Vater der Barmherzigkeit

Liebe Gemeinde!

Die kleine Anna ist so gern auf dem Spielplatz. Da geht’s ihr richtig gut, wenn sie durch den Sand pflügt oder auf dem Klettergerüst turnt oder sich auf der Schaukel in die Lüfte hebt, bis ihr schwindlig wird. Wenn Anna vom Spielplatz heimkommt, dann strahlt sie, so gern mag sie das.

Jetzt grad ist Anna allerdings viel früher heimgekommen als erwartet, und sie strahlt überhaupt nicht wie sonst. Nein, sie steht tränenüberströmt vor der Tür, schluchzt und schreit, und ihre Hose hat am Knie einen Riss und darunter eine offene Wunde, aus der es blutet.

Anna braucht jetzt wahrscheinlich ein großes Pflaster und eine andere Hose, aber das ist nicht das Entscheidende. Vor allem und zuallererst braucht Anna jetzt einen Menschen, der sie tröstet.

Liebe Gemeinde, gleich achtmal schreibt Paulus in diesem kurzen Text das Wort „Trost“ und „trösten“. Ich habe angefangen, darüber nachzudenken, wann und wie ich selber Trost erfahren habe – und da fallen mir zuallererst solche Szenen aus der Kindheit ein. Ich sehe mich vor meinen Eltern oder Großeltern stehen mit irgendeinem Kummer oder Schmerz, und ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was die dann gesagt und getan haben, aber erinnern kann ich mich an dieses Gefühl: wie das ist, getröstet zu werden, und wie gut das tut.

Vielleicht fallen mir beim Wort „Trost“ zuerst solche Kindheitsszenen ein, weil das mit dem Trost und dem Trösten da so klar ist. Denn ein Kind lässt ja seinen Gefühlen freien Lauf, es zeigt seinen Schmerz und seine Angst, ohne groß zu überlegen, ob und wem es seine Schwäche und Trostbedürftigkeit zeigen darf – ein Kind hat da nichts zu verlieren. Noch in der Grundschule erlebe ich das so, wenn ich zum Religionsunterricht dort bin: Da kommen immer wieder Kinder auf einen zu, die an Leib oder Seele gerade eine Verletzung erlitten haben, und wollen getröstet werden. Bei euch Konfirmanden ist das dann schon schwieriger: Das Bedürfnis nach Trost ist sicher genauso da wie noch vor ein paar Jahren, ja, Notendruck und Liebeskummer schaffen neue Anlässe für Trostbedürftigkeit – aber kann man sich trösten lassen von Eltern und Lehrern, wo man doch kein Kind mehr sein, sondern auf eigenen Füßen stehen will – auch und gerade wenn’s einem schlecht geht? Da kann sich der glücklich schätzen, der einen guten Freund, eine gute Freundin hat, einen Menschen, dem man sagen kann, was wirklich los ist in einem – einen Menschen, der einen tröstet, Mut macht, die Sache von einer anderen Seite sehen hilft, vielleicht sogar von einer lustigen Seite, so dass am Ende Lachen und Weinen gar nicht mehr so weit auseinander liegen.

So ist das mit dem Getröstetwerden, und mit dem Trösten, denn wer kein Kind mehr ist, der merkt, dass er nicht nur getröstet wird, sondern auch von anderen als Tröster gesucht und in Anspruch genommen wird. Und ich stelle dann immer wieder fest, dass im Trösten eine Herausforderung liegt, und dass mir das Trösten gar nicht immer gelingt. Unsere Sprache kennt nicht nur das Wort „Trösten“, sondern auch „Vertrösten“ – und das ist etwas Schlimmes, vertröstet zu werden, und es ist auch schlimm, als Tröster zu spüren, dass man jemanden bloß vertröstet hat, der gut gemeinte Trost ins Leere läuft. Was macht es also aus, dass Trost gelingt, dass nicht bloß ein Vertrösten dabei herauskommt?

Ich denke, der Predigttext von heute, diese Zeilen, die der Apostel Paulus den Christen in Korinth vor fast 2000 Jahren geschrieben hat, die können uns bei dieser Frage, wie das geht mit dem Trösten, weiter helfen. Ich denke, dass Paulus, der ja oft als abstrakter, schwer verständlicher Theoretiker des Glaubens gilt, hier ganz nah dran ist am menschlichen Leben. Aber vielleicht fragen wir uns vorher doch nochmal selber: Wann gelingt es denn, das Trösten? Wann fühlen wir uns von einem anderen getröstet?

