Vom Bau der Kirche

An schönen Sommertagen, besonders aber an den Wochenenden zieht es immer wieder viele Menschen hinaus ins Freie. Und wenn ich mal an einem Samstag oder Sonntag nicht arbeiten muss, dann drängeln unsere Kinder: Kommt, lasst uns mal über Land fahren.

Ja, wir nutzen dann die Zeit um in unserem Landkreis Burgen, Schlösser und Kirchen, soweit sie geöffnet sind, zu besichtigen.

Was es da nicht alles zu sehen gibt, Gräben, Wälle, Mauerreste, behauene und unbehauene Steine, Zeugen vergangener Zeiten.

Die wohl ältesten Steine unserer christlichen Vergangenheit liegen auf dem Disibodenberg (zwischen Odenbach und Staudernheim) und auf der Eremitage (Bretzenheim).

Ja, wenn die alten Steine erzählen könnten; wie war das früher, wenn gepredigt wurde? Wie war es, wenn sich Menschen zu Jesus bekannten und getauft wurden?

Aber es gibt da auch noch andere Steine unserer christlichen Vergangenheit, teilweise verputzt oder Natur belassen. Steine, die eine Einheit bilden und uns Raum zur Andacht geben. Das sind auch die Steine unserer Kirche.

In unserem heutigen Predigttext hören wir auch von vielen Steinen und auch von einem ganz besonderen Stein.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, vom Bau der Kirche ist in unserem Predigttext die Rede. Wie bei jedem Gebäude sind die Steine wichtig, die dann den Raum umgeben.

In seinem Brief an die Epheser erinnert Paulus die Gemeinde daran, dass ihr Fundament weit zurück reicht, bis in die Zeiten des Alten Testamentes.

Die Zeit des Neuen Testamentes ist mit dadurch geprägt, dass die Menschen in zwei unterschiedliche Gruppen eingeteilt wurden, die keinerlei Kontakt miteinander hatten, Juden und Nichtjuden, also die Heiden.

Zurzeit Jesu war das Volk Israel das einzige Volk, das nur an einen Gott glaubte. Gott hatte sich dieses Volk erwählt und sich in diesem Volk offenbart. Deshalb waren die Israeliten auch ein sehr stolzes Volk.

Nur der Mann, der von einer jüdischen Mutter geboren wurde und auch beschnitten wurde, galt als echter Jude. Alle Nichtjuden sah man als Fremdlinge an. Ein gläubiger Jude lebte in dem Gefühl, dass er mit Gott in einem Hause wohne.

Wie groß Antipathie und Gegensätze zur damaligen Zeit gewesen sind, das können wir heute nur noch erahnen. Und all diese Unterschiede, rassischer, kultischer und kultureller Art sind durch Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz aufgehoben worden und in der Gemeinde der Christen weggefallen.

Die Steine, ganz gleich welcher Herkunft, ob Juden oder Nichtjuden, sind nun durch Glaube und Taufe Angehörige des neutestamentlichen Gottesvolkes, der Kirche, geworden.

Sie alle haben im geistigen Raum der Kirche ein Zuhause gefunden. Ihre Fremdheit haben sie verloren. So bedeutungsvoll dies auch für uns ist, liebe Gemeinde, so dürfen wir niemals vergessen, dass jede Gemeinde zur Heimat für eine Jede und Jeden werden muss.

Der Begriff: „Offene und auch einladende Gemeinde“ darf nicht nur ein Schlagwort unserer Tage sein, sondern muss in Wirklichkeit das Leben einer Gemeinde kennzeichnen.

Gerade in den wachsenden Ortsgemeinden am Rande unserer Dörfer können wir erleben, wie Menschen, die sich bisher nicht kannten und fremd waren, im Raum der Kirche eine gemeinsame Heimat entdeckten und zu Freunden wurden.

Hier, so denke ich, liegt die Chance und Aufgabe der Kirche überhaupt: Meine Nächste und meinen Nächsten aus der Anonymität, aus der Fremde zu lösen und sie in den Raum einer Gemeinde zu führen. Doch unsere Kirche muss mehr sein, als nur Raum für zwischenmenschliche Kommunikation. Sie ist, wie Paulus uns das sagt, Haus Gottes.

Das bedeutet, dass wir im geistigen Raum der Kirche Gott begegnen können und wir uns nicht mehr fremd gegenüber stehen. Dort sollten wir erfahren, dass wir Schwestern und Brüder sind und Gott unser aller Vater ist.

Kirche, liebe Gemeinde, ist nicht das Ergebnis unserer Bemühungen. Kirche ist der Bau, den Gott ausführt; sie ist das Haus, welches Gott uns bereitet, in dem wir gemeinsam mit unserer Nächsten und unserem Nächsten wohnen und gemeinsam Gott, den Vater, anbeten sollen.

Doch dieser Bau erfolgt nicht ohne uns. Wir sind der Baustoff. Denn Kirche ist nicht ein steinernes und totes Monument, sondern Kirche sind immer Menschen, die ihr Leben auf Jesus Christus hin ausrichten.

Ja, Kirche sind immer Menschen, die nicht egoistisch und selbstsüchtig leben wollen, sondern ihr Leben mit anderen teilen und für andere etwas wagen wollen. So ist die Kirche Raum des Geistes, den Jesus Christus seiner Kirche als Lebensgrundsatz gegeben hat.

Heute, wo so manches einer Zerreißprobe in der Kirche ausgesetzt ist, in der sich manche Kräfte verselbständigen und an einem Mitaufbau nicht mehr interessiert sind, muss diese Glaubenswirklichkeit besonders betont werden. Denn wo sich Menschen von Jesus Christus zusammengehalten wissen, da kann Kirche und Gemeinde wachsen und lebendig werden. Da können in die Gemeinde und Kirche viele lebendige Steine mit eingebaut werden, damit sie lebendig bleiben.

So baut der Herr seine Kirche und Gemeinde und sie wächst nach seinen Plänen. Einheimische, Zugezogene und Fremde sind gleichermaßen darin verbunden, sind selbst die Bausteine.

In der Gemeinde Jesu bleiben die Menschen zwar Juden oder Deutsche, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, Alte und Junge, Männer und Frauen − aber diese Unterschiede sind nebensächlich geworden und trennen nicht mehr. In Christus und Christi Willen verblassen alle gesellschaftlichen Unterschiede.

Der Bau dieser Kirche ist vor so und so vielen Jahrhunderten vollendet worden. Der Bau der Kirche und Gemeinde aber aus lebendigen Steinen erfolgt immer weiter. Denn ihr seid ja in den Bau eingefügt, dessen Fundament die Apostel und Propheten bilden, und der Eckstein im Fundament ist Jesus Christus.

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