Unser Leben ist geliehen

Liebe Gemeinde!

Gern hätte ich ihnen eine Predigt über die Osterfreude gehalten. Es wäre doch schön, wenn diese Freude auf den Alltag überginge. „Christ ist erstanden von der Marter alle.“ Und damit soll auch alles Unheil seinen Schrecken verlieren. „Des soll´n“ – und wollen – „wir alle fröhlich sein Christ will unser Trost sein“.

Aber mit diesem Text holt uns der Karfreitag wieder ein. Dieser Ostermontagstext kommt vor wie eine Andacht auf dem Friedhof, welche das Osterereignis nicht trennen kann von der Auferstehung der Verstorbenen, um derentwillen sich Menschen auf den Friedhof begeben. Wer über den Tod eines Menschen nicht hinwegkommt, sollte einfach einmal diesen Text lesen, und zwar das gesamte Kapitel 1. Korinther 15. Paulus verkündigt die Auferstehung der Toten so, dass sie kein unglaubliches Mirakel ist, sondern eine Glaubenswahrheit, aus der Lebenssinn erwächst.

Aber wir sind in der Kirche und nicht auf dem Friedhof. Sollen wir denn heute schon wieder an den Tod denken? Können wir denn nicht einfach so leben, als wäre das Ereignis unseres künftigen Todes ein selbstverständliches aber doch bitte weit entferntes und folglich unwichtiges Ereignis? Der Tod hat seinen gesellschaftlichen Ort in Krankenhäusern, Altenheimen und Bestattungsinstituten, aber gehört er für uns meistens auch in die Gedanken, die das Leben uns zu bedenken gibt?

Natürlich ist die Auferstehung Jesu ein Ereingis. Das Leben siegt durch Gott über den Tod. Der wirkliche Jesus hat gelebt und ist gestorben. In seinem Leben und in seinem Tod liegen die Bedeutung seines Wirkens begründet.

Das ist Jesu Auferstehung. Dieses Ostereignis gibt unserem Leben eine neue Perspektive. Dies beschreibt Paulus im Kapitel über die Auferstehung.

„Das also ist unsere Botschaft: Gott hat Christus vom Tod auferweckt.“ Wir müssten uns denn nun diese Auferstehung genauer vorstellen. Mir steht natürlich jetzt das Bild vor Augen, dass ich im Film „die Passion Christi“ gesehen habe. Er zeigt das innere des Felsengrabes. Ohne das Zutun irgendeines Menschen öffnet sich die Grabkammer indem der große Runde Stein ein wenig zur Seite rollte. Das Sonnenlicht fällt herein. Das nächste Bild zeigt den in Leinen eingewickelten Leichnam. Auf einmal fällt der Stoff in sich zusammen, als hätte sich die Leiche in Luft aufgelöst. Dann sehen wir Christus, wir er in der Grabkammer steht, an den Nägelmalen als Gekreuzigter erkennbar. Er verlässt die Grabkammer. Die Theologen aller Zeiten haben zu Recht gemeint, es gäbe kein Foto von der Auferstehung und auch ein Video sei nicht denkbar. Die Fotomontage des Film ist auch kein solches Video, sie stellt lediglich eine symbolische Aussage bildlich dar. Das heißt aber: Die Auferstehung ist keine Wiederbelebung der Leiche, sondern ein neues Leben nach dem Tod, dem man die Zeichen des Todes selbst noch ansieht. Der Auferstandene ist also der tote Christus. Die Auferstehung ist kein Flash Back, keine Ausblendung des Sterbens, sondern die Erfahrung danach.

Es gibt verschiedene Begriffe für den Tod und verschiedene Begriffe für die Erfahrung danach. Christus ist aus dem Tod auferstanden. An Christus hat sich ein Glaubenssatz bewahrheitet, die Auferstehung von den Toten. Paulus geht es um diese Glaubenserfahrung.

„Wie können dann einige von euch behaupten, dass die Toten nicht auferstehen werden?“ Paulus war vor seiner Berufung zum Apostel ein Gegner der frühen christlichen Kirche. Er sah den Weg der Jünger als einen Sonderweg des Judentums an, dem er nicht folgen konnte und wollte. Als Pharisäer verfolgte er die Anhänger des neuen Weges. Die frühen Christen bekannten: Jesus, der Gekreuzigte lebt und wirkt weiter. Paulus gehörte schon vor seiner Bekehrung zu den Anhängern des Glaubens an die Auferstehung der Toten.

