Unbeweisbare Hoffnung

<i>[Joh 20,1-10]</i>

Der Stein ist weggerollt. Der Zugang ist nicht mehr versperrt. Das klaffende Loch, in dem sich alle Träume der Freunde Jesu verflüchtigt hatten, kann die Hoffnung auf einen Neubeginn nicht mehr zurückhalten. Die Geschichte Gottes mit den Menschen war zu Ende. Doch jetzt wird sie unwiderruflich fortgeschrieben.

Die vergangenen Tage waren für die Anhänger Jesu katastrophal gewesen. Der eine hatte seinen Lehrer verleugnet, der andere war sogar zum Verräter geworden. Erst mussten sie Jesus, für den sie alles stehen und liegen gelassen hatten, sterben sehen und dann auch noch in aller Eile begraben. Die einzigen, die ihm bis zuletzt treu geblieben sind, waren die Frauen. Sie hatten ihn bis zum Kreuz begleitet. Und jetzt, nach den Feiertagen des Passahfestes, ist es wieder eine Frau, die sich dem Grab nähert.

Maria Magdalena bemerkt, dass die Grabkammer offen ist. Sie kann noch nicht verstehen, was passiert ist. Sie ist nervös, aufgeregt, wahrscheinlich auch verwirrt. Dieser Moment ist noch nicht der Zeitpunkt, um sich zu freuen. Diese Frau, die Jesus während seiner letzten Jahre begleitet hat, fürchtet, dass der Leichnam weggeschafft wurde. Sie informiert die anderen. Aber auch die Männer nähern sich dem Grab nur mit Vorsicht. Maria Magdalena hatte nicht den Mut aufgebracht, in dieses gähnende dunkle Loch zu treten. Und derjenige, der die Kammer als erstes erreicht, verspürt auch keine Lust einzutreten. Nur Petrus bleibt nicht am Eingang stehen. Man merkt, dass die Freunde Jesu verunsichert sind und nicht so recht wissen, wie sie sich verhalten sollen.

Johannes macht es ganz deutlich: die Auferstehung Jesu ist ein wirklich unvorstellbares, unbegreifliches Geschehen. Wie Matthäus, Markus und Lukas, so wird auch bei Johannes das Phänomen der Auferweckung selbst nicht beschrieben. Sie hat sich ohne einen menschlichen Zeugen ereignet. Das tiefe Geheimnis dieses Vorgangs bleibt bewahrt. Kein Evangelist versucht auch nur im Ansatz, dieses wunderbare Geschehen zu erklären, das unsere Vorstellungskraft weit übersteigt. Man konzentriert sich deshalb auf die zugänglichen Fakten: auf das leere Grab!

Das leere Grab! Viele Menschen glauben nicht an die Auferstehung Jesu, andere haben ihre Zweifel. Sie passt nicht in unser modernes Weltbild. Denn heutzutage muss alles wissenschaftlich bewiesen und erklärbar sein. Darum gibt es auch Professoren, Philosophen, Psychologen, Archäologen und Theologen, die nicht so weise sind wie die Autoren der Evangelien. Sie untersuchen ohne Pause die biblischen Texte, konstruieren großartige Gedankenexperimente, schürfen nicht nur im Sand sondern auch in den seelischen Tiefen der Anhänger Jesu und versuchen so, die Auferstehung zu erklären. Und man kann sich nur wundern, was dabei alles an Theorien herauskommt. Der eine sagt, dass Jesus gar nicht wirklich tot gewesen sei, sondern, nachdem einige seiner Jünger – natürlich ein Geheimbund – ihn gesund gepflegt hatten, nach Kaschmir ausgewandert und dort in hohem Alter und lebenssatt verstorben sei. Und ein anderer behauptet, dass die Freunde Jesu diese unglaubliche Story erfunden hätten, um ihr Ansehen bei ihren Glaubensgenossen zu festigen. Es gibt noch eine Menge anderer Erklärungsversuche, eine abenteuerlicher als die andere. Was man davon nun halten soll, das sollte jeder für sich selbst beurteilen.

Ich meine, der Verstand gehört zwar zum christlichen Glauben dazu. Aber es gibt Fragen, die endgültig einfach nicht zu beantworten sind und man bei dem Versuch, sie zu klären, nicht auf Wahrheit stößt, sondern auf einen Haufen unnützer Dinge.

