Verantwortung braucht Gemeinschaft

<img src="http://www.kanzelgruss.de/gifs&jpgs/umhang.jpg" border="0" vspace="10" hspace="10" align="right"><i>[1. Der Gottesdienst steht unter dem Oberthema "Braucht Verantwortung Gemeinschaft?" und wird am 03.02.2002 live vom ZDF übertragen. Während des Gottesdienstes werden von Mitwirkenden der Liturgie und anderen Gemeindegliedern Stoffbahnen nach vorne gebracht, die zu einem bunten Umhang geknüpft werden. Dieser Umhang soll die bunte Gemeinschaft der Gemeinde Gottes symbolisieren, die aus Glaubenden und Suchenden besteht – und er soll die wärmende und schützende Liebe Gottes darstellen.
2. Exegetische Vorentscheidungen zur Existenz einer Synagoge, zum Verständnis des letzten Verses mit der Nötigung in das Haus der Lydia zu kommen und zur beruflichen Einordnung von Lydia sind getroffen aufgrund der Untersuchungen von "Ivoni Richter Reimer, Frauen in der Apostelgeschichte, Gütersloh 1992"]</i>

Liebe Gemeinde,

nun ist der Umhang fertig geworden. Zusammengetragen und geknüpft von einer ganzen Reihe von Menschen. Sie haben mit den Stoffteilen symbolisch ihre eigene Geschichte mit hineingeknüpft. Haben ihre Unfertigkeit mitgebracht, ihren Dank und ihr Klagen und manches, was wir nicht gesehen oder gehört haben. Sie haben auch ihre Sehnsucht mit eingeflochten und ihre Gewissheit, unverzichtbarer Teil der Gemeinde Christi zu sein und hier eine Heimat zu haben. Die bunten Farben spiegeln und versprechen etwas von der Schönheit solch einer Gemeinschaft. Mit jedem Menschen ist der Umhang vollständiger geworden – mit jedem Schritt in diesem Gottesdienst ist etwas gewachsen auf das Ganze hin. Abbild und Vision der Gemeinde Christi.

Am Ende der Begegnung zwischen Paulus, Lydia und den anderen Frauen in Philippi, von denen wir in der Lesung gehört haben, ist eine neue Gemeinde entstanden. Die Hausgemeinde der Lydia. Eine Gemeinde aus Frauen, reisenden Händlerinnen und Arbeiterinnen aus den schmutzigen Werkstätten und dem mühsamen und anstrengenden Geschäft des Tuchfärbens. Niedrige Arbeit, die nichts mit Luxus und Reichtum zu tun hat. Unter ihnen begegnen wir Lydia, der Leiterin dieser Gemeinde mit ihrem Bekenntnis zu Christus. Dieses Bekenntnis – vollzogen in der Taufe – ist kein Lippenbekenntnis. Es ist ein gefährliches Bekenntnis. Es enthält die öffentliche Absage an den römischen Kaiser mit seinem Herrschaftsanspruch. Und das mitten in Philippi, einer römischen Kolonie voller altgedienter Veteranen. Mitten im Ort der Gefahr. Auf Lydias Glauben ruht ihre Gemeinde. Diese Gemeinde ist nicht geprägt nach dem lebensfeindlichen Muster hierarchischer Ordnungen. Sondern sie ist geprägt von dem alten Taufbekenntnis, dass in Christus die bewertenden Unterschiede auf gehoben sind: Die Unterschiede von oben und unten, von Mann und Frau, von Sklaven und Freien, weil alle gleich beschenkt und gleich berechtigt sind. Mehr noch: Das Haus der Lydia und ihre Gemeinde wird zum Schutz und zur Heimat in der Fremde für Paulus. Eine Gemeinschaft, die Verantwortung übernimmt und zum Zeichen des Evangeliums wird.

Damit endet dieser Text. Wir sind Paulus und Lydia auf einem weiten Weg gefolgt. Einem Weg mit verschiedenen Stationen und Begegnungen, mit Gesprächen und Irritationen, mit Zuhören und Schweigen, mit Rückfragen und vielleicht auch einem Streit um Anerkennung. Diese neue Gemeinschaft konnte entstehen, weil Menschen auf unterschiedliche Weise bereit waren, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Angefangen hat alles damit, dass Paulus eine Stimme hört, die aus der Nacht kommt. Und dass er diese Stimme als Gottes Stimme an ihn versteht und deutet und annimmt. Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt: Eine Stimme aus der Nacht. Sie kann die Form eines wirren Telefonanrufs haben, oder die eines verzweifelten Briefes. Wenn ein Mensch mit Blicken, Gesten und stillen Botschaften bittet: Komm und hilf mir! Ein leises Flehen, das wahrgenommen, gehört und verstanden werden will. Dann darin Gottes Stimme erspüren, mich berühren lassen und reagieren. Dann meine Verantwortung nicht unterdrücken, sondern mich auf den Weg machen, vielleicht einen langen und mühsamen Weg, dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Aber ich bin gemeint. Ich sehe die Aufgabe, die da auf mich wartet und ich entziehe mich nicht. Ich werde selbst ein Teil dieser Aufgabe. Ich antworte.

