Versiegelt durch Gottes Geist

Liebe Schwestern und Brüder!

Manchmal sagen wenige Worte mehr als eine lange Predigt. Deshalb habe ich versucht, was ich sagen will, in eine einfache Gedichtform zu bringen – in eine Form, wie schon Kinder sie anwenden können.<p align="center">ICH
NICHT ALLEIN
AN MIR ARBEITEND
VERSIEGELT DURCH GOTTES GEIST
CHRISTENMENSCH
<p align="center">DU
NICHT ALLEIN
AN DIR ARBEITEND
VERSIEGELT DURCH GOTTES GEIST
CHRISTENMENSCH

Die Bibeltexte dieses Sonntags helfen uns zu verstehen, was es heißt, ein Christenmensch zu sein. Es bedeutet:
1. nicht allein sein
2. an sich arbeiten
3. versiegelt sein durch Gottes Geist.
Über diese drei Stichworte möchte ich nun mit Ihnen nachdenken.

Zuerst also: Ich bin nicht allein – du bist nicht allein. Im Evangelium haben wir ein Bild vor uns gesehen: vier Männer tragen einen gelähmten Menschen. Mit Ausdauer und Phantasie bahnen sie sich den Weg zur Mitte, wo Jesus steht. Jesus sieht ihren Glauben – und macht den Kranken gesund an Seele und Körper. Er macht sein Leben heil, viel tiefer, als es äußerlich zu sehen ist. Dieser Mensch war nicht allein auf dem Weg zu Jesus, auf der Suche nach Heilung.

Und wir? Wenn wir zurückdenken, fallen uns vielleicht Menschen ein, die uns mitgetragen haben, wenn unser Glaube sozusagen gelähmt war. Oder Situationen, wo uns jemand um Fürbitte gebeten hat. Im Sommerurlaub 1992 habe ich bei einem kurzen Aufenthalt in Hamburg die Petrikirche besucht; ich wusste, dass ein früherer Seelsorger von mir dort einmal als Pfarrer gewirkt hatte. Als ich durch diese Kirche ging und an empfangene seelsorgerliche Hilfe dachte, war da in mir eine tiefe Freude: Ich bin nicht allein! Am Ausgang saßen zwei ältere Damen, die Ansichtskarten verkauften und für die Besucher Zeit und ein paar freundliche Worte übrig hatten. Wir kamen ins Gespräch; eine der Frauen hatte meinen Seelsorger auch in guter Erinnerung. Ich ging froh in die Sonnenhitze hinaus, mit der Erfahrung: die Kirche lebt!

Nun gibt es aber Menschen, die von sich sagen: Ich bin allein. Das sind nicht nur Alleinstehende, Alte, Kranke, Behinderte. Auch Menschen, die religiös einen hohen Anspruch haben, die Gott ernst nehmen und lieben und nach innerer Erneuerung streben, sind manchmal sehr einsam. Sie fühlen sich in dieser Gemeinde und Kirche nicht zu Hause. Das macht mich traurig. Gewiss: es gibt Wege im Leben, auf denen einen keiner wirklich begleiten kann (- Zeiten der inneren Krise und Wandlung). Aber ist die Erfahrung "Ich bin allein" das letzte Ziel dieser Wege, sozusagen der Weisheit letzter Schluss? Ich mag das nicht glauben. Die Erneuerung, von der der Epheserbrief redet, führt nicht in die Isolation; sie geschieht "in Jesus" und führt hinein in die Gemeinschaft der Kirche. Nicht der spirituell gereifte und erfahrene Einzelne ist der neue Mensch – sondern die Gemeinde, der Leib Christi, Christus. So ist dies meine Bitte: Lass jede und jeden von uns erfahren, dass sie/er nicht allein ist und dass Kirche lebt! Lass uns in der Kirche einander helfen auf dem Weg zu Christus. Dann wollen wir gern an uns arbeiten, alte Gewohnheiten ablegen, uns erneuern lassen.

Mit dieser Bitte komme ich zum zweiten: Christen sind Menschen, die an sich arbeiten. Davon hauptsächlich ist in unserm Predigttext die Rede: Trennt euch von dem "alten Menschen" in euch! Streift ihn ab, wie abends die Kleider – eine Schicht nach der andern! Legt alles ab, was euer Leben vergiftet: eure Lebenslüge, eure Bitterkeit … Es geht um eine bewusste geistliche Erneuerung. Und die beginnt ganz tief drinnen, in eurem Gemüt und Sinn. Von innen nach außen dürft ihr den "neuen Menschen" anziehen: Stück für Stück werdet ihr neue Erfahrungen mit Gott und mit der Gemeinde machen, die euch wärmen wie ein Kleid. Erfahrungen, die euch verändern.

