Unser Zeugnis tut not

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

?sag mal, das hast du dir doch bloß ausgedacht, was du uns da erzählst. Das glaubst du doch selbst nicht!? Auf den Mund gefallen war sie nicht, das kleine Mädchen im Religionsunterricht, nachdem ich wieder einmal eine der Geschichten aus der Bibel erzählt habe, die ich als Kind immer gerne gehört habe und die meine Phantasie angeregt haben. Im ersten Augenblick war ich sprachlos. Was sollte ich darauf antworten?

Dass die Geschichten schön und lehrreich sind, sich aber von den Märchen und Fabeln nur in der Gestalt der ?Moral von der Geschichte? unterscheiden? Dass es eine Wahrheit gibt, die unabhängig davon existiert, ob etwas so oder vielleicht doch anders gewesen ist? Bei so mancher Erzählung aus dem Alten Testament, bei der Schöpfungsgeschichte oder der Sintfluterzählung, da mag dies ja auch noch nachvollziehbar sein. Sie versteht heute kaum einer noch wörtlich und doch ist es einsichtig, dass sie auf ihre Weise wahr sind, weil sie etwas über uns Menschen aussagen, was von Anfang so und nicht anders gewesen ist.

Aber es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass an den Jesusgeschichten mehr dran sein muss, als dass sie irgendwie etwas wichtiges über uns Menschen erzählen. Es ist nicht egal, ob Gott in besonderer Weise mit Jesus war, wenn wir in seinen Worten und Taten, Gott selbst entdecken wollen. Es ist nicht egal, ob Jesus die Friedfertigen selig gepriesen hat, wenn es ein glaubwürdiges Friedenszeugnis der Kirchen geben soll. Es ist nicht egal, ob Jesus mit Vollmacht Zöllnern und Sündern begegnet ist, wenn wir proklamieren, dass die fesselnde Macht der Schuld und Vergangenheit um Jesu willen gebrochen ist. Es ist auch nicht egal, ob Jesus Blinden die Augen und Tauben die Ohren geöffnet hat, wenn wir verkünden, dass Gottes neue Welt sichtbar und spürbar unter uns schon angefangen hat. Und es ist erst recht nicht egal, ob Jesus am Ostermorgen aus dem Reich des Todes ins Leben gerufen wurde, wenn wir an den Gräbern unserer Zeit einladen auf die Auferstehung der Toten zu hoffen und das ewige Leben zu erwarten ? ganz egal, wie wir diese Hoffnung in die Vorstellung und in die Bilder unserer Zeit übertragen.

Deswegen habe ich dem Mädchen im Religionsunterricht geantwortet: doch ich glaube, was ich dir erzählt habe. Es sind nicht ausgedachte, hübsche und besinnliche Fabeln, sondern es ist Gottes Handeln mitten unter uns, wovon wir erzählen, Gottes Weg mit uns und für uns.

Schon damals, als der 2.Petrusbrief entstand, war es auch gar nicht unbedingt die Frage, ob Jesus denn eine historische Person sei oder nicht. Selbst wenn der zweite Petrusbrief wohl nur vorgibt von Petrus zu sein und vielmehr in das beginnende zweite Jahrhundert hineingehört, als die letzten Augenzeugen gestorben waren, so bestand doch daran kein Zweifel, dass in Galiläa ein Wanderprediger unterwegs war, der die Menschen in seinen Bann gezogen hat, der in vielen die Hoffnung geweckt hat, dass der Messias nun da sei, der die Ketten von Schuld, Krankheit und Tod gesprengt hat. Sein Tod am Kreuz war keine fromme Mär und seine Auferstehung für viele unumstößliche Gewissheit.

