Über Sackgassen und Gott

<i>[nach HW Wolf, stark überarbeitet und gekürzt]</i>

Um Naaman geht es, das atl. Gegenstück zum Evangelium zum Hauptmann der römischen Besatzungstruppen, dessen Knecht die Hilfe Jesu erfährt. Ich lese im 2. Königsbuch, Kap 5, Vers 1 bis 19:

1 Naaman, der Heerführer des Königs von Syrien, war an Aussatz erkrankt. Er war ein tapferer Soldat, und der König hielt große Stücke auf ihn, weil der HERR durch ihn den Syrern zum Sieg verholfen hatte.

Herr, unser Gott: Lass uns in dieser Geschichte uns wiederfinden: Unser Geheiltes mit Dank. Unser Ungeheiltes mit Sehnen nach Dir und Menschen in Deiner Vollmacht. Lass uns erkennen, was Du an Naaman tust und was wir brauchen. Amen.

Liebe Geschwister! Feldherr ist er, der Naaman, hochdekorierter General, verkehrt in höchsten Kreisen Syriens – kompetent und angesehen auch von seinem Feldzug gegen Israel. Aber jetzt hat sich sein Leben völlig verändert: Zuerst ein Ausschlag, ein heller Fleck auf der Haut, Angst, dann das blanke Grauen: Lepra. Er ist todkrank. Und seine Karriere? Aus. Sackgasse. Naaman – da kommst Du nicht mehr raus. Und die Fragen, wo Du Dir das eingefangen hast, ändern auch nichts. Eben: Sackgasse. Hier geht’s nicht weiter.

2 In seinem Haus befand sich ein junges Mädchen, das von syrischen Kriegsleuten bei einem Streifzug aus Israel geraubt worden war. Sie war Dienerin bei seiner Frau geworden. 3 Einmal sagte sie zu ihrer Herrin: "Wenn mein Herr doch zu dem Propheten gehen könnte, der in Samaria lebt! Der würde ihn von seiner Krankheit heilen." Ausgerechnet – ausgerechnet die Kleine, selbst Opfer der militärischen Strategie, Opfer eines räuberischen Überfalls, die in der Küche Naamans arbeitet, gibt der Generalsfrau den entscheidenden Wink. Obwohl sie ja allen Grund hätte, Naaman die Pest an den Hals zu wünschen. Schließlich verdankt sie ihm, dass sie hier die niedrigsten Arbeiten verrichten muss: Sklavin – das hat sie sich nicht ausgesucht. Das hat sie Naaman zu verdanken. Aber das Mitgefühl mit dem zerstörten Mann überwiegt alles andere, das vielleicht auch noch da ist. Daran sollten auch wir denken, wenn wir an der Überlegenheit anderer leiden: Wer weiß, für welche überlebensnotwendigen Hinweise von Gott an andere Menschen in sehr unerfreuliche Situationen gebracht werden?

4 Naaman ging zum König und berichtete ihm, was das Mädchen gesagt hatte. 5 "Geh doch hin", antwortete der König, "ich werde dir einen Brief an den König von Israel mitgeben." Naaman machte sich auf den Weg. Er nahm 7 Zentner Silber, eineinhalb Zentner Gold und zehn Festgewänder mit. Da hat die Sklavin ja etwas in Gang gesetzt. Naaman, in soldatischer Tradition, hält sich an den Dienstweg. Einfach abreisen und mal sehen, was sich in Israel tut? Nein. Vielmehr beim König Urlaub, Reiseziel, Zweck der Reise, usw. einreichen. Muss alles seine Ordnung haben. Der König ist erfreut, setzt die königliche Diplomatie in Bewegung. Die Schatzkammer wird geöffnet, ein Bittbrief an seinen unterlegenen Gegner geschrieben. Der große König von Syrien macht sich um Naamans willen ganz klein – so, wie der andere König, Schöpfer des Himmels und der Erde, allen Lebens, sich um unsretwillen ganz klein macht, ruft "Laßt Euch versöhnen mit Gott …" – aber das ist eine ander Geschichte: unsere …

6 Er [Naaman] überreichte dem König von Israel den Brief, in dem es hieß: "Ich bitte dich, meinen Diener Naaman freundlich aufzunehmen und von seinem Aussatz zu heilen." 7 Als der König den Brief gelesen hatte, zerriss er sein Gewand und rief: "Ich bin doch nicht Gott! Er allein hat Macht über Tod und Leben! Der König von Syrien verlangt von mir, dass ich einen Menschen von seinem Aussatz heile. Da sieht doch jeder: Er sucht nur einen Vorwand, um Krieg anzufangen!" Kaum ist die Angelegenheit in diplomatischen Kanälen, gibt es auch diplomatische Verwicklungen. "Der König von Syrien sucht nur nach einem Grund, wieder Krieg vom Zaun zu brechen." In Trauer über die absehbare Niederlage zerreißt der König seine Kleider. Hat er nie etwas von Gott und seinen Leuten gehört? Oder ist Gott für ihn zu lebloser Religion geworden wie bei vielen heute? Wieder eine Sackgasse. Naaman trifft auf einen hilflosen Helfer. Und nun?

