten in der Dunkelheit göttliches Licht, mitten in der Erstarrung göttliche Nähe und Wärme. Mein Leben gerät aus den Fugen – und mir widerfährt, dass ich wieder festen Boden unter den Füßen bekomme.

Unser Predigttext aus dem Buch Jesaja wird in eine Zeit hineingesagt, die die größte Katastrophe in der Geschichte des Gottesvolkes darstellt. Nach menschlichem Ermessen gibt es keine Hoffnung mehr und eine Zukunft des Volkes Israel ist nicht abzusehen. Es ist ähnlich hoffnungslos wie heute der Friede in Israel oder der Aufstieg der Eintracht Frankfurt in die 1. Bundesliga. Und mitten in diese dunkle, katastrophale, hoffnungslose Zeit sagt der Prophet Gottes Trost zu, mit wunderschönen Worten, die wir heute noch gerne als Tauf- oder Konfirmationsspruch verwenden, mit Worten, die ich als so schön empfinde wie die Musik aus Händels Messias. Ich lese aus Jesaja 54,7-10:

[TEXT]

Gott spricht hier zu uns wie ein enttäuschter Ehepartner. Ich war sauer, ich bin weggegangen, aber nun soll alles wieder gut sein. Gott erscheint hier als Person voller Gefühle, nicht als das große Weltprinzip, das sich selbst immer gleich bleibt. Gott ist so impulsiv, weil er mit uns in Beziehung steht. Eine Liebesbeziehung ist er mit den Menschen eingegangen. Schon einmal war das in der Bibel der Fall. Zur Zeit Noahs bereute Gott, die Menschen geschaffen zu haben, denn das Dichten und Trachten des Menschen war böse von Jugend auf. Und nach der Katastrophe sieht Gott ein, dass an dieser grundlegenden Orientierung des Menschen zum Bösen hin nichts zu ändern ist. Und Gott verspricht: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht. Gott überwindet seinen Zorn und verspricht seinen Trost und dieser Trost soll dauern und soll das Leiden überwinden, das Gott in seinem Zorn geschickt hat.

Liebe Gemeinde, eine Beziehung ist Gott mit uns eingegangen. Damals, bei der Schöpfung, mit allen Menschen und in der Sintflut wurde diese Beziehung durch den Zorn hindurch bestätigt. Dann erwählte sich Gott ein besonderes Volk, in Abraham und Sara und ihren Nachfahren, und in der babylonischen Gefangenschaft wurde diese Beziehung durch den Zorn hindurch bestätigt. Dann sandte Gott seinen Sohn Jesus Christus, und in seinem Leiden und seiner Auferstehung sollen alle Menschen sich wiederfinden, ihr Leiden annehmen und an der Kraft der Auferstehung teilhaben. Gott ist eine Beziehung mit uns eingegangen. In der Taufe hat er uns bei unserem Namen gerufen. Bei der Konfirmation sagt er uns zu, dass diese Beziehung unser Leben lang halten soll.

Und wir bekommen zugesagt: Gottes Zorn ist immer kleiner als sein Erbarmen. Unser Leiden findet seine Grenze im göttlichen Trost. Klein ist der Zorn und groß, viel größer das Erbarmen. Und wenn Berge weichen und Hügel hinfallen, wenn wir in unseren Grundfesten erschüttert werden, wenn alles aus den Fugen gerät – der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Liebe Gemeinde, dass alles erschüttert wird, wir den Boden unter den Füssen verlieren: das geschieht, wenn jemand stirbt, z.B. Ehepartner, Elternteil oder Kind. Das geschieht aber auch im Gesellschaftlichen, wenn es einen Systembruch gibt mit ganz anderer Sprachregelung: nach der Nazizeit oder bei der Wende im Osten. Dann überhaupt hoffen zu können, dass es irgendwann anders wird, das fällt schwer. Manche Menschen kommen dann nie ganz aus der Trauer heraus. Und unsere Zuwendung und unser Trost stößt auf taube Ohren und verhärtete Herzen. Wirklich gut trösten können nur Menschen, die eine Beziehung haben zu dem Trauernden und Leidenden. Deshalb, liebe Gemeinde, lassen Sie uns unsere Beziehung zu Gott pflegen, damit wir offen sind für seinen Trost. Die Kraft seines Tröstens ist da. Sein Erbarmen ist größer als sein Zorn. Der Zorn vergeht, aber sein Erbarmen ist ewig.

Liebe Gemeinde, es gibt nicht nur die grundlegende Orientierung des Menschen zum Bösen und all das Leid und die Zerstörung, die daraus folgern. Es gibt auch die grundlegende Orientierung der Welt zur Erlösung hin. Der dunkle Vordergrund hat einen Hintergrund. Das Leiden ist eigentlich schon überwunden. Für den, der im Leiden steckt, ist das nicht zu sehen und zu spüren. Und jede und jeder muss für sich selbst das eigene Leiden überwinden. Diese grundlegende Einsamkeit wird uns nicht genommen. Aber wir stehen nicht allein, sondern sind verbunden mit Christus, der alles Leid dieser Welt getragen hat. Und wenn wir uns öffnen können für den göttlichen Trost, dann ist die neue Welt Gottes ein wenig mehr in unsere Welt hineingewachsen. Wichtig ist nur, dass wir in Beziehung bleiben zu Gott. Mag er manchmal zornig sein – seine Erbarmen ist das grundlegende, auf das wir uns immer wieder verlassen können. Wenn ich das, was mir geschieht, so deuten kann, nicht als sinnloses Leiden, sondern als Moment meiner Beziehung zu Gott, dann habe ich im Grunde das Leiden schon überwunden. Wenn die Frage nicht lautet: „Wie kann Gott das zulassen?“ oder „Wie kann es einen Gott geben, der das zulässt?“, sondern „Was habe ich getan, das Gott Anlass zum Zorn gibt? Und wie kann meine Beziehung zu Gott bereinigt werden? Wie finde ich vom zornigen und richtenden zum gnädigen und erbarmenden Gott?“

Ich schließe mit dem Lied EG 237 und ich lade Sie ein, das mitzulesen:

Und suchst du meine Sünde,
flieh ich von dir zu dir,
Ursprung, in den ich münde
du fern und nah bei mir.

Wie ich mich wend und drehe
geh ich von dir zu dir;
die Ferne und die Nähe
sind aufgehoben hier.

Von dir zu dir mein Schreiten
mein Weg und meine Ruh
Gericht und Gnad, die beiden
bist du – und immer du.

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