Offensichtlich muss jemand, dem wir zutrauen, uns trösten zu können, ein Mensch sein, zu dem wir irgendeine Form von Nähe empfinden. Ein Fremder, ein Profi etwa ein Arzt oder ein Psychologe, der kann mir vielleicht einen Rat geben, ein Hindernis aus dem Weg räumen; aber wirklich trösten kann der mich nicht. Das ist schon bei Kindern so: Sie laufen nicht zu irgendwem mit ihrem Kummer, sondern zu einer Person, die sie kennen, auf deren Interesse an ihrem Schmerz sie meinen sich verlassen zu können: Eltern, Oma und Opa, vielleicht ein großer Bruder oder eine große Schwester, und in der Schule die Lehrerin, der Lehrer. Daran sehen wir gleich noch etwas Zweites: Dieser Mensch, dem wir zutrauen, uns trösten zu können, der muss uns zwar nahe sein, aber doch auch ein Stück Abstand zu dem bedrohlichen und schmerzlichen Geschehen haben. Ich möchte mich darauf verlassen können, dass dieser Mensch meine Klage aushalten kann und nicht von ihr mit fortgerissen wird, so dass er am Ende genauso Trost braucht wie ich. Wenn ich Trost suche, suche ich keinen Leidensgenossen, wie in einer Selbsthilfegruppe, sondern ich suche ein Gegenüber, das etwas aushalten kann.

Andererseits jedoch gibt es keinen Trost ohne die Fähigkeit zum Mitleiden. Dem Menschen, bei dem ich Trost suche, dem muss ich zutrauen, dass er nachvollziehen kann, was mein Schmerz für mich bedeutet. Vielleicht weil ich weiß, dass er sowas wie ich auch selber schon mal erlebt hat; vielleicht auch nur weil ich mir sicher bin, dass er bereit und fähig ist, sich in mich hineinzufühlen. Wo das nicht gelingt, da gibt’s keinen Trost, sondern bloß Vertröstung. Bestimmt haben Sie als Trostsuchender den Satz schon gehört: „Ach, das ist doch gar nicht so schlimm.“ Das ist genau das Signal, dass der andere sich jetzt nicht auf mein Elend einlassen kann oder will. Er vertröstet mich, und ich bleibe ungetröstet zurück. Das ist bitter für den, der da getröstet werden wollte; und andererseits muss ich mir selber zugeben, dass ich sowas wie „Ach, das ist doch gar nicht so schlimm“ auch schon gesagt habe, weil ich als Tröster einfach überfordert war.

In diesem „Ach, das ist doch gar nicht so schlimm“ steckt noch etwas anderes, worauf es beim Trösten auch ankommt: Um getröstet zu sein, muss ich das Gefühl haben, dass der Tröster mich so elend, wie ich gerade bin, aushalten kann. Natürlich soll ein Tröster mich wieder ganz und heil haben wollen – aber wenn einer sagt: „Das wird schon wieder“ – dann wird daraus auch leicht ein Ver-Tröstungssatz, der mich nicht tröstet, weil ich merke, dass der andere mich schnell wieder OK haben will, weil er es lieber hat, wenn ich funktioniere und ihn mein Leiden stört. Zum Trösten gehört, den Leidenden als Leidenden stehen lassen zu können. Dem Kind, das jetzt Schmerzen hat, bringt es nichts, bloß daran erinnert zu werden, dass so ein Schmerz auch wieder vergeht. Jetzt tut es weh, und will ich, dass du siehst, dass es mir weh tut, und mich so nimmst wie ich jetzt bin, und mich so aushältst.

Und es gibt ja auch ein Leiden, in dem keine Aussicht auf echte Veränderung und Verbesserung liegt; gerade dann braucht ein Mensch Trost, und den bekommt er nicht, wenn ihm einer verspricht, dass es schon irgendwie und irgendwann wieder besser wird – sondern wenn einer da ist, der das Leiden mit ihm aushält und sich nicht abwendet. So ein Mensch kann mich dann auch spüren lassen, dass mein Leiden einen Sinn hat und zu meinem Leben dazu gehört. Weil er mich so nehmen kann, kann ich mich auch leichter so nehmen.

