Von anderen lernen

<b>Frager:</b> Was hat dich, Paulus bewogen, ein Bild aus dem Sport zu verwenden?

<b>Paulus:</b> In der Nähe von Korinth liegt das Heiligtum von Isthmia. Dort finden alle 2 Jahre im Frühjahr die isthmischen Wettkämpfe statt. Sie bestimmen dann wochenlang das Denken, das Fühlen und die Gespräche der Menschen. Mir hat diese Sportbegeisterung die Augen geöffnet für die Parallele zum christlichen Leben.

<b>Frager:</b> Du meinst also, Christen sollten wie Sportler gegeneinander antreten und der Beste wird dann gewinnen? Das halte ich für eine christliche Gemeinde für fatal. Unser Heil müssen wir doch nicht erringen. Du selbst sagst es ja immer wieder: „Wir sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Röm 3,23-24)

<b>Paulus:</b> Richtig, unser Heil ist uns geschenkt. Doch nun folgt aus dieser Erkenntnis ein weiterer Schritt, es geht um den Alltag dieses Glaubens. Da bin ich allerdings der Meinung, wir könnten vom Sport etliches lernen. Zwei Sportarten scheinen mir besonders geeignet, christliches Leben zu beschreiben: das Laufen, da hier Zielorientiertheit und Ausdauer als wesentliche Charakteristika im Blick sind sowie das Boxen, da hier Kampfkraft und Schlaggenauigkeit im Vordergrund stehen.

<b>Frager:</b> Hoppla, da muss ich nochmals nachhaken: Du meinst wirklich das Laufen sei Kennzeichen christlichen Lebens. Du meinst wirklich die Gemeinde müsse treppauf und treppab laufen, unermüdlich im Einsatz sein für Gottes Wort. Das hört sich sehr nach Leistungsdenken an. Je mehr ich für die Gemeinde tue, meine Zeit, mein Geld, meine Talente einsetze, umso näher bin ich dann einem Platz im Himmel, möglichst zur Rechten und Linken Gottes.

<b>Paulus:</b> Um Himmels willen nein, nein und nochmals nein. Hast du nicht verstanden? Es geht mir um Ausdauer und Zielorientiertheit. Das bewundere ich an den Sportlern meiner Zeit: Sie trainieren regelmäßig, sie fordern sich nach allen Kräften, um ihr Bestes im bevorstehenden Wettkampf zu geben. Sie haben ein Ziel vor Augen, dem ordnen sie alles andere unter. Sie wollen dabei sein.

<b>Frager:</b> Ja, das Motto kenne ich: „Dabei sein ist alles“ – so heißt es auch bei den olympischen Spielen der Neuzeit. Doch worin sollen wir Ausdauer zeigen?

<b>Paulus:</b> Lass es mich mit einem Wort unseres Herrn Jesus sagen. Auf die Frage eines Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus: „Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Markus 12, 28ff) Das ist das Ziel, das wir nicht aus den Augen verlieren sollten: Gott und den Nächsten. Dazu bedarf es einen langen Atem, wie ihr sagt. Dazu bedarf es Phantasie und immer wieder das Gespräch darüber, was notwendig ist, d.h. was Not wendet.

<b>Frager:</b> Wenn ich dich recht verstehe, willst du uns also ermutigen mit dem Bild vom Laufen, nicht nachzulassen unser Leben im Dienst an Gott und den Nächsten zu stellen. Doch taugt da dein Vergleich mit dem Sporttraining?

<b>Paulus:</b> Ich denke schon. Nehmen wir das Beispiel vom Boxen. Ein guter Boxer baut seine Kräfte auf, trainiert seine Körperhaltung, versucht sich immer besser auf seinen Gegner einzustellen, seine Schwachstelle zu erkennen und dann zielgerichtet seinen Konter zu setzen. Und um diese Fähigkeit geht es auch im christlichen Leben …

<b>Frager:</b> Halt, da muss ich nochmals nachfragen. Du meinst also, die christliche Gemeinde soll zu Konterschlägen ausholen, den anderen k.o. schlagen? Übertragen hieße das: Wir sollten wieder offensiver als christliche Gemeinde auftreten. Wir sollten darauf dringen, dass der Gottesbezug im gesellschaftlichen Leben wieder Geltung hat. Wir sollten das Kopftuchtragen den muslimischen Frauen verbieten, keine Baugenehmigungen für Moscheen erteilen. Kurzum: die christlichen Werte in den Familien einfordern und in den Schulen durchsetzen.

