Vertrauensvorschuss

Liebe Gemeinde,

die Geschichte mit dem Sämann kannte früher jedes Kind. Dieses Gleichnis ist eines der wenigen, die in allen Evangelien überliefert sind. In jedem ein bisschen anders: einmal bringt das Korn, das auf den guten Boden fällt, dreimal Frucht, hier ist es gleich hundertfach – und der Schreiber des Lukas-Evangeliums hat auch gleich eine Deutung hinzugefügt. Hier sind sich die Spezialisten nicht ganz einig, die meisten Autoren kluger Kommentare zum neuen Testament sagen, dass diese Deutung erst später hinzugekommen sei, erfunden für die Gemeinden, die die Bildersprache Jesu nicht mehr verstehen konnten. Wie dem auch sei, Jesus sagt ja da einen interessanten Satz auf die Frage nach der Bedeutung:

Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. 10 Er aber sprach: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen, auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören.

Mir ist es beim wiederholten Lesen des Textes auf einmal so gegangen, dass ich dachte, ich gehöre zu den "anderen", zu denen, die, wenn sie sehen, doch nicht sehen. Mir kam die Geschichte, je näher ich sie betrachtete, umso unstimmiger vor. Ich dachte mir: Wenn die Samenkörner das Wort Gottes sind, müsste doch Gott der Sämann sein. Und ich mochte mir kaum vorstellen, dass ausgerechnet Gott solche Stümperarbeit leistet.

Er müsste doch sehen, wohin er sein Wort streut. Ich glaube, gerade Sie hier auf dem Land werden eher den Kopf schütteln, wenn Sie sich vorstellen, wie in diesem Gleichnis gesät wird: Ein gut gepflügter und vorbereiteter Acker, so werden Sie sagen, ist Voraussetzung. Nun muss man aber wissen, dass in Palästina von alters her bis heute anders gesät wird: Dort wird erst die Saat ausgebracht und dann gepflügt. So ist es ganz normal, dass der Sämann, den wir uns ruhig auf dem Stoppelfeld vorstellen dürfen, zwischen die Disteln ebenso sät wie auf den Weg, er weiß ja, dass der Trampelpfad durch den Acker dann aufgelockert werden wird und die Disteln untergepflügt werden. Und wer den Boden im vorderen Orient kennt – so etwas können Sie genauso in Marokko oder auch in Armenien beobachten, der weiß, dass die Steine und Felsen oft unter einer dünnen Krume verborgen liegen. Einsatz von Maschinen, wie wir sie heute haben, ist nicht nur aus finanziellen Gründen nicht möglich, das Land ist oft sehr unwegsam.

So kann man im vorderen Orient heute noch Bilder sehen, die denen aus dem Gleichnis Jesu sehr ähnlich sind: Männer, die irgendwo säen, wo man an Erntemöglichkeiten gar nicht glauben mag.

Was kann uns also so ein Gleichnis, eine Geschichte, bei der für uns einfach das Bild nicht mehr stimmt oder gar nie gestimmt hat, überhaupt sagen? "Überall wird das Heu auf andere Weise geschichtet zum Trocknen unter der gleichen Sonne", dieser Satz der Dichterin Hilde Domin fiel mir wie ein Gottesgeschenk mitten im Nachdenken über den Sämann in die Hände. Und auf einmal wurde das Bild deutlicher. Klar, es ist im Grunde unwichtig, wie gesät wird, es ist im Grunde zweitrangig, ob im Gottesdienst dies oder das zuerst gemacht wird – wichtig ist, dass es genau an diesem Platz die wirksame Praxis ist. Die Frage ist bloß: Können wir dagegen tun, dass so viele aufkeimende Pflanzen gar nicht erst zur Reife kommen? Vögel, Felsen, Dornen – es scheint ja auch, dass sich Jesus in der Erklärung des Gleichnisses damit abfindet, dass sein Wort nicht überall ankommt. Das Gleichnis könnte einen Prediger eigentlich zur Verzweiflung bringen, bestätigt es doch seine schlimmsten Befürchtungen: Im Gottesdienst sitzen nur ein paar Leute, und wenn sie nach Hause gehen, ist das Wort schon von den Dornen erstickt, auf dem Stein gelandet oder von den Vögeln gefressen.

Im Grunde, so denke ich, können wir nur bei uns selbst anfangen, in uns hineinschauen, und da erst einmal Disteln ausreißen, Steine wegräumen und uns die Vögel ein bisschen genauer ansehen, die um unseren Kopf herumschwirren und unsere Gedanken wegpicken und das verschlingen, was wir uns vorgenommen hatten. Ist es nicht so, dass schon in uns selbst, in einem einzigen Menschen, der Boden ganz unterschiedlich beschaffen ist. Da ist einem im Grunde klar, dass die Bergpredigt eine wirklich ausgezeichnete Gebrauchsanweisung für das friedliche Miteinander wäre. Und man hat eben noch den Vorsatz gefasst, heute mal nicht das letzte Wort haben zu wollen beim alltäglichen Disput mit dem Kollegen, sondern ihm "die andere Backe auch hinzuhalten", nachzugeben, freundlich zu sein. Und dann, in der konkreten Situation, da macht sich auf einmal Härte breit, die Wurzeln des Samenkorns stoßen auf Stein, man hört sich wieder zurückschlagen, mit Worten zwar nur, aber auch Worte können wirken wie eine Ohrfeige.