Was diese Auferstehung wirklich bedeutet, konnte keiner sagen, sonst hätte ja einer schon mal zurückgekommen sein müssen. Daher war diese Vorstellung auch unter den frommen Juden umstritten. Doch es geschah folgendes: Ohne das Paulus den verstorbenen Jesus von Nazareth persönlich gekannt hatte, begegnete ihm dieser in einer Vision auf dem Weg nach Damaskus. Jesus fragte ihn: „Was verfolgst du mich?“ Es ist interessant, dass Paulus diese Vision als seine Begegnung mit dem Auferstandenen geschildert und in die Reihe gestellt hat mit den anderen Erscheinungen des Auferstandenen. Paulus hatte selbst persönlich und leibhaftig erfahren, dass Jesus Christus auferstanden ist. Diese Erfahrung entsprach seiner Vorstellung von der geglaubten Auferstehung der Toten gemacht hat. Vorher hatte er geglaubt, die Auferstehung der Toten geschehe erst zum Ende der Zeit und nicht in der Mitte der Zeit. Da Jesus ihm aber so leibhaftig erschien, war ihm klar: Jesus ist nach seinem Tod in der Mitte der Zeit auferstanden. Dass er dadurch nicht nur vom Gegner zum Befürworter Jesu Christi, sondern zum persönlichen Jünger und Apostel wurde, ist ja die Voraussetzung seiner Briefe. Die Auferstehung Jesu ist eine Auferstehung vom Tod, sie ist für ihn eine Lebenserfahrung, die ihn an Jesus glauben lässt und zugleich auch erkennen, dass die Auferstehung der Toten nicht erst am Ende der Zeit geschehen muss.

Daher schreibt er nun: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Und wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann hat weder unsere Verkündigung Sinn noch euer Glaube. Wir wären dann als falsche Zeugen für Gott entlarvt; denn wir hätten gegen die Wahrheit bezeugt, dass er Christus vom Tod auferweckt hat – den er doch gar nicht auferweckt hat, wenn wirklich die Toten nicht auferweckt werden. Wenn die Toten nicht auferweckt werden, so ist auch Christus nicht auferweckt worden.“ Diese Begründung ist wirklich eigenartig. Es ist für uns eigentümlich, dass er nicht von Ostern her die Auferstehung der Toten begründet, sondern umgekehrt, von dem Glauben an die Auferstehung her Ostern verstehen möchte und muss. Das heißt aber zugleich: Das Ereignis, was wir Ostern nennen, ist nicht einmalig. Es ist nur dann wirklich, wenn es sich im dem erneut ereignet, was dann unsere Auferstehung bedeuten könnte. Für mich ist das immer eine große Hilfe gewesen, diese Glaubensvorstellung zu verstehen, mit der ich immer große Schwierigkeiten hatte. Ich persönliche ziehe nämlich nun die Konsequenz, die schon bei Paulus angedeutet ist und sage, was für Jesus gilt, das gilt auch für uns. Gott kann uns, wenn er will so auferstehen lassen. Wir können so wie Jesus an Gottes Tisch eingeladen werden und dort sitzen, wo er auch sitzt. Jesu Platz an der Seite Gottes ist keine Herrschaftsloge, sondern der Platz in der Gegenwart des Allmächtigem, die jedem bereit steht, der in diesem Glauben stirbt, ja sogar jedem und jeder, der oder die von Gott dazu eingeladen ist. Wer der Einladung zum Glauben folgt, sagt auch zur Einladung in Gottes Gegenwart Ja. Ich glaube daran, dass das Ende der Zeit inmitten unserer Lebenszeit zu erfahren sein wird, dies kann vor unserem Tod sein.