Diese Erfahrung haben auch schon die Jünger damals machen müssen. Sie gehen in die Kammer, untersuchen das Grab, um eine Erklärung zu suchen, doch was sie finden sind nur ein paar Leinentücher. Und was macht man dann damit? Man geht, ohne schlauer geworden zu sein und mit viel mehr Fragen im Kopf als vorher, wieder nach Hause.

<i>[Joh 20,11-18]</i>

Die Erzählung von der Auferstehung Jesu ist viel zu schade, als dass man sie nach wissenschaftlichen Kriterien untersuchen und durchwühlen sollte. Letztendlich ist sie eine Trostgeschichte, für alle aufgeschrieben, die in ihrem Leben – in welcher Form auch immer – mit dem Tod konfrontiert werden. Und wen betrifft das nicht?

Maria Magdalena bleibt am Grab, sie folgt den anderen nicht. Diese Frau ist keine objektive Wissenschaftlerin. Bei ihr spürt man nichts von Neugier oder Wissensdurst. Sie lässt einfach ihren Gefühlen freien Lauf. Sie weint. Irgendwann findet sie dann doch die Kraft, ihren Blick von diesem dunklen Loch abzuwenden. Sie dreht sich um. Und in diesem Moment sieht sie den Todgeglaubten lebend vor sich …

Ich erkenne in dem Verhalten der Maria und in dem, was sie erlebt und wie sie es erlebt, Erfahrungen wieder, die wir Menschen mit dem Tod und dem Leben machen können. Zunächst sagt sie mir: verleugne deine Angst, deinen Zweifel, deinen Unglauben nicht. Gib ihnen Raum in deinem Leben. Sie sind verständlich, normal, menschlich. Denn es gibt im Leben eines jeden Menschen diese schwarzen Löcher, die all die Hoffnungen, Träume und Wünsche in sich hineinziehen und scheinbar nicht mehr hergeben wollen. Wenn du dann verzweifelt und traurig bist, oder verunsichert und voller Fragen, wehre dich nicht dagegen: du hast ein recht darauf.

Doch, und das ist das zweite, was ich bei Maria Magdalena lerne, bleibe nicht in ihnen stecken! Es muss einen Moment geben, in dem du die Kraft findest, dich von dem, was dir Angst macht, was dich bedrückt, was dich zweifeln lässt, zu befreien. Denn du bist für das Leben geschaffen und nicht für den Tod!

Vielleicht merken wir ja beim Umdrehen dann, dass wir die ganze Zeit über nicht allein waren, sondern dass da jemand hinter uns gestanden und uns den Rücken gestärkt hat. Sie kennen sicher das Gefühl, wenn jemand einen von hinten anschaut. Nach einer gewissen Zeit bemerkt man diesen Blick. Niemand kann erklären, warum, woran das liegt. Es ist eben einfach so. Vielleicht ist es ja diese ungewisse Ahnung, dass uns jemand mit liebenden Augen anblickt, wenn es uns nicht gut geht, und darauf wartet, dass wir uns zu ihm umdrehen.

Wahrscheinlich erkennen wir ihn noch nicht einmal, jedenfalls zuerst nicht. Man spürt nur, da ist jemand für dich da, der lässt dich nicht los und der hat die Kraft, dir Hoffnung für Leben zurückzugeben – auch über den Tod hinaus.

Sucht den Lebenden nicht bei den Toten! Für mich heißt das: nicht an den Kreuzen meines Lebens stehen bleiben und ständig nach einer unmöglichen Antwort zu suchen. Für mich bedeutet es: geh zurück ins Leben, dorthin, wo du hingehörst und Gott dich haben will! Wenn mich einer fragt, wie Jesus auferstanden ist, dann sage ich, ich weiß es nicht. Doch wenn mich einer fragt, ob er auferstanden ist, dann antworte ich: Ja, er ist wahrhaftig auferstanden. Das kann ich dir nicht beweisen, ich kann es dir auch wissenschaftlich nicht erklären. Alles, was dafür spricht ist lediglich eine einfache verzweifelte junge Frau, die Jesus besser gekannt hat als ich. Ich glaube ihr, dass das Grab tatsächlich leer war, dass die Jünger den Leichnam nicht fanden und dass da lediglich ein paar Leinentücher lagen.

Sollen die anderen weiter ihren wissenschaftlichen Beweis suchen, ich behalte dafür lieber meine unbeweisbare Hoffnung.

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