Unser Weg

Wir müssen heute ein wenig tiefer eintauchen in die Sprache der Bibel – oder besser gesagt: Wir müssen heute ein wenig tiefer eintauchen in die Sprache der Menschen zur Zeit Jesu, wenn wir uns mit jenen Worten beschäftigen, die der Apostel Paulus an die Gemeinde in Ephesus geschrieben hat. Wir müssen ein wenig tiefer eintauchen, weil in den Worten, die der für heute vorgeschlagene Predigttext sind, einige Begriffe im Mittelpunkt stehen, die heute eine völlig andere Bedeutung haben, als zur Zeit Jesu, als zur Zeit des Paulus.

Wir müssen deswegen diese Aufgabe erfüllen, weil uns Paulus ein wunderbares Angebot macht, wie wir Gott nahe kommen können. Er gibt in seinem Brief eine – auch im neuen Testament – einzigartige Hilfe, wie man sich die Nähe zu Gott vorstellen kann. Und Gott nahe zu sein, zum Volk Gottes zu gehören, ja, gar Haugenosse Gottes zu sein, wie es da an einer Stelle heißt, dass ist ja ein Wunsch, der glaubende Menschen nicht nur für das Leben, sondern gar über den Tod hinaus beschäftigt. Tauchen wir also ein in seine Sprache!

Da ist beispielsweise das Wort „Frieden“. „Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren“, schreibt der Apostel. „Durch ihn haben wir Zugang zum Vater“. Natürlich wissen wir alle, was mit dem Wort Frieden gemeint ist. Frieden ist für uns das Gegenteil von Krieg, von Streit. Frieden ist die Abwesenheit von Unfrieden, von Krieg. Solchen Frieden kann man mit Verträgen und mit Völkerverständigung und Partnerschaften über Grenzen hinweg sichern und pflegen. Solcher Frieden ist der Zustand, in dem wir seit 1945 in unserem Land leben dürfen – die längste Friedenszeit in der Geschichte Deutschlands. Eine so lange Zeit, dass nun schon die dritte Generation geboren wird, die im Frieden aufwächst – welch ein Geschenk.

Darum wissen wir nur zu gut, was Frieden ist – und dennoch ist Frieden mehr, als nur die Abwesenheit eines Krieges. So, wie Paulus in seiner Sprache zu seiner Zeit das Wort Frieden einsetzt und benutzt, würde er sagen: „Ihr habt Recht, wenn ihr sagt, ihr lebt in einer Zeit, in der es keinen Krieg gibt. Aber Frieden, wirklich Frieden, habt ihr noch lange nicht.“

Paulus würde uns diese so sagen, weil Frieden für ihn mehr ist, als nur ein langzeitiger Waffenstillstand. Frieden ist erst wirklich Frieden, wenn es gar keinen Streit mehr unter uns Menschen gäbe. Frieden ist erst wirklich Frieden, wenn keine Mutter ihr Kind mehr schlägt, wenn kein Schüler den anderen verletzt, wenn kein Ehepaar sich gegenseitig erniedrigt, wenn kein alter Mensch abgeschoben, wenn kein Mensch mehr den anderen mit Worten oder Taten verletzt. Frieden ist mehr, als nur das Schweigen von Waffen.

Dieses Mehr aber, dass sich von unserem Verständnis von „Frieden“ abhebt, geht auf Jesus Christus zurück. „Christus hat euch Frieden verkündigt“, schreibt Paulus.

Ich muss heute Morgen nicht im Einzelnen ausführen, was für Jesus alles in dem Wort „Frieden“ steckt. Ich muss heute Morgen nicht in Erinnerung rufen, in wie vielen Geschichten uns das Neue Testament davon erzählt, wie Jesus die Menschen zum Frieden aufruft. Doch ich kann sagen: Wenn immer er den Menschen Frieden abverlangte, dann tat er dies in einem doppelten Sinn: Er verlangte immer nach dem Frieden und zwischen Mensch und Mensch und Gott und Mensch. Ein Frieden nur unter Menschen ist für Jesus nicht denkbar. Nur, wenn ich meinen Frieden mit Gott habe, sagt er, dann kann ich auch unter den Menschen Frieden stiften. Oder umgekehrt: Wenn ich den Frieden unter den Menschen schaffen will, dann muss ich fragen: Welchen Frieden verlangt Gott von mir?

Der Frieden Gottes aber, den wir in jedem Segen für unser Dasein hier auf Erden zugesprochen bekommen, ist mehr, viel mehr als nur ein vertraglich geregelter Waffenstillstand, ein vereinigtes Europa, ein Nato-Beitritt, ein Freundschaftspakt.
Der Frieden Gottes ist ganzheitliche, eine innere und äußere Entscheidung zu völliger Gewaltlosigkeit. Sie äußert sich in tätiger Friedfertigkeit und in einem offenen Bekenntnis zum Glauben an Gottes Frieden schaffende Kraft in dieser Welt.

Natürlich sind alle die politischen Friedensschlüsse gut und richtig, sie sind auch in der Regel nicht zu hinterfragen, weil sie uns nun schon fast 60 Jahre Frieden gebracht haben. Aber Friede im Sinne Gottes ist mehr. Friede im Sinne Gottes ist ein bedingungsloses Glauben an eine Veränderung der Welt in eine jeden Menschen achtende, liebende, respektierende und zugleich Gott liebende, achtende und sein Wort respektierende Zukunft.

„Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren“, schreibt der Apostel. „Durch ihn haben wir Zugang zum Vater“. So ist es gemeint, mit dem Frieden. Der Frieden untereinander und der Friede mit Gott – das eine ist vom anderen schlicht nicht zu trennbar.

