Und sie brachten Kinder zu ihnen …

In dieser Form sind uns die Worte aus dem Markusevangelium vertraut, liebe Gemeinde. Sie werden zur Taufe verlesen und wollen deutlich machen, welchen Stellenwert Kinder bei Jesus und seinem Gott haben.

Doch bei mir haben sich dieser Tage beim Lesen der Tageszeitung diese Worte verwandelt, sie haben sich neu formiert und einen anderen Sinn bekommen. Es sind schreckliche Worte, die mir durch den Kopf gegangen sind, denn sie machen deutlich, wie ein nicht geringer Teil der Menschen – und in diesem Fall muss ich sagen: der Deutschen – mit Kindern umgeht.

Und Männer kamen in schicken Limousinen mit deutschen Kennzeichen an die Grenze im Lande Tschechien. Und sie brachten Kinder zu ihnen – 15, zehn und sechs Jahre alt -, dass sie sie anrührten, berührten, streichelten, an sich drückten, schlugen und missbrauchten. Und es war niemand da, der die Täter anfuhr und sie hinderte. Denn sie zahlten mit hartem Euro und Schokolade und brachten Devisen in das arme Land. Und ihre Zahl war groß und wuchs von Tag zu Tag. Als aber andere das Elend sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Lasst die Kinder nicht zu ihnen kommen und wehret ihnen! Denn sie gehen durch die Hölle und erleiden für ihr Leben lang Schaden an ihrer noch jungen Seele. Doch sie waren nur Rufer in einer Wüste aus wirtschaftlichem Kalkül, politischer Gefühlsarmut und gesellschaftlichem Desinteresse und stießen auf taube Ohren, die nicht hören wollten, was sie sagten und nicht glauben wollten, was sie sahen …

Dieser Tage hat UNICEF einen Bericht über die Kinderprostitution an der Tschechischen Grenze veröffentlicht. Auszüge daraus haben in der vergangenen Woche in der NRZ gestanden. Politiker beider Länder spielen das Problem herunter. Die einen, weil sie um einen lukrativen Tourismusmarkt fürchten, die anderen, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass es in ihrem Land so viele Männer gibt, die zu solchen Taten fähig sind.

Dabei wird das Geschäft mit der kindlichen Unschuld offen und für alle sichtbar getätigt. Und das nicht erst seit gestern. Als ich vor sechs Jahren mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen nach Tschechien fuhr, konnte man sie an der Grenze stehen sehen, die Jungs und Mädchen, die darauf warteten, dass ein Freier hielt. Sie waren genauso alt wie diejenigen, die bei uns im Auto saßen. Und als wir Freizeitleiter in Prag abends noch ein Bier trinken gehen wollten, sprach uns auf dem Wenzelsplatz eine Frau an, vielleicht etwas über 40, die uns die Dienste ihrer Tochter anbot. Die stand ein paar Schritte hinter ihr und blickte betreten zum Boden. Ich habe sie auf 13, vielleicht 14 geschätzt. Was mich dabei besonders beschämte war, dass wir auf deutsch angesprochen wurden. Deutsche schienen schon damals die besten Kunden zu sein …

Leider häufen sich in letzter Zeit Berichte, die einem Sorgen um unsere Kinder und Angst vor der Zukunft machen. Da sind die Kindersoldaten im Kongo, in Somalia, in vielen anderen Teilen des afrikanischen Kontinents, die zwar nicht wissen, was ein Gameboy ist, dafür aber umso besser mit der Kalaschnikow umgehen können. Sie töten nicht virtuell, wie die Computer-Kids in unseren Breitengraden. Ihnen wurde beigebracht, lebendige Menschen, oftmals ebenfalls Kinder, umzubringen.

Da sind die Straßenkinder von Sao-Paulo und anderen Städten Südamerikas, die in U-Bahn-Schächten und Abwasserkanälen hausen und täglich in Bandenkriegen um ihr Leben kämpfen müssen.

Da ist der heute 17-jährige schottische Schüler Paul Smith, der im Alter von 15 Jahren von einer Terrorgruppe angeworben wurde und in deren Auftrag Briefe und Päckchen mit giftigen Chemikalien an Politiker verschickte.

Und da ist die Kinderberatungsstelle, die Kindern eine psychologische Betreuung ermöglichte, ohne sie gleich in einem Heim unterbringen zu müssen, die aber jetzt geschlossen wird, da die Kommune kein Geld mehr hat.

Dies alles sind Beispiele, liebe Gemeinde, die ich allein in der vergangenen Woche der Tageszeitung und dem Fernsehen entnommen habe und die mir gerade heute zu denken geben. Wie geht unsere Gesellschaft, wie gehen wir Erwachsene, wie gehen wir als Kirchengemeinde mit unseren Kindern um? Der Predigttext fordert uns heute auf, über diese Frage nachzudenken. Er sucht unser Mitgefühl, verlangt deutliche Worte und ein entschiedenes Engagement. Auch und gerade von uns als bekennende ChristInnen.

