Versöhnung

Liebe Gemeinde,

das Thema des heutigen Karfreitagsgottesdienstes ist Versöhnung. Ich lese dazu den Predigttext aus 2. Kor 5,19-21:

[TEXT]

Um Versöhnung geht es. Wir sollen uns mit Gott versöhnen lassen. Warum eigentlich?

Warum brauchen wir Versöhnung mit Gott? Versöhnung brauchen wir doch nur, wenn Beziehungen gestört sind. Versöhnung ist doch nur nötig, wenn zwei Personen Streit miteinander haben. Versöhnen können sich Ehepaare, die sich getrennt haben, Familien, die sich zerstritten haben und wo die Mitglieder keinen Kontakt mehr untereinander haben. Oder wenn wir an die internationale Politik denken: Völker, die miteinander Krieg geführt haben, oder wo es zumindest Spannungen gibt, können sich aussöhnen.

Gibt es zwischen Gott und uns Spannungen, haben wir Streit miteinander, haben wir uns auseinander gelebt und den Kontakt zueinander verloren?

Offensichtlich denkt Paulus, dass so etwas zwischen Gott und uns passiert ist. Er nennt diesen Zustand Sünde.

Sünde ist das, was uns von Gott trennt. Sünde ist etwas, was wir Gott angetan haben und worüber Gott zurecht sauer auf uns ist. Wir haben mit dem, was wir getan haben, einen Graben zwischen Gott und uns aufgerissen. Und nun können wir diesen Graben von uns aus nicht mehr überwinden.

Hat Paulus denn damit recht? Ehrlich gesagt lasse ich mir nicht gerne unterstellen, ich hätte etwas getan, dass Gott verärgert hat. Eigentlich bin ich überzeugt, dass ich ein einigermaßen ordentliches Leben führe. Ich kümmere mich um meine Familie. Ich tue meine Arbeit, so gut ich kann. Ich verstoße nicht gegen Gesetze, mal abgesehen von der Straßenverkehrsordnung. Und ich benehme mich normalerweise den meisten Menschen gegenüber höflich. Und ich bete, habe also auch nicht den Kontakt zu Gott abgebrochen. Wieso sollte ich Versöhnung mit Gott nötig haben?

Nein, Paulus hat Unrecht. Ich habe mir nichts vorzuwerfen! Ich brauche keine Versöhnung, nicht mit Gott und nicht mit sonst jemand. Wirklich?

Gibt es wirklich in meinem Leben keine gestörten Beziehungen? Natürlich gibt es die. Ich erspare mir und Ihnen jetzt die Aufzählung. Und ich bitte Sie, einen Moment darüber nachzudenken, wo die gescheiterten Beziehungen und das Unversöhnte in Ihrem Leben liegen. Ich unterbreche die Predigt dafür, und möchte Klaus Fröhner bitten uns etwas zu spielen, was unser Nachdenken unterstützen kann.

Ich sehe Ihre Gesichter und ich vermute, dass Sie alle etwas gefunden haben. Ja, wir brauchen alle Versöhnung. Und wir können sie nicht immer bekommen. Manche Gräben sind zu tief. Manche Verletzungen sind zu schwer. Und es liegt ja auch nicht immer in unserer Hand, die Versöhnung anzubieten. Manchmal lebt die Person, die es betrifft nicht mehr. Und manchmal ist das Unrecht, was von der anderen Person ausging so schwer, dass ich mich nicht überwinden kann, auf sie zuzugehen. Und vielleicht ist ja auch manchmal mein eigenes Unrecht so schwer, dass ich es nicht wagen würde, noch einmal Kontakt aufzunehmen. Oder die Situation ist so verfahren, dass mir keine Lösung einfällt.

Oder die Feindschaft zwischen zwei Völkern oder auch Religionen ist so alt. Es ist soviel passiert. Soviele Kriege sind schon geführt worden. Soviel Gewalt ist verübt worden, dass der Weg zur Versöhnung sehr weit geworden ist.

Sünde ist nach Paulus eine Macht, unter deren Herrschaft wir gefangen sind. Aus der Herrschaft der Sünde können wir uns nicht selbst lösen. Sünde ist ein Geflecht aus Handlungen und Gedanken, die uns einsperren und uns Dinge tun lassen, die wir gar nicht tun wollen. Die Sünde vergiftet unsere Beziehungen und trennt uns voneinander.