Oder Sie haben sich so richtig begeistert für eine Aufgabe, die Sie übernommen haben, zum Beispiel Vorsitzende im Verein zur Förderung der Kirche oder einen Sitz im Gemeindekirchenrat oder einfach Mitmachen im Kirchenchor. "Jetzt bringe ich mich da so richtig ein", das war die Idee, vielleicht ausgelöst durch einen schönen Gottesdienst oder eine Kirchenmusik, die Sie gehört haben. Aber dann kommt der Frust des Alltags, zum Beispiel der ganze Schriftkram, der mit dem Amt verbunden ist oder die mühsamen Proben. Zu Hause häufen sich andere Aufgaben, und auf einmal denken Sie: "Warum soll ich das eigentlich machen – es gibt ja noch so viele andere", Sie lassen die Aufgabe schleifen, gehen am Ende vielleicht gar nicht mehr zu den Sitzungen und bitten letztlich darum, Sie aus der Aufgabe zu entlassen.

Betrachten wir schließlich die Vögel, die Jesus da so drastisch mit dem Teufel gleichsetzt: Hier ist es interessant, das griechische Wort zu lesen, das Lukas verwendet. Normalerweise steht da "Satanas", hier aber wird "Diabolos" verwendet, und "diaballein", das Verb dazu, bedeutet ursprünglich soviel wie "durcheinander werfen, verwerfen", dann erst kam die Bedeutung "entzweien, täuschen, betrügen, irreführen" dazu. Der Teufel als der, der Verwirrung stiftet, der wegführt, täuscht, verfeindet. Solchen Gefahren ist das Wort Gottes, wenn es uns erreicht hat, immer ausgesetzt. Da gibt es so viele Dinge, die uns ablenken, soviel, was uns wichtig scheint und uns zum Beispiel daran hindert, zum Gottesdienst zu gehen oder zuzugeben, dass wir eigentlich hingehen wollen. Und wenn dann noch einer kommt und uns fragt, wo denn unser Gott bleibt, wenn sich so ein Krieg anbahnt wie derzeit, dann schweigen wir manchmal, weil wir selbst nicht so recht wissen, was wir sagen sollen. Da stehen sich schließlich zwei Mächte hochbewaffnet gegenüber, die sich beide auf den selben Gott berufen, und er scheint tatenlos zuzuschauen. Das jedenfalls suggeriert uns der "Diabolos", von dem Jesus hier spricht – und der ist es auch, der da so einigen mächtigen Politikern ins Ohr flüstert, dass sie Gottes Arbeit zu tun hätten und damit vielleicht sogar noch in seinem Namen handeln.

Und dann ist doch dieses gute Stück Ackerland in jedem von uns, das Stück, auf dem das Wort wachsen kann, wenn wir es pflegen. Denken wir noch einmal an den Anfang: In Palästina wird erst gesät und dann gepflügt. Lassen wir es doch zu, dass in uns der Boden bereitet wird. Versuchen wir, das Wort zu hören und zu behalten in einem feinen, guten Herzen und Frucht zu bringen in Geduld . Erst einmal also müssen wir Geduld mit uns selbst aufbringen, und erst dann wird das Wunder möglich, dass das Wort hundertfach Frucht bringt. Wir wären schlechte "Missionare", wenn wir im ersten Feuereifer der Begeisterung losstürzen würden, voller unreifer Gedanken, um damit andere zu überzeugen. "Frucht bringen", das heißt Gottes Wort tun. Wir könnten ja einmal versuchen, uns anmerken zu lassen, dass wir Christen sind. Nicht, indem wir auf andere herabschauen, die nicht glauben können, sondern, indem wir ihnen zuhören, wenn sie ein Gespräch brauchen. Nicht, indem wir anderen unseren Glauben, unsere Moral und unsere Ethik aufzwingen wollen, sondern indem wir unseren Glauben ganz einfach leben. "Wenn einer dich nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen, so gehe mit ihm zwei", heißt zum Beispiel ein Satz aus der Bergpredigt, der sehr leicht umzusetzen wäre, hier, im Miteinander vor Ort. Wie oft aber haben wir angeblich nicht einmal die Zeit, eine halbe Meile mit jemandem zu gehen? Ich denke da zum Beispiel an das Thema Besuche bei Kranken in unserer Nachbarschaft. Oft denken wir, so zu sein wie Jesus, das ist unheimlich schwer. Es ist nicht nur schwer, es ist unmöglich. Aber es gibt Taten der Liebe, die uns Jesus vorgelebt hat und die wir sehr leicht nachleben könnten.

Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, sagt Jesus, und er meint damit nicht nur seine Jünger, sondern auch jeden von uns. Das ist ein großer Vertrauensvorschuss und auch ein gutes Stück Verantwortung – und es fordert vor allem viel Geduld. Ich denke daran, dass in einem ägyptischen Grab Weizenkörner gefunden wurden, die 5000 Jahre alt waren. Jemand pflanzte sie ein und gab ihnen Wasser – und nach so langer Zeit keimten sie. So ähnlich ist es mit den Worten, die uns in der Bibel oft so tot und trocken vorkommen. Sie sind voller Kraft und Leben, wenn unser Herz nicht mehr so steinern und tot ist, dass dort nichts mehr wachsen kann. Lassen wir es also zu, dass Gottes Liebe in uns wirksam wird und sein Wort zum Leuchten bringt wie Wasser den Weizen zum Keimen.

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