Versöhnen mit Gott heißt …

Liebe Gemeinde,

wer einigermaßen in der kirchlichen Tradition zu Hause ist, der kennt die Botschaft des Karfreitag: Gott hat seinen Sohn für uns ans Kreuz geopfert, damit wir die Vergebung der Sünden erlangen. So steht es auch heute in diesem Text aus dem 2.Brief an die Gemeinde in Korinth. Sonntag für Sonntag versammelt sich die Christenheit unter dem Kreuz, eben unter
dem Zeichen, das für diese Versöhnung steht. In Predigten wird immer wieder darauf hingewiesen, dass wir diese Versöhnung brauchen, unzählige Lieder sprechen nur davon, wir denken an die Kriegs und Krisengebiete, in denen ohne Versöhnung so viel Leid geschieht.

Wie einfach wäre es doch, die Völker würden sich die Hand reichen und Frieden machen. Und gerade da gerate ich ins Fragen: ist das wirklich so einfach und ist diese Aussage von der Sündenvergebung wirklich so einfach, wie sie uns über die Zunge geht? Es gibt auch Stimmen, die damit gar nicht zurecht kommen, wie kann ein Einzelner für alle büßen, wieso opfert Gott seinen Sohn für mich, wieso ein Menschenopfer, das schon seit Abraham
abgeschafft ist? Und warum dennoch so viel Zank und Streit, so viel Unfrieden unter uns? Nur, weil die Menschen sich mit Gott nicht versöhnen lassen wollen? Weil sie eben gottlos sind? Wie einfach wären dann Konflikte doch zu lösen, wie schnell wieder Frieden herzustellen?
Aber so einfach ist es eben nicht. Die Völker im Großen wie auch wir im Kleinen sind eingebunden in eine friedlose Menscheit, Konflikte unter den Völkern sind abhängig von wirtschaftlichen Interessen und werden von außen gesteuert. Was wollen sich die Menschen im Kongo versöhnen, die nur ein Spielball der westlichen Wirtschaft sind. Die nicht einmal wissen, dass unsere Handys mit die Ursache sind für diesen Krieg. Wie sollen sich zwei Menschen versöhnen, die sich in ihrer Beziehung festgefahren haben und gar keine Klarheit mehr haben, was die Ursachen sind. Wer sich da zum bloßen Händereichen zwingt, wird erleben: das bricht wieder auf. Was bringt das alles dann?

Lasst euch versöhnen mit Gott, sagt Paulus. Ds heißt für mich zunächst mit einem Gott, der mich in diese Welt hat geboren werden lassen mit meinen Anlagen, mit meiner Familiengeschichte, mit alle dem, was mich und keinen anderen geprägt hat. Warum bin ich eigentlich so, warum passiert mir das und anderen geht es gut, warum leide ich unter anderen, die anders sind, warum muss ich mich hervortun und warum ziehe ich mich woanders zurück? Warum, Gott, ist alles so so und kommt alles so? Ist das nicht eine ganz tiefe Frage, auch wenn wir sie so nicht formulieren? Man sagt, dass Adolf Hitler seine grausame Kindheit später grausam ausgelebt hat. Er konnte sich nicht abfinden damit, dass er das erleiden musste. Er ist unversöhnt geblieben und konnte Gott nicht sehen. Und im Kleinen: wie viele Eltern schlagen und misshandeln ihre Kinder, weil sie selber misshandelt worden sind. Und das verdrängen, nicht zulassen können, dass das ihre Geschichte ist. Vielleicht fängt Versöhnung wirklich dort an, wo ich den Mut habe, in den Spiegel zu schauen.

Die Narben in der Seele anzuschauen und sie mit Gott heilen zu lassen. Mich damit aussöhnen, dass Gott gerade diesen meinen Weg für mich zugelassen hat. Und das ist deswegen so schwer, weil es so sehr weh tut. Und darum gehen wir immer wieder gegeneinander an, benutzen andere, um uns mit unserem Schicksal auszusöhnen. Und da macht Jesus Mut. Er hat menschliches Schicksal geteilt. Er hat den Mut gehabt, Traditionen des Lebens anzugreifen und ist den Weg gegangen, den Gott in sein Leben gelegt hat. Und das war ja nicht nur am Karfreitag ein schwerer Weg. Wenn er einer geballten Masse von Gegnern gegenübertrat, war er gewiss nicht so selbstsicher, wie ihn die Bibel darstellt. Und seine Tränen im Garten Gethsemane sind auch die Tränen über einen Weg, der zu Ende geht, warum Gott mir und warum ich. Und dennoch hat Jesus sein Leben annehmen können, darum war er mit Gott ausgesöhnt und konnte seinen Peinigern vom Kreuz herab die Hand reichen. Und die Frage nach dem Warum hat sich bei ihm in Vertrauen gewandelt. Eine Antwort darauf, warum er das erleben musste, warum er wie so viele Menschen auch die Gottverlassenheit durchmachen musste, hat er nicht bekommen. Und all das hat etwas mit Versöhnung zu tun und viel mit uns.

Lasst euch versöhnen mit Gott
heißt dann auch, lasst euch versöhnen mit Eurem Leben, das immer unter der Liebe Gottes steht. Und wahrscheinlich erst dann können wir dem anderen die Hand reichen mit ehrlichem Gefühl. Und das kann ich dann auch auf die Welt übertragen und ich ahne, dass es mit ein
paar frommen Sätzen nicht getan ist. Mehr als bei mir anfangen kann ich nicht und das nehme ich mir vor.

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