Diese Erneuerung gilt dem ganzen Menschen – von der Gesundheit über Gefühle und Beziehungen bis hin zur Denkweise und Sprache. Die Psychologie kann dabei helfen, die Wahrheit über sich zu erkennen. Aber der Mut, diese Wahrheit auch wahrzuhaben, und der Anstoß, sich zu ändern, kommt von Gott. "Steh auf und geh!" sagt Jesus zu dem gelähmten Mann, nachdem er ihm die Bleigewichte der Schuld abgenommen hat. "Steh auf und geh!" – mit diesen Worten ermutigt uns Jesus, auf eigenen Beinen zu stehen in unserm täglichen Leben. Wir sollen und dürfen selbst etwas tun – mit eigenen Kräften arbeiten an unseren Aufgaben, an unsern Beziehungen und auch an uns selbst. Und das alles in dem Wissen: ich bin nicht allein. Alle diese Arbeit hat ihre Bedeutung und ihren Platz in der Gemeinde, im Leib Christi, im neuen Menschen.

Und nun das Dritte, vielleicht das Entscheidende: ein Christenmensch zu sein heißt: versiegelt sein durch Gottes Geist. Der Predigttext sagt: betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Was könnte das bedeuten? Welche Erfahrung wird damit angesprochen? Zwei Bilder, zwei Möglichkeiten fallen mir ein.
Wenn ich an mir arbeite und Schicht um Schicht die alten Kleider ablege, dann stoße ich auch auf Formen des Christseins, die mich geprägt haben. Sie wollen sorgfältig geprüft sein, ob sie dem neuen Menschen wirklich entsprechen. Doch dann kann es sein, dass ich auf einmal ein Kleidungsstück finde, das ein Siegel trägt – ein Gütesiegel, das den Namen trägt, der über alle Namen ist. Gott hat mir dieses Siegel gegeben (in der Taufe). Er hat mich zum Christen gemacht. Dieses Siegel ist aus meinem Leben nicht wegzudenken. Das Kleid mit dem Siegel lässt sich nicht ausziehen. Werde ich einfach Ja dazu sagen, annehmen, was Gott mir bereitet hat? Oder zerre ich an dem Kleid herum, versuche das Siegel zu lösen, zu analysieren, auseinander zu nehmen, weil ich nun einmal so in Fahrt bin, an mir zu arbeiten? Und eine zweite Erfahrung: es kommt vor, dass wir uns im Gespräch mehr öffnen, als das im Allgemeinen möglich ist. Wir erfahren das Glück, nicht allein zu sein. Eine Tür nach der andern scheint sich zwischen uns zu öffnen, und wir gehen mutig hindurch. Bereiche unseres Lebens kommen zur Sprache, über die wir sonst mit kaum jemand reden. Wir sagen und verstehen Dinge, die wir nie so gesehen oder verstanden haben. Und dann auf einmal sieht der eine beim andern eine verschlossene, versiegelte Tür … Diese Tür darf niemand öffnen, weil sie erst am Tag der Erlösung aufspringen wird. Diese Tür beim anderen entdecken heißt ahnen, wem dieser andere gehört, welcher Name die Mitte seines Lebens ist. An diesem Punkt des Gesprächs ist es besser zu schweigen. Ein Weiterreden wird allzuleicht ein Zerreden. Dabei kann der Zweifel sich einschleichen – einer kann dem andern sein Christsein absprechen oder madig machen. Das tut weh!

Es geschieht leider immer wieder, dass wir das Siegel Gottes bei uns und anderen verletzen. Solche Wunden gehen tief. Der Heilige Geist selbst trauert über diese Verletzungen. Er ist betrübt. Aber es heißt nicht, dass er sich zurückzieht. Er trauert in uns. Das ist für mich ein Trost. Darum hoffe ich, auch diese Wunden werden heilen, – wenn auch vielleicht erst am Tag der Erlösung, dem großen Sabbat, an dem alle unsere Arbeit, auch die Arbeit an uns selbst, ein Ende hat.

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