Unspektakulär

Liebe Gemeinde,

es ist ein ganz und gar unspektakulärer Text, den wir heute an diesem Sonntag hören: er berichtet einfach nur von Paulus Mission und von seinen Reisen, die er dazu unternommen hat. Soweit, so gut könnte man denken, aber warum dann gerade dieser Text an diesem Sonntag: könnten wir nicht vielmehr davon hören, was für Wunder Paulus alle getan hat oder etwa wie mutig er sich in die Mission gestürzt hat: wäre das nicht ein Anreiz für uns Heutigen, die wir doch scheinbar so lasch geworden sind, wenn es darum geht, das Wort Gottes in die Welt zu tragen? Ja, in der Tat: wäre es nicht besser, wir würden reden von Paulus, als er sich mitten in Athen auf den Areopag gestellt hat, so etwas wie das damalige Zetrum dieser bedeutenden Stadt und wie er dort mutig gepredigt hat – mutig v.a. deswegen, weil er umgeben war von vielen und wichtigen Anhängern anderer Religionen und Weltanschauungen. Oder vielleicht Paulus, wie er auf seinen Reisen verfolgt wurde, wie er spektakulär fliehen musste vor seinen Gegener, wie er kämpfen musste gegen Hunger, Durst und wilde Tiere! Das wäre doch ein Anreiz: dafür würde man gerne einstehen! Oder seine anderen Beispiele, die er uns überlassen hat: arm und ohne Geld war der große Missionar der Christenheit – er ließ sich nur etwas von denen schenken, die ihn gerne mochten und die er mochte, so dass er wusste: das sind keine Bestechungsversuche, sondern echte Gaben, mit Freude und Liebe gegeben. Ansonsten aber: harte Arbeit als Zeltmacher, damit er es sich leisten konnte, zu Schiff in ferne Länder zu reisen und essen musste er auch noch! Auch das doch vielleicht ein Anreiz, ihm ähnlich zu werden: zu gucken, was brauche ich denn wirklich, was kann ich entbehren, wie kann ich mich noch mehr einsetzen für meinen Glauben. Schauen wir in unsere heutige Zeit: Sie verfolgen es vielleicht im Fernsehen oder in der Presse: der Prozess gegen das Satanistenpaar Ruda, die einen Menschen grausam ermordert haben und jetzt in Bochum vor dem Gericht ihre show abziehen: auch spektakulär all das: die Frau mit ihren implantierten Fangzähnen statt der Eckzähne, damit sie berichten kann von den Treffen mit den Vampiren und wie sie Menschenblut getrunken hat; der Mann steht ihr in nichts nach: die Hand zum Satanistengruß gehoben, wenn er das Gericht betritt. Und vor dem Saal eine große Menge Schaulustiger, aber noch mehr als das: eine große Menge Anhänger, Menschen, die in dem Paar ihre Idole sehen und ihnen nacheifern. Satanisten, wie sie sich bezeichen würden, die glauben, dass dort etwas geschehen ist, was ihre Glaubenshaltung vorzuschreiben scheint. Und auf der anderen Seite? Auf der anderen Seite, liebe Gemeinde, stehen Christen, die mit Zeremonien zur Teufelsaustreibung diese sog. Satanisten befreien wollen: "Im Namen Jesu gebiete ich dir: verlasse diesen Menschen!" Wo kommen sie her, diese Christen? Ich weiß es nicht – möglicherweise aber von weiter her, genauso angereist wie die Gegenseite, allerdings nicht um zu verehren, sondern um zu wirken, missionarisch zu wirken. Spektakulär also, ein besonderes Ereignis, eine besondere Herausforderung.

