Vergessene Blicke

Liebe Gemeinde!

Es ist die Geschichte zweier Brüder, die sich völlig aus dem Blick verlieren, die ich ihnen heute erzählen will. Es ist eine Geschichte, die ein tragisches Ende hat und dennoch nicht ohne ein kleines Happy End auskommen muss. Es ist eine Geschichte, die ganz am Anfang steht und die Sinnbild ist für so vieles, was in unserem Leben, in unserer Gesellschaft nach so vielen Jahrtausenden immer noch genauso abläuft wie damals. Es ist eine Geschichte, in der wir uns wiederfinden können. Wo Sie sich wiederfinden, welcher der Charaktere Ihnen am nähesten ist, welche Gefühle Sie besonders gut nachvollziehen können, sei ganz ihnen selbst überlassen.

Eigentlich ging es den beiden Brüdern gut. Die beiden Brüder waren ganz unterschiedlich von ihrer Art her. Der ältere geriet mehr nach dem Vater. Genau wie er, war er Bauer geworden und er verstand sein Handwerk ziemlich gut. Seine Erträge waren ordentlich, seine Arbeit bereitete ihm Freude. Er fühlte sich anerkannt und gebraucht.

Für noch einen Bauern war in der Familie kein Platz mehr gewesen und so versuchte der jüngere Bruder sein Glück als Hirte. Er wäre vielleicht auch gern Bauer geworden, doch das stand nie zur Debatte. Er war ein eher zurückhaltender Typ. Von klein auf war er es gewohnt sich im Hintergrund zu halten. Alles Augenmerk lag naturgemäß oft auf seinem älteren Bruder, denn schließlich war er der Erstgeborene. Doch der jüngere der beiden hatte sich damit abgefunden so gut es eben ging. Er war keineswegs unglücklich mit seiner Arbeit und seinem Leben. Ja er hatte das Gefühl, dass er sein Handwerk auch gar nicht so schlecht verstand, denn seine Herden waren gesund und vermehrten sich.

Heimlich versuchte er immer wieder, dem großen Bruder nachzueifern. Schon oft hatte er den Bruder ganz genau im Blick behalten und immer, wenn es ihm günstig schien, dann machte er dem Bruder seine Handlungen nach.

So auch dieses Mal.

Wir hören den heutigen Predigttext, ich lese aus dem 1. Buch Mose, dem vierten Kapitel.

[TEXT]

Was ist passiert? Kain, der ältere der beiden Brüder, der Bauer, bringt nach guter israelitischer Sitte Gott ein Opfer dar. Dieses Opfer ist Zeichen dafür, dass all der Ertrag, all der Erfolg, letzlich von Gott kommen und auch Gott gehören. Als Anerkennung dafür bringt Kain Gott einen Teil dieses Ertrages als Opfer dar, als Dank sozusagen.

Und Abel, der Jüngere der beiden Geschwister, der hatte seinen Bruder ganz genau im Blick und tat ihm sein Handeln nach. Auch er opfert einen Teil seines Ertrages zum Dank an Gott. Soweit alles noch kein Problem. Vielleicht fühlt Kain sich an dieser Stelle ein wenig genervt, dass sein Bruder ihm immer alles nachmachen muss, dass er nie selbständig etwas machte, doch als großer Bruder hatte er sich im Laufe der Zeit vermutlich daran gewöhnt, Vorbild für den Jüngeren zu sein.

Bis dahin ist also noch alles gut und vielleicht hätte alles so weiter gehen können wie bisher, wenn nicht auf einmal die bestehende Ordnung gesprengt worden wäre.

Denn Gott, der Adressat dieser beiden Opfer wendet seinen ersten Blick auf den, auf den sonst immer erst der zweite Blick fällt. Gott wendet sich zunächst dem Jüngeren der beiden Brüder zu und betrachtet ihn und sein Opfer gnädig.
Und vermutlich waren beide Brüder völlig überrascht von dieser ungewohnten Reaktion. Und in dieser Überraschung verlieren sie sich aus dem Blick. Vielleicht zum ersten Mal. Kain ergrimmt, und in ihm baut sich Wut und Zorn auf. Quälende Eifersucht hat ihn befallen, und er weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Kain fühlt sich furchtbar ungerecht behandelt und vernachlässigt. Die ihm zustehende Anerkennung und Liebe sind ihm verwehrt geblieben, zumindest sieht er es so.

Und Abel, auch Abel verliert in diesem Moment seines Lebens vermutlich zum ersten Mal den bewunderten großen Bruder aus dem Blick. Er ist so überrascht über die Zuwendung und Anerkennung Gottes, dass er nur sich und seinen Stolz sehen kann. Endlich einmal ist er der Mittelpunkt, endlich einmal ist er nicht nur der Kleine, der sich auch ganz gut durchschlägt. Und in all diesem Stolz und in all dieser Freude, hat Abel keinen Blick mehr übrig für den Zorn und den Schmerz seines Bruders. Er sieht nicht, wie schlecht Abel mit dieser Situation umgehen kann, und wie sehr er gerade jetzt vielleicht die Zuwendung und den Trost seines kleinen Bruders gebrauchen könnte.

Beiden Brüdern ist in dieser Situation der Blick verstellt, sowohl ihr Blick auf Gott, als auch ihr Blick auf den anderen.

