Umschwung

Die meisten Menschen sind froh, wenn ihr Leben relativ gleichförmig läuft, möglichst immer ein wenig bergauf. Auf keinen Fall schlechter. Damit kommen wir ganz schwer zurecht – und gerade heute in Zeiten der sozialen Einschnitte ahnen wir, wie das ist, plötzlich auf alles verzichten zu müssen, was einem so wertvoll ist. Manche Langzeitarbeitslosen und manche Alleinerziehende haben das schon bitter erfahren müssen. Aber die meisten finden es doch ganz normal, dass es bei ihnen immer besser wird mit dem Besitz; mit der Gesundheit, mit dem Wohlbefinden körperlich und seelisch. Um so härter, wenn wir dann die Erfahrung machen müssen. Normal ist das nicht. Wo es bergauf geht, kann es auch bergab gehen. Und das erfahren wir dann bedrohlich, wenn das plötzlich geht, ganz schnell.

Wer selbstkritisch mit sich umgeht, stellt fest: Immer wieder gab es Punkte in meinem Leben, wo sich etwas gewandelt hat, manchmal abrupt, manchmal schleichend, manchmal durch den Kräfteverfall einer geliebten Person, manchmal durch Tod. Von einem Umschwung der ganz speziellen Art erzählt Paulus:[TEXT]

Ich gebe zu ein verworrener Gedankengang. Man muss ihn entwirren, dann hören wir: Paulus betrachtet sein bisheriges Leben. Dreh- und Angelpunkt war in Damaskus. Er war schon vorher ein frommer Mensch gewesen, aber ihm fehlte der richtige Durchblick. So ein bisschen verhielt er sich wie ein fanatischer Nichtraucher oder ein eingefleischter Junggeselle. Er nahm sich und sein Leben ernst, todernst, sein Stil war der einzig richtige und nur wer lebte, wie er lebte, lebte richtig. So ernst nahm er sich selber, dass es todbringend für manche derer war, die in seinen Augen von dem richtigen Weg abwichen. Und dann erschien ihm Jesus Christus und machte ihm deutlich, dass er es war, der auf dem falschen Wege war. Und er lernte die Größe Gottes kennen, der ihn nicht verwirft, sondern ihm hilft, den richtigen Weg zu finden. Er lernte Gott kenne, und das schafft ihm nicht die reine Freude.

Jetzt hat er Gegner an allen Ecken – und diesen Gegnern versucht er zu begegnen – in neuer Weise: Er erzählt ihnen von der Liebe und Gnade dieses Gottes. Er erzählt ihnen, was Menschen füreinander sein können, die die Botschaft hören und leben: ‘Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat.’ Auf die neuen Feindschaften reagiert er zwar mit der gleichen Leidenschaft wie früher, aber nicht mehr mit der gleichen Wut. Er ist nicht mehr der wutschnaubende Verfolger, sondern der betende Missionar. Sein Bewusstsein hat sich verändert. Da hat sich etwas verändert: Er weiß, dass er nicht allein ist. Ihm ist Christus erschienen und hat ihn in die Welt gesandt.

Es ist – denke ich – bei einer guten Ehe ja auch so. Aus der Liebe und der Gemeinschaft heraus, kann ich vieles ertragen, auch Nackenschläge, auch Beleidigungen, auch Niederlagen. Ich weiß, da ist jemand an meiner Seite, der zu mir hält. Darum werde ich das nicht aufs Spiel setzen, sondern alles, was an mir liegt tun, dieses Miteinander zu erhalten. Genauso kann ich als Christenmensch Vergebung empfangen und aus Dankbarkeit Vergebung gewähren.
Unsere Epistel und das vorhin gehörte Evangelium gehören zusammen: Beide erzählen davon, dass Gott den Menschen einiges anvertraut, einiges zutraut und fragen: Wie gehst du damit um? Siehst Du das, was Gott dir immer wieder schenkt, an Möglichkeiten, an Gaben, an Vergebung. Bewegt das dich, diese Gaben aktiv anzunehmen, oder vergräbst du sie schnell und leise? Merkt dir jemand an, dass du geliebt wirst?

Paulus wusste genau: Ich bin auf einem Weg: ‘Ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen,’ Er kannte seine Mängel, seine Versagen, seine Schwächen. Aber er wusste Jesus ist zu ihm gekommen, um ihm die zu vergeben, um ihn anzunehmen so wie er ist und so neues Leben zu schenken.
Es geht ihm wie einem Radler am Berg der ersten Kategorie. Immer wieder muss er sich selber anfeuern, immer wieder neu den inneren Schweinehund überwinden, sich quälen, um nicht zu resignieren. Wer schon einmal eine Passhöhe auf dem Fahrrad (oder zu Fuß) erklommen hat, kennt dann auch das schöne Gefühl, am Ziel zu sein, angekommen zu sein. Paulus weiß, er ist noch lange nicht da, aber er weiß sich nicht allein, angefeuert von den Brüdern und Schwestern, und begleitet von der Liebe Gottes, die größer ist als alle Vernunft …

drucken