8 Als Elischa, der Mann Gottes, davon hörte, ließ er dem König sagen: "Warum hast du dein Gewand zerrissen? Schick den Mann zu mir! Dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten gibt!" Ein Mann Gottes – Elisa. Jetzt endlich scheint die ganze Geschichte mit Naamans Aussatz wieder in Bewegung zu kommen. Und wieder wird Naaman aus einer Sackgasse herausgeholt. Und was macht er?

9 Naaman fuhr mit all seinen pferdebespannten Wagen hin und hielt vor Elischas Haus. Mit Roß und Reiter und Wagen macht sich Naaman auf den Weg. Was für ein Anblick, als die ganze Kolonne da vorfährt. Was wird Elisa jetzt tun? Wo ist er überhaupt? Und wo der rote Teppich und das Fernsehen? 10 Der Prophet schickte einen Boten hinaus und ließ ihm sagen: "Fahre an den Jordan und tauche sie-benmal darin unter! Dann bist du von deinem Aussatz geheilt." Da steht sie nun, die prächtige Kolonne – und was ist? Nichts ist. Ein Knecht. Der Herr lässt sich nicht sehen. Und eine Anweisung ohne körperliche Untersuchung. Da soll man sich ernst genommen vorkommen? Vom "wichtig genommen" ganz zu schweigen. – Und dann noch das: Siebenmal im Jordan baden? Mensch – ich habe Aussatz. Wieder eine Sackgasse in Sicht? Angst, Krankheit und verletzter Stolz werden zum Zorn. Naamans Schläfenadern schwellen an:

11 Naaman war empört und sagte: "Ich hatte gedacht, er würde zu mir herauskommen und sich vor mich hinstellen, und dann würde er den HERRN, seinen Gott, beim Namen rufen und dabei seine Hand über der kranken Stelle hin- und herbewegen und mich so von meinem Aussatz heilen. 12 Ist das Wasser des Abana und des Parpar, der Flüsse von Damaskus, nicht besser als alle Gewässer Israels? Dann hätte ich ja auch in ihnen baden können, um geheilt zu werden!" Voll Zorn wollte er nach Hause zurückfahren. Naaman ist sauer. Zurückgesetzt kommt er sich vor, nicht ernst genommen, verletzt. Seine Erwartungen, was ihm geschehen sollte, die erfüllen sich in keinster Weise – eine Badekur? "Was bildet der sich eigentlich ein? Das könnte ich in Syrien auch haben – und besser dazu. Mensch, ich habe Aussatz!!!" Naaman möchte religiös behandelt werden – Hände auflegen, gemurmelte Gebete, geheimnisvolle Zeichen, magisch – und zwar anders, als man’s in Damaskus kennt. Und nun schmutzige Jordanwasser – als wenn’s in Syrien nicht herrlichere Flüsse gäbe! Eine Zumutung. Allein: Obskure sakral-therapeutische Behandlungen sollte man beim Gott Israels nicht erwarten. Bei uns ebenso wenig. "Ich meinte, er würde …" – vorgefasste Meinungen versperren der Gnade Gottes den Weg. Als ob sich Gottes Plan an unseren Plänen ausrichten müsste, sein Weg an unseren Wegen. Wir hätten es gerne – aber was kommt dabei heraus? Was kann dabei schon herauskommen? Jedenfalls das: Aus dem souveränen Gott würde unser Götze und beide nähmen Schaden: Gott und wir. Wir und Gott.

13 Aber seine Diener redeten ihm zu und sagten: "Herr, denk doch: Wenn der Prophet etwas Schwieriges von dir verlangt hätte, dann hättest du es bestimmt getan. Aber nun hat er nur gesagt: ‚Bade dich, und du wirst gesund!‘ Solltest du es da nicht erst recht tun?"

14 Naaman ließ sich umstimmen, fuhr zum Jordan hinab und tauchte siebenmal in seinem Wasser unter, wie der Mann Gottes es befoh-len hatte. Da wurde er völlig gesund, und seine Haut wurde wieder so rein wie die eines Kindes. Naaman hätte das ja von Anfang an erkennen und lernen können, dass er sich auf diesem Weg, beim Gott Israels Genesung zu suchen, auf ganz anderes Handeln als bei sich zu Hause einlassen muss – aber er ist eben Gefangener seiner Herkunft, Gefangener seines bisherigen Lebens, seiner Erwartungen. Die mit der geringsten Macht – Elisa hier – geben den wichtigen Anstoß. Und die Grossen, Naaman, der König Samarias zuvor, stehen dem Heil und sich selbst im Weg. Eine jüdische Anekdote: Ein Schüler kommt zu einem Rabbiner und fragt: "Früher gab es Menschen, die haben Gott von Angesicht gesehen – warum ist das heute nicht mehr so?" Der Rabbi: "Weil sich keiner mehr so tief bücken will." In den Wochen nach Weihnachten müsste das uns bewusst sein: Dass Gott mitten im Elend der Welt ganz klein in einer Höhle zur Welt gekommen ist, dass er sich auf dem Weg ganz unten durch und bei den Menschen durch das Kreuz hat erhöhen lassen. Wissen wir’s? Haben wir’s so verinnerlicht, dass wir damit rechnen? Naamans Knechte haben eine Ahnung davon. "Einer diffizilen Therapie hättest Du Dich unterzogen – und auf ein klares Wort willst Du Dich nicht einlassen?" Es geht um den Gehorsam gegen das Wort des Gottesmannes und dahinter, viel wesentlicher, um den Gehorsam gegen Gott. – Probiers doch einfach. Probiers doch einfach. Glaube ist nicht zuerst theoretisches Konstrukt, vielmehr: Ich lasse mich auf Gottes Wort ein und schau, was dabei herauskommt. Naaman tut’s und kommt aus der Sackgasse seines Lebens – und wir? Wie viele von uns haben diese Erfahrung gemacht. Und wie vielen würden wir im Glauben helfen, wenn wir unsere Erfahrung ebenso zurückhaltend wie deutlich aussprächen?