Und doch schlichen sich Zweifel ein, kritische, vielleicht auch spöttische Stimmen. Wie war das mit der Herrlichkeit Jesu? Wo ist sie denn geblieben? Wie war das mit seiner Macht? Wo ist sie denn zu spüren? Wie war mit der neuen Zeit, in der alles gut wird? Wann wird sie denn kommen? Fragen, die uns vertraut vorkommen mögen, weil auch wir wieder und wieder danach suchen, was uns denn Besonderes in Jesus begegnet, was der Glaube an ihn und ein Leben mit ihm in uns verändern kann und was die Zukunft um Gottes willen uns bringen wird. Dem stellt der erste Petrusbrief sein Zeugnis gegenüber:

Wir haben es mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört. Wir haben es weitergegeben, was wir heute noch an Überlieferung in den Händen halten, es ist die glaubende und ehrfürchtige Erinnerung derjenigen, die ihr Leben mit Jesus geteilt haben: Gott war mit ihm. Darauf hat die Kirche von Anfang an großen Wert gelegt, dass nicht Spekulation und Fabeln Tor und Tür geöffnet werden, sondern die glaubende Erinnerung der Gemeinde, der Jünger und Freunde und Anhänger Jesu bewahrt wird. Was wir von Jesus in den Händen halten ist sicher keine Reportage für die Zeitung, kein Artikel für das Geschichtsbuch, aber leidenschaftliche Erinnerung und bewährte, mit Leben angefüllte Erfahrung der Gemeinde: Ja er ist Gottes Sohn, wie es die Stimme am Jordan verkündet hat, als Jesus von Johannes getauft wurde und wie es die Freunde auf dem Berg der Verklärung gehört haben. Gott ist in besonderer Weise mit Jesus, wir sehen und erleben Gott in besonderer Weise in ihm. Wenn er spricht, dann spricht nicht irgendwer, sondern so wie er unsere Herzen erreicht und bewegt, wie er unser Leben aufdeckt und verändert, wie er Wege zeigt und aus Sackgassen herausführt, so kann nur Gott mit seinem Wort, das Leben schaffen kann, sprechen.

Und das geht ja bis heute weiter. Diese Kraft hat ja nicht aufgehört, diese Kraft des Wortes und des Vertrauens. Ja, mit gutem Gewissen kann ich sagen: es sind keine ausgeklügelten Fabeln, die wir hören, an denen wir hängen, die für uns Evangelium, gute Nachricht sind, sondern es ist Gottes lebendiges Wort, seine Herrlichkeit in unserem Alltag. Ja, es ist noch mehr: es ist so etwas wie Licht, wie ein Morgenstern, der mir aufgeht. Er, Jesus, wirft Licht auf mein Leben, enthüllt, was ich womöglich gerne verbergen möchte, aber nicht um zu verurteilen. So geht es meist unter Menschen zu. Fehler, Schwächen werden gnadenlos ausgenutzt.

Nein, sein Licht, sein Wort, seine Liebe, möchten heilen; möchten Mut zur Ehrlichkeit, zur Offenheit, zum Bekennen machen ? wohlgemerkt untereinander und gegenseitig, weil nur so Vertrauen möglich ist. Sein Wort, wie ein Licht in meinem Alltag, will mir helfen, Wege zu finden, wo ich nicht weiter weiß, wo ich mit dem Entscheidungen schwer tue, wo ich orientierungslos bin. Eine Gemeinde, die so in ihrer Mitte mit dem Wort Gottes lebt, die hat in der Tat das prophetische Wort ganz fest. Und wenn es heute für unsere Gemeinden neben dem missionarischen noch einen entscheidenden Auftrag gibt, dann den prophetischen. Dann ist es die Aufgabe, aus unserer Überlieferung, die eben nicht ausgeklügelt und fabulierend ist, sondern lebendige und wegweisende Wahrheit, Orientierung in allen Lebensbereichen zu gewinnen.

Unser Zeugnis tut not ? im Leben der einzelnen, geprägt von einer unverbindlichen Spaßgesellschaft ebenso, wie im Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft, die nach Wegen zum Frieden und verantwortlichen Wegen im Umgang mit den neuen technologischen Möglichkeiten sucht. Deshalb kann und will ich nicht aufhören weiterzuerzählen und wenn ich wieder gefragt werde: glaubst du, was du sagst, dann antworte ich wieder, ja, denn daraus lebe ich. Und hier hoffe ich all die Antworten auf die Fragen zu finden, die mich umtreiben, und wenn ich sie heute nicht finde, dann am Ende, wenn ich Gott gegenüberstehe.

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