Und vielleicht wäre es ein Blick Kains auf Gott, seine Gebote und seine Liebe, bzw. auf den Bruder gewesen, der die tragische Wendung dieser Geschichte hätte verhindern können. Gott startet sogar noch einen rettenden Versuch. Warum ergrimmst du und senkst du deinen Blick, fragt Gott den wutentbrannten Kain. Hebe deinen Blick, schau auf das Glück deines Bruders, freu dich mit ihm, schau auf all die Güte und die Liebe, die ich dir in deinem Leben schon habe zuteil werden lassen und die ich dir auch jetzt nicht entzogen habe, auch wenn ich zuerst deinen Bruder angeschaut habe. Heb deinen Blick, denn sonst wird ein Unglück geschehen.

Doch Kain tut ihn nicht, den möglicherweise rettenden Blick von sich selbst weg hin auf den anderen, sondern blickt trotzig weiter zu Boden. Seinen Zorn und seine Wut kann er Gott nicht von Angesicht zu Angesicht gestehen, kann sie eben nicht herausschreien.

Nein Kain blickt weiterhin zu Boden, blickt weiterhin nur auf seine scheinbare Vernachlässigung und zieht auch nicht den zur Verantwortung, der die Sache vielleicht hätte klären können. Er fragt Gott nicht warum er so reagiert hat, warum er scheinbar den Blick von ihm abgewendet hat. Er bleibt lieber stumm und trotzig.

Doch irgendwie muss Kain seine Wut loswerden und so richtet er sie gegen den ahnungslosen Bruder. Gegen den Bruder, der seinen Blick auch nicht gehoben hat, auf den anderen hin, sondern bei sich und seinem Glück geblieben ist. Und somit völlig arglos mit dem Bruder mitgeht. Hätte er nur seinen Blick gehoben und den Bruder angeschaut, dann wäre ihm dessen Kummer und Zorn vielleicht nicht verborgen geblieben, auf diesem Weg hinaus auf das Feld. Vielleicht wäre er dann nicht naiv, nichtsahnend und völlig bei sich selbst mit dem wutschnaubenden Bruder hinaus auf das einsame Feld gegangen.

Doch so nimmt das Unglück seinen Lauf, blind vor Wut der eine, blind vor Glück der andere, so gehen die beiden Brüder nach draußen.

Nur einer von ihnen überlebt diesen Ausflug. Abel bleibt tot zurück auf dem Feld, erschlagen von seinem eigenen Bruder.
Und wieder wäre es vielleicht ein Blick gewesen, der Kain jetzt zumindest ein bisschen besser hätte dastehen lassen können. Ein Blick auf sein eigenes Unrecht, auf den erschlagenen Bruder und auf Gott, der ihn jetzt zum zweiten Mal anspricht, zum zweiten Mal keinen der beiden Brüder aus dem Blick verliert, zum zweiten Mal versucht die Sache zwischen sich und Kain zu klären. Wo ist dein Bruder, fragt er ihn, doch statt eines Geständnisses, statt ehrlicher Reue und einer Begründung bzw. Erklärung für sein Tun, senkt Kain ein weiteres Mal den Blick und wieder antwortet er mit Trotz. Bin ich denn meines Bruders Hüter?

Doch diesmal lässt Gott ihn nicht entkommen, diesmal konfrontiert er ihn mit der Wahrheit, mit seiner eigenen Tat.
Und Kain, Kain hebt ein drittes Mal seinen Blick nicht. Kain schaut sich Gott auch in dieser Situation nicht an. Kain sieht nicht den Gott, der es bisher doch immer gut mit ihm gemeint hatte. Kain sieht auch nicht den Gott, der fähig ist, bestehende Ordnungen und Konventionen auf den Kopf zu stellen. Kain sieht nur sich und seine Schuld, seine zu erwartenden Strafe, Kain bleibt wiederum ganz bei sich selbst und versinkt im Selbstmitleid. Die Schuld, die Strafe, die ich mir aufgebürdet habe, sind zu groß als dass ich sie ertragen könnte, bestimmt werde ich bald der Rache meiner Sippe anheim fallen, ich werde wohl mein Leben lang keine Ruhe mehr finden können. Den rettenden Blick auf den vergebenden und liebenden Gott tut Kain nicht.

Doch Gott lässt sich davon nicht beeindrucken. Gott wendet seinen Blick wiederum nicht von Kain. Gott sagt Kain seinen Schutz zu. Ein zweites Mal stellt Gott sich gegen gängige Konventionen und Ordnungen, indem er den Mörder unter seinen Schutz stellt, damit ihm nichts passieren kann. Doch die Folgen seiner Tat, die Schuldgefühle, die Unruhe und die Plage, die Kain jetzt empfindet, die kann Gott ihm nicht nehmen, das Blut Abels wird weiterhin zum Himmel schreien und wird so nicht aus Gottes Blickfeld geraten. Die Qualen Kains, die kann er ihm wohl erst nehmen, wenn Kain von Angesicht zu Angesicht vor ihm steht, und seinen Blick ganz unverwandt und offen auf ihn richten wird, wenn Kain das wahre Wesen Gottes erkennt und endlich den Blick von sich selbst nehmen kann.

Blicke können heilen. Blicke hätten in diesem Fall vielleicht Menschenleben retten können. Blicke auf den Bruder, auf die Schwester, auf die Menschen um uns herum, sei es in ihrem Glück oder in ihrem Leid. Blicke auf einen liebenden und barmherzigen Gott, der seinen gütigen Blick nie von uns nimmt, selbst wenn es einen Moment lang so scheint. Sie sind uns aufgetragen seit jeher, und sie können uns retten, seit jeher. Blicke voller Liebe.

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