Denn schon damals ist Jesus darüber wütend geworden, wie die Erwachsenen mit den Kindern umgingen. Als man sie zu ihm bringen möchte, wollen seine Jünger sie nicht durchlassen. Man kann förmlich hören, was sie sich wohl dabei gedacht haben: Die stören nur! Der Meister ist zu beschäftigt, als dass er sich mit so einem Kleinkram auseinandersetzen kann. Hier geht es schließlich um das Reich Gottes und das ist nach ihrem Verständnis nichts für Kinder, sondern nur etwas für die Erwachsenen!

Jesus ist darüber heftig sauer! Da laufen die Zwölf schon eine ganze Weile mit ihm mit und scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, um was es ihm geht. Deshalb weist er sie zurecht, ja er beschämt sie. Denn er stellt das kindliche Vertrauen ihrem reifen Glauben gegenüber – Naivität contra Vernunft – und er macht deutlich, dass die Kleinen die Nase vorn haben, wenn es um das Reich Gottes geht. "Seid gegenüber Kindern nicht so überheblich, denn sie haben euch etwas voraus!" Gerne werden es seine engsten Freunde nicht gehört haben, denn es brachte ihr Koordinatensystem, in dem nur die Erwachsenen das Sagen haben, heftig durcheinander.

Natürlich werden auch wir nicht einverstanden sein mit dem Verhalten der Jünger. Doch sollten wir uns nicht um einen kritischen Blick auf uns selbst herumdrücken. In der Gemeinde, in der ich als Pfarrer zur Anstellung tätig gewesen bin, hatte ich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einigen Presbytern, die sich darüber wunderten, dass wir zum samstäglichen Krabbelgottesdienst die Kirchenglocken läuteten. Das sei doch kein richtiger Gottesdienst, entgegneten sie mir, die Kleinen wüssten doch gar nicht worum es geht.

Und ich denke an die verständnislosen Blicke von GottesdienstbesucherInnen, wenn in der hinteren Bank lautes Geschrei ertönt und an die Worte meines Vikariatsmentors, der in einer ähnlichen Situation während eines Gottesdienstes einer Mutter nahe legte, die Kirche doch Richtung Gemeindehaus zu verlassen, weil der Nachwuchs unüberhörbar seine Predigt störte.

Sind wir eine Kirche, die Kindern gerecht wird? Lassen wir die Kinder zu uns kommen oder sind wir diejenigen, die ihnen wehren und sie nicht teilhaben lassen am Dienst Gottes für die Menschen?

Wir Erwachsenen, vor allem aber wir ChristInnen, liebe Gemeinde, müssen lernen, Kindern einen anderen Stellenwert in unserem Leben einzuräumen! Das bedeutet nicht, sie zu verhätscheln, ihnen keine Grenzen aufzuzeigen, sie machen zu lassen, was sie wollen. Auch daran können Kinder kaputt gehen. Es bedeutet vielmehr, ihnen mit der gebührenden Aufmerksamkeit und dem entsprechenden Respekt zu begegnen, ihnen Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten und vor allem ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein.

Das heißt aber auch, nicht wegzusehen, wenn es darum geht, sie vor Schaden zu bewahren. Es heißt im Gegenteil genau hinschauen, sich einmischen, protestieren und deutliche Worte finden … auch, wenn es uns selbst in unangenehme Situationen führen kann. Damals in Prag auf dem Wenzelsplatz waren wir Teamer peinlich berührt, haben so getan, als verstünden wir die Frau nicht und sind beschämt einfach weitergegangen. Wir haben reagiert, wie viele reagieren – nämlich gar nicht. Zu oft schweigen wir, zu oft sehen wir über Dinge hinweg, zu oft tun wir so, als sei nichts geschehen.

Nur dürfen wir nicht vergessen, dass diese Kinder mit solchen Lebenserfahrungen unsere Zukunft gestalten. Doch wie sieht die wohl aus, wenn wir schon ihre Gegenwart kaputt machen? Wie sollen zum Beispiel all die sozialen Probleme und gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir im Moment stehen, gelöst werden, wenn wir denjenigen, die damit umzugehen haben, das Gefühl geben, nicht erwünscht zu sein? Dass Deutschland von manchen Instituten als die kinderunfreundlichste Nation angesehen wird, sollte uns zu denken geben. Wir sind es uns selbst schuldig, liebe Gemeinde, etwas daran zu ändern.

Darüber hinaus haben wir als ChristInnen unseren Kindern gegenüber noch eine besondere Verwantwortung: Denn sie sind nach Jesu Worten der Schlüssel zum Reich Gottes! Ihre Vertrauensseligkeit weist uns im Glauben gereiften Erwachsenen den Weg. Theologische Reflexion mag für unsere Kirche gut sein, was das Reich Gottes anbelangt, ist ihr kindliche Spontaneität jedoch weit überlegen! Vernunft mag uns Erwachsenen geläufiger sein, kindliche Naivität schlägt sie jedoch um Längen! Eine 15minütige Predigt mag wichtig sein, doch wenn ein Baby einmal zwei Minuten schreien muss, hat das allemal Vorrang.

Mag es in unserer Gesellschaft auch wenig Platz für Kinder und ihre Bedürfnisse geben, in unseren Kirchen sollten sie die erste Geige spielen! Das Reich Gottes liegt ihnen zu Füßen – und nur mit ihnen haben auch wir Großen Anteil daran.

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