<b>Paulus:</b> Du hast mich total missverstanden. Ich habe keine Ratschläge erteilt, was zu tun oder zu lassen sei. Ich habe mit dem Bild aus dem Sport darauf hinweisen wollen, wie wichtig es ist, sich in seiner Disziplin immer und immer wieder zu üben. Vielleicht hilft dir ein Wort von Calvin weiter. Der Genfer Reformator hat mein Anliegen sehr genau beschrieben: „Die Bedeutung des Bildes ist: Alles, was ihr bisher getan habt, gilt nichts, wenn ihr nicht weiterhin treu darin bleibt. Es genügt nicht, einmal auf den Weg des Herrn getreten zu sein, ohne auf das Ziel des Weges hinzueilen.“ Und wenn ich mich selbst zitieren darf: "Ich boxe nicht wie einer, der in die Luft schlägt", habe ich geschrieben und erinnere damit an meinen eigenen Weg, meine Berufung und den leidenschaftlichen Einsatz, mit dem ich dem Ruf Christi zu folgen bemüht bin, die gute Nachricht weiterzugeben.
Frager. Und was gehört deiner Meinung nach zum Trainingsprogramm einer christlichen Gemeinde?

<b>Paulus:</b> Ich wiederhole mich gern: die Versammlung unter Gottes Wort, das Gespräch mit Gott und den Brüdern, ihr fügt heute gern hinzu, und Schwestern. Da werden die Meinungen aufeinander prallen, wie wenn Sportler gegeneinander antreten, geht es doch um die Frage nach dem rechten Weg. Das ist nicht immer einfach. Ich kann z.B. nur daraufhin weisen, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Wer heute dem angeblich alten christlichen Europa nachtrauert, weil er Angst vor einer multikulturellen Gesellschaft hat, dem kann ich nur sagen: Ich selbst habe in einer multikulturellen Gesellschaft gelebt. Ich habe darin die sportliche Chance gesehen: Jesus Christus zu verkünden, in dem ich den Juden ein Juden, und den Griechen ein Grieche geworden bin. Ich bin den Streit mit den Jerusalemer Aposteln nicht aus dem Weg gegangen und habe ihre Meinung geachtet, auch wenn sie meinen Weg nicht billigten. Meine Gemeinden haben die Jerusalemer Gemeinde mit mehreren Kollekten uneigennützig unterstützt. Da habe ich gern aufgegriffen, was Jakobus, der Herrenbruder, in seinem Brief auf den Punkt gebracht hat: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst.“ (Jak.1,22)

<b>Frager:</b> Wenn ich dich recht verstehe, willst du, das wir authentisch leben, dass wir fair spielen, wie man heute so schön sagt, dass wir nicht nachlassen, wenn wir enttäuscht oder ausgenutzt werden, dass wir bereit sind, immer wieder von vorn zu beginnen. Dazu fällt mit Martin Niemöller ein. Sein Leitspruch war. „Was hätte Jesus heute gesagt?“

<b>Paulus:</b> Ja, darum geht es mir, dass wir einander ermutigen auf vielfältige Weise Jesus Christus nachzufolgen. Denn eins ist uns im Gegensatz zu den Sportlern sicher. Auf uns alle wartet der Siegerkranz, nicht nur auf einen. Zu meiner Zeit war das schon eine herbe Enttäuschung, da hatte jeder alles gegeben, denn es steckten bei all dem Training ganz profane Interessen dahinter: eine lebenslange Rente und Steuerfreiheit waren unter anderen Annehmlichkeiten der Grund dafür, dass man nach diesem Siegespreis trachtete. Wer den Ölbaumzweig sein Eigen nennen durfte, war ein gemachter Mann! Die Zweit- und Drittplazierten gingen leer aus.

<b>Frage:</b> Verstehe ich dich so: wenn für vergänglichen Sportruhm Menschen bereit sind ihr Bestes zu geben, ja sogar riskieren, leer auszugehen, wie vielmehr lohnt es sich dann sein Bestes zu geben, denn der Siegpreis ist uns in Jesus Christus schon längst geschenkt?

<b>Paulus:</b> Richtig. Nun habe ich noch eine Frage an dich. Weißt Du was das Besondere an den olympischen Spielen 2004 sein wird?

<b>Frager:</b> Ich weiß, sie sind erstmals nach 106 Jahren wieder in Athen, wo 1898 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden. Doch was soll da schon Besonderes dran sein? Es sind Spiele, die Menschen aus aller Welt zu Wettkämpfen zusammenführen. Und die Paraolympics folgen danach.

<b>Paulus:</b> Seit dem Jahre 2000 gibt es das "Internationale Zentrum des Olympischen Waffenstillstands" mit Sitz in Olympia, das sich zur Aufgabe gemacht hat, gemäß der Olympischen Idee für die Tage der Spiele den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt Einhalt zu gebieten. Da wird im Sport ein Gedanke umgesetzt, der uns Christen ein Herzensanliegen sein müsste: Frieden stiften.

<b>Frager:</b> Das wusste ich nicht. Da kann man nur hoffen, dass Jacques Rogge, Vorsitzender des IOC, und sein Vize, der griechische Außenminister Georgios Papandreou, mit ihrer Mission Erfolg haben und uns, dass wir der Mission Jesu treu nachfolgen.

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