Sich auf den Weg machen, um anderen Menschen da zu begegnen, wo sie arbeiten und leben, wo sie glauben, feiern und beten. Paulus trifft eine Gruppe von Frauen in einer Synagoge am Fluss. Er trifft sie dort, wo sie ihre Tücher färben, sich mühen um ihr tägliches Auskommen. Wo sie ihr Leben teilen und ihren Glauben. Er trifft sie dort, wo sie Gottesdienst feiern, wo ihre Hoffnung angesiedelt ist, dass auch sie Teil der neuen Welt Gottes sind.

Sich auf den Weg machen. Manchmal gehören zu solch einem Weg auch Irritationen. Wir treffen anderes an, als wir erwartet und vermutet hatten. Begegnen Menschen, von denen wir schon zu wissen glaubten, auf eine überraschend neue Weise. Treffen einen anderen Menschen als den, den wir zu kennen glaubten. Paulus hat in der Nacht die Stimme eines Mannes gehört, doch nun begegnet er einer Gruppe von Frauen. Seltsam! Doch er scheut diese Irritation nicht. Er hält ihr stand. Er setzt sich. Er hört zu. Er kommt ins Gespräch. Und er findet in Lydia eine Gesprächspartnerin, der Gott ein offenes Herz geschenkt hat. Eine Frau, die Acht geben kann, die das Neue, das sie hört, mit ihrem Glauben verknüpft und mit ihrer Taufe ein mutiges Bekenntnis ablegt. Wie schon gesagt: Ein öffentlicher Widerspruch des Glaubens ist ihre Taufe. Ein Widerspruch gegen den globalen Herrschaftsanspruch des Kaisers. Ein Bekenntnis zu einem anderen Frieden als dem sogenannten römischen Frieden, der auf Gewalt und Unterdrückung aufgebaut ist. Auch das gehört zur Verantwortung des Glaubens: Am Ort des Risikos das eine entscheidende Wort mehr, das mutige Handeln nicht scheuen. Die eine Minute mehr Schweigen, den solidarischen Widerspruch nicht verweigern. Ein Zeichen sein, das andere deuten können.

Und dann weitergehen auf diesem Weg. Paulus wird mit diesem öffentlichen Zeichen der Taufe, dem Herrschaftswechsel, in Philippi auch zu einem Gefährdeten. Doch Lydia öffnet ihr Haus und ihre Gemeinde, wird zu einer Gastgeberin und Asylgeberin. Sie nötigt Paulus und seine Gefährten geradezu in eine Gastfreundschaft, die sich auch dann nicht auflöst, wenn Gefahr droht. Eine Gemeinschaft übernimmt Verantwortung.

Sie tut dies vielleicht nicht ganz ohne Selbstzweifel. Es bleiben Fragen. Stimme ich in diesem Handeln mit Gott überein ? "Wenn ihr der Überzeugung seid, dass ich dem Herrn treu bin…" – so fragt Lydia an. Auch das gehört zu unserer Verantwortung füreinander. Dass wir einander befreiend beurteilen – gegen unsere Selbstzweifel, unsere Unklarheiten und gegen jede Selbsterniedrigung. Dass wir einander nicht bervormunden oder entmündigen, sondern hereinholen in die neue Gemeinschaft derer, die von Gott aufgerichtet worden sind. Dass wir einander ein Zuhause geben, das Wärme und Schutz bietet. Dass wir auch so Verantwortung füreinander übernehmen.

Liebe Gemeinde, der bunte Mantel hier vorne ist fertig gestellt. Er kann angefasst und getragen werden, und er ist doch zugleich ein Zeichen einer neuen Gemeinschaft, die sich unter uns immer neu bewähren muss. Auch die Hausgemeinde der Lydia ist uns auf dem Weg noch voraus mit ihrer neuen Gemeinschaft. Sie ist geprägt von dieser Christusbotschaft: Es braucht keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr. Die Gegenwart Christi ruft eine neue Gemeinschaft ins Leben.

Wir müssen das nicht selber schaffen. In der Lydia- und Paulusgeschichte ist es Gottes Geist, der an den Knotenpunkten wirkt. Er verhindert falsche Wege, er lässt Menschen hören, er öffnet die Herzen. Und er entlastet uns. Im Vertrauen auf den Geist Gottes lassen wir alles verkrampfte Bemühen und öffnen uns einer große Weite. Wir werden barmherzig und handeln gerecht.

Und wie bei Lydia findet die gute Botschaft dann ein Zuhause bei uns. Nachstimmen werden wahrgenommen. Menschen in der Fremde erfahren unter uns Heimat, sie entdecken ein Haus, in dem sie leben können, das ihnen Wärme und Schutz bietet. Sie finden eine Gemeinschaft, in der sie getröstet und ermutigt werden. Sie finden uns. Und gemeinsam lernen wir ein klares und eindeutiges Leben. Umhüllt von Gottes Gegenwart geben wir der Zukunft ein menschenfreundliches Gesicht.

Braucht Verantwortung Gemeinschaft? Ja – sie braucht uns alle!

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