Unser Trost: der brüderliche Christus

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel</a>.]</i>

Liebe Gemeinde!

Haben Sie verstanden, was der Apostel seiner Gemeinde hier in gedrängter Form schreibt? Hoherpreister – Himmel durchschritten – festhalten am Bekenntnis – versucht ohne Sünde – hinzutreten zum Thron der Gnade – um nur einige Begriffe zu nennen.

Ja, so habe ich mich gefragt, was soll ich predigen, den jungen Menschen, die wegen der Konfirmation hier sitzen? Bestätigt sich nicht in ihren Köpfen einmal mehr das Vorurteil, die Kirche ist ganz schön alt. Ihre Sprache ist nicht meine Sprache und die Bibel bleibt ein verschlossenes Buch mit sieben Siegeln. Was habe ich von einer Predigt – außer dass ich mich langweile?

Gewiss könnte ich Trübsal blasen und über den Traditionsabbruch klagen, der den christlichen Glauben eben auch getroffen hat. Dass Begriffe und Bilder nicht mehr zu uns sprechen, dass ihr Sinn und ihre Bedeutung unklar und unverständlich sind. Doch so schnell will ich nicht aufgeben, vielmehr hinhören, was dieser fremd klingende Text damals und heute sagen will.

Wir haben einen großen Hohenpriester", hören wir den Apostel sagen. Die Menschen damals in den jungen christlichen Gemeinden mussten offensichtlich wieder daran erinnert werden, was sie an Jesus haben, was das Besondere an ihm ist. Und da knüpft der Apostel an dem Bild des Hohenpriesters an.

Damals war dessen Funktion noch bekannt. Er war der, der Zugang zum Allerheiligsten im Tempel hatte, während alle anderen nur Zugang zu den Vorhöfen des Tempels hatten. Er war der, der die Schuld des Volkes symbolisch auf einen Ziegenbock legte und ihn danach in die Wüste schickte.

Das Besondere an Jesus ist nun, dass der Zugang zu Gott frei ist, keine weitere Vermittlung mehr bedarf. Das Besondere an Jesus ist, dass er ein mitfühlender, mitleidender Hoherpriester ist, der unsere Schwachheit nicht einfach bloßstellt und anprangert, sondern selbst aufnimmt und trägt.

Vor einigen Wochen saß in einer Talkshow bei Sandra Maischberger Günter Kaufmann. Sie versuchte die Beweggründe dieses Mannes herauszufinden, warum er für jemanden, der ihn betrogen und hintergangen hatte, 831 Tage unschuldig im Gefängnis saß, nämlich für einen Mord, den er nicht begangen hatte. Warum er ein Geständnis ablegte und die Schuld auf sich nahm? Er tat es aus Liebe zu seiner an Krebs erkrankten Frau, der er die Strapazen einer Anklage ersparen wollte. Dass er die Justiz von seiner Schuld überzeugte, ist nicht verwunderlich. Schließlich ist Günther Kaufmann Schauspieler und hat in vielen Kriminalfilmen seine Rolle gehabt. Nun ist er wieder auf freiem Fuß. Das Verfahren wird noch einmal neu aufgerollt. Eine befriedigende Antwort hat sie nicht erhalten. Und so sah man eine verdatterte Moderatorin vor einem Menschen sitzen, dessen Motive für Außenstehende nicht nachvollziehbar sind.

Sich für jemand anderen aus Liebe aufzuopfern, sich bis zur eigenen Aufgabe zu opfern, das geschieht also auch in unseren Tagen noch und ist keine Heldengeschichte aus dem Mittelalter oder eine romantische Inszenierung von Paramount Pictures. Scheinbar gibt es Menschen, die nicht sich selbst in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, sondern jemanden, der ihnen wichtiger ist als alles andere in der Welt – selbst wichtiger als ihr eigenes Leben. Viele von ihnen bleiben unbekannt, unentdeckt, handeln im Schatten der Weltnachrichten und des Hollywood-Klatsches. Es sind nicht immer so dramatische Geschichten wie die des Günther Kaufmann. Es ist die Nachbarin, die 15 Jahre lang ihre kranke Mutter pflegt, die ans Bett gefesselt ist. Es ist der Arbeitskollege, der freiwillig in die Frührente geht, damit jüngere Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten. Es ist der Chirurg, der ein Jahr lang auf sein Gehalt verzichtet und in den Sudan geht, um dort kranken Menschen notdürftig helfen zu können. Sie alle handeln aus unterschiedlichen Motiven, die aber doch alle eine Form der Liebe sind: der Liebe zum Leben des/der anderen.