Liebe Gemeinde, nachdem wir uns dies alles zurecht gelegt haben, möchte ich Ihnen noch einmal vorlesen, was Paulus den Korinthern schrieb:

[TEXT]

Vielleicht haben Sie jetzt vor dem Hintergrund unserer Überlegungen diesen Bibeltext schon etwas anders gehört als zu Beginn dieser Predigt. Auch hier geht es ums Trösten. Paulus zeigt sich als einer, der Trost spendet, der aber auch selber immer wieder Trost braucht. Den Zustand der Trostbedürftigkeit nennt er Trübsal. Als Grund für die Trübsal nennt er das „Leiden“, ohne genauer zu sagen, woran er oder die Korinther gerade leiden. Aber darauf kommt es in diesem Fall auch gar nicht an; Paulus geht es hier um grundsätzliche Aussagen, die seine eigene Situation weit übersteigen. Was mich vor allem beeindruckt, ist, wie stark Paulus seine Verbindung mit den Korinthern beschreibt. Er ist mit ihnen verbunden nicht bloß durch persönliche Bekanntschaft oder durch gemeinsame Überzeugungen; nein, Paulus und die Korinther sind vor allem eine Leidensgemeinschaft, und weil sie eine Leidensgemeinschaft sind, sind sie auch eine Trostgemeinschaft. Beide haben sie teil an dem, was Menschen in der Welt erleiden müssen, an den Dingen, die uns trostbedürftig machen; aber weil sie diese Schattenseiten des Lebens miteinander teilen und einander mitteilen, können sie auch einander trösten. Ein Superapostel, der alles im Griff hat und keinen Schmerz und keine Traurigkeit mehr kennt, von dem kann man vielleicht was lernen; aber trösten lassen kann man sich von so einem nicht. Aber hier ist es anders: Die Solidarität des Leidens schafft auch eine Solidarität des Trostes. Wie ist das möglich?

Gleich am Anfang unseres Textes gebraucht Paulus eine Wendung, die mich an diesem Text schwer beeindruckt. Da heißt es: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“. Der Gott allen Trostes – so können wir unseren Gott auch nennen. Schade, dass das nicht im Glaubensbekenntnis steht, es würde manchen Menschen vielleicht etwas sehr Wichtiges über Gott sagen. „Der Gott allen Trostes“ – das ist Gott, weil er ein Tröster ist, wie wir ihn vorhin gesucht und beschrieben haben. Ein vertrauenserweckendes Gegenüber, stark, unseren Kummer auszuhalten, aber auch fähig, mit uns mitzuleiden. Hier verstehen wir etwas von der Passion Jesu: Dass Jesus gelitten hat, ist Ausdruck von Gottes Solidarität mit uns als leidenden Menschen. Denn nicht der große Gott im Himmel, vor dem wir uns in Ehrfurcht niederwerfen, ist der Tröster, sondern der Gott, der selbst Mensch gewesen ist, und als Mensch durchgemacht hat, was Menschen durchmachen müssen in einem Menschenleben. Und weil wir einen solchen Gott haben, haben wir den Auftrag und sind wir fähig, andere zu trösten. Was Paulus beschreibt, ist eine dreigliedrige Kette der Solidarität im Leiden: Gott – er selber – die Korinther. In dieser Kette sind auch wir ein Glied.

Anna, die sich auf dem Spielplatz das Knie aufgeschlagen hat, ist inzwischen getröstet. Sie strahlt wieder. Was ist geschehen? Ein vertrauter Mensch ist ihr gegenüber getreten, hat gesehen, was los ist, hat sie in den Arm genommen. Am Anfang jeden Trostes steht ein Vis-à-vis: Jemand sieht mein Elend, hört sich an, was passiert ist. Das ist der erste Schritt. Der zweite Schritt des Trostes ist, dass der Tröster an meine Seite kommt, sein Mitgefühl zeigt, sich in mich hineinversetzt. Der Krankenhauspfarrer, bei dem ich Seelsorge gelernt habe, hatte dafür ein anschauliches Bild: er nannte das „längsseits gehen“. So wie ein Boot sich an die Seite eines anderen schiebt und die Boote dann aneinander festmachen. Dass der Tröster längsseits geht, an meine Seite kommt, mit mir über meine Lage nachdenkt, als wäre es seine, das ist auch wichtig für guten Trost.

So ein Tröster ist unser Gott. Als Vater der Barmherzigkeit, wie ihn Paulus hier nennt, ist er das starke Gegenüber, dem wir von unserem Elend erzählen und dem wir unsere Tränen zeigen können. Gott geht aber auch längsseits mit uns. In Jesus Christus hat er sich an unser Geschick als Menschen angedockt und schaut mit unserer Perspektive auf unser Leben. So ist er der, „der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.“

drucken