Über den Tellerrand des Leides

Wenn wir an Trübsal, an Leiden denken, hat wohl jeder und jede seine eigenen Bilder im Kopf. Wir denken an die Opfer der Bombenattentate in Madrid, an die Angst, die durch die westliche Welt geht, an die Trauer der Angehörigen. Wir erinnern uns an unseren Lebensschmerz – das ist das Paket, was jeder zu tragen, die Last, die uns niemand nehmen kann. Wir denken an die kranke Nachbarin, an ihren Kampf, ihre Mühsal, ihre Angst. In der Kirche, in den Gottesdiensten gedenken wir des Leidens Jesu Christi – wer´s mag, geht sogar ins Kino, um sich dieses Leiden besser vorstellen zu können …

Leiden und Trübsal – jeder von uns hat seine eigene Geschichte mit dem Leiden. Es ist nicht immer das, was jeder sieht, woran wir leiden, manches Schwere tragen wir ganz alleine, jeder und jede für sich, manchmal weiß kaum der Ehepartner darüber Bescheid.

Die Leidensgeschichte des Apostels Paulus finden wir in der Bibel. Er war krank, wir wissen nicht genau, was es war. Es kann ein angeborenes Leiden gewesen sein, es können aber sogenannte Stigmata gewesen sein, das sind Wunden an Händen und Füßen, die den Wundmalen Jesu entsprechen, die ständig eitern, bluten und schmerzen. Er wurde verfolgt: Immer wieder steckte man ihn und seine Freunde ins Gefängnis – und das war damals nicht wie heute eine Nacht im Warmen, da wurde gefoltert, geschlagen, misshandelt und geraubt. Paulus lebt ganz für seine Aufgabe: Den Menschen von Tod und Auferstehung Jesu Christi zu erzählen, Gemeinden zu gründen, die Kirche Jesu Christi auf den Weg zu bringen – immer wieder fallen seine Gemeinden ihm in den Rücken, sie bringen ihn in Misskredit, sie deuten die Lehre um, sie streiten untereinander, sie gehen in die Irre, so dass er manchmal an seiner Mission zweifelt.

Besonders die Korinther machen ihm immer wieder Kummer. An ihnen hängt der Apostel in besonderer Weise. An sie schreibt er in unserem Predigttext:

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Ein ungewöhnlicher Umgang mit Leid, nicht wahr? Paulus dankt Gott für den Trost im Leid. Trauer, Schmerz und Verzweiflung sind das eine – der Trost, der sie erfüllt, hat aber ein ganz eigenes, großes Gewicht. Die Trübsal bleibt nicht bei sich selbst, sondern sie geschieht in der Nachfolge Christi – es tröstet Paulus, dass Jesus auch gelitten hat. Das besondere an Paulus ist, dass er über sein eigenes Leiden konsequent hinausdenkt, für andere denkt, für andere sorgt – so wie Jesus es auch getan hat.

Paulus hofft, dass sein Leiden der Gemeinde Kraft zum Durchhalten gibt, wenn es hart kommt. Er hofft, dass etwas von seiner Kraft auf die Gemeinde übergeht. Er möchte den Trost, den er im Glauben findet an die weitergeben, die er liebt.

Wenn wir leiden, dann fallen wir meist auf uns selbst zurück. Wir merken das schon an Kleinigkeiten: Wenn ich mich in den Finger geschnitten habe – so richtig, meine ich, so, dass es weh tut und blutet, dann bin ich bald mit den Gedanken ganz bei diesem blöden Finger, den ich sonst den ganzen Tag nicht brauche. Zahnschmerzen z. B. können einem das Leben zur Hölle machen. Man kann bald keinen klaren Gedanken mehr fassen, man leidet, man ist nicht mehr richtig leistungsfähig – wegen eines blöden Zahnes, den man nun wirklich für nichts braucht, wenn man nicht gerade etwas essen möchte.

Um wie viel mehr merken das Menschen, die richtig krank sind. Die wissen, was Leiden ist, wie es einen erschöpft, wie müde man ist und wie konzentriert auf das, was da in einem krankt. Krankheit ist hochgradig anstrengend, sie erfasst den ganzen Menschen, sie isoliert ihn auch von der leichtlebenden, lachenden Welt – Leiden lässt sich nicht beschränken auf einen Punkt im Körper, das Leiden nimmt uns gefangen und macht uns zu Sklaven seiner Macht.