Ob sie es wissen oder nicht, ob sie es wollen oder nicht: sie alle spiegeln damit bruchstückhaft die Liebe wider, die in Jesus Christus Gestalt annahm. Eine Liebe, die über sich selbst hinaus geht und bereit ist, sich für andere einzusetzen. Eine Liebe, die Nachteile in Kauf nimmt, damit andere Vorteile davon haben. Eine Liebe, die den Verlust des eigenen Lebens nicht scheut, damit andere leben können.

In Jesus – so der Hebräerbrief – ist dieser symbolische Akt konkret geworden. Der die Sünden trägt ist kein Ziegenbock, sondern ein Mensch. Und er stirbt nicht anonym in der Wüste, sondern für alle sichtbar am Kreuz. Jesu Liebe zu unserem Leben war grenzenlos: er kannte keine Grenze, an der sie Halt machen sollte, selbst nicht die Grenze des Todes. Während am Kreuz ein Mensch stirbt, beginnt für die Menschheit ein neues Leben. Das zu verstehen, mit dem Verstand nachzudenken, ist wohl kaum möglich.

Wer daran glaubt, wird vielleicht die Befreiung entdecken, die der Apostel beschreibt als „lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade“. Vielleicht haben Sie das schon einmal erlebt, wenn Sie in einer Stadt durch die Tür in eine geöffnete Kirche hineingehen. Plötzlich ist der Lärm verebbt. Die Atmosphäre ändert sich. Die Menschen verhalten sich ruhig und andächtig. Es tut gut, sich einen Augenblick hinzusetzen, um Kraft zu sammeln. Von dieser Erfahrung spricht der Hebräerbrief, dass die Tür offen ist, dass man hineingehen kann. Für den Apostel ist Jesus diese Tür, durch die man hindurch gehen kann, zum Thron der Gnade.

Sie haben das gewiss schon mal erlebt, dass sich durch Menschen Türen zum Leben geöffnet haben. Eine Mutter ist die Tür zum Leben für ihr Kind. Lehrer eröffnen Wissen, helfen, sich in der Gesellschaft zu Recht zu finden. Eine Ärztin kann eine Tür werden, wieder gesund zu werden. Ein Anwalt die Tür zum Recht. Ein Freund die Tür etwas Neues im Leben zu beginnen. Ich stelle mir zum Beispiel folgende Situationen vor: ein Kind möchte sich etwas kaufen, der Vater erlaubt es nicht, das Kind geht zur Oma und bittet diese: Kannst du nicht ein gutes Wort für mich einlegen beim Papa. Da wird die Oma dann zur Tür für das Erhoffte. Oder ein Mitarbeiter in einer Firma braucht eine Gehaltserhöhung. Er sagt zur Sekretärin seines Chefs: Sie haben doch einen guten Draht zu unserem Vorgesetzten. Können Sie mir nicht einen Tipp geben, wann die Situation günstig ist, dass ich mein Anliegen vorbringe. Jesus hat den guten Draht zu Gott, den guten Draht zum gelingenden Leben. Er legt ein gutes Wort für uns ein. Er öffnet die Tür.

Darum kann ich mich von aller Last um mein Seelenheil befreit ganz auf das Diesseits konzentrieren und quasi aus der Zukunft heraus leben. Ohne Furcht, ohne Zwang, ohne Druck. Jesu Tod befreit zum Leben – hier und jetzt! Denn ich darf anders durch das Leben gehen, fröhlicher trotz manchem Leid, mutiger trotz allem Angstmachenden, zuversichtlicher trotz all dem Hoffnungslosen, mitfühlender trotz all der sozialen Kälte. Das wird die Welt nicht verändern. Aber mich und vielleicht diejenigen, denen ich begegne.

Was, so höre ich meine Konfirmanden/innen nachfragen, kann ich für mich heute von der Predigt mitnehmen? Und ich antworte darauf mit dem Hinweis auf Jörg Zink. Er hat diese Bibelstelle eine mir sehr einleuchtende Überschrift gegeben: „Unser Trost, der brüderliche Christus“. Und daran festzuhalten, dazu will der Apostel damals wie heute ermutigen.

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