Kehren wir zurück zu unserem Text – nichts Spektakuläres finden wir dort. Keine besondere Gegnerschaft, keine besondere Herausforderung, sondern: ganz im Gegenteil: Alltag. Alltag, wie wir ihn auch kennen: Arbeit und Nachgehen seiner Tätigkeiten wie sonst auch immer: wenn jemand anruft und fragt: "Na, wie geht´s – was gibt´s Neues?", dann hat man oft nur das eine zu sagen: "Ja, geht schon – nicht Neues eigentlich – so wie immer." Das Alltäglich wird nicht extra erwähnt: ich bin aufgestanden, habe gefrühstückt usw. usf. Am ehesten noch, wenn man eine Entscheidung getroffen hat, die etwas verändert, die dem ganzen eine neue Richtung gibt, z.B. im Beruf: "Ich werde die Stelle wechseln". Aber bei Paulus: auch davon nichts: Paulus war ja von Berufs wegen unterwegs, um das Wort Gottes in die Welt zu tragen. Und seine Entscheidung war, sich vom Geist Gottes treiben zu lassen, ihn gewähren zu lassen, wenn es darum ging, wohin er sich wenden sollte. Paulus erzählt in unserem Predigtwort, dass ihm diesmal diese Entscheidung durch einen Traum mitgeteilt wurde. Aber: auch nichts besonders – kein Ausruf und Jauchzen: "Gott hat im Traum zu mir gesprochen" – Nein, ganz einfach: wir waren gewiss, dass Gott uns dahin berufen hatte. "Normal" also. Eigentlich auch so bei uns: Entscheidungen, die wir treffen, die unsere Richtung vorgeben: oft genug Enscheidungen, die uns in irgendeiner Weise "zufallen": Zusammenhänge, die sich fortlaufend ergeben, die wir aber erst im Nachhinein erkennen als guten Weg, den wir gegangen sind: Partnerschaften, die wir eingehen, Berufe, die wir erwählt haben, Beziehungen, die wir geknüpft haben. Ich glaube, liebe Gemeinde, dass auch dort Gott am Wirken ist, dass er uns begleitet und geleitet. Aber eben im Unspektakulären, im Kleinen, im Alltäglichen. Christen aber sind Menschen, die um diese Wege Gottes wissen und mehr zu sagen haben als: "war halt Zufall!" Bei Paulus geht es weiter: Wir kamen von da nach dort und blieben schließlich einige Tage in der Stadt: wieder kein Wort vom Wirken und Handeln: was werden sie gemacht haben? Geschlafen, gegessen, eingekauft, sich umgesehen, Geld verdient: so was in der Art wahrscheinlich – aber kein Wort von Wundern, Heilungen, Massenbekehrungen usw. Und dann ging´s weiter: als es Sonntag wurde (wie wir heute sagen würden), gingen sie hin, wo sie dachten, es würde dort gebetet. Und sie gingen dort hin, nicht, weil sie den Kampf mit den Satanisten aufnehmen wollten oder den Ungläubigen oder sonst etwas: nein, sie gingen dort hin, weil sie wussten, dort würden sie Leute treffen, denen an Gott gelegen war, denen es wichtig war, über das Leben und die Deutung desselben zu reden. Und das taten sie – in diesem Fall mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und da war eine dabei, die Paulus und seinen Begleitern zuhörte und sie wurde ergriffen von dem Inhalt, den Paulus zu verkünden hatte. Ich sage bewusst von dem Inhalt, denn Paulus düfte keine tolle Gestalt abgegeben haben so als reisender Zeltmacher und sie war schließlich Purpurhändlerin: sie wusste also, wie man sich hätte kleiden können. So war es also nicht das Äußere, nicht die tolle Aufmachung, nicht die Riesenwerbung oder die fetzige Bandmusik, die sie beeindruckte. Es war auch kein event zu dem sie hinpilgerte, keine Massenveranstaltung mit tausenden von Gleichgesinnten – Nein, es war schlicht der Ort, zu dem sie Sonntags hinging, um zu beten: so wie immer! Und es geschieht, dass Gott ihr Herz öffnete – übrigens als Einziger unter den dort Anwesenden! Gott öffnete ihr Herz und die Worte des Missionars trafen sie um des Inhalts willen. Sie vergaß den Mann Paulus und alles was ihn ausmachte und es geschah, dass sie die Worte von Gottes Liebe zu den Menschen anrührte. Und zwar so tief und so deutlich, dass sie sich taufen ließ. Und taufen hießt, sich Gottes Macht unterstellen und anvertrauen. Aber wieder: ganz unspektakulär: "Als sie aber getauft war, lud sie Paulus und seine Mitarbeiter ein." Mehr nicht! Kein Freudengeschrei, keine medienwirksame Bekehrung mit Interview und Talkshow – einfach nur: "als sie aber getauft war…".

Auf diese Weise macht mir das Predigtwort Mut in meinem Christenleben: Gott ist da, um mich zu begleiten und zu führen. Er wirkt in mir mit meinen Entscheidungen durch seinen Geist mit und trägt mich durch den Alltag – auch, wenn ich es nicht immer mit meinem Bewusstsein sehen kann. Und er gebraucht mich, um anderen Menschen von sich zu erzählen. Ich kann dabei aber ich selber bleiben: in meiner Art und Weise, auf Menschen zuzugehen, in meiner Art mich zu kleiden, meine Art Witze zu machen oder es sein zu lassen, in meiner Schwachheit, die mich oft genug hindert, mich noch mehr anzustrengen, noch besser zu sein. Gott trägt mich durch das Leben, wie er es in der Taufe versprochen hat und führt mich zu den Begegnungen, die er sich ausgesucht hat. Nichts Spektakuläres also – eher im Kleinen und im Alltäglichen. Trotzdem werden Menschen angerührt, trotzdem werden Herzen geöffnet, trotzdem wird weiter getauft werden.

Das Predigtwort kann uns Mut machen, auch weiterhin zu erzählen, von dem was uns als Christen wichtig geworden ist, von unserem Glauben und wie er unser Leben verändert hat, von unserem Leben und wie es unseren Glauben beeinflusst, ganz so, wie es auch damals geschehen ist und jede und jeder in seiner Art und Weise: "und wir setzten uns und redeten mit denen, die dort zusammenkamen: und Gott der Herr tat ihnen das Herz auf, so dass sie darauf achthatten, was geredet wurde."

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