Ein zweites Wort kommt jetzt in den Blick: Das Wort Fremdlinge.
Wer Frieden mit Gott und mit dem Mitmenschen hat, ist kein Fremdling und kein Gast mehr, schreibt der Apostel, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse.

Wir würden sagen: Ein Fremdling ist einer, den wir nicht genau kennen. Wir sprechen von Fremdenführern, Fremdenverkehr und denken dabei an Menschen, die von irgendwoher kommen und die wir gar nicht so recht zuordnen können. Ausländer sind Fremde. Ein schreckliches Wort ist das Wort Überfremdung, dass immer dann auftaucht, wenn in einer Region mehr zugezogene Mitmenschen, als Einheimische leben. Im Fremdenverkehr hat man sich wegen dieser seltsamen Sprachentwicklung inzwischen besonnen und sagt nicht mehr: Fremdenverkehr, sondern Tourismus und wir sprechen nicht mehr von einem Fremdenführer, sondern von Gästeführern, nicht mehr vom Fremdenzimmer, sondern von Gästezimmern. Das klingt freundlicher, meint aber immer noch dasselbe.
Auch, wenn ich jemanden Gast nenne, kann er mir fremd bleiben. Auch ein Gast kann ein Mensch sein, den ich zwar freundlich begrüße, den ich ebenso freundlich behandele, von dem ich aber weiß und vielleicht gar hoffe, er geht ja wieder.

Paulus nun schreibt: Wer Frieden mit Gott und mit dem Mitmenschen hat, ist kein Fremdling und kein Gast mehr, schreibt der Apostel, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse.

Und er meint: Zur Zeit Jesu war jeder Fremde und jeder Gast, der zu den Menschen stieß, nicht nur im Sinne „ein fremder Gast, der irgendwann wieder geht“, willkommen.
Nein, es gibt schon im AT eine Reihe von Vorschriften und Regeln und göttlichen Geboten, den Fremden, den Gast mit Frieden zu empfangen. Wenn einer kommt als Fremder oder Gast, ist er aufzunehmen in den Frieden zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch. Oder um es persönlich zu formulieren: Wenn einer zu dir kommt
als Fremder oder Gast, den nimm auf in den Frieden zwischen Gott und Dir und Dir und ihm, den Gast. Jeder andere Mensch ist ein Teil dieses Friedens zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch.

Wenn ich das beherzige, dann bin ich durch solches Denken und Handeln Teil der Friedensbotschaft und der Friedenshoffnung, die Gott uns durch Jesus verkündigt hat. Ich, Sie, jede, jeder von uns hat die Kraft und die Gabe, auf diese Weise Frieden von Mensch zu Mensch aufzubauen – das Fremde, das Trennende zu überwinden.

Die gute Nachricht dazu: Beherzige ich dies, suche ich im Mitmenschen nicht den Fremden oder den wieder sich entfernenden Gast, sondern das Ebenbild Gottes, den von Gott geschaffenen Mitmenschen, dann bin ich der Hausgenosse Gottes. Dann habe ich sozusagen eine Wohnung bei ihm. Dann bin ich ihm ganz nahe.

Dann, so schließt der Apostel, dann gehöre ich in einen Tempel, erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, in dem Jesus Christus der Eckstein ist, auf dem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel Gottes. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Dazu ein letzter kurzer Gedanke zur Sprache des Paulus: Er spricht vom Tempel, er spricht von Wohnung. Für ihn ist der Tempel mehr, als ein Gebäude. Für ihn ist der Tempel, die Wohnung Gottes, also ein Ort, an dem Gott wirklich wohnt. Dort ist Gott wirklich greifbar, da ist er gegenwärtig, wirklich anwesend. Das kennen wir auch im Christentum. Das kommt unserem Glauben nahe, das Jesus Christus gegenwärtig ist, wenn wir Abendmahl feiern, gegenwärtig ist in Brot und Wein.

Der Tempel ist der Ort, in dem ich Gott begegne, ihm so nahe bin, wie sonst nirgends, schreibt der Apostel in seiner Sprache.

Wenn ich also Frieden mit Gott habe, wenn ich durch den Frieden, den ich lebe, Gottes Hausgenosse werde, dann habe ich eine Heimat gefunden, in der ich zuhause bin.
Der Tempel, die Kirche, die Gemeinde ist das sichtbare Bild für diese Heimat. Hier bin ich ein Teil des Ganzen, hier bin ich ein Stein in einem Bauwerk, in dem Gott anzutreffen ist. Hier bin ich bei Gott, hier bin ich bei Christus, von dem Paulus sagt: Christus selbst ist ein Eckstein, ein alles zusammenhaltender, unverzichtbarer Stein dieser Wohnung. Hier kann ich in seinem Geiste und mit einem Geiste leben.

Ich sage eingangs: Wir müssen heute ein wenig tiefer eintauchen in die Sprache der Menschen zur Zeit Jesu, weil uns Paulus ein wunderbares Angebot macht, wie wir Gott nahe kommen können. Und Gott nahe zu sein ist ja ein Wunsch, der glaubende Menschen nicht nur für das Leben, sondern gar über den Tod hinaus beschäftigt.

Im Frieden zwischen Mensch und Mensch und Gott und Mensch einzuziehen in sein Haus, im Glauben bei ihm Wohnung zu finden, ein Stein zu werden in seinem Tempel durch seinen Frieden – das bietet Paulus uns an. Dies ist unser Weg.

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