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“ – wie schwer ist es, im Leiden das Gotteslob zu singen! Paulus konnte es, und er konnte es überzeugend tun. Ich habe viele tolle Menschen kennen gelernt, die es auch konnten. Eine alte Dame war ins Krankenhaus gekommen. Sie konnte nicht einmal mehr alleine essen und wahrscheinlich würde es auch nicht besser werden. Sie sagte zu mir: „Wissen Sie, Frau Pastor, ich bin eigentlich ganz zufrieden. Ich hab ja keine Schmerzen. Wenn ich mich hier so umgucke, sehe ich andere, denen geht es noch viel schlechter und die sind noch viel jünger als ich.“ Können Sie sich vorstellen, dass ich bald gleichzeitig lachen und weinen musste? Ich war so traurig über ihr Schicksal, sie war völlig klar im Kopf und wenn sie Pech hätte, würde sie noch 1-2 Jahre so vor sich hinsterben müssen, bis ein gnädiger Tod diese ehemals stolze Frau endlich erlösen würde. Lachen musste ich, weil das für mich dahingesagt klang: Es gab auf der ganzen Station niemandem, dem es schlechter ging, es konnte einem Menschen nicht elender werden. Es wäre ein bitteres und böses Lachen gewesen, weil ich ihr nicht glauben wollte, dass sie in der Fürsorge für andere wirklich ihre Hoffnung fand.

Was nur kann uns aus uns selber führen, wenn das Leid uns gefangen nimmt? Ich habe keine Rezepte, liebe Gemeinde. Manchmal bedarf es nur eines guten Zahnarztes, ein andermal kann kein Arzt der Welt mehr etwas tun. Manchmal ist es ein lieber Mensch, ein herzlicher Besuch, ein gutes Wort, eine Sendung im Fernsehen – ein andermal geht nichts, aber auch gar nichts in den Leidenden hinein, niemand kann ihn in seinem Schmerz erreichen. Manchmal braucht man andere Leidende, die Solidarität der Kranken oder Verzweifelten, dann wird’s für einen Augenblick leichter – ein andermal deprimieren die anderen mehr als man es ertragen kann. Es kann eine Predigt, ein Gebet, ein Bibelvers oder einfach nur die Begegnung mit einem Geistlichen sein, genauso kann Religion aber auch vertröstend und unsensibel daherkommen.

Was nur kann uns aus uns selber führen, wenn das Leid, die Trübsal uns gefangen nimmt? Ich will mit Paulus sprechen: Es ist der Gott allen Trostes, der uns trösten will auf jede uns nötige Weise. Gott ist unser Arzt – wer sagt denn, das Gott nicht heilen kann? Er ist der, der uns besuchen kommt, ist Bindeglied zu den Gesunden und Fröhlichen. Er ist das Wort, das mich selbst im tiefsten Tal erreicht, er ist die Solidarität der Leidenden – denn dafür ist Christus gestorben – er ist die Hoffnung, die über Zeit und Welt hinausgeht – er ist der Gott allen Trostes, das hat Paulus erfahren, das will er weitersagen. Und man spürt im 2. Korintherbrief in jeder Zeile, wie sehr er um diesen Trost ringt, wie sehr er ihn erbetet, wie sehr er ihn glaubt – gerade dann, wenn er ihn nicht spürt, wenn er keinen Zugang dazu hat. Und es ist bei Paulus ganz besonders der Blick über sein eigenes Leiden hinaus, das ihm Trost und Kraft und Mut gibt.

Hören Sie doch noch einmal auf den Predigttext: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Seine besondere Stärke liegt in seinem Blick über den Tellerrand seines eigenen Leides! Die alte Dame im Krankenhaus war auf dem richtigen Weg. Der Weg geht vom Selbstmitleid weiter in herzliches Mitgefühl mit anderen Leidenden, in tröstende Fürsorge, in eine Erweiterung des eigenen Horizontes: Ah, so ist das, wenn Menschen leiden. Dann fühlen sie sich so wie ich jetzt. Dann kann man auch wieder sehen, was das eigene Leid mit den Menschen macht, die uns nahe stehen – denn auch die leiden mit und sind oftmals genauso isoliert und verzweifelt wie der Kranke selbst.

Über den Tellerrand des Leidens gucken. Jesus hat es uns vorgemacht. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Seine weinende Mutter verweist er an den Jünger Johannes: Frau, das ist dein Sohn. Johannes, das ist deine Mutter. Jesus geht uns voran, Vorbild ist er, sagt Paulus. Der kennt das Leiden. Unser Gott, der ist sich nicht zu schade gewesen, es selbst auf sich zu nehmen, der versteht, worum es geht.

Über den Tellerrand des Leidens gucken – nicht damit andere weniger genervt sind und besser damit umkönnen, sondern damit wir befreit werden aus der Gefangenschaft der Trübsal.

Es ist ein langer Weg. Ich weiß, dass es ein gangbarer Weg für viele war, die mir vorangegangen sind. Ich hoffe, dass es ein gangbarer Weg für mich sein wird, wenn meine Zeit kommt. Vielleicht ist es auch für den einen oder die andere von Ihnen der Weg, der durch Leiden und Trübsal hindurch trägt.

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