Wir alle brauchen Versöhnung. Wir wurden verletzt und wir haben andere verletzt. Es gibt in unserem Leben viel Unversöhntes. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der es eine Menge Ungerechtigkeit gibt. Wir können das mit Paulus Sünde nennen.
Und die Sünde trennt uns von Gott.
Die Sünde – zum Beispiel unsere vergifteten Beziehungen und die ungerechte Verteilung des Reichtums auf der Erde – ist eine religiöse Angelegenheit. Sie betrifft unsere Beziehung zu Gott. Denn Gott möchte ein gutes Leben für alle Menschen und eine gute Beziehung zu allen Menschen. Und dazu gehört, dass auch wir Menschen untereinander miteinander auskommen. Dazu gehört dass hier auf der Erde Gerechtigkeit und Liebe herrscht.

Gott hat Jesus Christus in die Welt geschickt, damit er uns zeigt, wie wir in Gerechtigkeit und Frieden miteinander leben können. Und was ist passiert? Jesus wurde angefeindet, ausgelacht und am Ende gefangen genommen, gequält und hingerichtet. Die aus menschlicher Sicht logische Reaktion Gottes darauf wäre gewesen zu sagen: „Gut, ihr hattet eure Chance, das war es! In dem, was hier passiert ist, seht Ihr, wer Ihr seid. Ich habe mit euch nichts mehr zu tun!“

Paulus glaubt, dass die Reaktion Gottes anders ist. Und was er in dem heutigen Predigttext beschreibt ist ganz erstaunlich: „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“

Gott benutzt, was Menschen angerichtet haben, und dreht es in seiner Wirkung um. Und was Menschen anrichten können, das können wir am Leiden und Sterben Jesu sehr gut sehen. Und dass das alles nicht harmlos ist, dürfte auch deutlich sein. Aber aus Ablehnung und Gewalt seinem Sohn gegenüber macht Gott ein Versöhnungsanbot an uns Menschen. Gott erklärt: Damit das Leiden Jesu Christi nicht umsonst war, biete ich euch an, eure Fehler und eure Schuld nicht anzurechnen. Ich möchte euch aus eurer Sünde, aus euren Verwicklungen in Gewalt und vergifteten Beziehungen heraus reißen, und euch einen neuen Anfang ermöglichen. Ihr sollt als gerecht gelten auch wenn ihr Unrecht getan habt.

Gott geht auf uns Menschen zu und bietet uns Versöhnung an. Gott überwindet von sich aus den Graben, den wir zwischen Gott und uns und zwischen uns und den anderen aufgerissen haben. Das ist wahrlich erstaunlich und ein Zeichen großer Liebe, einer größeren Liebe als wir sie verdient haben.

Paulus bittet also als Botschafter an Christi statt – wie es in unserem Predigttext heißt – „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Das Angebot steht. Es steht immer noch bis heute.

Die Frage geht an uns: Nehmen wir das Angebot an? Lassen wir uns wirklich versöhnen mit Gott? Nehmen wir von uns aus wieder Beziehung zu Gott auf? Wollen wir zulassen, dass Gott die Trennung zwischen uns und sich aufhebt, dass Gott den Graben überwindet?

Trotz der göttlichen Größe und Übermacht legt Gott nämlich Wert auf unsere Zustimmung. Wir sind frei das Angebot auszuschlagen oder anzunehmen. Die Verantwortung für unseren Glauben und unsere Beziehung zu Gott liegt bei uns.

Versöhnung ist nichts einseitiges. Versöhnung erfordert das Einverständnis aller Beteiligten. Es ist bei der Beziehung zwischen Gott und uns Menschen nicht anders als bei allen anderen Liebesbeziehungen. Die Beziehung funktioniert nur, wenn die Liebe von beiden Seiten kommt. Das gemeinsame Leben wird nur glücklich, wenn beide Seiten das wollen und sich um die gegenseitige Liebe bemühen.

(Ich möchte noch eine Randbemerkung Richtung Konfirmandinnen und Konfirmanden machen: Beim christlichen Glauben geht es nicht darum, ob ich es für wahrscheinlich halte, dass es Gott gibt und dass Gott die Welt geschaffen hat oder dass er sich um ein Leben nach dem Tod kümmert. Es geht um eine Liebesbeziehung zwischen Gott und mir und mir und Gott mit allem was an dramatischem oder alltäglichem zu so eines Liebesbeziehung gehört. Da sind Zweifel nicht ausgeschlossen. Aber ausgeschlossen ist jede Form von: Ist mir doch egal!)

Von Gottes Seite ist klar: Gott bietet Versöhnung an, Gott möchte die Liebesgeschichte zwischen sich und uns Menschen fortsetzen. Wie sieht es auf unserer Seite aus? Sind wir bereit uns darauf einzulassen?

Ich denke ja, sonst wären wir nicht hier in der Kirche. Und die neue Gemeinschaft, die aus Gottes Liebe und unserem Ja entsteht, die dürfen wir heute feiern gleich jetzt beim Abendmahl.

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