15 Mit seinem ganzen Gefolge kehrte er zu Elischa zurück, trat vor ihn und sagte: "Jetzt weiß ich, dass der Gott Israels der einzige Gott ist auf der ganzen Erde. Nimm darum von mir ein kleines Dankgeschenk an!" Sein großes "Aha-Erlebnis hat Naaman nun hinter sich. Der besiegte Gott des besiegten Israel aus der Zeit seiner Feldzüge ist viel mehr, als er sich zuvor träumen ließ. Und nun will er danken. Eine "Segensgabe" will er Elisa lassen als Anerkennung für die Macht und die Hilfe, die er durch Elisa bei Gott erfahren hat.Eine kleine Gabe: Ein Wagen voll Silber, Prachtgewänder, an denen sich eine Heerschar syrischer Näherinnen wochenlang die Finger blutig gestickt haben. Jetzt sollen sie Gegenleistung für Gottes, für Elisas Leistung sein.

16 Aber Elischa erwiderte: "So gewiss der HERR lebt, dem ich diene: Ich nehme nichts an." So sehr Naa-man ihm auch zuredete, Elischa blieb bei seiner Ablehnung. "Umsonst? Alles umsonst?" – ganz gut, dass Elisa das Geld nicht nimmt. Für sich. Oder zur Einzahlung auf ein "Treuhand-Ander-Konto" Gottes. Das machen andere. Bei Gott: "Umsonst habt ihrs empfangen und umsonst sollt ihrs weitergeben." Gottes Dienst ist umsonst. Wie sollten wir auch je bezahlen, was er an uns getan hat. Und wenn schon, dann wie im Römerbrief "Gebt Euch selbst Gott hin als ein Opfer, dass Gott gefällt."

17 Schließlich sagte Naaman: "Wenn du schon mein Geschenk nicht annimmst, dann lass mich wenigstens so viel Erde von hier mitnehmen, wie zwei Maultiere tragen können. Denn ich will in Zukunft keinem anderen Gott mehr Brand- oder Mahlopfer darbringen, nur noch dem HERRN. Mir scheint es, als würde Naaman nach der Heilung vom Aussatz nun noch ein zweites Mal geheilt. Nun nicht von einer Krankheit des Körpers, sondern von der falschen Vorstellung, Gott wäre einer, mit dem man Handelsgeschäfte betreiben könnte: "Gib Du mir das – und ich geb Dir das." Gott ist kein Bakschisch – Gott. Unser Gott ist anbetungswürdig. Dem Naaman ist das ganz dramatisch bewusst. Und so ernst, dass er zwei Ladungen der Erez Israel, der Heiligen Erde des Gotteslandes erbittet, weil er auch daheim Gott auf heiligen Boden anbeten und ihm opfern will.

18 In einem Punkt jedoch möge der HERR Nachsicht mit mir haben: Wenn mein König zum Tempel seines Gottes Rimmon geht, um zu beten, muss ich ihn mit dem Arm stützen und mich zugleich mit ihm niederwerfen – der HERR möge es mir verzeihen!" 19a Elischa sagte: "Kehre heim in Frieden!" Ebenso augenzwinkernd wie atemberaubend liebe-voll-majestätisch dieser Nachsatz zur Naamange-schichte: Naaman bittet um den Dispens Elisas, wenn er – wieder in Damaskus und wieder im Dienst – mit seinem König zum Opferdienst bei Rimmon fremdgeht. Stirnrunzeln? "Mann – das kannst Du doch jetzt nicht mehr bringen" – ? Nein. "Zieh hin im Frieden" sagt Elisa, der genau hört, dass in der Bitte um den Kompromiss eines steckt: Tiefes Anerkennen der Autorität Jahwes über Rimmon und jeden anderen Gott. Und das wissen, dass Israel einen grossen Gott hat, einen, der die Konkurrenz der Götter nicht kleinkariert scheuen braucht.

"Zieh hin im Frieden" Auch wir: Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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