So ist es erst folgerichtig, was Paulus schreibt: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist euer ganzer Glaube vergeblich. Eure Schuld ist dann nicht von euch genommen und wer im Vertrauen auf Christus gestorben ist, ist dann verloren.“ Dieser Satz ist der Dreh- und Angelpunkt. Es geht um das ganze Leben, um das Verständnis des ganze Lebens. Es ist sicher noch am leichtesten damit erklärt, was ein paar Verse zuvor gesagt ist: 1.Korinther 13 „Denn unser Erkennen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.Wenn sich die ganze Wahrheit enthüllen wird, ist es mit dem Stückwerk vorbei. … Jetzt sehen wir nur ein unklares Bild wie in einem trüben Spiegel; dann aber schauen wir Gott von Angesicht. Jetzt kennen wir Gott nur unvollkommen; dann aber werden wir Gott völlig kennen, so wie er uns jetzt schon kennt.“

Dass unser Leben modern gesagt immer nur ein Fragment, ein Stückwerk ist, ist uns dann unbewusst, wenn wir uns nur aus der Gegenwart her verstehen. Wenn wir uns aber verdeutlichen, dass wir jederzeit sterben könnten, dann müssten wir eigentlich auch sagen, dass unser Leben stets unverfügbar ist und dadurch absolut gesehen zur Unvollkommenheit verdammt. Es ist dann deutlich, dass unser Leben nicht uns selbst gehört, weil wir uns nicht selbst verdanken. Wir haben uns nicht selbst geboren und haben uns nicht selbst gewollt. Es gibt so viele Erfahrungen des Scheitern, des Vergänglichen und des Zerbrechens, die diese Erfahrung noch untermauern. Besonders, wenn Menschen in eine Krise geraten, müssen sie versuchen, das, einfach gesagt, auf die Reihe zu kriegen, was ihr Leben für sie selbst bedeutet. Der Tod ist immer ein unverfügbares Ende, bricht also unser Leben immer irgendwo ab. Die Vollendung des Lebens, den Sinn im Ganzen können wir dadurch nur außerhalb unser selbst finden. Wer einen Menschen verliert, weiß: Es hätte noch so viel gesagt und getan werden können. Damit ist es auf einmal und für allezeit vorbei. An anderer Stelle sagt Paulus das auf den Tod bezogen ganz klar: „Der Tod ist der Sünde Sold“, ist also die Bezahlung dafür, dass wir Menschen bezogen auf die gesamte Existenz unvollkommen sind und bleiben müssen. Es ist daher richtig, sich die eigene Sterblichkeit ins Bewusstsein zu rufen. Wer dies nicht tut, wovon es heute viele gibt, lebt im falschen Wahn der einer Vollkommenheit und Verfügbarkeit, die das eigene Leben so nicht hergibt. Wer nicht an die Auferstehung glaubt, muss sich dann allerdings mit diesem Umstand abfinden.

Für uns heißt das: selbst die Auferstehung Jesu ist gedacht von diesem Glauben an die Vollendung in der Ewigkeit: „Wenn wir nur für das jetzige Leben auf Christus hoffen, sind wir bedauernswerter als irgend jemand sonst auf der Welt.“ Dieses angebliche Christentum würde unsere Verschuldung nur noch vergrößern. Wir sind, in um es mit der Sprache des Geldes zu sagen, ständig nur dabei für die Zinsen zu arbeiten, und haben noch keinen Pfennig für die Tilgung gezahlt. Die Tilgung unserer Schuld ist in dieser Lebenszeit nicht möglich. Wer von uns könnte mit seiner eigenen Leistung das Geschenk seines Lebens bezahlen? Das geht nicht. Erst dann, wenn wir ganz auf unsere eigene Geltung verzichten und den Sinn dieses geliehenen Lebens Gott überlassen, ist die Tilgung der Schuld denkbar. Dies geschieht durch Auferstehung: Wir gehen dorthin zurück, von wo wir gekommen sind. Oder anders gesagt: Gott, oder diejenige Macht, der wir unser Leben verdanken, nimmt es zu sich zurück. Wir sind dann tatsächlich auch als die, die wir sind, persönlich mit Namen und Geschichte auferstanden. Unser Name ist dann in den Himmel geschrieben.

Der Glaube an Jesus als den Auferstandenen ist die einzige Möglichkeit, von der Schuld unseres Leben Gott gegenüber abzusehen, die seit unserer Geburt besteht. Daher ist auch klar, dass es keine Leistung geben kann, mit der wir Gott gegenüber ins Reine kommen und mit der wir dem gerecht werden, von dem wir unser Leben haben. Unser Leben ist geliehen, und der Preis dafür ist bezahlt. Der Tod lässt uns in die Wirklichkeit des Schöpfers hinübergehen, zu der wir von Anfang an gehören. Jesus ist auferstanden und ist unsere Hoffnung und Freude.

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